Auf dieser Seite möchte ich die Grundgedanken meiner einstmals geplanten Dissertation darstellen - leider konnte ich sie - obwohl sie fast fertig gewesen wäre - nicht einreichen, weil mein damaliger Arbeitgeber mich für die angestrebte Promotion nicht freistellen wollte. Ich mache diese Arbeit hiermit der Öffentlichkeit zugänglich. Im folgenden können Sie den Text meiner Dissertation, wie er Ende 1997 vor mir lag einsehen - die Fussnoten und den wissenschaftlichen Apparat erspare ich Ihnen *grins*

 

Grundzüge der Katholischen Soziallehre, wie sie im wiedervereinigten Deutschland und im kommenden geeinten Europa eingefordert werden müssen - Untersuchungen zur bleibenden Aktualität und zur unverzichtbaren Rolle der katholischen Soziallehre in der modernen Gesellschaft von Joseph Anton Gehr

 

Soziale Mängel und soziale Ungerechtigkeiten im Kontext der katholischen Soziallehre

 

1.  Störungen des inneren und äußeren Gleichgewichts

Papst Johannes Paul II. schrieb am 4.3.1979 in seiner Enzyklika Redemptor hominis: „Unser Jahrhundert ist bisher ein Jahrhundert der großen Unglücke für den Menschen, der großen Verwüstungen, nicht nur der materiellen, sondern auch und vielleicht sogar vor allem der moralischen, gewesen" (RH 17). Und diese  „Verwüstungen" und Störungen, „die eine grundlegende Antwort erfordern, die der Mensch ... geben muss" (DM 10), sind bereits vom Zweiten Vatikanischen Konzil angemahnt und auf Defizite im religiösen Leben des modernen Menschen zurückgeführt worden, denn, so sagten die Konzilsväter: „In Wahrheit sind die Störungen des Gleichgewichts, an denen die moderne Welt leidet, mit jenen tiefen Störungen des Gleichgewichts verbunden, das im Herzen des Menschen liegt. ... Während er sich allmählich als Geschöpf vielfach begrenzt erfährt, fühlt er andererseits ..., dass er zu einem grenzenlosen und höheren Leben berufen ist" (GS 10).  Und gerade mit dieser Zusammenschau und dieser Erkenntnis von einem unlösbaren Zusammengehören von Störungen im äußeren Gleichgewicht und Störungen im Inneren, d.h. im Glaubensleben des Menschen erfasst das Zweite Vatikanische Konzil das Wesentliche dieser „Verwüstungen" und Störungen ganz klar: Der Dualismus zwischen „Äußerem" und „Inneren", die Aufspaltung des menschlichen Lebens in zwei voneinander getrennte Sphären, nämlich das „öffentliche" Leben und die Privatsphäre ist der Hauptgrund für die Orientierungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit, die so genannte „No-future"-Apathie besonders der jungen Menschen heute. Und eigentlich ist es ja auch einsichtig und leicht verständlich: Der Mensch, der - weil das äußere Gleichgewicht gestört ist - sein inneres Gleichgewicht verloren hat, kann auch das äußere Gleichgewicht nicht mehr herstellen oder bewahren, weil er das Gespür für das rechte Handeln verloren hat, weil ihm der Sinn für dieses Gleichgewicht abhanden gekommen ist. Und dieses Karussell dreht sich munter weiter: Störungen des äußeren Gleichgewichts bewirken Störungen des inneren Gleichgewichts und diese haben wiederum größere Störungen des äußeren Gleichgewichts zur Folge. Bildlich dargestellt sähe dieser verderbliche Kreislauf etwa so aus:

 

  Störungen des            ---------------------------------à                 Störungen des

  äußeren Gleich-                                                                            inneren Gleich-

     gewichts                 ß------------------------------                           gewichts

                                  

Es stellen sich uns also, da ja das Bild der heutigen Welt noch immer „auch Schatten und nicht immer nur oberflächliche Störungen des Gleichgewichts" (DM 10) zeigt, demzufolge drei Fragen, nämlich:

1.         Hat sich in der Zeit seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil noch nichts an dieser Situation geändert?

2.         Muss man auch heute noch mit Johannes Paul II. konstatieren, dass sich immer noch alles in den alten, eingefahrenen Gleisen bewegt?

3.         Kann man ihm wirklich vorwerfen, alles zu schwarz zu sehen?

Man wird Johannes Paul II. bei seiner pessimistischen Einschätzung zumindest teilweise zustimmen müssen, besonders auch, wenn man die Entwicklung der letzten Jahrzehnte unvoreingenommen betrachtet. Es muss heute - leider! - konstatiert werden, dass der Mensch den Sinn seiner Existenz nicht mehr kennt, dass der Mensch nicht mehr weiß, wozu er geschaffen wurde und weshalb er auf der Welt ist. Der Mensch, welcher innerhalb dreier wesentlicher Dimensionen, nämlich

1.         Individualität und Freiheit,

2.         Bezogensein auf den Anderen (Gemeinschaft) und

3.         Ausrichtung auf ein Absolutes (Gott) hin

sein Leben lebt, hat gerade in dieser Dreiheit der Konstitutive eine gravierende Verschiebung der Gewichtung zu erdulden. Die ursprünglich gleiche Gewichtung dieser drei Elemente wurde nämlich immer mehr zugunsten der Überbewertung des  Individuums verschoben. Mit anderen Worten: Die Basis, auf welcher der Mensch sein Leben lebt, wird immer schmäler und damit instabiler und demzufolge auch immer weniger tragfähig. Die Dimension der Freiheit hat also mehr und mehr die beiden anderen Aspekte verdrängt und d.h. diese „Absolutsetzung der individuellen wie der kollektiven Freiheit ging zunächst auf Kosten der Religion und des gesellschaftlichen Lebens. ... Das ... Problem besteht darin, dass die Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen endlichem und unendlichem Sein, zwischen Einheit und Vielfalt nicht ausgehalten wird.“  Der so genannte „moderne“ Mensch ist so sehr von seiner Freiheit überzeugt, dass er sich mittlerweile ja auch die Freiheit von Gott genommen hat, er hat sich soweit emanzipiert, dass er glaubt, er könne nunmehr völlig auf Gott verzichten, er könne alles aus eigener Kraft und nach seinen eigenen individuellen Wünschen gestalten und regeln. Was dabei aber auf der Strecke bleibt, ist das, was den Menschen erst zum Menschen macht: die Menschlichkeit, welche sich ganz konkret christlich im Gebot der Gottes- und Nächstenliebe ausdrücken lässt. Ist es denn verwunderlich, wenn der heutige Mensch mehr und mehr vereinsamt und gefühlsmäßig verarmt? Der Mensch hat Angst, weil er einsam ist und umgekehrt wird dieses Gefühl der Einsamkeit durch seine Angst noch vergrößert. Und dieses Gefühl der Einsamkeit lässt sich quer durch unsere Gesellschaft verfolgen: Da sind z.B. die Alten, welche ihr Leben lang geschuftet haben, um ihren Nachkommen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen: Jetzt, in ihrem Alter, werden sie in Heime abgeschoben und verbringen ihren Lebensabend einsam und oft verbittert. Da sind die Behinderten, welche ausgegrenzt werden, weil sie in unserem Lebenskonzept keinen Platz haben und nur hinderlich sind. Da sind die Ausländer, die in Gettos leben müssen, weil sie angeblich anders sind als wir. Und dann gibt es die Randexistenzen unserer Gesellschaft: Drogenabhängige, Alkoholiker, usw., die ausgegrenzt werden, weil sie in unserer Lebensbild nicht passen - obwohl sie nur allzu oft von der modernen Gesellschaft mit ihrem Leistungsdruck und ihren Zwängen erst zu dem gemacht wurden, was sie sind. Sidney J. Harris sagte einmal - und damit trifft er sehr genau, woran unsere Gesellschaft heute krankt: „Die drei schwierigsten Aufgaben der Welt sind weder körperliche noch geistige Höchstleistungen, sondern sittliche Handlungen: Hass mit Liebe vergelten, Ausgeschlossene aufnehmen, zu sagen 'Ich hatte unrecht'." Und diesen schwerwiegenden Mangel ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, deshalb ist die Kirche aufgerufen, „ihr Zeugnis von Christus zu geben, indem sie mutig und prophetisch Position ergreift gegen die Korruption der politischen und wirtschaftlichen Macht; ... indem sie ihre Güter für den Dienst an den Ärmsten verwendet und zur Einfachheit des Lebens in Christus einlädt" (RM 43).

 

Mahatma Gandhi soll einmal auf die Frage, warum er nicht Christ geworden sei, geantwortet haben: „Ich habe mir die heiligen Schriften des Christentums genau durchgelesen und habe dann das Verhalten derer, die sich Christen nennen damit verglichen. Leider konnte ich in ihrem Verhalten nichts von der Botschaft Christi wieder finden."  Liegt vielleicht hier der tiefere Grund, warum die Prinzipien der katholischen Soziallehre so oft unbeachtet bleiben, warum die Welt so unmenschlich ist? Liegt es vielleicht daran, dass es auf der Welt so viel Ungerechtigkeit gibt, weil die Christen sich nicht genug für eine bessere, gerechtere und menschenwürdigere Welt im Geiste des Evangeliums einsetzen? Liegt im nicht gelebten Christentum der Grund für das Böse, die Ungerechtigkeit, die Ausbeutung und die Missachtung der Menschenwürde so vieler? Hier liegt nach Meinung des Verfassers der tiefere Grund, warum unsere Welt auch 2000 Jahre nach Jesus Christus noch immer so unmenschlich, so ungerecht, so wenig lebenswert ist. Es gibt bald Sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten, aber nur ganz wenige „Mit" - Menschen, d.h. Menschen, die aus ihrer christlichen Grundüberzeugung heraus den anderen Energie und Kraft, Freude und Glück schenken, die den anderen ein Heimatgefühl geben, ihm Geborgenheit und das Gefühl des Angenommenseins vermitteln, die den anderen in Liebe und Freundschaft begegnen und so Liebe und Freundschaft Gottes zu den Menschen erfahrbar machen, denn - so hat Papst Johannes Paul II. nicht nur einmal betont - „der Mensch kann nicht ohne Liebe leben. ... Sein Leben ist ohne Sinn, wenn ihm nicht die Liebe geoffenbart wird, wenn er nicht der Liebe begegnet, wenn er sie nicht erfährt und sich zu eigen macht, wenn er nicht lebendigen Anteil an ihr erhält.“ 

 

 

2.    Menschlichkeit und Gerechtigkeit als Grundforderungen für menschliches Zusammenleben

Als Grundforderung für den Weg in das kommende Jahrtausend und zur Bewältigung der schier unlösbaren Probleme, vor denen wir im Augenblick stehen, gilt es heute, eine menschlichere, eine humanere und gerechtere Welt einzufordern. Klaus Fütterer definiert diese Forderung folgendermaßen:  „Allen Menschen Licht, Luft und Wasser, Essen und Trinken, ohne Gift, genug zum Leben und manchmal etwas mehr, um sich zu freuen. Allen Behausung, in der man sich wohlfühlt, allein sein kann, aber auch mit anderen zusammen. ... Sich selbst entfalten in der Arbeit und in einer sinnvollen Leistung und doch mit anderen Hand in Hand arbeiten, statt gegen sie. In überschaubaren und durchschaubaren Verhältnissen arbeiten und leben, sie mitgestalten und sich darin sicher fühlen.“  Und zur Verwirklichung dieser Vision bedarf es eigentlich nur einer jederzeit und von jedermann realisierbaren Vorbedingung: Jeder müsste zuerst einmal bei sich und im Kleinen beginnen, vielleicht so, wie es das Gebet eines chinesischen Christen beschreibt:

            Herr, erwecke deine Kirche und fange bei mir an.

            Herr, baue deine Gemeinde und fange bei mir an.

            Herr, lass Frieden überall auf Erden kommen und fange bei mir an.

            Herr, bring deine Liebe und Wahrheit zu allen Menschen und fange bei mir an.

Um unseren Sinn für diese Forderung nach einer gerechteren und humaneren Welt zu schärfen und zu sensibilisieren, seien an dieser Stelle sieben  - zum Teil sehr provokativ gefasste - Thesen als Gegenüberstellung dessen, was aus dem Christentum abzuleiten wäre und dessen, was die gegenwärtige Situation beschreibt angeführt. Ziel dieser Auflistung soll sein, diesen Gegensatz zu verdeutlichen und den unbedingt nötigen Handlungsbedarf aufzuzeigen.

1.         Wäre unsere Weltordnung wirklich christlich inspiriert, dann würden alle Menschen - unabhängig davon, welcher Rasse, Religion oder politischen Partei sie angehören - gleich behandelt. Aber was lässt sich dagegen feststellen: Überall auf der Welt - auch in angeblich christlichen Ländern - werden immer mehr Menschen auf immer vielfältigere Weise wegen ihrer Rasse, Religion oder politischen Überzeugung verachtet, verfolgt, unterdrückt und ausgegrenzt.

2.         Wenn die weihnachtliche Botschaft der Engel vom Frieden auf Erden den Menschen guten Willens (vgl. Lk.2,14) wirklich ernst genommen würde, so müsste zum einen überall auf der Erde Friede herrschen und zum anderen die Anzahl derer, die sich für eine friedliche Lösung von Konflikten einsetzen immer mehr anwachsen. Statt dessen aber wird in immer mehr Krisengebieten auf der Welt versucht, mit immer mehr Gewalt und immer größerem und brutaleren Einsatz von Waffen aller Art politische Macht zu erreichen und zu festigen.

3.         Nach unumstrittener - auch auf Jesu Tun und Vorbild basierender - Lehre aller christlichen Konfessionen ist es eine strenge Verpflichtung für jeden, der auf Christi Namen getauft ist, dass er demjenigen seiner Mitmenschen, welcher - z.B. wegen seines Alters oder wegen Erkrankung oder Ähnlichem - in Not geraten ist, selbstlos und selbstverständlich zu Hilfe kommt. Ein Blick in unsere Gesellschaft aber zeigt uns einen ganz anderen Tatbestand: Alte, Arme, Kranke, Behinderte und in Not Geratene werden ausgegrenzt, verachtet, sich selbst überlassen, abgeschoben und an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

4.         Der Mensch als Ebenbild Gottes zeichnet sich vor allen anderen Geschöpfen durch sein Personsein, seine Personalität aus. Zur Verwirklichung dieser Personalität gehört es, dass jeder Mensch das unverzichtbare Recht hat, sich einen Arbeitsplatz zu suchen, welcher ihm zusagt und sich seinen Lebensunterhalt für ein menschenwürdiges Leben durch Arbeit zu erwerben. Im krassesten Gegensatz zu diesem fundamentalen Grundrecht jedes Menschen aber steht, dass immer mehr Menschen auf der Welt (und zwar auch in den hochentwickelten Industrienationen der so genannten reichen „Ersten Welt") obdachlos sind, keine Arbeit haben oder gar am Verhungern sind, weil sie nicht einmal das Allernötigste zum Leben besitzen. Besonders erschrecken muss uns aber, dass viele der heutigen Menschen sich diesen Missständen gegenüber verschließen und gleichgültig verhalten.

5.         Aus der oben bereits angesprochenen Personalität und Gottebenbildlichkeit des Menschen, aus seiner unveräußerlichen Menschenwürde heraus ergibt sich auch der Anspruch des Menschen (jedes Menschen!) auf Unversehrtheit des Körpers und der Seele und dem Schutz vor jeder ungerechten Behandlung. Aber leider muss festgestellt werden, dass viele Menschen auf dieser Erde - und was besonders traurig ist: auch und besonders Kinder! - misshandelt, missbraucht, ausgenutzt und ausgebeutet werden. Zu viele Menschen überall auf der Welt sind entgegen ihrer Menschenwürde dazu verurteilt, unter menschenunwürdigen Bedingungen zu leben, zu arbeiten und schließlich auch zu sterben.

6.         Für einen christlichen Menschen sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass er sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Leben Gerechtigkeit walten lässt. Mit anderen Worten: Das gesellschaftliche Miteinander sollte immer und überall durch die Forderungen der Gerechtigkeit wie sie sich aus dem Evangelium ergeben, bestimmt werden. Wie aber sieht es in der Realität aus? Tagtäglich finden wir Belege dafür, dass Menschen ausgenutzt, ausgebeutet und ungerecht behandelt werden. Noch viel schlimmer aber ist, dass der Großteil derer, die diese Ungerechtigkeiten erkennen, diese Missstände unkommentiert zur Kenntnis nehmen und nichts dagegen tun.

7.         Ein Mensch, welcher sein Christ-Sein ernst nimmt und sich am Beispiel Jesu Christi orientiert, wird jeden seiner Mitmenschen so annehmen, wie er ist, d.h. mit allen seinen Fehlern und Schwächen. Und er wird auch dann Zeit für denjenigen haben, der jemanden braucht, um sich aussprechen zu können, wenn er von vornherein weiß, dass aus diesem Gespräch, aus dieser Beziehung zu diesem Menschen kein Vorteil für ihn herausspringt. Was aber kann jeder, der nur etwas Interesse an den gesellschaftlichen Gegebenheiten hat, feststellen? In der heutigen Zeit bestimmen Hast, Hetze und Ruhelosigkeit unser Leben, keiner hat mehr Zeit für den anderen, Menschen werden nur noch nach ihrer Nützlichkeit beurteilt. Der „moderne" Mensch darf keine Fehler und Schwächen zeigen, denn nur ein unfehlbarer und fehlerloser Mensch kommt vorwärts auf der Karriereleiter.

Muss uns diese nicht einmal so übertriebene Gegenüberstellung von meiner Meinung nach durchaus erreichbaren „Wunschvorstellungen" und den traurigen faktischen Gegebenheiten nicht nachdenklich machen? Müssten wir nicht alle zusammen über ideologische und staatliche Grenzen hinweg an der Beseitigung dieser oben angesprochenen Ungerechtigkeiten arbeiten? Schon allein anhand obenstehender Phänomene kann jeder Mensch erkennen, dass er täglich aufs Neue zum Handeln aufgefordert ist. Jeden Tag werden Entscheidungen von jedem einzelnen verlangt; Entscheidungen, die nicht nur für ihn relevant sind, sondern die auch die anderen betreffen und bestimmend sind für die Beziehungen unter den Menschen. Täglich neu aber wird auch über uns entschieden, werden wir in einem gewissem Ausmaß fremdbestimmt.

Die oben angeführten Beispiele sollten aber nicht nur auf den rein innerkirchlichen Bereich beschränkt bleiben, d.h. nur im Privatleben praktiziert werden, z.B. indem ich mein „Soll" bei ADVENIAT und Misereor, bei CARITAS und Brot für die Welt erfülle: Diese Handlungsweisen müssen auch das wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Leben durchdringen und verändern. Es gilt heute wegzukommen vom Egoismus und Selbstwertdenken, hin zu Nächstenliebe und wahrem Christentum, denn - so schreibt Johannes Paul II. - „Die Kirche, das prophetisch-priesterlich-königliche Volk, hat die Sendung, alle Menschen dahin zu führen, das Wort Gottes im Glauben anzunehmen, es in den Sakramenten und im Gebet zu feiern und zu bekennen und schließlich im praktischen Leben nach dem neuen Gebot und Geschenk der Liebe zu verkünden" (FC 63).

 

 

3.    Christentum - verwirklicht im alltäglichen Leben

3.1.      Leben aus dem Glauben und Evangelisierung der Welt

Es geht also - wie wir bisher festgestellt haben - vor allem um das Leben aus dem Glauben und um die Umsetzung der Forderungen des Evangeliums in die alltägliche Praxis, in Familie, Beruf und Gesellschaft, d.h., „der Christ wird sich apostolisch in die Welt einschalten, und zwar jeweils nach seiner beruflichen Stellung und Aufgabe: im Bereich der Bildung und Erziehung, der Wirtschaft, des Gesundheitswesens, der Massenmedien, der Politik, usw."  Diese eben genannte Zielvorgabe von Joseph Kardinal Höffner soll nunmehr an einigen wesentlichen Punkten erarbeitet und erläutert werden. Gehen wir deshalb noch etwas mehr ins Detail, indem wir uns einen spezifischen Bereich des gesellschaftlichen Lebens herausgreifen und sehen, was sich in diesem Bereich für Probleme und Erscheinungen konstatieren lassen. Betrachtet man beispielsweise die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte unvoreingenommen, so kann man im wesentlichen sieben Problembereiche feststellen, nämlich:

1.         Eine stetig wachsende Kriegsgefahr.

2.         Eine wachsende Entmenschlichung der Arbeit durch steigende Technisierung und Bürokratisierung.

3.         Kontinuierlich ansteigende Arbeitslosenzahlen.

4.         Die immer mehr nachlassende Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme.

5.         Eine wachsende Verarmung.

6.         Wachsenden Egoismus und überhand nehmendes Konsumdenken und schließlich

7.         eine immer größer werdende Gewaltbereitschaft bereits unter Kindern und Jugendlichen.

Wir können also zunächst einmal folgendes festhalten: Nach dem rasenden Aufschwung seit dem Ende des zweiten Weltkrieges, dem so genannten „Wirtschaftswunder“, haben wir nun sozusagen endgültig das Ende des volkswirtschaftlich Machbaren erreicht. Immer mehr Menschen erkennen, dass der mittlerweile erreichte Lebensstandard und das fest verwurzelte Konsumdenken die Grenzen des Möglichen überschritten haben, dass die ungezügelte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen nicht länger tragbar ist - und gerade diese Erkenntnis ist es, welche die Menschen unsicher, ängstlich, verzweifelt und deshalb oft auch gewaltbereit macht. Johannes Paul II. drückt dies in einem griffigen Bild aus der Seemannssprache aus. Er schreibt: „Die Menschen fühlen sich wie Seeleute auf der stürmischen See des Lebens, aufgerufen zu immer größerer Einheit und Solidarität" (RM 37). Aber es muss nun gleichzeitig auch festgehalten werden, dass heute der Punkt erreicht ist, an dem die Mehrzahl der Menschen sich gerade dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen fühlt. Die Erscheinung, dass viele Menschen heute so gefühllos, so unempfindlich gegenüber dem Leid des anderen, so rücksichtslos nur noch auf den eigenen Vorteil bedacht sind, lässt sich auch damit erklären, dass sie vor den übermächtigen Problemen, welche auf uns zukommen und ihrer Lösung harren, resignieren, ja kapitulieren. Der „moderne“ Mensch steckt in einem Dilemma: Einerseits erkennt er beispielsweise genau, dass eine stetig vorwärts schreitende Arbeitszeitverkürzung bei gleichzeitiger Lohnsteigerung wirtschaftlich nicht mehr tragbar ist, dass steter Fortschritt unbezahlbar und immer neue Produktivitätssteigerungen nur auf Kosten der arbeitenden Menschen zu erreichen sind, andererseits aber fehlt es ihm an den nötigen Kenntnissen und oft auch an der nötigen Motivation und Bereitschaft, gegen diese Probleme anzugehen, d.h. die drängenden Aufgaben zu lösen und gegen die immer mehr um sich greifende Ungerechtigkeit in der Verteilung der Güter und im menschlichen Miteinander anzugehen. 

 

3.2.      Die wachsenden Polarisierungen zwischen Arm und Reich

Die Folge der oben genannten und seit langem schon bekannten und längst überfälligen Erkenntnis ist aber nun leider nicht etwa ein Umdenken oder ein Sich-Besinnen auf das wahrhaft Menschliche und die Folgerungen, welche aus dem Vorbild Jesu Christi zu ziehen wären.  Nein, ganz im Gegenteil ist leider festzustellen, dass diese Erkenntnis statt dessen einen ständig wachsenden Egoismus und eine zunehmende Polarisierung zwischen „Arm“ und „Reich“ bewirkt - wobei mit „arm“ und „reich“ hier nicht nur eine rein materielle Qualifizierung gemeint ist: Hier sind auch rein ideelle und abstrakte Werte angesprochen, z.B. Bildung, Wissen, Schulbildung, usw. Und darüber hinaus müssen wir konstatieren, dass ein weiterer Aspekt der im Begriff „armsein“ mitschwingt, völlig unbeachtet bleibt: Armsein heißt heute auch keine gefühlsmäßigen Bindungen, keine Mitmenschlichkeit zulassen zu wollen und ertragen zu können. Es muss deshalb den Menschen heute auch zu Bewusstsein gebracht werden, dass unsere momentane Gesellschaftssituation besonders durch das Schlagwort einer „Gefühlsarmut“ charakterisiert werden kann. Gerade vom Evangelium Jesu Christi ausgehend kann man nämlich sagen, dass der überwiegende Teil der Menschheit arm ist an Mitmenschlichkeit, an Gefühlen, an Nächstenliebe. Und diese Vereinsamung und Gefühlsarmut, dieser Verlust an Mitmenschlichkeit bewirkt zwangsläufig ein immer größer werdendes Defizit an Rücksichtnahme, an Engagement, an Einsatz für das Gemeinwohl.  Diese Art von seelischer oder geistlicher Armut, welche sich auch mit den Begriffen Einsamkeit, Angst und „No-future-Apatie“ umschreiben lässt, findet sich besonders deutlich in den Einstellungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen. Nimmt es noch wunder, wenn man von dieser Sichtweise ausgeht, dass so viele Jugendliche sich in Drogen, Alkohol, ohrenbetäubende Musik, Vandalismus („Chaos-Tage“ Hannover!), Ausländerhass und Gewalt flüchten? Doch bleiben wir zunächst bei den ganz konkreten, materiellen Polarisierungen: Wir haben eine stetig wachsende Polarisierung zwischen „Arm“ und „Reich“ postuliert. Auf der einen Seite stehen somit die Reichen, d.h. diejenigen, die über alles verfügen und teilweise mehr besitzen, als sie bräuchten und die - wie es Ernst Wolfgang Böckenförde nennt - einem verwerflichen und schädlichen „Besitzindividualismus" huldigen, auf der anderen Seite hingegen stehen die Armen, d.h. die wenig oder nichts Besitzenden, die ihre - nur allzu berechtigten - Forderungen stellen und auf ihr Recht, ihre lebensnotwendigen Bedürfnisse zu befriedigen, hinweisen und dieses Recht nicht nur mehr oder weniger deutlich anmahnen, sondern mitunter auch der Gewaltfreiheit eine Absage erteilen und ihre Forderungen immer öfter auch militant und gewalttätig einfordern.  Der Club of Rome folgerte bereits 1972 aus seinen diesbezüglichen Erhebungen , dass es, wenn nicht bald ein Umdenkungsprozess einsetzt, zum Zusammenbruch der Nahrungsmittelproduktion einerseits und in der Folge dann auch zum Zerfall unserer Zivilisation kommen werde, aber immer noch - und das nach mehr als zwanzig Jahren - ist bei den Menschen kaum festzustellen, dass sie zur Einsicht gekommen wären, an dieser Entwicklung etwas zu ändern und korrigierend einzugreifen. Nein, es kann festgestellt werden, dass die Reichen sowohl in den Industrieländern als auch in den unterentwickelten Ländern immer rigoroser und unduldsamer werden, wenn man versucht, ihre privilegierten Positionen anzutasten. Carl Friedrich von Weizsäcker bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Die Reichen von heute glauben an die Verteidigung der Freiheit, die Armen hoffen auf die Erringung der Gerechtigkeit."  Dabei wird meist übersehen, dass das Menschsein, wie die theologische Anthropologie und in ihrer Tradition die katholische Soziallehre definiert,  nun einmal wesentlich vom Haben der notwendigen Dinge in ausreichendem Maße abhängt. Die Folge dieser Fehlinterpretation ist dann - wir folgen der Argumentation Carl Friedrich von Weizsäckers -, dass die Besitzenden ihren Besitzstand mit der absoluten Notwendigkeit des Habens rechtfertigen, gleichzeitig aber „den Kampf des Armen, der nichts hat und die notwendigen Dinge haben will, um existieren zu können" mit allen Mitteln missbilligen und verurteilen.  Wir können also folgende Polarisierung feststellen:

 

                        Die „Reichen“                                              Die „Armen“

                Besitzindividualismus                                      Not, Mangel, Elend

                Verteidigung der Freiheit                             Ringen nach Gerechtigkeit,

            Notwendigkeit des Habens                              Befriedigung berechtigter

                                                                                           Bedürfnisse

 

Die Folge dieser Konfrontationssituation und der oben beschriebenen Handlungsweise ist nach Dom Helder Camara eine „Spirale der Gewalt", welche immer mehr Menschen in ihren Bann zieht. Für alle Menschen gilt es deshalb, sich immer wieder daran zu erinnern, dass zwar zweifelsfrei eine „Reihe von Ungerechtigkeiten in der heutigen Welt zu beklagen“ sind, gleichzeitig aber auch anzuerkennen, dass wir daran oft selbst „unbewusst, sei es aktiv, sei es passiv, beteiligt sind."  Wilhelm Dreier stellt zu dieser Entwicklung fest: „Die Scherenbewegung zwischen Armen und Reichen weitet sich, die Unterentwicklung nimmt zu."  Und wenn wir Wilhelm Dreiers Bild weiterentwickeln wollen, so müssen wir sagen: Je weiter sich diese Schere öffnet und diese Unterentwicklung zunimmt - und diese Tendenz ist nicht nur auf die unterentwickelten, so genannten Entwicklungsländer beschränkt -, desto größer werden die zu bewältigenden Probleme. Der Augenblick, in dem diese Probleme nicht mehr auf friedliche Weise lösbar sein werden, kommt nach Meinung vieler immer näher. Der Friede - unser höchstes und erstrebenswertestes Gut - gerät immer mehr in Gefahr - was ist zu tun? Der Prophet Jesaja sagt dazu: „Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein“ (Jes. 32,17); es muss also zur Friedenssicherung und Friedensschaffung vordringlich nach Gerechtigkeit gestrebt werden - wer aber nimmt diese Herausforderung an?

Es ist aber zunächst nötig, ein Missverständnis zu bereinigen: Es ist von eminenter Wichtigkeit, zu beachten, dass hier nicht vorschnell geurteilt wird: Wir sind immer in der Versuchung, uns unserem Vorurteil zu überlassen, dass viele dieser eben angesprochenen Probleme von Seiten der Interessierten hochgespielt und übertrieben würde. Dabei sieht die Wirklichkeit meist völlig anders - und oft sehr viel schlimmer - aus: Es ist festzustellen, dass hier keine irgendwie gearteten Utopien oder Ideologien (z.B. der Sozialismus) irgendwelche Probleme aufbauschen, sondern tatsächlich nur die so genannten „realen Gegensätze" im Vordergrund stehen. Objektiv gesehen muss man nämlich seiner Einschätzung zustimmen, wenn er schreibt: „Noch nie haben so viele Menschen im Wohlstand gelebt wie heute. ... Noch nie haben so viele Menschen in Elend und Hunger gelebt wie jetzt; die Anzahl der Menschen, die an den Folgen von Hunger sterben, übertrifft die Anzahl der Toten aller Kriege unseres Jahrhunderts. Noch nie hat sich das Bewusstsein von der Ungerechtigkeit der Güterverteilung so weit verbreitet wie heute."  Aber - wir erwähnten es bereits - die Menschen sehen heute vielfach zwar, dass es hier Ungerechtigkeiten gibt, gleichzeitig aber sehen sie keine Möglichkeit, wie sie ganz persönlich dagegen einschreiten könnten. Die hier vorherrschende Meinung möchte ich als „Der-Papa-wird’s-schon-richten“ - Mentalität be- zeichnen. Man könnte sie - man muss sagen: leider! - mit den Sätzen „Der Staat wird schon etwas tun" oder „Lass das nur die UNO in Ordnung bringen" umschreiben.

 

3.3.      Die katholische Soziallehre und ihre Möglichkeiten

Hier aber, d.h. in voranstehend ausgeführter Situationsbeschreibung, wäre exakt der Ansatzpunkt für die katholische Soziallehre gegeben, wie der Verfasser sie verstanden haben möchte: Es gilt die Eigeninteressen, den Egoismus und Individualismus der Menschen aufzuzeigen und jeden einzelnen dazu aufzurufen, davon abzukommen und nach mehr Solidarität und Gemeinnützigkeit zu streben. Mit anderen Worten: Die wichtigste Aufgabe und unverzichtbare Pflicht der christlichen Gesellschaftslehre ist es, ein Zweifaches aufzuzeigen, nämlich:

1.         Was jeder Mensch tun kann, und

2.         wo jeder seinen kleinen Beitrag leisten kann zum Aufbau einer gerechteren und besseren Welt und zur Beseitigung der vielen ungerechten Verhältnisse in der Welt.

Und hier muss vor allem auch über den eigenen Kirchturm hinausgeblickt werden, d.h. es muss dieses Streben nach gerechten Verhältnissen nicht nur in den einzelnen Ländern, sondern international gültig sein! Die beiden großen deutschen christlichen Kirchen sagen dazu in ihrem Diskussionspapier: „Unser Ziel ist eine soziale Ordnung, die nicht nur in unserem Land neue Lösungsmöglichkeiten eröffnet und einen gerechten Ausgleich schafft, sondern ... auch eine faire Gestaltung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen und die Entwicklung und Beteiligung für alle Völker ermöglicht“ (GT 3.6). Und was uns ganz besonders traurig stimmen und zum Nachdenken bringen muss: Diese oben angesprochene Forderung ist mehr als realistisch, denn immer lauter werden die Klagen - und zwar werden diese nicht nur von der Kirche Fernstehenden geäußert -, dass die jesuanische „Option für die Armen", seine Hinwendung zu den Armen, Kranken, Ausgestoßenen und Ausgegrenzten, von den Mitgliedern der christlichen Kirchen immer weniger praktiziert und weitergeführt wird. Jesus nämlich - und hier befindet sich leider die Mehrzahl derer, die sich Christen nennen im krassesten Gegensatz zu ihm - beließ es nicht bei leeren Worten, er handelte auch nach seinen Worten. Jesus kündigte den Menschen nicht nur das Kommen des Reiches Gottes an, sondern er ging auch zu den Ausgestoßenen, Verlassenen, Ausgegrenzten, d.h. zu den Menschen, für die das Reich Gottes auch (und besonders) gedacht war, und er gab uns ein Vorbild für unser Tun, indem er in bild- und zeichenhafter Weise die damals gültigen gesellschaftlichen Konventionen übertrat, missachtete und aufhob. „Jesus tritt ein für die Armen, die Trauernden, die Rechtlosen oder doch in ihrem Recht Geschädigten und Betrogenen, für die Erniedrigten und Beleidigten, für die Randexistenzen der ... Gesellschaft, für die 'Zöllner und Sünder'. Mit diesen tut er sich demonstrativ zusammen und feiert mit ihnen das Mahl der Gottesherrschaft."   Gerade in Jesu Reden und Tun war also damals auch und gerade für diese Menschen das kommende Reich Gottes erfahrbar - sollte dies denn heute nicht mehr möglich sein?. Und für die Menschen heute ergibt sich deshalb aus diesem Vorbild Jesu die Pflicht, dem Mitmenschen offen gegenüberzutreten, d.h. im Gegensatz zu den heute allgemein üblichen Praktiken eine neue Kategorie des Verhaltens den Armen, Kranken, Ausgegrenzten, Arbeitslosen und Verlassenen gegenüber aufleuchten zu lassen, denn „der Glaube an Gott wird konkret in der tätigen Parteinahme für die Schwachen. Christen werden in diesem Sinne dazu aufgerufen: ‘Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach’ (Jak. 1,22)“ . Schon deshalb wäre es wünschenswert, dass diese so spezifisch jesuanische (und damit christliche) Handlungsweise die maßgeblichste Triebkraft für das Handeln von Christen in Politik und Wirtschaft würde, denn „die christliche Botschaft lenkt unseren Blick auf ... das Unzumutbare, das Menschenunwürdige, auf strukturelle Benachteiligungen und Ungerechtigkeit“ (GT 3,11). Und da jeder Christ sich am Vorbild Jesu Christi orientieren sollte, deshalb ist es die ureigenste Pflicht eines jeden Christen, seinem verlassenen, ausgegrenzten und leidenden Mitmenschen zu helfen. Erst darin nämlich äußert sich wahres Christ-Sein wirklich und richtig. Ein Christentum, das sich diesen Aufgaben und Pflichten entzieht, ist nur dem Worte nach Christentum, ist nur „Scheinchristentum“. Leider aber muss jeder unvoreingenommene Beobachter zugeben, dass es heute immer mehr Exemplare dieser Spezies der so genannten „Taufscheinchristen" gibt.

Es lässt sich nun aber noch ein Weiteres festzustellen, nämlich die Tatsache, dass dieses oben als Vorbild herausgestellte Tun Jesu bereits im Mittelalter immer mehr auf das Moment der barmherzigen Liebe, d.h. das Almosengeben reduziert wurde und immer noch überwiegend in dieser engen Sicht gesehen wird. Hier sei aber mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass es eben im Leben eines Christen in der Nachfolge Christi nicht vordringlich um rein karitatives Handeln, d.h. um das oben angesprochene „Almosengeben" geht, sondern dass hier zunächst und vor allem auch die Achtung vor der Würde des anderen einzufordern ist. Das aber bedeutet, dass es hier um Gerechtigkeit geht, denn die katholische Soziallehre setzt den Begriff „Gerechtigkeit“ immer in Bezug zur Würde des Menschen. Wer die Gerechtigkeit aus dieser Verbindung lösen will, isoliert sie und tut ihr und dem Menschen Gewalt an. Gerechtigkeit, wie sie die christliche Gesellschaftslehre versteht, ist nämlich kein automatisierter Mechanismus, der - einmal in Gang gesetzt und mit den nötigen Grundbedingungen ausgestattet - von selbst funktioniert: Um diese Art von Gerechtigkeit muss täglich neu und täglich wieder gerungen werden. So verstandene Gerechtigkeit kann auch mit dem Begriff der Nächstenliebe umschrieben werden, und d.h., dass aus der Würde des Menschen die Pflicht jedes Christen erwächst, dafür Sorge zu tragen, dass der Ausgegrenzte, Verlassene und Hilfsbedürftige sein Leben menschenwürdig leben und sich als Person verwirklichen kann. Gerade der Christ ist nämlich - paulinisch gesprochen - durch die Erlösungstat Jesu  Christi von Gott dazu befreit, dass er die sich ergebenden Probleme unbefangen und nüchtern sieht  und sie zu lösen versucht und nicht nur am Symptom kuriert. Almosengeben alleine ist deshalb als ungenügend und als Verstoß gegen die Menschenwürde zu betrachten. 

Schon 1980 warnte Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Dives in misericordia, dass die damalige (und leider auch die momentane) Weltlage nicht nur Wandlungen aufweist, „die zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft des Menschen auf der Erde berechtigen, sondern auch vielfache Bedrohungen, welche über die bisher gekannten weit hinausgehen. Die Kirche muss auf diese Bedrohungen ... aufmerksam machen ..., sie aber auch im Lichte der von Gott empfangenen Wahrheit durchdenken" (DM 2). Man kann also mit Johannes Paul II. sagen: „Die existentielle Angst nimmt zu, vor allem ... im Hinblick auf die Möglichkeit eines Konflikts, der ... eine teilweise Selbstzerstörung der Menschheit bedeuten könnte" (DM 11).  Diese Bedrohung erwächst aber auch aus unserer - leider immer mehr als materialistisch einzustufenden - Zivilisation, die immer mehr und immer ausschließlicher „dem Vorrang der Sachen über die Person huldigt“ (DM 11). Der Mensch ist also - will man es schlagwortartig zusammenfassen - in seiner materialistisch geprägten und durch Sachzwänge eingeengten Freiheit, welche ihm immer noch das oberste Ziel all seines Handelns ist, dazu verurteilt, gerade weil er seine Freiheit auslebt, immer einsamer und ängstlicher zu werden. Als Resultat dieser Erscheinung lässt sich feststellen, dass der Mensch einerseits untätig dabei zusehen muss, wie das Sinn- und Kommunikationsgefüge, auf welches er doch angewiesen ist, zerbricht, und dass Welt und Gesellschaft andererseits nicht etwa lebenswerter, sondern immer lebensfeindlicher und unmenschlicher werden. Und genau hier setzt die christliche Gesellschaftslehre in dreifacher Weise an:

1.         Sie beobachtet Missstände und Entwicklungen, durchdenkt sie

2.         im Licht des Evangeliums und gibt

3.         Hinweise und Maßregeln, wie Missstände abgebaut und Fehlentwicklungen korrigiert werden können, ohne dem Evangelium zuwiderzulaufen.

Der wesentlichste und wichtigste Punkt, um den es hier geht, ist also das ganz persönliche Engagement des Einzelmenschen im Zusammenwirken mit anderen Menschen. Johannes Paul II. sieht in seiner Enzyklika Centesimus annus diese wichtige Rolle aller Christen folgendermaßen charakterisiert: Die Menschen, die sich hier besonders engagieren, werden „im persönlichen Einsatz ... zu einer Großbewegung zur Verteidigung und zum Schutz der Würde des Menschen. Dadurch haben sie in den Wechselfällen der Geschichte zum Aufbau einer gerechteren Gesellschaft beigetragen und dem Unrecht eine Grenze gesetzt" (CA 3.4). Leider aber - wir erwähnten dies schon und gerade deshalb sehen wir uns ja immer wieder immer neuen und immer größeren Problemen gegenüber - wird die Zahl derer, die sich dieser Aufgabe unterziehen, d.h. derer, die ihr Christ-Sein heute noch ernst nehmen immer kleiner. Das Christentum wächst immer mehr in die Rolle einer Minderheit hinein und die aktiven und überzeugten, d.h. praktizierenden Christen werden ein immer kleiner werdendes Häufchen. Und was uns dabei mit ernster Sorge erfüllen sollte: Es hat mehr und mehr den Anschein, als gefielen sich die Christen und die großen christlichen Kirchen in dieser Rolle! Es erwächst uns deshalb gerade heute eine große und wichtige, ja in der heutigen Gesellschaft absolut unverzichtbare Aufgabe: Unsere Pflicht ist es, den Prinzipien und Grundsätzen der katholischen Soziallehre Geltung zu verschaffen, denn - so schreibt Johannes Paul II. -, „die Verkündigung und Verbreitung der Soziallehre gehört wesentlich zum Sendungsauftrag der Glaubensverkündigung der Kirche ..., weil sie deren konkrete Auswirkungen für das Leben in der Gesellschaft vor Augen stellt und damit die tägliche Arbeit und den mit ihr verbundenen Kampf für die Gerechtigkeit in das Zeugnis für Christus, den Erlöser, mit einbezieht."  Mit anderen Worten: Jeder Christ ist hier in die Pflicht genommen, denn wahres Christ-Sein konkretisiert sich im Engagement für den Mitmenschen und für eine gerechtere und bessere Welt. Doch leider - wir erwähnten es bereits mehrmals - das Häuflein der Getreuen, d.h. derer, die diese Verpflichtung ernst nehmen, wird immer kleiner. Mit Johannes Paul II. ist deshalb bezüglich der Ambivalenz des Fortschritts ein Zweifaches festzustellen: „In unserer Zeit ermöglichen die Erfolge von Wissenschaft und Technik einen materiellen Wohlstand in bisher ungeahntem Ausmaß, der einige begünstigt, andere aber an den Rand abdrängt. So kann dieser einseitige Fortschritt auch zu einem schrittweisen Verlust der Sensibilität für den Menschen, für das eigentlich Menschliche führen" (MD 30).

 

 

3.4.      Gerechtigkeit als Grundprinzip allen Handelns

Wie sollen wir nun aber die Zielsetzungen, die Anliegen und die Aufgaben der katholischen Soziallehre charakterisieren und umschreiben? Will man ihre Zielsetzung mit einem Wort beschreiben, so könnte man sagen, der christlichen Gesellschaftslehre geht es - wir erwähnten es bereits ansatzweise - um „Gerechtigkeit", und zwar um Gerechtigkeit im weitestmöglichen Sinn und für alle. Gerechtigkeit im weitestmöglichen Sinn - warum? Hier ist ein Blick in die Heilige Schrift nötig. Bereits der biblische Gebrauch des Begriffs Gerechtigkeit lässt nämlich deutlich ersehen, dass unter Gerechtigkeit mehr als nur der rein juristische Gerechtigkeitsbegriff zu subsumieren ist: Gerechtigkeit wird in den biblischen Texten als Gottesprädikation und als Synonym für Heiligkeit, für Gnade, für Frieden, Befreiung und Erlösung gebraucht; gerechtes Handeln z.B. im Alten Testament bedeutet nicht nur das Tun des Richtigen im zwischenmenschlichen Bereich, sondern die „sedaqa“ wird hier zunächst einmal als eine sittliche Grundhaltung, als ein Leben in Übereinstimmung mit der Tora begriffen, aus welcher heraus sich die Gerechtigkeit im zwischenmenschlichen Bereich ergibt. Auf das Christentum umgesetzt, bedeutet Gerechtigkeit also, in Übereinstimmung zu der Botschaft Jesu zu leben. Und deshalb gehört der Einsatz für soziale Gerechtigkeit und die Gestaltung der Gesellschaft und ihrer Strukturen gemäß dessen, was uns im Evangelium als Maßstab vorgegeben ist, zum Auftrag der Kirche und besonders auch der einzelnen Christen: Jeder an seinem Ort und nach seinen Möglichkeiten ist verpflichtet, sich für eine gerechtere, eine menschlichere und vor allem für eine lebenswerte Welt einzusetzen und Gerechtigkeit im zwischenmenschlichen Bereich nicht nur einzufordern, sondern auch zu praktizieren. Genau diese Zielsetzung aber hat die katholische Soziallehre.  In welchem Sinn sollen wir aber nun den Begriff der „Gerechtigkeit“ im Sinne der katholischen Soziallehre verstehen? Mit Joseph Kardinal Höffner kann zu dieser Problematik vorerst einmal folgendes definiert werden: „Die Gerechtigkeit ... setzt das Recht, insbesondere das Naturrecht voraus, von dem sie Sinn und Ausrichtung empfängt.“  Das Naturrecht aber, welches hier angesprochen ist, beinhaltet göttliche Normen, welche nicht der Verfügbarkeit des Menschen unterworfen sind. D.h. also: Wenn es uns um Gerechtigkeit im Sinne der katholischen Soziallehre geht, dann werden hier die unveränderbaren und unverzichtbaren, jedem Menschen zugehörigen so genannten Grund- und Menschenrechte tangiert. Und in diesem Zusammenhang geht es der christlichen Gesellschaftslehre dann beispielsweise

1.         um gerechte, d.h. menschenwürdige Arbeitsbedingungen und eine gerechte Entlohnung für geleistete Arbeit,

2.         um Gerechtigkeit im Umgang miteinander,

3.         um annehmbare, d.h. menschenwürdige Lebensbedingungen für jeden,

4.         um gerechte Verteilung der Lasten auf alle,

5.         um den Schutz der Armen, Schwachen, Kranken, Hilfsbedürftigen und Minderbemittelten vor Übergriffen bzw. Benachteiligungen  und

6.         um „Frieden auf Erden".

Ein wahrhaft überwältigender Katalog von Implikationen, den wir voranstehend aufgelistet haben! Dabei ist allerdings festzuhalten, dass es heutzutage von erschwerender Bedeutung ist, dass in der modernen, hochtechnisierten, arbeitsteiligen, hektischen und weitgehend säkularisierten Welt die Rolle der Kirchen - und damit auch die Rolle der katholischen Soziallehre - immer mehr zurückgedrängt und immer weniger anerkannt wird. So kommt beispielsweise der Religionsphilosoph Bernhard Welte zu folgendem beschämenden Urteil: „Religion und Gesellschaft sind auseinander getreten, sie haben sich großenteils voneinander entfremdet, und der Einfluss der Religion auf die Gesellschaft scheint nur noch gering zu sein und weiter abzunehmen", und er fährt fort: „Die Kirche wird ... oft wenig Verständnis finden bei Menschen, die an den Schalthebeln des Wissens und der Macht in unserer modernen Welt sitzen."   Und deshalb erfordert es heute sehr viel Mut und großes Durchhaltevermögen, mit den Grundsätzen der katholischen Soziallehre an die Öffentlichkeit zu gehen und die Gesellschaft im Sinne der christlichen Gesellschaftslehre umgestalten zu wollen. Dabei ist aber - und das ist ja gerade das Verblüffende an dieser Situation - in der heutigen Zeit eigentlich kein Wort so in aller Munde, wie eben dieser Begriff: „Gerechtigkeit“. Es gibt wohl kein Land auf der Erde, in dem der Ruf nach Gerechtigkeit und nach der Anerkennung der Menschenrechte nicht ertönt - die Frage ist nur, inwieweit dieser Ruf heute gehört und befolgt wird, oder ob er etwa ungehört verhallt. Man kann darüber hinaus sogar sagen, dass dieser Begriff der „Gerechtigkeit“ heutzutage geradezu als Synonym für die Begriffe Rücksichtnahme, Hilfe und mitmenschliche Wärme verwandt wird. Und hier - so kann zunächst festgestellt werden - besteht erheblicher Handlungsbedarf gerade auch für die katholische Soziallehre: Dieser so eminent wichtige und für das menschliche Zusammenleben so unverzichtbare Begriff der Gerechtigkeit muss wieder mit seinem biblisch-christlichen Bedeutungsinhalt gefüllt werden. Es kann dennoch - diese Thematik vorerst abschließend - festgehalten werden, dass es wohl  den Tatsachen entspricht, wenn wir sagen, dass in den letzten Jahrzehnten im Denken der meisten Menschen ein Gespür für die Rechte von Minderheiten und ein Gespür für die grundlegende Bedeutung der Menschenrechte erwacht ist. Was hier noch mehr zu betonen wäre - und hier sieht der Verfasser das Arbeitsfeld für jeden Christen -, ist die Verbundenheit von Gerechtigkeit und Liebe. Mit anderen Worten: Es gilt für das Lehramt und jeden einzelnen, der sich Christ nennt, herauszustellen, dass Gerechtigkeit sich in der mitmenschlichen Liebe konkretisiert. Das Sprichwort sagt ja bereits, dass Taten mehr sagen als Worte. Konkret aber bedeutet dies: Das Reden über Gerechtigkeit allein hilft noch gar nichts, jeder muss sich an seinem Platz für diese Gerechtigkeit einsetzen und bei sich anfangen, diese Gerechtigkeit zumindest in Ansätzen zu verwirklichen.  Es gilt darüber hinaus - und hier krankt unsere Gesellschaft offensichtlich besonders -, die Menschen für eine christliche Einstellung in ihrem Verhältnis zu den Armen erst wieder zu sensibilisieren, denn diese angestrebte Gerechtigkeit „wird sich nie voll verwirklichen lassen, wenn die Menschen im Bedürftigen, der um eine Hilfe für sein Leben bittet, einen ungelegenen Aufdringling oder eine Last sehen, ... die Gelegenheit zum Guten an sich, die Gelegenheit zu einem größeren Reichtum" (CA 58).

Aufgrund des oben bereits angesprochenen Minderheitsstatus, welchen die Religion in der heutigen Welt mehr und mehr bekommt, ist es zugegebenermaßen schwer, sich mit einer, der kirchlichen Lehre und dem Evangelium entsprechenden Meinung zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen und Erscheinungen zu äußern, ja sich sozusagen mit der Bibel in der Hand überhaupt erst Gehör zu verschaffen bzw. ernst genommen zu werden. Dennoch aber bleibt mit Walter Kerber festzuhalten, dass das „Bewusstsein von der sozialen und politischen Dimension des Sendungsauftrages der Kirche .... seit 'Rerum novarum' immer mehr gewachsen“ ist. Es kann ihm auch darin rechtgegeben werden, wenn er schreibt: „Der Einsatz für soziale Gerechtigkeit, die Durchdringung der sozialen Strukturen mit dem Geist des Evangeliums und ... ein Beitrag zur Überwindung der sozialen Gegensätze gehören unabdingbar zum eigentlichen Auftrag der Kirche."  Und diese angesprochenen „sozialen Gegensätze" sind seit der Wiedervereinigung auch in der Bundesrepublik zu verzeichnen: Die Kluft zwischen den „alten" und den „neuen" Bundesländern wird eher größer, denn  kleiner.  Ausgehend von diesem oben thematisierten Sendungsauftrag der Kirche hat die katholische Soziallehre gerade auch mit ihren Forderungen nach Achtung von Menschenwürde und grundlegenden Menschenrechten auch Eingang in die Gesetzgebung vieler Staaten, in Parteiprogramme und internationale Abmachungen gefunden. Gerade hier aber gilt es - so unbestreitbar richtig diese Feststellung auch ist - aber auch vorsichtig zu sein und zu differenzieren: Auf der einen Seite ist es zwar unbestritten, dass Wolfgang Ockenfels mit seiner Situationsbeschreibung bezüglich der Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland recht hat, wenn er schreibt: „In der Formulierung des Grundgesetzes, in der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft und in zahlreichen sozialpolitischen Gesetzeswerken haben die sozialethischen Prinzipien der Katholischen Soziallehre Eingang gefunden. Und Politiker unterschiedlicher Parteien berufen sich bis heute gern auf die Orientierungen der Katholischen Soziallehre."  Andererseits aber ist an dieser Stelle auch ein Dreifaches zu fragen, nämlich

1.         ob beispielsweise die hier angesprochenen Politiker es mit der Berufung auf die Aussagen der katholischen Soziallehre ernst meinen,

2.         ob diese Frauen und Männer wirklich auch einem christlichen Welt- und Menschenbild verpflichtet sind, oder

3.        ob es - und diesen Anschein hat es bei vielen der politisch Verantwortlichen - nur bei den Lippenbekenntnissen bleibt.

 

 

4.  Personalität und Recht auf Arbeit - unlösbar miteinander verbunden

Das wohl wichtigste Prinzip der katholischen Soziallehre ist das Personalitätsprinzip, denn aus diesem Prinzip lassen sich die drei anderen wichtigen Grundprinzipien (Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl) und alle die Grund- und Menschenrechte, die in der katholischen Soziallehre (und nicht nur dort!) wichtig sind, herleiten.

In diesem Zusammenhang gilt es deshalb klar herauszustellen, dass es ein Grundrecht gibt, welches fast unlösbar mit dem Personalitätsprinzip verbunden ist, nämlich das Recht auf Arbeit. Spätestens seit der Enzyklika Johannes Paul II. Laborem exercens von 1981 ist es nämlich unübersehbar und kann nicht mehr geleugnet werden, dass gerade die Arbeit es ist, die das den Menschen ausmachende und ihm allein zustehende Wesensmerkmal ist. Die Befähigung zur Arbeit nämlich ist es, die der menschlichen Existenz ihr Wesensmerkmal aufdrückt und so zur Verwirklichung des wahren Menschseins und der Personalität beiträgt, denn „Abbild Gottes ist der Mensch ..., weil er ... den Auftrag empfangen hat, sich die Erde zu unterwerfen und sie zu beherrschen. ... Die Arbeit ... setzt eine spezifische Herrschaft des Menschen über die Erde voraus und bestätigt und entwickelt ihrerseits diese Herrschaft“ (LE 4). Mit anderen Worten: Durch die Befähigung zur Arbeit wird die soziale Dimension menschlicher Existenz zugunsten des Menschen aufgewertet. Und das bedeutet dann auch, dass es möglich ist, durch ein richtiges, d.h. christliches Verständnis von Arbeit, also bei Beachtung der durch die Arbeit gesicherten und konstituierten personalen Würde des Menschen, das gesamte menschliche Leben ausgehend von einem Teil desselben, nämlich dem Arbeitsleben, menschenwürdiger, humaner, gerechter und schöner zu gestalten.

In Anlehnung an die Argumentation Johannes Paul II. in Laborem exercens müssen sich deshalb aus dem Personsein des Menschen und der Forderung nach einer Humanisierung der Arbeitswelt vorerst einmal die fünf folgenden wesentlichen und unverzichtbaren Einsichten ergeben:

1.         Jede Art von Arbeit dient der Personalität und dem Menschsein des Menschen, denn „wenn der Mensch arbeitet ..., so möchte er zugleich, dass die Früchte dieser Arbeit ihm und den anderen zugute kommen. ... Man muss alles daransetzen, dass der Mensch ... das Bewusstsein behalten kann, 'in eigener Sache' zu arbeiten" (LE 15).

2.         Da die Person immer Vorrang vor den Sachen hat, die Arbeit aber für den Menschen da ist, nicht der Mensch für die Arbeit, ist sicherzustellen, dass der Grundsatz, dass die Arbeit Vorrang vor dem Kapital hat, gültig bleibt. Es  gilt also „vor allem ein Prinzip in Erinnerung zu rufen, das die Kirche immer gelehrt hat: das Prinzip des Vorrangs der Arbeit vor dem Kapital. ... Alle Produktionsmittel ... sind nach und nach vom Menschen erarbeitet worden. ... Die Gesamtheit der Produktionsmittel, die im gewissen Sinne mit dem 'Kapital' gleichgesetzt werden, ist Frucht der menschlichen Arbeit und trägt deren Zeichen" (LE 12).

3.         Es muss gewährleistet werden, dass der Mensch Subjekt der Arbeit bleibt bzw. wieder wird, denn „als Person arbeitet er und vollzieht die verschiedenen Schritte des Arbeitsganges, die ... zur Verwirklichung seines Menschseins dienen“ (LE 6). Johannes Paul II. schreibt in Weiterführung seiner Argumentation aus Laborem exercens zu dieser Thematik in seiner Enzyklika Centesimus annus, dass 

4.         die Arbeit zur unverzichtbaren Berufung jedes Menschen gehört, denn der Mensch entfaltet sich in seiner Arbeit. Die Arbeit hat damit

5.         gleichzeitig eine soziale Dimension wegen ihrer engen Beziehung sowohl zur Familie als auch zum Gemeinwohl.

Es dürfte bereits klar geworden sein: Eine sehr wichtige Person in diesem Bereich ist natürlich Papst Johannes Paul II., denn in seinen beiden oben bereits erwähnten Enzykliken Centesimus annus und vor allem auch Laborem exercens ist Wesentliches sowohl über die Wichtigkeit als auch der Gewichtung der Arbeit ausgesagt, nämlich, dass der Mensch sich durch Arbeit verwirklicht, dass der Mensch außerdem Person ist und wird in und durch seine Arbeit, und dass die Arbeit schließlich sowohl individuell als auch familien- und gemeinwohlbezogen gesehen und interpretiert werden muss. Man kann H. Pawlowski zustimmen, wenn er - gerade über Laborem exercens - schreibt: „Die Vorrangstellung des arbeitenden Menschen ... ist ... ein Ordnungsprinzip des gesellschaftlichen Wirtschaftsprozesses."  Aus der oben erwähnten unlösbaren Verbindung von Personsein des Menschen und der sein innerstes Wesen ausmachenden Arbeit heraus lässt sich die gesamte katholische Soziallehre entwickeln.

Mit anderen Worten ausgedrückt: Das Koalitionsrecht gibt jedem Menschen das Recht, Vereinigungen zur Vertretung seiner Interessen zu gründen oder ihnen beizutreten. In unserem Zusammenhang sind hier besonders die Arbeitervereine und die Gewerkschaften zu behandeln. Auf dieser Ebene greift nun das Solidaritätsprinzip, denn um diese Rechte einzufordern, durchzusetzen und zu schützen, müssen die Menschen die Möglichkeit haben, solidarisch zu handeln, d.h. miteinander für ihre Rechte einzutreten. Das Recht auf Eigentum und auf einen gerechten Lohn, welche mittels des Koalitionsrechts erkämpft und mittels des Solidaritätsprinzips gesichert werden, haben eine zweifache Ausrichtung: Zum einen dienen sie der Sicherung des Lebensunterhalts des arbeitenden Menschen und seiner Familie, zum anderen dienen sie dem Gemeinwohl, d.h. der Gesamtheit in Staat und Gesellschaft. Über allem aber „thront" quasi der Staat, welcher durch gesetzliche Regelungen für die Erhaltung und Sicherung dieser Rechte und Prinzipien, für die er verantwortlich ist, zu sorgen hat. Dabei - und hier greift als viertes Grundprinzip das Subsidiaritätsprinzip - soll der Staat aber rein subsidiär handeln, d.h. er hat nach der Intention des Subsidiaritätsprinzips nur Hilfe zur Selbsthilfe zu

leisten und folglich nur einzugreifen, wenn die ihm untergeordneten Lebenskreise (Gemeinden, Gruppen, Familien) nicht mehr in der Lage sind, ihre Aufgaben wirksam zu erfüllen. Ziel unseres weiteren Vorgehens soll es deshalb sein, darzustellen, wie diese Grundsätze der christlichen Gesellschaftslehre im Zuge der Einigung Europas und des Wiederaufbaus in den neuen Bundesländern noch mehr und deutlicher herausgestellt werden müssten. Oberstes Leitziel bei dieser Betrachtung soll dabei besonders die spirituelle Dimension dieses Themenkomplexes sein, d.h. die Leitfrage unseres Unterfangens soll immer sein: Wie kann das Christ-Sein in Alltag, Familie und Gesellschaft transparent werden für die anderen, wie kann das Wesentliche der Botschaft Jesu in Wirtschaft und Politik deutlich gemacht werden?

 

 

Grundzüge der katholischen Soziallehre wie sie im wiedervereinigten Deutschland und im kommenden geeinten Europa eingefordert werden müssen

 

I.  Die katholische Soziallehre

1.  Der anthropologische Bezug der katholischen Soziallehre

Die katholische Soziallehre - will man sie im Gesamtzusammenhang der Theologie sehen - ist im Grunde aus der theologischen Anthropologie herzuleiten, und  d.h. das erste und wichtigste Subjekt ihres Handelns und Überlegens ist zunächst einmal der Mensch. Mit anderen Worten: Sie beschäftigt sich weder mit rein jenseitigen und transzendenten Dingen, noch  liegt ihr Interesse darin, die Menschen, denen es schlecht geht auf ein besseres Leben im Jenseits („Himmel“ oder „Paradies“ genannt) zu vertrösten, sondern sie kümmert sich vordringlich um Diesseitiges, d.h. um die real gegebenen Strukturen des menschlichen Zusammenlebens, also der Gesellschaft. So gesehen, stellt sich uns die christliche Gesellschaftslehre dar als die Ak-tualisierung der christlichen Botschaft (des Evangeliums, d.h. der Frohbotschaft Jesu Christi) auf die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Probleme der jeweiligen Zeit hin. Will man die katholische Soziallehre nun wissenschaftlich exakt definieren, so kann man sie sich vorerst einmal vorstellen „als das Gesamt der sozialphilosophisch ... und sozialtheologisch ... gewonnenen Erkenntnisse über Wesen und Ordnung der menschlichen Gesellschaft" , und d.h., dass  sie alle Erkenntnisse über die Ordnung des menschlichen Zusammenlebens in sich aufnimmt und für jedermann bereithält. Deshalb kann man auch sagen, dass die christliche Gesellschaftslehre als „jene sozialtheologische Disziplin, welche das menschliche Gesellschaftsleben im Lichte der von der Kirche verkündeten Heilsbotschaft Jesu Christi erforscht ... und alle heilsrelevanten Erkenntnisse anderer (!) Sozialwissenschaften in sich aufnimmt",  zu verstehen ist. Diese voranstehenden und zugegebenermaßen abstrakten und komplizierten Formulierungen sollen nun aber nichts anderes besagen, als dass die katholische Soziallehre sich vordringlich darum kümmert, die Erkenntnisse und Lehren, welche die Sozialwissenschaften und die Philosophie erarbeitet haben, theologisch zu durchdenken und auf das menschliche Miteinander hin zu konkretisieren. Deshalb begnügt sich die katholische Soziallehre auch nicht damit, einige ethische Normen rein wissenschaftlich zu systematisieren und auf ihre logische Kohärenz und Stringenz zu überprüfen - das tut sie selbstverständlich auch -, sondern sie hält auch unbeirrbar daran fest, dass die Ordnungsstrukturen der Gesellschaft, welche sich aus der Frohbotschaft ableiten lassen, der Vernunfterkenntnis jedes Menschen (und d.h. auch den Nichtchristen!) zugänglich sind.  Und so gesehen stellt die christliche Gesellschaftslehre also den - nach Meinung des Verfassers überaus gut gelungenen - Versuch dar, „Werte und Prinzipien vorzustellen, die nicht nur dem Glauben geoffenbart sind, sondern auch der Vernunft begreifbar erscheinen."  Voranstehendes mit anderen Worten ausgedrückt, heißt das also, dass die katholische Soziallehre versucht ein ausgewogenes Verhältnis von Person und Gemeinwesen darzustellen.  Und um dieses Ziel zu erreichen greift sie vorrangig auf das Naturrecht und das geoffenbarte Wort Gottes zurück. Es ist nämlich übereinstimmende Meinung jeder naturrechtlichen Argumentation, dass der Mensch, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist , die Möglichkeit hat, aus der Schöpfung, d.h. aus der Natur im weitesten Sinne die Grundprinzipien des Seins und des daraus zu folgernden Verhaltens zu erkennen.  Dabei gilt es aber zu beachten, dass die katholische Soziallehre durch die Entfaltung ihrer spezifischen und theologisch geprägten Kategorien auch über das Naturrecht hinaus geht und die bestehenden naturrechtlichen Erkenntnisse weiterentwickelt, um sie auf das konkrete menschliche Miteinander zu übertragen.  Oben Angeführtes und kurz Skizziertes aber bedeutet, dass dasjenige von Gottes Ratschlüssen, was der Mensch von sich aus bereits als in der Welt gegeben erkennen kann, in den Aussagen der christlichen Gesellschaftslehre in vertiefter und verdeutlichter Form enthalten ist. Es gilt deshalb immer zu beachten, dass in den Enzykliken und Lehrschreiben und den sonstigen Aussagen der katholischen Soziallehre „nicht nur der bleibende Wert dieser Lehre bekräftigt werden, sondern ... auch der wahre Sinn der Überlieferung der Kirche offenbar werden" (CA 3.2) soll. Um aber dieser Zielsetzung gerecht werden zu können, darf die christliche Gesellschaftslehre keinesfalls dabei Halt machen, einige Grundsätze für das menschliche Miteinander in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft aufzustellen. Nein: Sie muss diese Grundsätze auch einfordern und im konkreten Fall auch nicht an berechtigter Kritik sparen. Gerade die gewaltigen Umwälzungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik der letzten Jahre stellen ja auch Kirche und Theologie vor völlig neue Probleme.  Besonders in den neuen Bundesländern und in den Ländern des ehemaligen Ostblocks nämlich, in denen bisher aufgrund der restriktiven Religionspolitik der Machthaber das Christentum schwer bedrängt und verfolgt, ja stellenweise in den Untergrund gedrängt wurde, sind mit „Glasnost“ und „Perestroika“ Freiräume geschaffen und neue Fragen  aufgeworfen worden. Das, was der Sozialismus in teilweise mehr als 70 Jahren nicht schaffte, nämlich den Menschen einen Sinn des Lebens aufzuzeigen, ist nun zum drängenden Problem geworden: Millionen von Menschen sind auf der Suche nach einem höheren Sinn des Lebens - und hier ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten gerade für die christlichen Kirchen und damit auch für die christliche Gesellschaftslehre und Ethik. Mit Anton Rauscher ist es deshalb nicht nur möglich, sondern sogar nötig, zu fragen, ob die katholische Soziallehre denn auch imstande sei, das geistige Vakuum aufzufüllen, welches in den letzten Jahren besonders in den osteuropäischen Ländern und darüber hinaus in vielen Teilen der Welt entstanden ist.  Und diese Frage kann man wohl - trotz aller Widrigkeiten und der stetig zunehmenden Entchristlichung unserer Welt - mit einem klaren Ja beantworten. Es gilt dabei nur zu beachten, dass dann, wenn diese neu entstandenen Freiräume von der katholischen Soziallehre sinnvoll genutzt und gefüllt werden sollen, die christliche Gesellschaftslehre ihre Aufgabe darin sehen muss, „den sozialen Wandel so zu steuern, dass dieser nicht nur in bloßen Veränderungen zur zunehmenden Selbstentfremdung der Menschheit führt." Um diese Vorgabe aber auch erfüllen zu können muss die katholische Soziallehre sich vorrangig „zur Rettung der menschlichen Person und zum rechten Aufbau der menschlichen Gesellschaft"  einsetzen. Diese große und wichtige Aufgabe bedarf aber einer Vorbedingung: Das Selbstverständnis der christlichen Gesellschaftslehre muss sich wandeln: Diese Aufgabe kann nur aus der Praxis des gelebten und vorgelebten Christentums heraus bewältigt werden, und d.h. die katholische Soziallehre muss abgehen von der verwissenschaftlichten und verkopften Theologie und sich wieder mehr rückbesinnen auf das Fundament, auf dem sie ruht: das Evangelium. Einer meiner geistlichen Lehrer sagte es einmal sehr provokativ: „Wir treiben zu viel sitzende Theologie. Wir sollten mehr kniende Theologie treiben.“

Gelebtes und vorgelebtes Christentum - was sollen wir uns darunter nun vorstellen? Diese Zielsetzung erfordert ein Zweifaches, nämlich: neue und gangbare Wege zur Lösung von Problemen aufzuzeigen und an Missständen und Fehlentwicklungen Kritik zu üben. Gerade bei letzterer Zielsetzung aber muss auch ganz klar angemahnt werden, dass es hier vorrangig um konstruktive Kritik geht, d.h., dass nicht nur - wie es leider oft geschieht - über Missstände lauthals geklagt wird, sondern dass beachtet wird, dass Kritik nur dann auch sinnvoll ist, wenn gleichzeitig auch die Wege aufgezeigt werden, welche zur Lösung des angesprochenen Problems dienlich sind. Und dabei gilt es immer auch zu beachten, dass wir uns hier immer neu und immer wieder auf eine nicht ungefährliche Gratwanderung begeben: Bei aller berechtigter Kritik und aller Vorsicht gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen und Errungenschaften und bei der Mahnung die Ambivalenz des modernen Fortschrittsdenkens zu beachten, darf die christliche Gesellschaftslehre nicht in den Fehler verfallen, den Überblick zu verlieren, globale Verurteilungen auszusprechen und womöglich gar in eines der beiden hier drohenden Extreme, nämlich absolute Wissenschaftsgläubigkeit einerseits bzw. übertriebener Wissenschaftsfeindlichkeit andererseits zu verfallen. Es gilt zwar gerade in diesem Zusammenhang immer wieder zu betonen, dass nicht alles, was uns der wissenschaftliche und industrielle Fortschritt der letzten Jahrhunderte gebracht hat, gut ist, aber - so unbestritten es ist, dass manches, was uns der Fortschritt gebracht hat, durchaus Grund zur Skepsis oder zu Kritik bietet - man sollte deswegen auch die Segnungen und uns mittlerweile unverzichtbar gewordenen Errungenschaften desselben beachten. Es ist mehr als deutlich, dass wir auf vieles, was uns der Fortschritt beschert hat gar nicht mehr verzichten könnten, ja es kann festgehalten werden, dass wir ohne manches davon gar nicht mehr leben könnten.  Gerade diese voranstehend ausgeführten Aspekte müssen immer mitbedacht werden, wenn an Zeiterscheinungen und politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Verhältnissen Kritik geübt wird. Und dennoch - bei aller Vorsicht, bei aller Güterabwägung ist eines feststellbar: Es gibt genügend Punkte, an denen die katholische  Soziallehre nicht kritiklos vorübergehen kann. Kritik geübt werden muss beispielsweise besonders an Umständen und Erscheinungen, die

1.         die unverzichtbare Würde des Menschen in den Schmutz ziehen,

2.         die den Menschen „entpersönlichen" und ihn sich selbst und seiner Arbeit „entfremden",

3.         die dem Menschen Schaden an Leib und Seele zufügen. Die so genannte „Frankfurter Schule“ (Horkheimer, Adorno und Marcuse) z.B. bezeichnet gerade die Degradierung des Menschen zum Objekt der Arbeit als einen wesentlichen Grund für seine Entfremdung. Und gerade diese Entfremdung des Menschen von sich und seiner Arbeit ist für diese Philosophen der Grund dafür, dass so viele Menschen heute unter Vereinsamung und Angstzuständen leiden und nicht mehr sozialfähig sind, d.h. sich nicht mehr in eine Gemeinschaft einfügen können.

Die katholische Soziallehre als „integrierender Bestandteil der christlichen Lehre vom Menschen"  ist auch gerade aus oben genannten Gründen in ihrer Eigenschaft als Entfaltung der theologischen Anthropologie, d.h. als Entfaltung des christlichen Welt- und Menschenbildes für unverzichtbar anzusehen. Sie agiert als vermittelnde und ausgleichende Instanz im Dreieck von Kirche, Kultur und Gesellschaft und dient gerade so der Einheit der Menschen untereinander.

Eine weitere grundsätzliche Vorbemerkung ist hier noch zu machen: Oswald von Nell-Breuning, die überragende Kapazität in Belangen der katholischen Soziallehre (und „Ghostwriter“ von Quadragesimo anno) sagte einmal, die wesentlichsten Grundprinzipien der christlichen Gesellschaftslehre, nämlich Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl, sollte sich jeder Mensch auf den Fingernagel schreiben. Zu fragen ist allerdings, wenn nun auch jeder Mensch mit diesen Begriffen auf dem Fingernagel herumliefe, wie diese zum Teil abstrakten Lehraussagen und eigentlich noch relativ nichts sagenden Begriffe wie Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl in die wirtschaftliche und politische Praxis umgesetzt werden können, d.h. wie sie dem "Otto Normalbürger" verdeutscht und verdeutlicht werden können. In Anlehnung an Wolfgang Ockenfels sind deshalb - und diese Fragestellung soll im folgenden immer wieder der Prüfstein für unsere Ausführungen sein - bezüglich der Grundprinzipien der katholischen Soziallehre drei Fragen zu stellen, nämlich:

1.         Wie kann man die Lehren der katholischen Soziallehre auf das gesellschaftliche Leben beziehen und anwenden?

2.         Welche konkreten Erfahrungen und welche institutionellen Vermittlungen müssen dabei berücksichtigt werden und

3.         welche Motivationen und Kriterien für das menschliche Handeln können aus dem Glauben zu geschöpft werden?

Diese eben angesprochene Notwendigkeit einer praktischen Umsetzung der Prinzipien der katholischen Soziallehre auf den menschlichen Alltag ist dabei vorerst so zu sehen, dass diese oben angesprochenen Prinzipien sich durch die Praxis in soziale Lebensgestalten ausformen, welche so und nur so eine Entfaltung menschlicher Kreativität ermöglichen, denn nur auf diese Weise kann und wird menschliches Miteinander und menschliches „In-der-Welt-Leben" ermöglicht.  Und da dies - wie wir bereits betont haben - die ureigenste Aufgabe jedes einzelnen Christen ist, deshalb sollte auch jeder Christ über die christliche Gesellschaftslehre Bescheid wissen. Und das Ziel dieses Wissens könnte man damit definieren, dass es Aufgabe jedes einzelnen ist, „über die persönliche Liebe zum Nächsten hinaus, auch einen Beitrag leisten im Einsatz für eine bessere, gerechtere Welt."  Mit den Worten der Bischofssynode von 1971 kann also gesagt werden, dass das Ziel des Redens und Tuns der katholischen Soziallehre die Ermöglichung einer christlichen Lebensführung sein soll, denn eine christliche Lebensführung „als Verwirklichung des Hauptgebotes der Liebe ... ist das oberste Prinzip der christlichen Sozialethik, die auf dem Evangelium und der gesamten Tradition ... gründet" (LibCon 71).

 

2.  "Äußere" und "innere" Dimension der katholischen Soziallehre:

2.1.      Die zwei Säulen der katholischen Soziallehre:

Das „Gebäude" der sich für Menschenwürde und gerechtere, menschlichere und bessere, d.h. mit dem Evangelium im Einklang stehende Lebensbedingungen einsetzenden katholischen Soziallehre ruht nach Meinung des Verfassers auf zwei Säulen, nämlich:          

Auf der Säule des Äußeren, d.h. dem Einsatz für gerechtere und menschenwürdige Arbeits- und Lebensverhältnisse einerseits. In diesen Bereich geht es darum, gemeinsam mit Gewerkschaften, Parteien und sonstigen Verbänden und Interessenvertretungen eine vielschichtige und sachliche Analyse der gesellschaftlichen Situation zu erstellen und dafür einzutreten, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen eines jeden Menschen gerecht, annehmbar und vor allem menschenwürdig sind. Und dabei gibt es auch eine sehr wichtige Grundvoraussetzung zu erfüllen: Wenn der Christ sich in der Öffentlichkeit engagiert, so sollte er immer prüfen, ob die Veränderungen, die er einzufordern gedenkt wirklich dem Heil der Menschheit dienen, d.h. ob sie wirklich wichtig und „heil“ - sam, d.h. heil - schaffend und heil - machend sind, oder ob sie nur einer augenblicklichen Stimmung entspringen. Mit anderen Worten: Hier geht es nicht um irgendwelche utopischen Vorstellungen, sondern um konkrete, realistische und realisierbare Notwendigkeiten. Der Christ handelt also im klugen Wissen um die Notwendigkeiten der ganzen Wirklichkeit, d.h. er sieht den größeren Kontext, in dem sich seine Entscheidung auswirkt. Dies bedeutet aber auch, dass der christlich gesinnte und aus dem Christentum lebende Mensch bei seinen Entscheidungen auch den Mut zu unpopulären Maßnahmen haben muss. Als Beispiel sei hier nur die Abtreibungsdiskussion genannt: Ein Mensch, welcher aus christlicher Gesinnung heraus darüber zu entscheiden hat, darf sich nicht dem "Zeitgeist" unterordnen, er muss bei der Abwägung zwischen den beiden sich hier widerstreitenden Rechten, nämlich dem Recht der Mutter auf Selbstbestimmung einerseits und dem Recht des noch ungeborenen Kindes auf Leben andererseits auch bereit sein, unpopulär zu entscheiden, um das absolut schutzwürdige Lebensrecht des ungeborenen Kindes höher zu bewerten als das Selbstbestimmungsrecht der Mutter und deshalb zu schützen.

Zum zweiten aber ruht die katholische Soziallehre auf der Säule des Inneren, d.h. dem Leben aus dem Glauben. Wir wollen diese Komponente mit dem Schlagwort von  der Evangelisierung der Arbeit umschreiben. Dieser Begriff der "Evangelisierung" ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sehr stark betont worden, zu beachten ist aber, dass er in den jeweiligen Dekreten eine oft je andere Bedeutung hat. Nach Paul M. Zulehner - und dieser Auffassung ist zuzustimmen - wird dieser Begriff im deutschsprachigen Raum meistens rein formal, abstrakt und inhaltsleer verwendet.  Dieser Gefahr kann nach Auffassung des Verfassers aber begegnet werden, indem dieser Begriff eben nicht nur als Bezeichnung für eine abstrakte Thematik Verwendung findet, sondern als Handlungsanweisung, als Aufruf zu konkretem Handeln gemäß dieser Maxime aufgefasst wird. Wichtig für unseren Zusammenhang soll die Enzyklika Evangelii nuntiandi sein: Evangelisierung ist gemäß dieser Enzyklika Paul VI. gleichbedeutend mit der Inkulturation des Evangeliums, d.h. Evangelisierung bedeutet nicht nur die Verkündigung sondern auch die Konkretisierung der Frohbotschaft in der Praxis. Evangelisierung geschieht also sowohl im Wort als auch in der Tat.  Und genau diese Zielsetzung und dieses Verständnis von Evangelisierung soll im folgenden besondere Beachtung finden, denn hier geht es darum, das Christsein im Alltag zu verwirklichen, im täglichen Leben in Schule, Beruf und Familie die Strahlkraft des Christentums lebendig zu erhalten und durchzusetzen, denn - so schreibt Rita Süssmuth - „der Christ ... ist aufgefordert, seine ihm 'verliehenen Talente' der Fantasie und Kreativität einzusetzen, um in Situationen einzugreifen und an der Veränderung der Gesellschaft mitzuwirken."  Oder mit den Worten der Bischofssynode von 1971 ausgedrückt: „Der spezifisch christliche Beitrag ... besteht in dem Alltag des gläubigen Christen, der vom Evangelium her ... in Familie, Schule, Arbeit, ins gesellschaftliche und bürgerliche Leben hineinwirkt." 

Enrique Dussel fasst diese oben skizzierte Aufgabe aus der Perspektive der Befreiungstheologie gesehen in folgende Formel: „Befreie den Armen!"  Diese Forderung lässt viel Spielraum für konkretes Handeln und für Interpretationen. Was dem Verfasser hier aber besonders wichtig erscheint, ist die Tatsache, dass diese Forderung auch einen sehr konkreten materiellen Inhalt besitzt, d.h. ganz konkret geht es hier darum, „dem Hungernden Essen, dem Nackten Kleidung und dem Fremden Wohnung zu geben"  Mit anderen Worten: Es wird hier ganz klar gefordert und angemahnt, die - für jeden bestehende - „Verantwortung für die Armen" (Dussel) zu erkennen, sie ernsthaft zu durchdenken und wahrzunehmen, d.h. im aktiven Handeln gegen Missstände anzugehen.

Zur theologischen Begründung dieser oben angesprochenen "inneren" Dimension der katholi-schen Soziallehre und der Forderung Dussels könnte man beispielsweise das Evangelium vom Christkönigssonntag im Lesejahr A der Katholischen Leseordnung, also Mt 25,31-46 heranziehen. Dort heißt es:

31Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. ... 34Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. 35Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; 36ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. 37Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? 38Und wann haben wir dich fremd und Obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? 39Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. 41Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! ... 45... Amen ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. 46Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.

Aus dieser Perikope lassen sich die vier Grundforderungen der jedem Menschen zuzurechnenden Menschenrechte und damit auch die wesentlichen Handlungsanweisungen für einen Christen, der die Aussagen der katholischen Soziallehre beherzigt, ableiten, nämlich:

1.         Jeder Mensch muss genug zum Leben haben (V. 35ab).

2.         Jeder Mensch hat das Recht auf eine Wohnung (V. 35c).

3.         Jeder Mensch hat das Recht, menschenwürdig gekleidet zu sein (V. 36a),

4.         Jeder Mensch hat menschenwürdig, d.h. als Person behandelt zu werden - auch wenn er krank ist oder sich gegen die Gesellschaft verfehlt hat (V. 36bc).

Und genau in diese Situation hinein „artikuliert die Option für die Armen die Hoffnung auf das Kommen von Gottes Reich, welche die Kirche solidarisch werden lässt mit dem Kampf ... um die Durchsetzung gerechter ... Strukturen." 

Leo XIII. verteilte bereits 1891 in seiner Enzyklika Rerum novarum die Aufgabenbereiche bei der Bekämpfung der Folgen der Industrialisierung so auf Staat und Kirche, dass der Staat die Ursachen, die Kirche die Folgen der industriellen Revolution bekämpfen und sich so ergänzen sollten. Für Leo XIII. galt das Christentum als das Gegenmittel gegen Hochmut und Egoismus, zwei der wesentlichen Faktoren, die die soziale Frage damals entstehen ließen und die auch heute noch für das Elend in der Welt verantwortlich sind. Hochmut und Egoismus, d.h. das „Gehen über Leichen“, um seine Ziele und Interessen durchzusetzen und das in den Vordergrundstellen der eigenen Person, der eigenen Interessen „ohne Rücksicht auf Verluste“ sind die Hauptursachen der katastrophalen Verhältnisse in vielen Teilen der Welt.

 

Im Folgenden soll nun versucht werden, die oben genannte Zielsetzung aus der Zeit Leo XIII. zu aktualisieren und es soll - besonders auf dem spirituell-religiösen Teil der Bekämpfung der sozialen Frage aufbauend - ein Katalog an Forderungen und Anregungen erarbeitet werden, der besonders im Hinblick auf das enorme Defizit in den so genannten "neuen" Bundesländern und im Blick auf die kommende europäische Einigung beachtet werden muss.

Aber noch ein anderer Aspekt sollte zunächst Beachtung finden: Es geht um die Bewahrung der Schöpfung. Als Belegstelle dafür könnte man den Psalm 8 anführen:

            2Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde; über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.

            3Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, deinen Gegnern zum Trotz; deine Feinde und Widersacher müssen verstummen.

            4Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt:

            5Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?  ...

            7Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt:   ...

            10Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde.

Dieser Psalm könnte vor allem auch als theologische Begründung für ein Zweifaches dienen:

1.         für die Verpflichtung des Menschen, die Umwelt zu schützen und

2.         sie seinen Nachkommen unversehrt zu hinterlassen

Die Aussage dieses Psalms ist eigentlich ganz einfach und für jedermann verständlich. Dennoch wird viel zu oft gegen sie verstoßen: Die Welt und der Mensch, beide wurden von Gott geschaffen. Und trotz seiner Geschöpflichkeit und seiner angesichts des unendlich großen Weltalls eigentlich doch sehr geringen Bedeutung ist der Mensch, gerade auch weil er von Gott nach seinem Ebenbild erschaffen wurde, von Gott über die Schöpfung, deren Teil er gleichzeitig ist, erhoben worden. Der Mensch soll also über die Schöpfung herrschen; er soll sich die Erde untertan machen (Vers 7; vgl. Gen 1,28-30). Der Mensch aber „ist ein Bedürf-niswesen und kann nur auf Grund der Bedürfnisbefriedigung zu einem freien Austausch gelangen" , und d.h.: Angesichts seiner Kleinheit und Unbedeutendkeit soll, ja muss der Mensch Gottes Recht als Schöpfer bedingungslos anerkennen und ist deshalb verpflichtet,

1.         die Schöpfung zu hegen und zu pflegen,

2.         schonend und liebevoll mit ihr umzugehen, und

3.         die Güte und Liebe Gottes auf der Erde erfahrbar machen.

„Es ist zweifelsohne Aufgabe des Menschen, die Natur zu verändern und zu gestalten, doch ist diese Herrschaft des Menschen nur dann sinnvoll, wenn sie ein Austauschsystem begünstigt, das die Menschen nicht zu Opfern dieser Herrschaft macht."  Die Folgerung aus eben Gesagtem muss also lauten: Der Mensch hat zwar den Auftrag, sich „die Erde untertan zu machen" (vgl. Gen 1,28), dieser Herrschaftsauftrag beinhaltet aber auch eine Verpflichtung: Die Verpflichtung nämlich, die Erde zu schützen und zu bewahren und nicht Raubbau an ihr zu treiben. Und daraus leitet sich eine wesentliche Verpflichtung des Menschen her: Pflicht des Menschen (jedes Menschen!) ist es, auf dieser Erde, die ihm - man müsste noch mehr betonen als bisher - nur leihweise anvertraut ist, Gerechtigkeit und Liebe erblühen lassen. Und diese Gerechtigkeit und Liebe muss für alle Menschen gelten. Es gilt hier also unbedingt darauf hinzuwirken, dass alle Menschen umkehren, umkehren zu einem liebevollen, heilvollen Umgang mit allem, was geschaffen ist, sei es Pflanze, Tier oder Mensch, belebt oder unbelebt. Gerade auch die biblische Redeweise vom „Werk seiner Finger und Hände" (vgl. Verse 4 und 7) ist Ausdruck für die liebevolle und sorgfältige Zuwendung Gottes zu seiner Schöpfung - eine liebevolle Zuwendung, die dem Menschen als Ebenbild Gottes ebenfalls zur Aufgabe gemacht ist. Deshalb ist es die Pflicht des Menschen, der Natur gegenüber Sorgfalt walten zu lassen und es nicht zuzulassen, dass Raubbau an der Natur getrieben wird, dass die natürlichen Ressourcen ungezügelt ausgebeutet und verschwendet werden, dass die Welt immer weniger lebenswert wird.

Fassen wir zusammen: Auf diesen beiden - oben angesprochenen und natürlich aufeinander bezogenen und miteinander verbundenen - Säulen ruht also die katholische Soziallehre. Mehr als bisher zu beachten ist dabei, dass die richtige christliche Grundhaltung (die „innere" Dimension) sich im  Handeln nach außen hin konkretisieren muss. Dabei ist es natürlich selbst-verständlich, dass diese beiden Säulen auf dem Evangelium als sicherem Fundament ruhen müssen, denn um mit Johannes XXIII. zu sprechen: Gott muss das Fundament der sittlichen Ordnung bleiben. In seiner Enzyklika Pacem in terris formulierte Johannes XXIII. dies folgendermaßen: „Da Gott die erste Wahrheit aller Dinge und das höchste Gut ist, ist er zugleich die erhabene Quelle, aus der die menschliche Gemeinschaft allein wahrhaft Leben schöpfen kann, um so recht geordnet, fruchtbar und der menschlichen Würde angemessen zu sein“ (PT 38). Heute ist es aber leider an der Tagesordnung, dass man eher von der Tatsache ausgehen muss, dass diese evangelikale Grundlegung des Christseins immer mehr in Vergessenheit gerät. Es ist deshalb unabdingbar und zwingend notwendig, die folgenden drei Forderungen durchzusetzen und ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Es gilt zu fordern: 

1.         dass die Christen aller Konfessionen herausstellen, dass jeder Mensch - aufgrund seiner Gottebenbildlichkeit und seiner unverlierbaren Würde das Recht hat, sein Leben menschenwürdig und frei aller Zwänge zu leben,

2.         dass sie betonen, dass das Leben einen Sinn  hat, und

3.         dass sie ihre Ansichten in den Meinungspluralismus unserer Gesellschaft einbringen.

Und weil wir feststellen können, dass die christlichen Grundüberzeugungen vom Zusammenleben der Menschen, von Sinn und Ziel des menschlichen Daseins immer mehr in Vergessenheit geraten, ist es nun nötig, fünf wesentliche und wichtige Fragen zu stellen - und diese Fragen sollen im weiteren Verlauf immer auch in unserem Blickfeld bleiben. Sie lauten:

1.         Hat sich der „moderne" Mensch vielleicht im Dschungel der modernen Gesellschaft verirrt?

2.         Hat der Mensch heute die Orientierung verloren und ignoriert deshalb die hilfsbedürftigen Mitmenschen, die Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, die in unserer Industriegesellschaft „auf der Strecke bleiben"?

3.         Sieht der Mensch heute seine Not leidenden Mitmenschen nicht mehr, weil er abgestumpft ist oder womöglich gar absichtlich die Augen schließt vor den Ungerechtigkeiten dieser Welt?

4.         Schämt sich der „moderne“ Mensch vielleicht, zuzugeben, dass er noch an Gott glaubt?

5.         Schämt sich der moderne Mensch vielleicht, Forderungen nach Gerechtigkeit, die aus dem Evangelium abzuleiten sind, zu äußern - weil er glaubt, dafür ausgelacht zu werden?    Es „stellt sich die Frage, ob nicht in den vergangenen Jahrzehnten bei unserem weitgehend vom Interessenpluralismus bestimmten Miteinander übergeordnete Interessen des Gemeinwohls immer mehr zurücktraten und bei den Entscheidungen der Politik und den Ergebnissen der Verbände-Verhandlungen die Interessen sozial Schwacher und Benachteiligter sowie wenig organisierter Gruppen (der Arbeitslosen, der Wohnungssuchenden, der Kinderreichen, der Alleinerziehenden) und die Belange der Entwicklung der armen Länder zu wenig berücksichtigt wurden.“ 

Es stellt sich uns heute also eine große Aufgabe: Wir, d.h. das Lehramt und jeder einzelne Christ tragen die Verantwortung dafür, dass die katholische Soziallehre mit ihren für ein menschenwürdiges Leben unverzichtbaren Grundsätzen und Prinzipien den Menschen wieder plausibel und richtig erscheint. Bewusstseinsbildung und -schärfung ist notwendig. Und zu dieser Bewusstseinsbildung gehört auch, dass die Verantwortlichen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft dazu gebracht werden, wieder neu zu erkennen, dass gerade die Aussagen der Sozialenzykliken seit Leo XIII. für ein gerechtes und richtiges Zusammenleben aller Menschen unverzichtbar sind. Gustav Ermecke hat sicher recht, wenn er schreibt: „Das kirchliche Lehramt hat ... immer wieder darauf hingewiesen, dass die Menschheit ... eine ... Gottesfamilie darstellt, in der die Menschen ... brüderlich verbunden sind."  Die Menschheit als eine große Familie, die geschwisterlich miteinander umgeht! Ein großer, ja schier unglaublicher Anspruch, der hier an die Gestaltung des menschlichen Miteinanders gestellt wird. Leider sieht aber die Wirklichkeit meist völlig anders aus. Deshalb muss es erlaubt sein, zu fragen: Haben die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft diese Äußerung verinnerlicht? Wohl kaum! Niemand, der mit etwas Sachverstand und vom Evangelium und der katholischen Soziallehre ausgehend die heutige Weltlage betrachtet, wird guten Glaubens behaupten können, in unserer Gesellschaft, im Arbeitsleben und in der Politik gehe es geschwisterlich zu.  Die voranste-hend erarbeitete und erläuterte Aufgliederung der katholischen Soziallehre in "äußere" und "innere" Dimension sähe nun, wollte man sie in einem Schema zusammenfassen, etwa so aus:

 

Katholische Soziallehre

 

                        "Äußeres"                                                       "Inneres"

             Einsatz für Gerechtigkeit                                  Leben aus dem Glauben,

            Öffentlichkeitsarbeit                              Evangelisierung  der Welt

 

                                                     Evangelium/Heilige Schrift

 

2.2.      Der Dreischritt "Sehen" - "Urteilen" - "Handeln" als Vorgehensweise der katholischen Soziallehre

Was ist also zu tun? Man muss die Zustände in Wirtschaft und Gesellschaft sehen, sie im Licht des Evangeliums betrachten und Wege aufzeigen, Missstände und Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Johannes XXIII. hat in seiner Enzyklika Mater et magistra diese Vorgehensweise der Soziallehre mit den drei Schritten Sehen, Urteilen und Handeln definiert: „Zunächst muss man den wahren Sachverhalt überhaupt richtig sehen; dann muss man diesen Sachverhalt ... gewissenhaft bewerten; schließlich muss man feststellen, was man tun kann und muss" (MM 236). Und diesen drei Schlagworten Sehen, Urteilen, Handeln, welche das Vorgehen der katholischen Soziallehre bestimmen sollten, lassen sich dann je zwei Fragen zuordnen, nämlich:

1.         Sehen: Wie ist die Situation in Gesellschaft und mitmenschlichem Zusammenleben? Wie verhalten sich die einzelnen Gruppen der Gesellschaft zueinander?

2.         Urteilen: Wo sehe ich Probleme und Missstände? Wo kommt es zu Konflikten?

3.         Handeln: Was kann getan werden, um diese Missstände abzubauen und zur Lösung dieser Probleme beizutragen? Was ist zur Konfliktvermeidung und Konfliktlösung erforderlich?

Mit anderen Worten: Es gilt die „Zeichen der Zeit" zu erkennen („Sehen"), sie im Licht des Glaubens zu analysieren und zu bewerten („Urteilen") und auf der Basis des Evangeliums konkrete Schritte zu ihrer Bewältigung zu unternehmen („Handeln"). Es ist zugegebenermaßen eine sehr schwere Anforderung, die komplizierten, verwirrenden und zum Teil für einen Laien direkt undurchschaubaren Zusammenhänge des modernen Lebens in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu überblicken, sie zu bewerten und ihnen die Forderungen des Evangeliums gegenüberzustellen. Die Kirche hat dies erkannt und gerade dafür gibt es - sozusagen als Orientierungshilfe - die Verlautbarungen der katholischen Kirche seit der Enzyklika Rerum novarum Leo XIII. im Jahre 1891. Man kann also Wolfgang Ockenfels zustimmen, wenn er schreibt: „Das kirchliche Lehramt beansprucht eine Zuständigkeit für die Bewertung der jeweiligen sozialen Fragen aus der Sicht des Glaubens und der Ethik. Die lehramtliche Katholi-sche Soziallehre soll dazu dienen, das verantwortliche Handeln der Gläubigen innerhalb der gegebenen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu orientieren und auch zur aktiven Gestaltung und Verbesserung dieser Ordnung anzuregen."   Dieser oben bereits angesprochene Dreischritt Sehen - Urteilen - Handeln - er geht auf Josef Cardijn, den Gründer der - 1925 durch Pius XI. anerkannten - „Jeunesse Ouvriere Chretienne“ (JOC; seit 1947: Christliche Arbeiterjugend, CAJ) zurück.  - wurde auch von der Theologie der Befreiung aufgegriffen und zu einer theologischen Methode weiterentwickelt. So sagt z.B. Leonardo Boff zu dieser Thematik: „Gleichsam wie ein Ritual kehrt dieses Schema ... wieder: Analyse der Wirklichkeit (Sehen) - theologische Reflexion (Urteilen) - Perspektiven für die pastorale Arbeit (Handeln)."  Auch Clodovis Boff greift diesen Dreischritt auf und interpretiert ihn streng wissenschaftlich als eine Art  dreifacher Vermittlung, nämlich:

       sozio-analytisch (Sehen),

       hermeneutisch (Urteilen) und

       praktisch (Handeln). 

Und zu diesem Dreischritt kommt dann - sozusagen als übergeordnete Kategorie - das Erkennen der „Zeichen der Zeit" hinzu. D.h. also, diese so genannten „Zeichen der Zeit" beeinflussen und bewirken, ja sie erfordern und erzwingen das Sehen und Beurteilen der Verhältnisse und sind das Regulativ für das Handeln des Menschen

Diese nun bereits mehrfach angesprochene Forderung, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen, bedeutet für die Kirche, und hier sind alle Christen gemeint, also „In den Ereignissen, Forderungen und Tendenzen der Zeit Anzeichen des Handelns Gottes in der Geschichte unterscheiden."  Mit anderen Worten: Der Mensch, welcher die „Zeichen der Zeit" erkennt, ist gefordert, die Geschichte der Welt als Geschichte Gottes mit der Welt, mit seiner Schöpfung, zu verstehen.

 

2.3.      Theologie der Befreiung - Hoffnungszeichen oder Irrweg?

Doch nun sei unsere Aufmerksamkeit der bereits kurz erwähnten Theologie der Befreiung gewidmet. Zunächst aber, ehe wir uns explizit dieser Spielart der Theologie zuwenden, seien einige grundsätzliche Vorbemerkungen dazu gemacht, denn gerade leicht verständliche Abhandlungen über diese umstrittene und in Lateinamerika so hochgeschätzte Spielart der Theologie sind leider Mangelware. Die Theologie der Befreiung steht - so hat es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein und das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, warum sie in unseren Breiten mitunter mit großem Misstrauen betrachtet wird - scheinbar im Gegensatz zur christlichen Gesellschaftslehre.  

Als die Hauptaufgaben der katholischen Soziallehre - und dies gilt besonders in Lateinamerika, wo sie, auch wenn sie in christlich orientierten Parteien, in Teilen der sozialreformerisch eingestellten Bewegungen und in einigen Basisgemeinden zumindest selektiv akzeptiert, zum weitaus größeren Teil aber abgelehnt oder zumindest als nur bedingt geeignet angesehen wird - kann man nach Clodovis Boff die folgenden drei Punkte bezeichnen:

1.         Die katholische Soziallehre ist in der Lage, die Menschen für die so genannte „soziale Frage" zu sensibilisieren, d.h. sie „überwindet ein enges Verständnis der Nächstenliebe ... und des Glaubens ..., um auf wirksame Weise unmittelbar und klar die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit zu stellen und auf die betreffende Problematik zu verweisen." 

2.         Die katholische Soziallehre leistet ihren Dienst bei der Rechtfertigung und Begründung umstrittener Stellungnahmen, d.h. sie dient der Pastoral und dem gesellschaftlichen Verhalten als Fundament, auf dem die Befreiungstheologie dann aufbaut.

3.         Die katholische Soziallehre dient den Basisgemeinden als Ermutigung und als Bestätigung für ihr Engagement, d.h. sie fordert - gemeinsam mit der Theologie der Befreiung - jeden auf, „dort wo er ist, in der Weise, ... die ihm zukommt", zu handeln.

Bei genauerer Analyse wird man - und dies soll hier festgehalten werden - feststellen können, dass sich Theologie der Befreiung und Katholische Soziallehre nicht nur nicht ausschließen müssen, sondern dass sie gerade im Zusammenspiel miteinander besonders gut geeignet wären, die herrschenden Probleme und Missstände Südamerikas (und auch anderswo auf der Welt) zu lösen und zu bekämpfen.

Nun aber direkt zur Befreiungstheologie: Zunächst soll gefragt werden, was bedeutet „Befreiung" oder „Freiheit" eigentlich? Das Zweite Vatikanische Konzil gab zu diesem Thema in Gaudium et Spes folgende Situationsbeschreibung: „Niemals hatten die Menschen einen so wachen Sinn für Freiheit wie heute, und gleichzeitig entstehen neue Formen von gesellschaftlicher und psychischer Knechtung" (GS 4). Dabei ist festzuhalten, dass dieser Begriff der „Befreiung" nicht erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den Aussagen des kirchlichen Lehramts aufzufinden ist, nein, mit Tony Mifsud können in der gesamten Literatur die folgenden fünf Grundkonzeptionen von Befreiung aufgewiesen werden:

1.         „Unser historischer Kontext ...macht deutlich, wie wichtig der Begriff 'Befreiung' ist."  Es ist demzufolge Hauptaufgabe und höchste Pflicht der Kirche, Unrecht anzuprangern und Hilfestellung zu leisten, dass die „Befreiung Wirklichkeit wird ... und mitzuwirken, damit sie ganzheitlich erfolgt" (EN 30).

2.         „Der Glaube an ... einen Gott, der die Armen und die Unterdrückten verteidigt, drängt uns, einen befreienden Gott zu verkünden."  Der Mensch muss also als Konsequenz aus diesem Glauben die unverrückbaren und unverzichtbaren Forderungen der Gerechtigkeit im zwischenmenschlichen Verhältnis anerkennen - gerade weil sie auf den Willen und den Wunsch Gottes zurückgehen. Und aus diesem Willen Gottes entspringt auch die Forderung nach Solidarität, wobei es sich „um eine Solidarität mit den Unterdrückten, denen in dieser Solidarität die erste Stelle zukommt"  handelt.

3.         „Das Wirken Jesu wird als eine befreiende Praxis verstanden", d.h. der Christ, der sein Christsein ernst nimmt, muss sich am Beispiel Jesu, welches als zwingende Aufforderung zum Handeln anzusehen ist, orientieren, und

4.         „Die Befreiung von aller Unterdrückung" , denn die Heilsbotschaft der Kirche - das Evangelium Jesu Christi - ist eine Botschaft der Freiheit und der Befreiung. Das Hauptanliegen der Befreiungstheologie ist demzufolge „die Verkündigung des Evangeliums. ... Das Reich Gottes verkünden heißt das Reich des Lebens verkünden, ... deshalb ist ... die große Frage: Wie kann man das Reich des Lebens verkünden in einer Wirklichkeit, die vom Tod gekennzeichnet ist?"  Bedingungen, die der Freiheit und der Gerechtigkeit widersprechen, müssen deshalb als mit dem Evangelium unvereinbar betrachtet werden. Die Bischofssynode von 1971 fasste dies in folgende Worte: „Den Menschen ... kann die christliche Botschaft von Liebe und Gerechtigkeit nur dann glaubwürdig erscheinen, wenn sie sich als wirksam erweist in ihrem Einsatz für Gerechtigkeit" (DeJust 36).

5.         Eine christlich verstandene Rede von Befreiung bedeutet deshalb immer, dass man sich gegen das Unrecht und für die Interessen der Armen entscheidet. D.h. also letztlich: „Die Entscheidung für die Armen ist eine Entscheidung, die vom Glauben an Gott kommt. Der Arme wird von Gott in besonderem Maß geliebt, ... weil er arm ist, weil er in Verhältnissen lebt, die von Gott nicht so gewollt sind."  Hier ist vorrangig die so genannte „Option für die Armen", wie sie Jesus vorgelebt und wie sie von der Theologie der Befreiung favorisiert wird, gemeint. Auf den Punkt gebracht: Der Maßstab, an dem sich jeder Christ in seinem Einsatz für gerechtere und bessere Lebensbedingungen messen lassen muss, ist seine Solidarität mit den Armen, Unterdrückten, Ausgebeuteten und Ausgegrenzten der Gesellschaft. D.h. also nichts anderes, als dass die Praxis der Bewertungsmaßstab ist, „um das Christentum als stimmig zu erweisen. ... Das was der christlichen Praxis ihre Authentizität gibt, ist ihr befreiender Charakter."

Nicht Worte sind also gefragt, sondern Taten. Die christliche Grundüberzeugung jedes Menschen muss sich also in seinem Handeln, in seinem Leben ganz konkret wieder finden - wer nur mit Lippenbekenntnissen gegen das Unrecht wettert, ist kein vollwertiger und echter Christ im Sinne der - uns doch zur Aufgabe gemachten - Nachfolge Jesu. Das Motto unter dem das Leben jedes Christen stehen müsste, lässt sich der Erzählung vom barmherzigen Samariter im Lukasevangelium (10,25-37) entnehmen: „Geh und handle ebenso!“, sagt Jesus am Ende dieser Perikope (Lk. 10,37) - und diese Aufforderung gilt auch für uns. Die beiden großen Kirchen haben in ihrem Konsenspapier zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bundesrepublik folgende Worte zu dieser Thematik gefunden: „Der Glaube an Gott wird konkret in der tätigen Parteinahme für die Schwachen. Christen werden in diesem Sinne dazu aufgerufen: ‘Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach!’ (Jak 1,22)“ (GT 3.10). Aber leider scheinen diese Worte in die Luft gesprochen zu sein, denn mit Gustav Ermecke muss leider festgestellt werden: „Die Frage 'Was sollen wir eigentlich tun als Christen und als Katholiken in der Welt', wird leider zu wenig gestellt. Pessimismus, Inaktivität, Müdigkeit ... machen sich lähmend breit." 

Doch nun zurück zur Theologie der Befreiung: Das Zweite Vatikanische Konzil sprach zwar noch von der „Freiheit“, bereitete aber - wir folgen hier der Argumentation Paul M. Zulehners - damit bereits den Begriff der „Theologie der Befreiung" vor.  Bereits in der Instruktion der Glaubenskongregation Libertatis conscientia von 1986 (20 Jahre nach Gaudium et Spes)- so Paul M. Zulehner - ist diese Identifizierung zwischen Freiheit und Befreiung dann endgültig vollzogen. 

Zu dieser besonders in Lateinamerika hochgeschätzten und nicht unumstrittenen, ja gerade in der westlichen Kirche oft verkannten und nicht selten zu Unrecht vehement bekämpften und verteufelten Theologie der Befreiung seien nun die folgenden Worte angemerkt: Die Theologie der Befreiung, welche nach Gustavo Gutierrez „die kritische Reflexion der geschichtlichen Praxis im Lichte des Glaubens" ist , kann in ihrer Entstehungsgeschichte auf eine Situation zurückgeführt werden, welche „durch Unterdrückung und Ausbeutung gekennzeichnet war und ist. Theologie der Befreiung war und ist der kreative und authentische Versuch, auf diese ... Situation eine genuin christliche Antwort zu geben."  Mit anderen Worten: Sowohl das Subjekt als auch das Objekt einer Theologie der Befreiung ist also der Mensch, und zwar der unter Ungerechtigkeit, unter Ausbeutung und Erniedrigung leben müssende und darunter leidende Mensch. Hier stimmen Theologie der Befreiung und Katholische Soziallehre  also überein. Als Ziel der Befreiungstheologen kann festgehalten werden, dass es ihre Aufgabe ist, „eine befreiende Praxis hervorzubringen, die jenen Menschen die Fesseln der Unterdrückung nehmen kann, indem sie ihm günstigere Lebensumstände ermöglicht."  Dabei wird diese befreiende Praxis - wenn auch nicht nur, so doch auch zu einem erheblichen Teil - als politische Praxis verstanden, denn die Theologie der Befreiung gewinnt ihrem Selbstverständnis nach die ihr eigentümliche Qualität gerade dadurch, dass sie die ihr eigene enge Verbindung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Theologie und Politik als notwendige Grundbedingung für die Erreichung ihrer Ziele betrachtet. Und dies involviert auch ganz konkret politisches Handeln - ein Punkt, in dem Befreiungstheologie und katholische Soziallehre übereinstimmen - besonders wenn man bedenkt, dass verantwortungsvolles Handeln zum Besten der Gemeinschaft heute fast nur noch im politischen Bereich eine Chance des Gelingens hat. Die Theologie der Befreiung versteht nämlich beispielsweise die ungerechten Verhältnisse in Südamerika - beginnend bei ungerechter Verteilung des Besitzes (In fast allen südamerikanischen Staaten ist es so, dass zwischen 5 und 10% der Bevölkerung zwischen 80 und 90% des Grundbesitzes ihr eigen nennen!) bis hin zur reinen politischen Unterdrückung und Willkürherrschaft - nicht vordringlich als in den spezifisch lateinamerikanischen Verhältnissen grundgelegt, sondern als den Entwicklungsländern von außen, d.h. von der so genannten „Ersten" und „Zweiten Welt", aufgezwungene Missstände - ein weiterer Punkt der Übereinstimmung mit der christlichen Gesellschaftslehre. Und die in diesem Zusammenhang immer wieder beklagte Unterentwicklung ist „nicht als Anfang einer zu beschleunigenden und zu verbessernden kapitalistischen Entwicklung anzusehen ..., sondern als ein von der 'Überproduktion' der reichen Nationen sowie den Interessen des transnationalen Kapitals und seiner Brückenköpfe in der 'Dritten Welt' abhängiger Zustand."  „Unterentwicklung ist also eine Folge der Abhängigkeit der Peripherien von dem Interesse der jeweils in den Zentren Herrschenden, das sich in der wirtschaftlichen Konzentration und technischem Fortschritt manifestiert."

Ein sehr wichtiges Wort im Vokabular der Befreiungstheologen ist der Begriff der „Hoffnung". Die Hoffnung wird dabei als eine eschatologische Tugend begriffen, d.h. sie ist eine Grundhaltung, die aus einer schöpferischen und kämpferischen Eschatologie resultiert.  Es gilt deshalb nach Meinung der Befreiungstheologen auch besonderen Wert darauf zu legen, dass die jesuanische Option für die Armen vor allem auch im gesamtkirchlichen Umfang realisiert wird. Diese gesamtkirchlich einzufordernde Solidarität verlangt nämlich nach Norbert Greinacher zunächst einmal Folgendes: „Dass Theologen in der 'Ersten Welt' ihren ... Kollegen in der 'Dritten Welt' mit Rat und Tat zur Seite stehen, ... vor allem auch deswegen, weil hier Grundfragen der Theologie und des kirchlichen Lebens zur Debatte stehen."  Hier lässt sich noch ein erhebliches Handlungsdefizit konstatieren. In diesem Zusammenhang muss aber auch deutlich daran erinnert werden, dass die bereits mehrfach angesprochene und von den Befreiungstheologen teilweise exklusiv beanspruchte „Option für die Armen" nicht in dem Sinne (miss-)verstanden werden darf, als gelte das Evangelium Jesu Christi nur und ausschließlich für die materiell Armen und Verelendeten und als sei diese „Option für die Armen“ vorzugsweise und exklusiv auf lateinamerikanische Verhältnisse anzuwenden. Nein, diese „Option für die Armen" ist kein Exklusivrecht und Sondergut der Theologie der Befreiung. Es muss eindeutig klargestellt werden, dass diese Option für die Armen Gemeingut aller christlichen Kirchen und aller, die sich auf Jesus Christus berufen, ist. „‘Option für die Armen' bedeutet, dass die Kirche sich vorzugsweise, aber nicht ausschließlich den Armen zuwendet. ... Jesus hat sich allen zugewandt: den Armen, den Sündern, den Kranken, den von Dämonen Besessenen und auch den Reichen."  Es ist zwar unzweifelhaft richtig, dass die Option für die Armen Ausdruck für das Bewusstsein einer Kirche ist, „die in der Überwindung einer vermeintlichen politischen Neutralität eine Frage der konsequenten Treue dem Evangelium gegenüber sieht" , aber es ist ebenso unbestreitbar, dass die so verstandene Option für die Armen nicht auf Lateinamerika und die Theologie der Befreiung eingeengt werden kann und darf. Mit einem Blick in die Kirchengeschichte ist nämlich festzustellen, dass diese Option für die Armen bereits seit dem frühesten Bestehen der Kirche wahrgenommen wurde (vgl. Apg. 2,43-47; 4,32-37; 6,1-7) und sie ist auch die Grundlage für die katholische Soziallehre, denn - so schreibt Peter Eicher - „mit ihrer Option für die Armen bekennt sich die reiche Kirche zur biblischen Verheißung, nach welcher Gott ... für das Recht der Unterdrückten und gegen das Unrecht der Bedrücker eintritt."  Ein Beleg für obige Feststellung ist - so lässt sich z.B. mit Dietmar Mieth festhalten -, dass jedes Handeln an ungerechten Verhältnissen „mit einem existentiellen Grundakt der Umkehr" beginnt, d.h. mit dem Eintritt „in eine neue Solidarität. Inhaltlich ist diese Umkehr durch die 'Option für die Armen' gekennzeichnet."  Mit anderen Worten: Die Option für die Armen ergibt sich zwangsläufig aus dem Aufruf Jesu, mit dem er sein Wirken begann: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!" (Mt 4,17). Und dieser Aufruf gilt für alle „Menschen guten Willens", nicht nur für die lateinamerikanischen Christen oder die Befreiungstheologen.  Doch nun zurück zur Theologie der Befreiung und ihren Forderungen an die institutionalisierte und hierarchisch gegliederte, so genannte „Amts“-Kirche: Als wesentliche Aufgaben für die Kirche ergeben sich aus der Theologie der Befreiung die folgenden vier Zielsetzungen, nämlich

1.         Freiheit und Brüderlichkeit. Das bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Kirche die Aufgabe hat, die bestehenden „Strukturen ... auf größere Freiheit und Brüderlichkeit hin"  zu ändern. Es geht also vorrangig darum, klarzustellen, dass die Menschheit dazu berufen ist, „eine politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung zu schaffen, die immer besser im Dienst des Menschen steht."

2.         Unabhängigkeit. Das besagt, dass die Kirche verpflichtet ist, ihre angebliche - und ihr immer wieder vorgeworfene -  Verflechtung mit den herrschenden Bevölkerungsschichten zu überdenken und zu beseitigen. Hier gilt es aber auch zu warnen: Nach Joseph Kardinal Höff-ner besteht die ernste Gefahr, dass die Theologie der Befreiung sich zu einseitig auf das rein politische Handeln konzentriert  - hier ergeben sich einmal mehr Berührungspunkte zur so genannten „politischen Theologie", welche später noch genauer zu besprechen sein wird.

3.         Hilfe zur Selbsthilfe schließlich bedeutet, dass es unumgänglich ist, mehr Hilfe zur Selbsthilfe im Sinne des Subsidiaritätsprinzips zu gewähren und zwar muss diese Hilfe selbstlos, also ohne vorherige Abwägung von Kosten und Nutzen, von der so genannten „Ersten Welt" ausgehen. Die Zielsetzung dieser Hilfe muss dabei eindeutig auf die Gewährung der Eigenständigkeit und der autonomen Entwicklung der Ortskirchen in den Entwicklungsländern gerichtet sein. 

4.         aber besagt der Begriff vom Dienst in der Welt, dass mehr Wert darauf gelegt werden muss, dass die Kirche ihre Aufgabe für die Welt und in der Welt erfüllt. Mit anderen Worten: „Nicht die Welt ist für die Kirche gemacht, ... sondern die Kirche ist für die Welt da.“

 

Ein Sonderfall ist hier noch zu beachten - die so genannte „Theologie der Revolution": Nach P. Wychodil konkretisieren sich die so genannte „politische Theologie" und gerade auch die so genannte „Theologie der Befreiung" in der von ihm präferierten „Theologie der Revolution" - ein sehr widersprüchliches und ambivalentes Gebilde. Diese „Theologie der Revolution" wird verstanden als die „Reaktion moderner Theologen auf die Versäumnisse der Scholastischen Tradierung des Naturrechts. .. Der 'triumphalen' Kirche wird die 'kenotische' Kirche entgegengestellt."  In diesem Zusammenhang wird dann von Wychodil der so genannte „progressive Imperativ" erhoben. Progressiver Imperativ, d.h. jeder Mensch hat der Forderung „Handle immer fortschrittlich und revolutionär, damit du als Christ überall an der Spitze der Friedens- und Emanzipationsbewegung stehst!"  zu entsprechen.  Hier ist aber bereits erstmals Kritik anzubringen: Der Begriff „Revolution“ ist nach Meinung des Verfassers bereits als unglücklich gewählt zu sehen, denn

1.         ist er ideologisch vorbelastet und

2.         bezeichnet er - gerade auch in der Umgangssprache - „eine Reihe von Vorgängen in politischem, sozialen, wirtschaftlichem und technischen Bereich, die in mancher Hinsicht zwar ähnlich sind, in anderer Hinsicht aber nicht vergleichbar erscheinen." 

Mit anderen Worten: Die Rede von einer wie immer auch gearteten „Revolution" ist ambivalent, denn der Revolutionsbegriff, wie er heute im Bewusstsein der Menschen verankert ist, hat im wesentlichen zwei mit der katholischen Soziallehre unvereinbare Komponenten. Revolution bedeutet nämlich eine stoßweise, plötzlich vonstatten gehende und deshalb meist gewaltsame Veränderung einerseits, andererseits aber geht diese Veränderung nach den Regeln einer, den sozialen Inhalten zugrunde liegende, Ideologie vonstatten. Noch einmal sei es deshalb mit den Worten Rudolf Weilers gesagt: „Im Wort Revolution stecken heute so verschiedene Sinngehalte ..., dass sein verantwortlicher Gebrauch ohne eine vorausgehende Analyse und den Versuch einer klaren sittlichen Beurteilung nicht angeht, zumal es zu verhindern gilt, dass voreilige Schlüsse ... gezogen werden." 

Doch nun zurück zur Theologie der Revolution: Die Theologie der Revolution war zunächst der Versuch, eine politische Theologie zu konzipieren, die dem raschen soziologischen und politischen Wandel in der Dritten Welt gerecht werden sollte. Hier gilt es aber im gleichen Atemzug auch einzuschränken, denn auch die katholische Soziallehre kann hier wichtige und wesentliche Anregungen geben - und zwar im Gegensatz zur Theologie der Revolution ohne die Propagierung von Gewaltanwendung. Wir sagten es ja bereits: Der Begriff „Revolution“ ist zweideutig und ideologisch vorbelastet. Es ist deshalb unumgänglich, zunächst zu fragen, wie die Verfechter der Theologie der Revolution diesen Begriff definieren. Im Sinne der Vertreter dieser Spielart der Theologie nämlich bedeutet „Revolution" vorrangig einmal das Sich-Einsetzen der Christen für eine Humanisierung des gesellschaftlichen Lebens. Mit den Worten Wychodils ausgedrückt, stellt sich dies so dar: Die „Theologie der Revolution ... formuliert die Ziele, ... versucht, das wahre Anliegen der Kirche in der Welt von heute neu zu bestimmen, ... bietet ... eine Alternative zum Kommunismus an." 

Es gilt hier erneut auf das schon Angemerkte zu verweisen und entschiedene Vorbehalte anzumelden, besonders da die „Theologie der Revolution" - vor allem in der Hinsicht, dass „Revolution" immer den Beigeschmack von gewalttätigen Auseinandersetzungen, blutigem  Umsturz und Unterdrückung Andersdenkender hat - den Eindruck erwecken könnte, die Gewalttätigkeit in der Auseinandersetzung um bessere Lebensbedingungen theologisch rechtfertigen zu wollen. E.W. Böckenförde bringt diese eben angesprochene Problematik  auf den Punkt, wenn er sagt, dass die Theologie der Revolution sich eines dreifachen Vergehens schuldig macht, indem sie

1.         die Grenze der offenbarungsgebundenen und offenbarungsinterpretierenden Theologie überschreitet. Und während die Theologie der Revolution sich dieser Grenzüberschreitung befleißigt, verabsolutiert sie

2.         „religiös motivierte politische Theorien und Ansichten über Inhalt und Mittel politisch-sozialer Ordnung“ und stellt dadurch

3.         die Theologie als „Wissenschaft von der geschehenen Offenbarung selbst in Frage."

Es kann abschließend also festgehalten werden, dass es nicht angehen kann, dass im Namen Jesu Christi zu Gewaltanwendung aufgerufen wird, denn oberstes Leitziel all unseres Handelns sollte sein, was Paul VI. in seiner Enzyklika Evangelii nuntiandi schreibt: „Die Kirche kann nicht die Gewalttätigkeit ... als Weg zur Befreiung akzeptieren, denn sie weiß, dass die Gewalttätigkeit immer Gewalt hervorruft.“

Nun aber in aller gebotenen Kürze noch einmal zurück zu den Zielen der Theologie der Revolution. Wertneutral und vorurteilslos betrachtet sind als Grundmerkmale einer solchen Theologie in Anlehnung an Fahlbusch zunächst einmal die folgenden vier Hauptpunkte zu erheben: 

1.         Die Theologie der Revolution bemüht sich die revolutionäre Grundhaltung unserer Zeit für theologisches Reden und Handeln fruchtbar werden zu lassen. Sie ist deshalb

2.         zu verstehen als der „Versuch, unter Berufung auf den revolutionären Charakter der biblischen Botschaft den Elan des christlichen Anfangs wiederzugewinnen."  Das aber bedeutet,

3.         dass die Theologie der Revolution durch ihren Bezug auf die kommende eschatologische Gottesherrschaft aufzeigt, dass in der Gegenwart noch manches im Argen liegt. Und des-halb fordert die Theologie der Revolution,

4.         dass diese Missstände schnellstmöglichst behoben werden und die Menschen sich bekehren, d.h. umkehren. Diese Umkehr muss dabei als ein öffentliches Geschehen begriffen werden, d.h. sie darf nicht auf den innerkirchlichen Bereich mit Beichtsakranment und Sündenvergebung beschränkt bleiben, sondern muss sich im öffentlich-gesellschaftlichen Leben, also im ganz konkreten und jeweils den Umständen angepasstem Handeln und im Einsatz für gerechtere und menschenwürdigere Lebensverhältnisse konkretisieren. Die so verstandene Umkehr stellt dann „einen personalen sittlichen Akt dar, der zugleich ... die Kraft gesellschaftlicher Veränderung freisetzt."

Hier sei nun noch einmal in aller Kürze etwas Kritik angebracht: Kritisch anzumerken ist, dass meines Erachtens Fahlbusch falsch liegt, wenn er schreibt: „Dem Konzept einer 'Theologie der Revolution' sind mit je anderer Akzentuierung weitere theologisch-ethische Entwürfe gefolgt: 'Theologie der Hoffnung' (J. Moltmann), 'Politische Theologie' (J.B. Metz), 'Theologie der Befreiung' (G. Gutierrez)".  Johann Baptist Metz und seine politische Theologie beispielsweise entwachsen eben nicht der Theologie der Revolution, sondern die Theologie der Revolution ist - wenn überhaupt - als ein Unter- und Sonderfall der politischen Theologie zu interpretieren! Und die Theologie der Befreiung ist - wenn man sie so versteht, wie Gustavo Gutierrez - beileibe keine gemäßigte Theologie der Revolution. Gutierrez nämlich benennt drei Bedeutungsebenen für die Theologie der Befreiung, die da wären: „(a) Die politisch-soziale Befreiung ..., (b) die geschichtliche Befreiung ... und (c) das Verständnis von liberacion als Erlösung durch Jesus Christus, als Befreiung von persönlicher Schuld vor Gott". 

Hier sei auch kurz auf Norbert Greinachers Kritik an der katholischen Soziallehre eingegangen. Greinacher sieht die katholische Soziallehre aus der Position eines Vertreters der Theologie der Befreiung und wirft ihr deshalb vor, dass ihre Entstehung „auf dem Hintergrund der Auflösung der mittelalterlichen Ordnung Europas ..., auf dem Hintergrund auch der entstehenden Nationalstaaten und des Zerfalls der Ständeordnung"  zu sehen und ihr deshalb jede Relevanz und Eignung im lateinamerikanischen Situationen abzusprechen sei, denn - so argumentiert Greinacher - „die dritte Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopates in Puebla erklärt 1979: 'Die freie Marktwirtschaft in ihrer reinsten Ausprägung, die immer noch auf unserem Kontinent gilt ..., hat den Abstand zwischen Reichen und Armen vergrößert, weil sie das Kapital vor die Arbeit setzt, wirtschaftliche Interessen vor soziale Belange'".  Das ist es aber gerade, was der katholischen Soziallehre am Herzen liegt: Die Missstände und Auswüchse einer liberalistischen Wirtschaftsordnung, die Arbeit als Ware sieht und nur auf Steigerung des Profits aus ist, einzudämmen, anzuprangern und abzuschaffen!

 

3.  Kontinuität und Wandel in der katholischen Soziallehre

Die katholische Soziallehre, wie sie sich uns heute darstellt, wurde - und dies gilt es immer zu beachten - nicht an einem Stück formuliert und vorgestellt, sondern ist organisch gewachsen, denn es handelt sich bei allen Verlautbarungen der Kirche in diesem Bereich immer um Antworten auf ganz bestimmte Fragen, die sich der Kirche zu bestimmten Zeiten stellten. Oswald von Nell-Breuning drückte dies folgendermaßen aus: „Päpste und Bischöfe haben sich jeweils aus gegebenem Anlass zu Fragen der Gesellschaft und ihrer Ordnungsstruktur geäußert. So sind alle kirchenamtlichen Dokumente ... Gelegenheitsschriften und als solche keine vollständige oder systematische Darstellung im Sinne eines Lehrbuchs."  Das heißt also: Der kontextuelle Hintergrund, vor dem lehramtliche Aussagen ergangen sind, ist immer zu beachten, damit man in die vorliegenden Texte nichts hineininterpretiert, was nie und nimmer damit intendiert war. Und deshalb ist es auch unbedingt nötig, zu beachten, dass alle lehramtlichen Äußerungen zu Fragen der katholischen Soziallehre immer auch ein Stück Vorläufigkeit beinhalten und damit auch wandelbar und interpretierbar sind. Mit den Worten Peter Hüner-manns ausgedrückt: „Die einzelnen Dokumente rekurrieren zwar auf Grundsätze und Prinzipien, legen aber keine Prinzipien vor. Sie bieten vielmehr Orientierung. Sie sind nicht endgültig, sondern bedürfen der Fortschreibung, weil sich im geschichtlichen Prozess Erfahrungen zeitigen, Institutionen bilden, Misserfolge einstellen, die vorher nicht abschätzbar waren und die in die Überlegungen einzubeziehen sind.“  Und aus den eben genannten Gründen heraus ist es nicht nur möglich sondern mitunter auch nötig, dass Aussagen der christlichen Gesellschaftslehre als Antwort auf Wandlungen in politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in späteren Enzykliken modifiziert, umgedeutet, abgeschwächt oder ersetzt wurden bzw. werden, denn diese Wandlungen müssen ja von der katholischen Soziallehre gesehen und analysiert werden. 

Es darf aber nun nicht etwa der Eindruck entstehen, als hätte die Kirche sich vor 1891 nicht mit dem Menschen, seinem Leben und Zusammenleben befasst. Nein, mit Wolfgang Ocken-fels muss festgehalten werden: „Die Geschichte der Katholischen Soziallehre beginnt ... nicht erst mit der 'Arbeiterfrage' des 19. Jahrhunderts, ... sondern die Kirche hat sich von ihren Anfängen an in Lehre und Praxis um die sittliche Gestaltung des sozialen Lebens gekümmert, um die 'soziale' Frage von Armut, Reichtum und Sklaverei; um die 'Wirtschaftsfrage' von Eigentum, Zins und Wucher; um die 'politische' Frage von Krieg und Frieden und das Verhältnis Kirche - Staat."

Ein besonders wichtiger und markanter Punkt, an dem sich derartige oben angesprochene Änderungen und Wandlungen gut feststellen lassen, ist die ursprünglich sehr naturrechtlich geprägte Argumentationsweise der katholischen Soziallehre, wie sie sich beispielsweise in Rerum novarum darstellte. Auf diese Änderungen und die daran sich entzündende Diskussion bezüglich dieser naturrechtlichen Argumentationsweise wird später noch ausführlicher eingegangen werden. Weitere und konkret zu belegende Änderungen wie bei der Diskussion um das Naturrecht aber hat es - wir erwähnten es bereits - beispielsweise gegeben „etwa in den Stellungnahmen zur Religions- und Pressefreiheit, zur Zins- und Eigentumsfrage und zum demokratischen Staatswesen."  Und gerade die neuesten Entwicklungen im Bereich der Religionsfreiheit lassen die Wichtigkeit und Unabdingbarkeit der katholischen Soziallehre erahnen: Laut dem Urteil des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 10. August 1995 ist es nicht mehr statthaft, von staatlicher Seite her vorzuschreiben, dass in den Klassenzimmern staatlicher Schulen in Bayern ein Kreuz an der Wand zu hängen habe. Diese Entscheidung wird mit dem Grundrecht auf Religionsfreiheit begründet. Das wäre ja noch zu akzeptieren, aber wenn man nun bedenkt, dass wir uns immer noch damit brüsten, dass wir im so genannten „christlichen Abendland“ leben, muss dieses Urteil doch sehr zu denken geben. Nicht einmal die braune Diktatur der Nationalsozialisten hatte geschafft, was nun mit einer Entscheidung des obersten Deutschen Gerichts gelungen ist! Sosehr der Grundsatz der Religionsfreiheit dem Schutz von Minderheiten dient, sosehr muss hier gefragt werden, ob etwa mittels dieses Grundrechts etwa die Diktatur von Minderheiten gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung begründet werden darf. Der nächste - nur folgerichtige - Schritt müsste dann sein, alle Wegkreuze und alle Darstellungen des Gekreuzigten von Kirchen, öffentlichen Gebäuden und Friedhöfen zu entfernen, damit das religiöse Empfinden einiger Weniger dadurch nicht gestört oder beeinträchtigt wird!

In obigen Bereichen also lassen sich - wie bereits gesagt - deutliche Änderungen und Wandlungen festhalten - dennoch aber blieb sich die katholische Soziallehre treu in ihrem Grundanliegen, d.h. in ihrem Bestreben, eine menschliche, gerechte und dem Evangelium gemäße Lebensordnung zu ermöglichen. Eine besondere Eigenart der katholischen Soziallehre ist es nämlich, dass sie zwei eigentlich konträre Aspekte miteinander zu  verbinden weiß, d.h. dass sie gleichzeitig Kontinuität und Erneuerung beinhaltet  - besonders ausgeführt wird dies in der Enzyklika Johannes Paul II. Sollicitudo rei socialis. Mit den Worten Johannes Paul II. ausgedrückt heißt das, die katholische Soziallehre bleibt „konstant, weil sie sich gleich bleibt in ihrer Grundidee, ... sie ist andererseits immer neu, weil sie die notwendigen und ratsamen Anpassungen erfährt" (SRS 3). Diesem Zitat und der oben gegebenen Beschreibung dessen, was die katholische Soziallehre darstellt, lässt sich eine wesentliche Grundforderung für diese theologische Disziplin entnehmen: Die christliche Gesellschaftslehre darf nicht damit zufrieden sein, sich auf ihren „Lorbeeren" auszuruhen, d.h. ihre Grundprinzipien unverrückbar festzuhalten und zu betonen. Nein, die katholische Soziallehre muss gerade ihre Prinzipien im Licht der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Wandlungen sehen und versuchen, die konkret erfahrbare Situation im Licht dieser Sozialprinzipien zu bewerten und - wenn möglich - zu verbessern.

 

II.  Die Soziale Frage als Auslöser für die christliche Gesellschaftslehre

 1.  Das Apostolat der Laien und die bleibende Aktualität der chris6tlichen Gesellschaftslehre

1.1.      Der Apostel der Arbeiter: Der Arbeiter selbst

In der Enzyklika Quadragesimo anno von 1931 können wir folgenden Satz finden: „Die ersten und nächsten Apostel unter der Arbeiterschaft müssen Arbeiter sein; ebenso müssen die Apostel für die Welt der Industrie und des Handels aus dieser selbst hervorgehen."  Diese Aussage beinhaltet nun eine große und gewaltige Verantwortung für jeden einzelnen Christen. Und diese überaus verantwortungsvolle Aufgabe ist immer noch hochaktuell, denn es muss hier deutlich gesagt werden, dass es eben nicht so ist, als ob diese Forderung aus dem Jahre 1931 mittlerweile an Geltung verloren hätte oder relativiert worden wäre. Nein, diese Forderung behält ihre Gültigkeit, ja ihre Wichtigkeit nimmt gerade heute immer mehr zu. 1945 sagte Pius XII. in seiner Ansprache an die ACLI: „Die katholischen Arbeitervereine ... sind vor allem Zellen des christlichen Apostolates in unserer Zeit. ... sie erhalten, pflegen und hüten ... das religiöse und sittliche Fundament des Lebens in einer Weise, die den besonderen Lebensverhältnissen jeder Zeit angepasst ist. ... Erfüllt der Arbeiterverein diese Aufgabe, so werden aus ihm wahre Apostel hervorgehen, Arbeiter, die zu Aposteln ihrer Kameraden werden."  Es kann nun aber - wie oben bereits erwähnt - festgestellt werden, dass diese Aussagen - auch wenn sie schon vor mehr als einem halben Jahrhundert gesagt bzw. geschrieben wurden - noch immer Gültigkeit besitzen, ja in der heutigen Welt vielleicht noch allgemeingültiger geworden sind, als zur Zeit ihrer ersten Veröffentlichung: Wir können uns nämlich nicht mehr an der Einsicht vorbeistehlen, dass unsere Gesellschaft immer weiter auf dem Weg zu einer Arbeitnehmergesellschaft voranschreitet - und dieser Prozess ist unumkehrbar. Fragen wir uns doch einmal, wer alles zur so genannten „Arbeiterklasse" gehört: Arbeiter, Angestellte, Beamte des unteren und mittleren Dienstes - aus diesen Bereichen kommen heute die Menschen, die sich zur Arbeiterklasse zählen. Und ein weiteres: Mehr als 80% der rund 35 Millionen Erwerbstätigen in der Bundesrepublik stehen heute in einem Lohn-Arbeits-Verhältnis – und der weitaus größere Teil davon bezieht dabei ein eher niedriges Einkommen. Bereits Johannes XXIII. hat in seiner Enzyklika Mater et magistra auf diese Erscheinung hingewiesen, wenn er schreibt: „Wenden wir uns dem gesellschaftlichen Bereich zu, so stellen wir fest: ... die Ausdehnung des Wohlstandes auf immer breitere Schichten der Bevölkerung; die wachsende Beweglichkeit des Menschen zwischen den einzelnen Industriezweigen und die ständige Verminderung des Unterschieds zwischen den verschiedenen Schichten." 

Man könnte nun - betrachtet man sich das oben Gesagte und zieht Lohn- und Gehaltstabellen und Statistiken zu Rate - mit Konrad Baumgartner ganz pointiert sagen: „Arbeiter sind überwiegend in untergeordneten Positionen beschäftigt, ..., haben den geringsten Ausbildungsstand, die schlechtesten Aufstiegsmöglichkeiten, ..., machen die Erfahrung von Unselbständigkeit und Fremdbestimmung."  Aber diese etwas überspitzte Formulierung Baumgartners muss natürlich sofort eingeschränkt werden, denn es gilt zu beachten, dass die so genannte Arbeiterklasse heute nicht mehr als die gleichförmige und homogene Gesellschaftsschicht betrachtet werden kann, wie das früher mit dem Begriff des „Proletariats“ möglich war. Die so genannte „Arbeiterklasse“ von heute unterscheidet sich in sich selbst doch zu sehr nach Ausbildung, Beschäftigungsart, Verantwortung, Einkommen und Wohnweise, als dass obige Verallgemeinerung noch zutreffend wäre. Es gibt ungelernte Arbeiter, Facharbeiter, Vorarbeiter, Meister und sonstige Spezialisten; Arbeiter sind Abgeordnete in Landtagen und im Bundestag, sie sitzen im Stadtrat oder Bezirkstag. Aber genau dieses immer stärkere Anwachsen der Gruppe derer, die zur Arbeiterklasse zu rechnen sind, ist der Punkt, an dem Kirche und christliche Gesellschaftslehre ansetzen müssen. Es gilt, unter den Werktätigen die Botschaft des Evangeliums wach zu halten, und d.h.: Die vordringliche Aufgabe der christlichen Gesellschaftslehre muss es sein, die Arbeitnehmer zu befähigen, ihren Glauben auch am Arbeitsplatz zu leben, zu bekennen und (eine heute besonders wichtige Aufgabe) zu verteidigen. Das Beispiel eines christlich gesinnten und seinen Glauben nicht nur lebenden, sondern vorlebenden Menschen wird nämlich weit mehr Überzeugungskraft besitzen, als kluge Vorträge und hochwissenschaftliche Bücher über das Christentum je bewirken könnten. Ein gutes Vorbild, ein Beispiel gelebten Christentums - das ist es, was heute so unverzichtbar und so nötig ist wie vielleicht noch nie zuvor in der Geschichte. Sollte heute nicht mehr möglich sein, was in der frühen Kirche möglich war: Ein Vorbild im christlichen Leben sein, so dass die Leute aufmerksam werden und sagen: „Seht, wie sie einander lieben!“?

 

1.2.      Die christliche Gesellschaftslehre - bleibend gültig und unverzichtbar:

Man kann bezüglich dessen, was der christlichen Gesellschaftslehre am Herzen liegt, zunächst einmal mit Johannes XXIII. sagen: "Die Soziallehre, die die katholische Kirche überliefert und verkündet, bleibt ohne Zweifel für alle Zeiten in Geltung" (MM 218). Ruhigen Gewissens können wir also vorerst einmal behaupten, dass die Lehren der katholischen Kirche bezüglich Arbeit, Löhnen, Menschenwürde, Gemeinwohl, Solidarität, Subsidiarität usw., welche seit der Enzyklika Rerum novarum mehr und mehr im gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben anerkannt und durchgesetzt worden sind und auch in weltlicher Gesetzgebung Beachtung gefunden haben, eine sehr wichtige, ja unverzichtbare Rolle im Zusammenleben der Menschen spielen. Aber können wir dabei wirklich „ruhigen Gewissens“ sein? Bei aller Richtigkeit obiger Aussage – wie viele Beispiele dafür, dass oben Angeführtes nur auf dem Papier steht, aber nicht in die Praxis umgesetzt wird, müssen wir noch haben? „Papier ist geduldig“, sagt das Sprichwort - und mit dem Papier, auf dem die Prinzipien und Grundsätze der katholischen Soziallehre stehen, ist es offensichtlich nicht anders! Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl, Recht auf Arbeit, menschenwürdiges Leben, sind es denn nicht Lippenbekenntnisse, leeres Gerede, Geschwafel? Wir sollten uns gerade deshalb eben nicht „auf unseren Lorbeeren ausruhen“, sondern wieder mehr darauf bedacht sein, dass die Lehren der christlichen Gesellschaftslehre nicht zu leeren Worthülsen, zu leeren Buchstaben verkommen. Mit Pius XI. ist es nämlich einerseits möglich zu sagen, dass „in der Tat ... die katholischen Sozialprinzipien mit der Zeit Gemeingut des Menschengeschlechts geworden" sind , andererseits aber drängt sich gerade in letzter Zeit einem unbefangenen Betrachter mehr und mehr der Eindruck auf, als würde diese Äußerung Pius XI. in immer größerem Maße von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft Lügen gestraft. Denn es ist heute unübersehbar, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre bzw. Jahrzehnte  immer mehr in die der katholischen Soziallehre direkt entgegengesetzte Richtung tendiert. Der wirtschaftliche Profit, das Konsumdenken, die Gewinnmaximierung - das sind auch heute noch die beherrschenden Größen des Wirtschaftslebens. Und dieses Profit- und Wettbewerbsdenken lässt - trotz aller erreichten Verbesserungen - immer noch zu wenig Platz für Menschlichkeit und humane, d.h. menschenwürdige Arbeitsbedingungen.

Aus oben Gesagtem können wir zunächst einmal entnehmen, dass sich im wesentlichen zwei Grundeinstellungen im heutigen Leben unvereinbar gegenüberstehen:

 

  Solidarität                                                                                      Profitstreben

  Subsidiarität                                                                                  Wettbewerb

  Gemeinwohl                                     ß========à                Konsumdenken

  Recht auf Arbeit                                                                            Konsumzwang

  menschenwürdiges Leben                                                       Gewinnmaximierung

      

Und dazu bekommt einer dieser Aspekte, nämlich das wachsende Konsum- und Versorgungsdenken vieler Menschen ein immer größeres Gewicht. Ganz brutal ausgedrückt, könnte man sagen: Der „moderne“ Mensch ist bequem und unselbständig geworden: Der „moderne“ Mensch ist eigentlich lebensuntauglich, denn ohne staatliche Hilfe und Bevormundung geht er zugrunde, d.h. er weiß sich selbst kaum mehr zu helfen, wenn er Probleme auf sich zukommen sieht. Es gibt nämlich heute geradezu einen Kult des Lebensstandards, des Lebensgenusses und des Versorgungsstaats zu konstatieren:  „Allzu viele gewöhnten sich daran, auch bei wachsendem Einkommen alles zu verbrauchen. ... So kam es dahin, dass sich der Verbrauch nicht mehr damit begnügt, der wachsendem Produktivität auf dem Fuße zu folgern, sondern möglichst von ihren künftigen Leistungen schon einiges vorwegzunehmen sucht. ... Der Drang zum Versorgungsstaat ist der natürliche Zwillingsbruder des Konsumrausches. ... So verlässt man sich denn, statt auf Selbstverantwortung und Eigenvorsorge bedacht zu sein, immer mehr auf den Staat, schiebt ihm die Verantwortung zu und rechnet darauf, dass er im Notfall für alles einstehen wird."  Dieser bereits 1960 von Paul Jostock festgestellte Trend zum absoluten Versorgungsstaat ist heute immer noch aktuell, und das, obwohl der Staat eigentlich schon seit längerem nicht mehr in der Lage ist, alle Ansprüche, welche die Bürger an ihn stellen, zu erfüllen. Falls nicht in absehbarer Zeit ein Umdenkungsprozess stattfindet, wird es in der Bundesrepublik Deutschland zur selben Situation kommen, wie schon vor Jahrzehnten in Großbritannien. Dort wurde der „Wellfare-state“ gezwungenermaßen abgespeckt und saniert: Die Kosten der umfassenden sozialen Sicherung und Versorgung der Einwohner waren nicht mehr aufzubringen. Und gerade im Blick auf dieses Beispiel und angesichts der Probleme in anderen Staaten ist es mehr als verwunderlich, dass maßgebliche Kreise in der Bundesrepublik (und nicht nur bei uns; man vergleiche die Geschehnisse Ende 1995 in Frankreich) dem Umbau des Sozialstaates und der Sanierung des sozialen Netzes (Stichwort: Gesundheitsreform) mit vehementer Ablehnung gegenüberstehen: Will man Solidarität üben und ein menschenwürdiges Leben nicht nur für sich, sondern auch für die Mitmenschen ermöglichen, dann darf es einfach nicht sein, dass das Gemeinwohl, d.h. die Allgemeinheit, darunter leiden muss, weil Einzelne nicht bereit sind, ihren Egoismus hintanzustellen und sich Gedanken über notwendige Einschränkungen zum Wohle aller zu machen. Es muss gerade deshalb - bedenkt man voranstehend Gesagtes und betrachtet man sich die heutige Situation unvoreingenommen - eben nicht so sein, dass die christliche Gesellschaftslehre in der modernen Wohlstandsgesellschaft ihre Berechtigung verloren hat, im Gegenteil, sie muss gerade heute um so mehr in das Bewusstsein der Menschen gerückt werden, je stärker die Gruppe der Arbeitnehmer anwächst und je größer und drängender die Probleme werden. Und besonders gilt es hier eines zu bedenken: Die christliche Gesellschaftslehre darf und kann sich heute nicht mehr darauf beschränken, sich vorrangig oder exklusiv um die Situation der arbeitenden Menschen einer bestimmten Region, eines bestimmten, genau abgegrenzten Staates zu kümmern. In der modernen Welt mit ihren Verflechtungen und Vernetzungen, in der wir leben, liegt die Aufgabe der christlichen Gesellschaftslehre im gesamtmenschlichen Bereich, d.h. auch und gerade auf internationaler Ebene - besonders auch dann, wenn man sich vor Augen hält, welche Probleme und Schwierigkeiten sich gerade mit der Globalisierung des Welthandels und des ganzen Lebens eines jeden Menschen ergeben. Es muss deshalb heute vordringlich darum gehen, die Grundsätze der katholischen Soziallehre im größtmöglichen Kontext, d.h. im gesamtmenschlichen Miteinander, also in der internationalen Politik, in Weltwirtschaft und Gesamtgesellschaft zur Geltung zu bringen. Und gerade aus diesem Grunde ist mit Johannes XXIII. zu fordern, dass besonders all jene, „die in der politischen Gemeinschaft und in diesem Problemkreis führend sind ..., auf die Grundsätze des Naturrechts achten, sich nach der Soziallehre der Kirche richten und in Übereinstimmung mit den Richtlinien des kirchlichen Lehramts stehen."  Leider muss aber heute festgestellt werden, dass diese Forderung viel zu oft in den Wind geschlagen wird. Kaum einer der sich als Christen bezeichnenden Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kennt die christliche Gesellschaftslehre, und wenn jemand sie wirklich kennt, dann drängt er sie in den Hintergrund. Die Situation ist heute wohl eher genau umgekehrt zu Johannes XXIII. Forderung zu beschreiben: Statt den Grundsätzen der katholischen Soziallehre Raum zu geben, ihre heilvolle Wirkung für das menschliche Zusammenleben zu entfalten, wird derjenige, der sich in der heutigen Zeit auf die Aussagen der katholischen Soziallehre beruft und damit etwas erreichen will, behandelt wie dereinst Franz-Josef Ritter von Buß im badischen Landtag  -  er wird sofern man ihm überhaupt zuhört nur eine Reaktion bewirken: er wird ausgelacht.

Die Grundlegung der katholischen Soziallehre ist - so stellten wir bereits fest - mit der von Leo XIII. 1891 veröffentlichten Enzyklika Rerum novarum gegeben. Auf dieser immer noch aktuellen Enzyklika basiert das ganze Gebäude der christlichen Gesellschaftslehre und man kann Johannes XXIII. wohl zustimmen, wenn er sagt: „Vertieft man sich nur gründlich in die Grundsätze ....dieses bedeutenden Rundschreibens unseres großen Vorgängers, so wird offenkundig, dass sie auch in unseren Tagen noch ihre alte Autorität behaupten" (MM 9), denn - so sagte Paul VI. aus Anlass der 75-Jahrfeier von Rerum novarum -  aus dieser Enzyklika „ist ein ganzes Lehrgebäude geworden, das sich mit der Wirtschaft, der Soziologie, dem Recht, der Ethik, der Geschichte ... befasst." 

Die wichtigsten Enzykliken und Verlautbarungen mit ihren Schwerpunkten seit 1891 seien deshalb hier in einem kurzen Überblick aufgelistet:

Leo XIII, „Rerum novarum“(1891): Aus Sorge um die Armen tritt die Kirche ein für die Rechte der Arbeiter, für Privateigentum,  gerechte Löhne und Arbeiterverein. Zu den Pflichten von Arbeitgebern und Arbeitnehmern tritt die Verpflichtung des Staates, zugunsten der Schwächeren einzugreifen.

Pius XI., „Quadragesimo anno“(1931): Auswüchse des Kapitalismus und Kommunismus werden angeprangert, die Rolle der Kirche und das Aufeinander-Bezogen-Sein von Kapital und Arbeit herausgestellt. Das Recht auf Privateigentum wird betont, aber Eigentum  verpflichtet auch, d.h. im Interesse einer gerechten und ausgewogenen Sozialordnung muss es gemeinwohlbezogen verwandt werden.

Johannes XXIII., „Mater et magistra“ (1961): Die weltweite wirtschaftliche und gesellschaftliche Verflechtung verlangt, dass Lohngerechtigkeit und Subsidiarität entsprechend der  Wirtschaftsentwicklung nicht nur national, sondern auch international gültig sind. Die Verwirklichung einer gerechten Weltwirtschaftsordnung ist Aufgabe aller Menschen.

Johannes XXIII., „Pacem in terris“ (1963): Die Rechte und Pflichten der Menschen im internationalen Bereich bilden die Grundlage für den Frieden. Das Gemeinwohl, d.h. die Gewährleistung gerechter Lebensbedingungen für alle  erfordert eine christliche Weltordnung und politische Einrichtungen, die  internationale Geltung haben. Zur Sicherung des Weltfriedens ist es dringend geboten, abzurüsten.

Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ (1965): Menschenwürde und Gemeinwohl, die Eigengesetzlichkeit von Wirtschaft, Politik und Kultur werden von der Kirche bejaht. Die „Zeichen der Zeit" zu erkennen ist nicht  nur  Aufgabe der Christen, sondern  liegt auch mit in der Verantwortung des Staates.

Paul VI., „Populorum progressio“ (1967) : Ungerechte Strukturen,  mangelnde Orientierung am Gemeinwohl, falsche Wirtschaftsplanung und fehlgeleiteter internationaler Handel gefährden den Frieden. Um die ganzheitliche und friedliche Entwicklung aller Menschen zu gewährleisten ist Solidarität einzufordern. Dazu aber bedarf es des Umdenkens in Politik und Wirtschaft, um strukturelle Benachteiligungen der Entwicklungsländer abzubauen.

Paul VI., „Octogesima adveniens“ (1971): Die Verstädterung nimmt immer mehr zu. Es gilt daher, die Pflichten des Einzelnen und das  politische Handeln der Gemeinschaft den Erfordernissen  einer weltweiten, gerechten Ordnung anzupassen. Alle Christen sind aufgerufen, sich zur Übernahme von politischer und gesellschaftlicher Verantwortung bereit zu erklären.

Römische Bischofssynode, „De justitia in mundo“ (1971) : Einsatz für Gerechtigkeit und Liebe ist die Pflicht jedes Christen. Die Entwicklung in den Ländern der so genannten „Dritten Welt" braucht internationales Handeln und internationale Solidarität.

Paul VI., „Evangelii nuntiandi“ (1975): Die Kirche tritt für gewaltfreie Veränderung der ungerechten Verhältnisse ein (vgl. die Befreiungstheologie).  Auch im Verhältnis von  Gesamtkirche und Ortskirche gilt es, für Gerechtigkeit, Ordnung, Frieden und Gewaltverzicht einzutreten.

Johannes Paul II., „Laborem exercens“ (1981) : Die Würde der Arbeit liegt in der Teilnahme am Schöpfungswerk Gottes begründet. Sowohl Kapitalismus als auch Sozialismus (Kommunismus) müssen den in der Menschenwürde begründeten Vorrang der Arbeit vor dem Kapital erkennen, das Recht auf Eigentum und das Recht auf Arbeit anerkennen. Die Spiritualität der Arbeit liegt in Gottebenbildlichkeit und Personalität des Menschen begründet.

Kongregation für die Glaubenslehre, „Libertatis conscientia“ (1986): Das Wesen der katholischen Soziallehre ist in Solidarität, Subsidiarität und Personalität auszudrücken. Veränderun-gen für eine gerechtere und bessere Welt sollen ohne  Gewaltanwendung        vor sich gehen. Eine besondere Rolle spielt dabei das Laienapostolat.

Johannes Paul II., „Sollicitudo rei socialis“ (1987) : Nord-Süd- und Ost-West-Konflikte geben Anlass, an der Sicherung des Weltfriedens und an der Gerechtigkeit im internationalen Miteinander, an Solidarität und den Bemühungen zum Schutz der Umwelt zu zweifeln. Die - auf Jesus zurückgehende und das Wesen der Kirche ausmachende - „Option für die Armen“ muss deshalb neu wahrgenommen werden und d.h. es gilt sich vermehrt für Umweltschutz und gegen Überentwicklung einzusetzen.

Johannes Paul II., „Centesimus annus“ (1991): Privateigentum ist wichtig, es  muss aber sozialverträglich, d.h. gemeinwohlbezogen eingesetzt werden.  Staat und Wirtschaft müssen den Vorrang des Menschen im  Arbeitsprozess und in staatlichen Belangen anerkennen.

Aus obiger Übersicht lassen sich nunmehr in Anlehnung an Werner Kerber, Heimo Ertl und Michael Hainz  in einem zweiten Arbeitsgang die zwölf Hauptanliegen der katholischen Soziallehre ableiten, nämlich:

1.         Die religiös-soziale Dimension des Lebens, d.h. Glaube und Gerechtigkeit sind untrennbar miteinander verbunden; sie bedingen und beeinflussen sich gegenseitig.

2.         Die Würde der menschlichen Person begründet die Sozialnatur des Menschen, d.h., der Mensch braucht sowohl die Gemeinschaft um wahrer Mensch zu sein als auch die nötige Distanz zur Gemeinschaft (Individualismus), um sein Personsein zu verwirklichen.

3.         Grund- bzw. Menschenrechte sind wesentlich für die Wahrung, Förderung und Gewährleistung von Gerechtigkeit und Solidarität im menschlichen Miteinander. Gerechtigkeit und Solidarität sichern umgekehrt aber auch die Grundrechte jedes Menschen.

4.         Die Option für die Armen, d.h. das Zugehen auf Arme, Verlassene, Ausgegrenzte und Ausgestoßene hin ist die Konkretisierung  der Prinzipien der katholischen Soziallehre.  In diesem Verhallten äußert sich die Nachfolge, d.h. das Eingehen auf das Vorbild Jesu im alltäglichen Leben jedes Christen..

5.         Liebe und Gerechtigkeit gehören untrennbar zusammen, d.h. die Liebe zu Gott, welche sich in der Nächstenliebe äußert, muss sich im Handeln am Nächsten konkretisieren.

6.         Das Gemeinwohl als Ermöglichung des Menschseins muss oberstes Prinzip und oberster Grundsatz allen menschlichen Handelns sein.

7.         Subsidiarität muss als Prinzip des Handelns gelten, d.h. Aufgabe aller ist es, denjenigen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, die allein ihre Aufgaben und Probleme nicht mehr bewältigen können.

8.         Politische Mitarbeit der Christen ist nicht nur möglich sondern auch nötig. Politiker sollten deshalb zumindest einer christlichen Grundhaltung verpflichtet sein.

9.         Wirtschaftliche Gerechtigkeit, d.h. der Vorrang des Menschen und des Produktionsfaktors Arbeit vor dem Kapital und den anderen Produktionsfaktoren muss gewährleistet werden.

10.       Eigentum verpflichtet, d.h. Grundlage menschlichen Zusammenlebens muss eine so genannte Privateigentumsordnung sein; dieses - durch Staat und Gesellschaft zu gewährleistende - Eigentum des einzelnen muss aber sozialverträglich bzw. gemeinwohlbezogen eingesetzt werden.

11.       Weltweite Solidarität und gerechte Strukturen internationalen Miteinanders sind unabdingbar nötig, um weltweit Gerechtigkeit und Frieden gewährleisten zu können.

12.       Frieden ist als die wichtigste Frucht der nationalen und internationalen Gerechtigkeit zu sehen, deshalb müssen alle nur möglichen Schritte zur Abrüstung unternommen werden.

Im folgenden soll nun versucht werden, zunächst die Ursachen der so genannten "sozialen Frage" kurz aufzuzeigen und dann die noch immer vorhandene (und bleibende) Aktualität der katholischen Soziallehre unter besonderer Berücksichtigung des Personalitätsprinzips und des Rechts auf Arbeit herauszustellen.

 

2.  Die soziale Frage als Folgeerscheinung der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts:

2.1.      Maschineneinsatz und Bevölkerungswachstum

Die so genannte soziale Frage als Folgeerscheinung der industriellen Revolution im 19. Jahr-hundert hatte im wesentlichen zwei Gründe, nämlich die mit der Nutzbarmachung der Dampfkraft beginnende und von den Baumwollspinnereien ausgehende Mechanisierung und Technisierung der Arbeit , d.h. also im Einsatz von Maschinen, welche somit eine Massenproduktion von Gütern aller Art erst ermöglichten einerseits und andererseits aber auch in der damit einhergehenden sprunghaft anwachsenden Bevölkerungsdichte, der so genannten Bevölkerungsexplosion.

Die mit dem Einsatz der Dampfmaschine in der industriellen Fertigung beginnende (und seither immer weiter voranschreitende) Mechanisierung der Arbeit brachte es mit sich, dass die einzelnen Arbeitsgänge zur Herstellung eines Produktes immer mehr voneinander getrennt wurden.  Man spricht in diesem Zusammenhang von der so genannten Zerlegung der Arbeit in Takte. Die dadurch erreichte - und eigentlich ja auch wünschenswerte - Steigerung der Produktivität wurde aber damit bezahlt, dass der Arbeiter sich der Maschine unterordnen, d.h. sich der Arbeitsgeschwindigkeit der Maschine angleichen musste.  Diese revolutionäre Veränderung der Produktionsverhältnisse hatte neben ihren negativen Begleiterscheinungen, besonders was die Situation des arbeitenden Menschen anbelangt, aber auch durchaus positive Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben: Die Güter konnten nunmehr schneller und billiger produziert werden.

Wir erwähnten es bereits: Wie es mit vielem, was uns der Fortschritt brachte und bringt ist, so war es auch mit der Industrialisierung. Die Mechanisierung der Arbeit und die industrielle Fertigung von Gütern aller Art war (und ist) ambivalent: Auf der einen Seite wurde der Mangel an Gütern behoben, auf der anderen Seite gerieten aber auch beispielsweise die Handwerker immer mehr unter Druck, denn ihre Chancen, mit der industriellen Güterproduktion konkurrieren zu können, wurden immer geringer. In der Folge geriet deshalb „das handwerkliche Gewerbe ... in eine Überlebenskrise. Viele Handwerker mussten ihren Handwerksberuf aufgeben und in Fabriken arbeiten." 

Die so genannte Bevölkerungsexplosion wiederum hatte ihre Gründe in der steigenden Lebenserwartung der Menschen, und diese wurde v.a. auch bewirkt durch die neuen Entdeckungen in der Medizin. Zwischen dem Jahr 1800 und der Mitte unseres Jahrhunderts verdreifachte sich die Weltbevölkerung von 900 Millionen im Jahre 1800 auf 2,7 Milliarden im Jahre 1950 und diese explosionsartige Vermehrung der Bevölkerung schritt und schreitet immer schneller voran: Mittlerweile sind wir bei nunmehr Sechs Milliarden Erdbewohnern angekommen - d.h. seit 1950 hat sich die Bevölkerungszahl mehr als verdoppelt. Für das Jahr 2020 wird uns in einem Bericht des Statistischen Amtes der USA gar eine Weltbevölkerung von 7,9 Milliarden prognostiziert.  Paul M. Zulehner schreibt zu dieser Thematik: „Auf der Basis einer mittleren Wachstumsprognose wird die Weltbevölkerung insgesamt von 4,1 Mil-liarden im Jahr 1975 auf 6,35 im Jahr 2000 anwachsen. ... Ein Merkmal der kommenden Bevölkerungsentwicklung wird eine Konzentration der Menschheit in Millionenstädten sein."  Zwei Schemata sollen die vorstehenden Ausführungen erläutern, nämlich 

          eine Auflistung der Zunahme der Weltbevölkerung seit 1950 und

          das Ausmaß des Anwachsens der "Millionenstädte" seit 1970.

 

(1) Die Bevölkerungsentwicklung der Welt seit 1950:

                                                  1950                            1974                           2000

Gebiet                                                                                                         (geschätzt)

Europa und UdSSR                  593 Mio.                     768 Mio.                 971 Mio.

Afrika                                       222 Mio.                     385 Mio.                 817 Mio.

Amerika                                    329 Mio.                     557 Mio.                 985 Mio.

Asien (ohne asiatische

 Teile der  UdSSR)                  1,36 Mrd.                    2,21 Mrd.               3,7 Mrd.

Australien/Ozeanien                 13 Mio.                       21 Mio.                    35 Mio.

Gesamt:                                   2,5 Mrd.                     3,95 Mrd.                6,5 Mrd.

 

(2) Das Wachstum ausgewählter Städte seit 1960:

                                   1960                1970                1975                2000

Stadt                                                                                                  (geschätzt)

 

Kalkutta                      5,5                     6,9                   8,1                 19,7 Mio.

Mexiko City                4,9                     8,6                 10,9                 31,6 Mio.

Bombay                       4,1                     5,8                   7,1                 19,1 Mio.

Kairo                           3,7                     5,7                   6,9                 16,4 Mio.

Jakarta                         2,7                     4,3                   5,6                 16,9 Mio.

Seoul                           2,4                     5,4                   7,3                 18,7 Mio.

Delhi                            2,3                     3,5                   4,5                  13,2 Mio.

Manila                         2,2                     3,5                   4,4                  12,7 Mio.

 

Johannes Paul II. stellte in seiner Enzyklika Redemptoris misso zu eben dieser Thematik fest: „Derzeit lebt in vielen Staaten schon mehr als die Hälfte der Bevölkerung in einigen wenigen Großstädten, in denen sich die Probleme des Menschen oft verschlimmern, gerade wegen der Anonymität, in die die Massen sich eingetaucht fühlen."  Oben aufgezeigte Darstellungen bestätigen also durchaus, was zu Bevölkerungswachstum und Bevölkerungsexplosion von verschiedenster Seite gesagt wird. Die Auswirkungen dieses ungehemmten Wachstums der Städte werden uns sicherlich noch mit manchen Problemen konfrontieren. 

Doch zurück zur Industrialisierung: Das ungeheure Arbeiterpotential, welches die Industrie jetzt plötzlich benötigte, kam - wie oben bereits erwähnt - aus dem Handwerksberufen einerseits, andererseits aber auch aus der Landbevölkerung, welche seit der - in Deutschland beispielsweise im Jahre 1807 erfolgten - Bauernbefreiung, d.h. der Aufhebung der Leibeigenschaft schwere Not litt. Die Bauern waren nämlich nunmehr, wenn auch in den meisten Fällen nur auf dem Papier, nicht mehr die Untergebenen ihrer Grundherren, sondern entweder die Pächter oder gar die Eigentümer von Grund und Boden; dies hatte aber zur Folge, dass sie nun hohe Ablösesummen oder Pachtgebühren an die Grundbesitzer abzuführen hatten. Da die Grundbesitzer aber keine Naturalien annahmen und die Abgaben zum Teil weit über dem für die landwirtschaftlichen Produkte erzielten Erlös lagen, verarmten die Bauern mehr und mehr und mussten deshalb vielfach ihre Höfe verkaufen und entweder in den Städten um Arbeit nachsuchen oder sich als Tagelöhner auf den landwirtschaftlichen Gütern der Großgrundbesitzer verdingen. Dieser eben kurz skizzierte Personenkreis war nun das Reservoir für die Fabrikbesitzer, aus dem sie sich ihre Arbeiter aussuchten. Das aber brachte ernste Probleme mit sich, denn

1.         gab es nicht genügend Wohnungen, um die Arbeiter menschenwürdig unterzubringen,

2.         gab es (noch) keine Gewerkschaften oder sonstige Interessenvertretungen,

3.         gab es keinerlei staatliche Gesetzgebung zum Schutz der Arbeiter, ihrer Familien oder ihrer Kinder.

Mit den Worten Johannes Paul II. kann man deshalb festhalten, dass es damals keinerlei Absicherung der Arbeiterschaft und keinerlei rechtliche Regelungen zu ihrem Schutz gab, „weder was die Arbeitsstunden noch was die hygienischen Verhältnisse betraf, auch auf das Alter und das Geschlecht der Arbeitsuchenden wurde keine Rücksicht genommen" (CA 7.3). Und was damals begann geht heute vor allem in den Ländern der so genannten „Dritten Welt" weiter. Als ein Beispiel von vielen dafür kann uns fast der gesamte südamerikanische Kontinent dienen: Die Landbevölkerung drängt in die Städte und diese werden immer größer und platzen aus allen Nähten. „Hunderttausende, Millionen Landarbeiter sind auf der Suche nach Arbeit, Brot, Unterkunft und nach Bildungsmöglichkeiten für ihre Kinder in die Städte gezogen oder befinden sich auf dem Weg dorthin. Sie umgeben diese mit ständig anwachsenden Elendszonen. ... Arbeitslosigkeit, Entwurzelung, Mangel an Schulen und Berufsausbildung machen diese Elendszonen ... zu dem Trostlosesten, was es auf unserer Erde gibt."  Die Folge dieser beschriebenen Verhältnisse waren damals und sind auch heute noch Verarmung, Verelendung und die so genannte „Verproletarisierung“.

Hier gälte es nunmehr aber zu fragen, wenn wir von Armut reden, was meinen wir eigentlich damit? Der Begriff „Armut" kann nämlich zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen haben; mit diesem Begriff kann  man bezeichnen

1.         den rein objektiven Mangel an materiellen Gütern und einen verheerenden und jeder Menschenwürde widersprechenden Zustand beschreiben,  er kann aber

2.         auch eine Seligpreisung des Evangeliums (vgl. die Bergpredigt) sein.

Und zwischen diesen beiden Extrempolen bewegen sich alle Definitionen von „arm-sein“ und „Armut“.

Es ist einleuchtend, dass sowohl die eine, wie auch die andere Position alleine nicht aussagekräftig genug ist. Mit anderen Worten: Nur den materiellen Aspekt zu sehen ist genauso falsch, wie einseitig auf den biblischen Aspekt dieses Begriffes abzuheben. Nötig ist, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen diesen beiden Extrempolen zu finden. Eines aber haben alle Interpretationen von „Armsein“ und „Armut“ gemeinsam: Nach R.C. de Almeida ist „Armut“ immer als ein Mangel an etwas zu verstehen. Mit den Worten Almeidas ausgedrückt: „Armut betrifft nicht das Objekt, sondern das Subjekt. ... Auch beim Subjekt besteht die Armut nicht in einem unbestimmten und abstrakten Mangel, sondern in einer ganz spezifischen Entbehrung, d.h. in einem Verhältnis zwischen dem entbehrenden Subjekt und dem, an dem es ihm mangelt."  Mit anderen Worten: „Arm sein heißt ...: im Fleisch und im Geist unentwegt die Vergewaltigung durch den Mangel erleiden. ... Der Mangel nimmt dem Verarmten grundlegende Möglichkeiten, mit der Welt, mit sich selbst und mit dem Mitmenschen in Fühlung zu kommen."  Und hier ergeben sich weitreichende Implikationen: Es geht nicht vorrangig darum, die Armut durch die Bereitstellung von Hilfsgütern (Nahrung, Kleidung, usw.) zu erleichtern - dies wäre lediglich ein unbestritten mitunter auch sehr wichtiges Kurieren am Symptom -, sondern vordringlich darum, zunächst einmal die grundlegende Beziehung zwischen dem Armen und dem ihm vorenthaltenen Gut zu beachten und zu bedenken, d.h. die Personwürde des Menschen in den Vordergrund zu stellen. Und hier wäre eine Neubesinnung auf den biblischen Sinn, die biblische Redeweise von „armsein“ und „Armut“ zu initiieren: Im biblischen Sprachgebrauch nämlich bedeutet „armsein“ zunächst einmal, dass der betreffende Mensch im Vertrauen auf Gott und in demütigem Sich-einlassen auf den Plan Gottes lebt und d.h. somit: „Armsein“ ist zunächst einmal keine Eigenschaft, sondern eine Haltung, nämlich die Haltung, welche man einnimmt vor Gott, wenn man seine Interessen den Interessen Gottes unterordnet. Neben dieser so dringend nötigen und deshalb unbedingt einzufordernden Neubesinnung ist darüber hinaus natürlich auch der rein materielle Aspekt, der sozusagen „profane“  Bedeutungsgehalt von „Armut“ und „Armsein“ zu beachten. Und hier braucht man nicht einmal über die bundesdeutschen Grenzen hinaus zu blicken: Sogar in unserer Wohlstandsgesellschaft lassen sich genügend Beispiele für Menschen anführen, die substantiell arm sind. Dabei ist hier nicht einmal vordringlich von Obdachlosen, Gestrauchelten oder gescheiterten Existenzen die Rede: Nein, jeder von uns hat Menschen, die unter diese Kategorie fallen, in seiner Nachbarschaft: Gemeint sind hier beispielsweise die Frauen der Kriegsgeneration. Es kann doch nicht angehen, dass Frauen (vor allem Frauen, denn doppelt so viele Frauen als Männer über 65 Jahren leben in Armut) auch in unserer angeblich so reichen Gesellschaft an den Rand gedrängt werden und sich ihrer zu niedrigen Rente schämen müssen - nur weil sie den größten Teil ihres Lebens unbezahlte Hausarbeit verrichtet und Kinder großgezogen haben. Hier ist gerade auch der Gesetzgeber gefordert: Die staatlichen Stellen müssen ihre Berechnungsgrundlagen überprüfen und neu überdenken, denn 1991 ging man z.B. in den Sozialämtern der Bundesrepublik davon aus, dass das gesetzlich festgelegte Existenzminimum für einen Alleinstehenden 814 DM betrage. Seither sind die Lebenshaltungskosten ja nicht gleichgeblieben, dennoch betrug 1993 die Durchschnittsrente von Frauen im ostbayerischen Raum 541 DM, d.h. sie lag um fast 300 DM unter dem gesetzlich festgesetzten Existenzminimum. Hier gilt es unbedingt, einen Prozess des Umdenkens in Politik und Gesellschaft zu initiieren: Wer einigermaßen aufmerksam durch die Welt geht, der hat sie nämlich sicher schon gesehen: Frauen über 65, welche sich im Supermarkt die billigsten Waren aus den Regalen heraussuchen. Und wo liegen die Gründe für diese Erscheinung? In der beruflichen und gesellschaftlichen Ungleichbehandlung der Frauen (auch heute noch werden vielfach Frauen für die selbe Leistung schlechter bezahlt als Männer) einerseits, und in der früher vernachlässigten sozialen Absicherung der Frauen andererseits. Dies trifft besonders auf Hausfrauen und Frauen, welche in der Landwirtschaft tätig waren, zu. Und auch heute kann derartiges geschehen: Vor allem arbeitslose und alleinerziehende Frauen jüngerer Jahrgänge befinden sich unversehens ohne eigenes Verschulden in dieser Verelendungsspirale, besonders dann, wenn Unterhaltszahlungen nicht oder nur teilweise geleistet werden.  Doch zurück zur oben beschriebenen Situation. Wir hatten folgendes festgestellt: Die Elendsviertel und Slums um die großen Zentren wachsen immer mehr an und die Menschen dort leben zum Teil unter den menschenunwürdigsten Bedingungen, die man sich nur vorstellen kann - aber keiner tut etwas dagegen. Die Schlagworte für diese Erscheinung sind Landflucht, Verstädterung und Vermassung. Norbert Greinacher zieht den direkten Vergleich zwischen den bereits kurz beschriebenen Erscheinungen im 19. Jahrhundert in Europa und den Verhältnissen im Südamerika des ausgehenden 20. Jahrhunderts: „Die durchschnittliche Wochenstundenzeit in Textilfabriken und Manufakturen betrug in der Mitte des 19. Jahrhunderts 85-100 Stunden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten vier Fünftel aller Erwerbstätigen, das sind ... etwa zwei Drittel der Bevölkerung zur Unterschicht und zur unteren Mittelschicht. ... In ihrem Armutsbericht aus dem Jahr 1990 teilt die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) mit, dass mehr als 183 Millionen Menschen in Lateinamerika in Armut leben. Dies entspricht 44 Prozent der Gesamtbevölkerung." 

Im Markusevangelium findet sich folgender  Ausspruch Jesu: „Wer Ohren hat zum Hören, der höre!" (Mk 4,9; vgl.  Lk 8,8; 14,35).  Dieser Vers sollte uns immer vor Augen stehen. Hier ist der Punkt, an dem christliche Gesellschaftslehre, Theologie der Befreiung und jeder Mensch guten Willens aufgefordert sind, sich tatkräftig und entschieden für die Armen und Unterdrückten und gegen die Ausbeutung einzusetzen. Eines der wichtigsten Ziele der Verantwortlichen in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und gerade auch der Kirche muss es deshalb sein, menschen-unwürdige Verhältnisse vorerst zumindest zu bessern und auf lange Sicht zu beseitigen. Und niemand kann sich dadurch aus der Verantwortung stehlen, indem er behauptet, er hätte von all dem nichts gewusst. Warnende Stimmen bezüglich dieses Sachverhaltes gibt es genug - und zwar schon seit Jahrzehnten. Johannes XXIII. schrieb dazu bereits 1961 in seiner Enzyklika Mater et magistra, dass es fast überall auf der Welt diese Erscheinung der Landflucht gibt, „die manchmal Massencharakter annimmt. ... Wer aus der Landwirtschaft in die anderen Wirtschaftszweige abwandert, tut das zwar oft aus Gründen, die mit der Entwicklung der Wirtschaft zusammenhängen; nicht selten aber ist mancherlei anderes im Spiel. ... Bei diesem wichtigen Problem ... ist zunächst zu untersuchen, was sich tun lässt, ... um die Lebenshaltung der bäuerlichen Bevölkerung an die Lebenshaltung derer anzugleichen, die ihr Einkommen aus Industrie und Dienstleistungen beziehen“ (MM 123-125). Von diesen bereits angedeuteten Problemen her erklärt sich vielleicht auch die Warnung Paul VI. (zehn Jahre nach dem eindringlichen Appell Johannes XXIII.) in seiner Enzyklika Octogesima adveniens: „Der übermäßige Drang in die Städte ... droht die gewohnte Lebensweise und die überkommenen Lebensräume: Familie, Nachbarschaft, ja die Strukturen christlicher Gemeinschaft aus den Angeln zu heben. ... Im ungeordneten Wachstum der Städte entstehen neue Proletariate" (OA 10).  Und dieser Wandel der Dinge lässt - heute noch mehr als zur Zeit Paul VI. - „viele Probleme brennend werden, die bislang nicht die gebührende Aufmerksamkeit gefunden haben" (OA 13). Aber leider muss festgehalten werden, dass auch 35 Jahre nach dem Erscheinen der Enzyklika Mater et magistra, welche oben bereits zitiert wurde, immer noch nichts Wesentliches an den bereits dort beklagten Verhältnissen geändert worden ist.

 

2.2.      Arbeit als Ware - Der Wirtschaftsliberalismus als Grund für die Verelendung und Verarmung der Massen

Der zweite Punkt, der für die Entstehung der sozialen Frage verantwortlich war, war die Auffassung des Wirtschaftsliberalismus, dass nicht nur die Preise, sondern auch die Löhne durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden sollten.

Und obiger Zusammenhang zwischen dem Angebot an Arbeitskräften und der Nachfrage durch die Arbeitgeber führte zu dramatischen Ergebnissen: Das Überangebot an Arbeitskräften führte nämlich - getreu der Philosophie des Wirtschaftsliberalismus - zu einem Sinken der Löhne , und zwar bis unter das Existenzminimum. Ferdinand Lasalle  nannte diese Praxis das "Eherne Lohngesetz" - und man glaube nicht, dass dieses „Eherne Lohngesetz“ der Ver-gangenheit angehöre!

Wie sollen wir nun aber diese liberalistische Wirtschaftsauffassung verstehen? Wie konnte man auf die Idee kommen, auch die Löhne der Industriearbeiter seien durch das Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage frei zu bestimmen? Das oberste Prinzip, auf dem der Liberalismus aufbaut und dem seine Auffassungen entspringen, ist - und daran wäre noch nichts Verwerfliches - die Freiheit (libertas) des Menschen. Aber die einseitige Überbewertung dieser menschlichen Freiheit  auf Kosten anderer, ebenso wichtiger und unersetzlicher Werte war gerade einer der Hauptgründe, warum es im Zuge der Industrialisierung zu so großer Verelendung und „Verproletarisierung" der Arbeiterschaft kam. Als Grundzüge dieser liberalistisch-individualistischen Weltsicht lassen sich zunächst drei Hauptgründe nennen, nämlich:

1.         „Das Vertrauen in den Willen und die Fähigkeit des Einzelnen, sein persönliches Leben und die soziale Ordnung frei zu gestalten",

2.         „der Glaube, dass sich ... der Fortschritt ... durchsetzen wird.", und

3.         „die Überzeugung, dass sich unterschiedliche politische und wirtschaftliche Interessen am besten durch Wettstreit ... und durch Kompromisse ausgleichen lassen." 

Die Anwendung dieser nicht nur aus Sicht der katholischen Soziallehre und der theologischen Anthropologie als falsch zu charakterisierenden Auffassung auf das wirtschaftliche Leben brachte es mit sich, dass bei vermehrtem Angebot an Arbeitskräften die Löhne sanken - oft bis unter das Existenzminimum (vgl. die obige Abbildung), d.h. „die Arbeitslöhne langten nicht zum Lebensnotwendigen, waren manchmal sogar ausgesprochene Hungerlöhne; vielfach wurden der Arbeiterschaft Arbeitsbedingungen aufgezwungen, die der körperlichen Gesundheit, Sitte und Sittlichkeit, Glaube und Religion abträglich waren."  Und dazu kam - gerade in den Anfangsjahren der Industrialisierung - noch die entwürdigende und unmenschliche Behandlung, welche sich Arbeitsuchende und auf Arbeit angewiesene Menschen von Fabrikbesitzern und Unternehmern gefallen lassen mussten. Als Beispiel soll hier die Fabrikordnung der Augsburger Kammgarnspinnerei von 1846 angeführt werden:

§ 1   Jeder Arbeiter, welcher in die Fabrik aufgenommen wird, ist nach einer Probezeit von 14 Tagen, binnen welcher ihm der Austritt freisteht, verpflichtet, sechs Monate, vom Tage seiner Ankunft an gerechnet, in der Fabrik zu arbeiten. ...

§ 2   Außer an den Sonntagen und hohen Festtagen, wird alle Tage gearbeitet. Jede Abwesenheit an einem andern Tage, sogar unter dem Vorwande einer Unpässlichkeit, wenn solche nicht erwiesen werden kann, wird mit einer Geldbuße bestraft, welche das doppelte des Lohnes beträgt, der während der Zeit der Abwesenheit verdient worden wäre.

§ 3   Die Arbeitsstunden sind im Sommer von 5 Uhr Morgens bis Abends 7 Uhr, im Winter von 6 Uhr bis 8 Uhr. Sollte aber Störung am Getrieb oder jede andere Ursache es nöthig machen, die Nacht durch zu arbeiten, so unterwirft sich diesem jeder Arbeiter. ...

§ 10  Wenn in einem Arbeitssaale ein Gegenstand beschädigt wird, und der Thäter nicht aus-zumitteln ist, so sind die Arbeiter des ganzen Saales ... haftend.

§ 11  Der Arbeiter, der schlechte Arbeit liefert, verfällt in eine dem Fehler angemessene Stra-fe. ...

§ 13  Der Arbeitspreis und die Vergütungen ... werden je nach den Umständen bestimmt ...; jeder ist verpflichtet sich denselben zu unterwerfen. ...

§ 20  Die Werkmeister und der Pförtner sind befugt, alle Arbeiter beim Ausgange aus der Fabrik zu untersuchen. ...

§ 24  Jeder Ungehorsam ... gegen Vorgesetzte ... soll, nach Verhältniß des Fehlers, mit einer Strafe von einem bis fünf Taglöhnen belegt werden.

§ 25  Für den Schutz und die väterliche Sorgfalt, welche alle Arbeiter von ihren Vorgesetzten zu erwarten haben, versprechen sie ihnen Anhänglichkeit und Treue. ...

§ 26  Gegenwärtige Verordnung soll in allen Werkstätten angeschlagen werden. ... Wer diese Verordnung beschmutzt oder zerreißt wird sogleich entlassen, und der ihm schuldige Lohn ihm zurückgehalten.

Dieser kurze Auszug erläutert wohl deutlich genug, welchen Bedingungen sich die Arbeiter unterwerfen mussten, wenn sie überhaupt Arbeit haben wollten. Wenn es im § 25 dieser Fabrikordnung auch noch heißt: „Für den Schutz und die väterliche Sorgfalt, welche alle Arbeiter von ihren Vorgesetzten zu erwarten haben, versprechen sie ihnen Anhänglichkeit und Treue. ...", kann eigentlich nur noch von Hohn und Menschenverachtung gesprochen werden. Und mittels dieser oder ähnlicher Fabrikordnungen, vergrößerte sich einerseits der Wohlstand der Besitzenden und andererseits die Anzahl derer, die nichts besaßen. Es dauerte bis 1918, dass in Deutschland sämtliche derart menschenverachtende Bestimmungen abgeschafft wurden.

Es entstand also - so haben wir festgestellt - sozusagen eine neue Form des Eigentums an den Produktivmitteln, das so genannte „Kapital“, und eine neue Art der Arbeit, die Lohnarbeit. Die Arbeitsbedingungen waren dabei darauf ausgerichtet, die höchstmögliche Leistung zu den niedrigstmöglichen Kosten zu erhalten, d.h. die Arbeitsverträge waren einzig und allein von dem Gesichtspunkt bestimmt, die Steigerung des Profits des Arbeitgebers zu ermöglichen. „Die Arbeit wurde so zu einer Ware, die frei auf dem Markt gekauft und verkauft werden konnte und deren Preis vom Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmt wurde, ohne Rücksicht auf das für den Unterhalt des Arbeiters und seiner Familie notwendige Lebensminimum" (CA 4.2f).  Mit anderen Worten: Die Armen wurden noch ärmer und die Reichen noch reicher. Und diese verderbliche Einstellung, „wonach der Profit der eigentliche Motor des wirtschaftlichen Fortschritts, der Wettbewerb das oberste Gesetz der Wirtschaft ... darstellt, ... führte zu jener Diktatur ... des Imperialismus des internationalen Finanzkapitals" (PP 26), welche Papst Paul VI. noch 1967 anklagte und die - leider Gottes - auch heute noch in viel zu vielen Ländern der Welt existiert. Konkret sah dieser „Imperialismus des internationalen Finanzkapitals" beispielsweise so aus, dass die Eltern bei sinkenden Löhnen gezwungen waren, entweder noch mehr für den ihnen angebotenen niedrigeren Lohn zu arbeiten, oder aber ihre Kinder in die Fabrik zu schicken, welche natürlich einen noch niedrigeren Lohn erhielten. Dabei gab es in manchen Fabriken sogar die Praxis, nur Kinder einzustellen - wegen der geringeren Lohnkosten. Die fürchterliche und unmenschliche, ja menschenverachtende Erscheinung der Kinderarbeit war damit erfunden.  Die staatlichen Maßnahmen, welche  - oft erst auf wiederholtes und dringendes Mahnen seitens sozial eingestellter Privatleute und kirchlicher Würdenträger (Bischof Ketteler!)  - ergriffen wurden, um der Kinderarbeit entgegenzuwirken, waren bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein - wenn sie überhaupt beachtet und durchgeführt wurden - nur halbherzig und absolut ungenügend. Und was ist heute in Ländern der so genannten „Dritten Welt“ festzustellen? Kinderarbeit ist dort eine so alltägliche Erscheinung, dass niemand sich darüber aufregt. Ein Beispiel soll genügen: So mancher, der einen Teppich aus Pakistan im Wohnzimmer liegen hat, realisiert nicht, dass Kinder für diesen Teppich ausgebeutet, ausgenutzt und unmenschlich behandelt werden!

Was haben wir also mittlerweile festgestellt? Die Arbeiter wurden durch oben Dargestelltes ihrer Arbeit immer mehr entfremdet, sie sahen ihre Arbeit weniger als Notwendigkeit zur Selbstverwirklichung und zum Person- bzw. Menschsein und Person- bzw. Menschwerden an, sondern nur noch als Notwendigkeit, um leben zu können, ja die Arbeit wurde - mitunter auch besonders herausgestellt durch die Predigten verschiedener Kirchenleute - als Qual, als aus dem Sündenfall Adams resultierende Strafe (vgl. Gen 3,17-19: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“) dargestellt. In der Folge - und auch heute noch ist bei vielen Menschen diese Meinung nachweisbar - wurde die Arbeit als ein notwendiges Übel, als ein „Muss" verstanden. Der wesentliche und wichtige Aspekt der Arbeit als Selbstverwirklichung des Menschen aber wurde mehr und mehr vernachlässigt, ja er geriet in Vergessenheit. Karl Marx prägte für diese einseitige und falsche Sicht von der Arbeit und besonders für die Folgen aus dieser Betrachtungsweise den Begriff der „Entfremdung“ des Menschen von seiner Arbeit.  Beachten sollte man allerdings, dass sich dieser Begriff der „Entfremdung“ nicht nur auf den Bereich des Arbeitslebens allein bezieht - Entfremdung kann auch eintreten im Privatleben; viele Menschen heute sind der Freizeit entfremdet, d.h. sie wissen nicht mehr, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen sollen. Es ist ehrlicherweise zuzugeben, dass es lange  dauerte, bis auch die Lehrmeinung der Kirche von dieser falschen Sicht wieder abrückte: Es dauerte fast bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil - die besten und gelungensten Ausführungen des Lehramts zu dieser Thematik stehen gar erst in der 1981 erschienen Enzyklika Laborem exercens Johannes Paul II.

Man kann sich wohl leicht vorstellen, wie sich die Arbeiter damals fühlen mussten und wie sich ein Arbeitnehmer auch heute fühlen muss, wenn der Inhalt der Lohntüte hinten wie vorne nicht ausreicht, um seine Familie zu ernähren. Es lassen sich auch in unserer Wohlstandsgesellschaft Beispiele genug anführen, dass jemand mit dem Ertrag seiner Hände Arbeit nicht in der Lage ist, seine Familie zu ernähren. Dies trifft besonders ungelernte Arbeiter und kinderreiche Familien - ein Skandal, der aber niemandem besonders viele Sorgen zu machen scheint. Vergessen sollte man bei der Untersuchung dieser Thematik auch nicht einen weiteren, wichtigen Aspekt: Es war beispielsweise zur damaligen Zeit noch üblich, dass Schulgeld bezahlt werden musste - wenn ich aber sowieso nur das Existenzminimum verdiene, wo soll ich dann noch das Schulgeld für meine Kinder hernehmen? Und so kam es zu der weitverbreiteten Praxis,  wenn kein Geld da war, die Kinder eben statt in die Schule in die Fabrik zu schicken. In der Folge stieg der - sowieso schon sehr hohe - Anteil der Analphabeten immer weiter an - und nicht lesen und schreiben zu können war damals ebenso wie heute ein gravierendes Hindernis auf dem Weg zum beruflichen Aufstieg. Und geben wir uns nicht etwa der Illusion hin, diese Erscheinung gebe es heute nicht mehr - Untersuchungen der Vereinten Nationen und anderer Institute und Organisationen beweisen, dass die Zahl der Analphabeten und derer, die keine oder nur ungenügende Schulbildung haben auch noch in unserer Zeit, in der es eine allgemein anerkannte Tatsache ist, dass eine gute Schulbildung zwingend erforderlich ist, von Jahr zu Jahr anwächst. Und das, obwohl die Wichtigkeit einer Schulbildung heute auf der ganzen Erde anerkannt ist und es sogar eine eigene Organisation der Vereinten Nationen zur Förderung der Bildung der Weltbevölkerung - die UNESCO - gibt! Alfred Beckel schrieb bereits 1963 dazu: „Bildung ist die Zusammenfassung aller Vorgänge, durch die ein Mensch eine seelisch-geistige Gestalt und Eigenart erwirbt."  Und 1983 - 20 Jahre nach Alfred Beckels Äußerung - scheint sich in dieser Beziehung immer noch nichts getan zu haben und obige Definition immer noch nicht anerkannt und durchgesetzt worden zu sein, denn auch 1983 musste die wachsende Zahl der Analphabeten beklagt werden. So schrieb beispielsweise K. Lefringhausen: „Zur Zeit gibt es 700 Mio. erwachsene Analphabeten. Diese Zahl wächst ... um jährlich 25 Mio. an! Schulflucht, Affekte gegen die Bildung und das Fehlen von 20 Mio. Lehrern geben fast unlösbare Probleme auf."  Man vergleiche zu oben Gesagtem den „Welt-Erziehungsbericht 1993" der UNESCO: Dort heißt es, dass mindestens 130 Millionen Kinder im Alter zwischen sechs und elf Jahren nie eine schulische Ausbildung bekommen werden bzw. bekommen haben. Die Gesamtzahl an Analphabeten auf der Welt schätzt dieser Bericht mit einer Milliarde, das ist 1/6 der Weltbevölkerung! Man kann also mit Wolfgang Ockenfels diese Thematik vorläufig abschließend und zusammenfassend sagen: „Die sprunghaft einsetzende Industrialisierung und die mit ihr verbundene rein kapitalistische Wirtschaftsweise führte zu einer verstärkten Arbeitsteilung, zu einer strikten Trennung von Kapital und Arbeit sowie zu einer Behandlung des Faktors Arbeit als bloße Ware. ... Damit verbunden war eine Völkerwanderung vom Land in die Stadt und ein rasantes Bevölkerungswachstum. Folge davon war eine geistige, soziale und ökonomische Entwurzelung ..., das Auseinanderfallen der Großfamilien als 'soziales Netz' sowie die Verelendung und Proletarisierung der Massen in den Städten."  Und der so erreichte wirtschaftliche Aufschwung mit seinen enormen Gewinnspannen für die Unternehmer wurde erkauft mit der weitgehenden Verarmung und Verelendung der Arbeiter. Die Reichen wurden also noch reicher, die Armen noch ärmer, eine Erscheinung, die Karl Marx die „Proletarisierung der Massen" nannte.   Die Arbeiter wurden also im Zuge der Industrialisierung  - um mit Leo XIII. zu sprechen - „der Habgier und der Herzlosigkeit der Arbeitgeber schutzlos ausgeliefert" (RN 2), d.h. die Arbeitgeber beuteten die Arbeiter rücksichtslos aus und 1931 konnte die Enzyklika Quadragesimo anno folgende Situationsbeschreibung geben:  „Gegen die Neige des 19. Jahrhunderts hatten ja die neue Wirtschaftsweise und die Industrialisierung  ... zu einer Spaltung der Gesellschaft in zwei Klassen geführt: die eine ... genoss fast allein alle Annehmlichkeiten, ... die andere Klasse dagegen ... litt unter dem Druck jammervoller Not" (QA 3). Und so bedauerlich es ist: Leider muss man auch in unserer Zeit konstatieren, dass obiger Sachverhalt noch immer aktuell ist. Paul VI. schrieb 1967 in seiner Enzyklika Populorum progressio: „Zu alledem kommt der Skandal schreiender Ungerechtigkeit nicht nur im Besitz der Güter, sondern mehr noch im Gebrauch. Eine kleine Schicht genießt ... alle Vorteile der Zivilisation und der Rest der Bevölkerung ist arm ... und befindet sich oft in Lebens- und Arbeitsbedingungen, die des Menschen unwürdig sind“ (PP 9).  Und selbst 1991 konnte auch Johannes Paul II. noch nicht auf eine derartige Ermahnung verzichten, denn - so schrieb er in seiner Enzyklika Centesimus annus - „leider stößt man auch heute auf Fälle von Verträgen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, in denen die elementarste Gerechtigkeit in Fragen der Arbeit von Minderjährigen oder Frauen, der geregelten Arbeitszeit, des hygienischen Zustands der Arbeitsplätze und der entsprechenden Entlohnung ignoriert wird. Und das trotz der internationalen Erklärungen und Konventionen und der entsprechenden Gesetzgebung der einzelnen Staaten" (CA 8.3). Und darüber hinaus ist in den letzten Jahren noch zusätzlich eine Gefahr aufgetreten, nämlich die Gefahr des Konsumismus. Norbert Greinacher fasst die Zwangsläufigkeit des Konsumdenkens und des Konsumzwanges in einem Satz zusammen, wenn  er schreibt: „Der Zwang zum Konsum ist ein Zwang zum Gehorsam gegenüber einem unausgesprochenen Befehl."

 

2.3.      Versäumnisse der Kirche? Die christliche Gesellschaftslehre als Reaktion auf die soziale Frage

Obiger in aller Kürze dargestellter Sachverhalt also führte zur sozialen Frage des 19. Jahrhunderts. Unter diesem Stichpunkt steht im dtv-Wörterbuch zur Kirchengeschichte eine recht merkwürdige Definition zu lesen. Dort heißt es nämlich: „Die soziale Frage meint die Frage nach den sozialen Verhältnissen, speziell der Arbeiter, im 19. Jahrhundert und den Versäumnissen vor allem der römisch-katholischen Kirche, angesichts einer im Zuge der Industrialisierung wachsenden Proletarisierung."  Und auch Norbert Greinacher argumentiert ähnlich; er ist der Meinung, die christliche Gesellschaftslehre sei als der verspätete Versuch der katholischen Kirche anzusehen, „auf die Probleme, welche durch die industrielle Revolution, den industriellen Urbanisierungsprozess und den Säkularisierungsprozess in Europa im 18. und 19. Jahr-hundert entstanden war, eine Antwort zu geben. ... Soziale, politische und ökonomische Probleme, die sich in anderen Kontinenten ergaben wie Kolonialismus, Imperialismus, Sklaverei, Ausbeutung und Unterdrückung der Einheimischen bis hin zum Völkermord kamen nicht in den Blick."   Gegen diese beiden oben angeführten Definitionen sind aber aus Sicht des Verfassers zunächst einmal zumindest zwei Einwände zu erheben, denn meines Erachtens sind diese Definitionen ungerechtfertigt verkürzte und deshalb irrige Meinungen zum Thema „soziale Frage". Einzuwenden wäre zunächst einmal, dass mit der Formulierung „Versäumnisse der römisch-katholischen Kirche" einerseits oder dem Einwand, die katholische Kirche habe mit ihrer Soziallehre zu spät reagiert andererseits, Norbert Greinacher, Carl Andresen und Georg Denzler wohl mehr das „verspätete" Erscheinen der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum im Jahre 1891 und nicht etwa generell fehlende Äußerungen und fehlendes Handlungsvermögen der Kirche zu diesem Thema meinen. Hier gilt es also zu unterscheiden in  “Amtskirche", d.h. die Hierarchie der Kirche und „Kirche allgemein", d.h. Kirche als Gemeinschaft aller auf Christus getaufter und an Christus glaubender Menschen. In obigen Definitionen herrscht wohl, wenn von „Versäumnissen" gesprochen wird, das erstere Verständnis von Kirche vor, denn es ist unbestreitbar, dass einzelne Männer, und zwar sowohl Politiker als auch Privatleute und ebenso offizielle Vertreter der Kirche, schon lange aus der christlichen Verpflichtung heraus, sich für ihre notleidenden Mitmenschen einzusetzen, gemahnt und geholfen hatten. Als kleine Auswahl aus der Vielzahl von Namen, welche hier genannt werden könnten, seien hier nur einige der herausragenden Persönlichkeiten genannt:

Franz von Baader (1765-1841), der das Missverhältnis zwischen der großen Anzahl der Armen und der geringen Zahl der Reichen herausstellte und forderte, dass die Arbeiter zur Überwindung des Elends in der ständischen Gesellschaft vertreten sein sollten.

Franz Josef Ritter von Buß (1803-1878), der der erste Politiker war, der 1837 in seiner so genannten "Fabrikrede" im badischen Landtag sozialpolitische Maßnahmen zum Schutz der Arbeiter in einem deutschen Parlament forderte. Er forderte darüber hinaus auch - und zwar ebenfalls als erster -, dass Selbsthilfeeinrichtungen (Spar- und Krankenkassen) die von ihm geforderte staatliche Sozialpolitik ergänzen sollten. Die Reaktion der (liberalen) Gegenpartei: Buß wurde ausgelacht.

Franz Hitze (1851-1921), der "Altmeister der deutschen Sozialpolitik", der die katholischen Arbeitervereine organisierte und sich für christliche Gewerkschaften einsetzte. Hitze war ab 1880 Generalsekretär des Verbandes "Arbeiterwohl" und gründete 1890 mit Franz Brandts (1834-1914) den "Volksverein für das katholische Deutschland."  Ab 1893 war Hitze der erste Inhaber des für lange Zeit einzigen Lehrstuhles für Christliche Gesellschaftslehre (damalige Bezeichnung: Sozialtheologie) in Münster. Er war darüber hinaus von 1884 bis 1921 Abgeordneter des Zentrums im Preußischen Landtag und im Deutschen Reichstag und hatte großen Einfluss auf die Gestaltung der Sozialgesetzgebung Bismarcks . Hitze wurde so nach dem Tode Bischof Kettelers im Jahre 1877 bis nach dem Ersten Weltkrieg die führende und beherrschende Gestalt in der katholischen Soziallehre und Sozialpolitik.

Adolph Kolping (1813-1856), der 1845 zum Priester geweiht und der „Vater der Gesellenbewegung“ wurde. Die Kolpingbewegung geht auf ihn zurück. Ihm ging es v.a. darum, die religiöse Entwurzelung der wandernden Gesellen durch berufliche Fortbildung und menschlich-religiöse Bildung zu bekämpfen. Er kümmerte sich besonders um die wandernden Handwerksburschen und gründete 1846 in Wuppertal-Elberfeld den ersten einer Reihe von Gesellenvereinen.

Peter Franz Reichensperger (1810-1892), der in der sozialen Frage ein Problem sah, das sowohl religiös als auch wirtschaftlich und gesellschaftlich bedingt war, und eine staatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik, Steuergerechtigkeit und Schutzzölle für inländische Waren forderte.

Der Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler (1811-1877), 1844 zum Priester geweiht und ab 1850 Bischof von Mainz,  war „kein abstrakter Theoretiker, sondern ein Mann der apostolischen Tat" , der seine ganze Kraft der Hilfe für die Notleidenden widmete, Kranken- und Waisenhäuser gründete und der sozialpolitische Sprecher der deutschen Bischöfe war. Diese Männer erkannten - wie viele andere, die hier nicht explizit genannt werden können - die Probleme, die der Gesellschaft mit der Industrialisierung erwuchsen und welche im Zuge der industriellen Revolution immer drängender wurden und gingen in Wort und Tat dagegen an. Wilhelm Emanuel von Ketteler z.B. hat bereits 1848 und dann wieder 1864 wesentliche Gedanken zur sozialen Frage veröffentlicht. Die entscheidenden Einflüsse auf das kirchliche Lehramt gingen dann auch eindeutig vom Mainzer Bischof aus, denn vergleicht man z.B. die Werke des Vaters der KAB (früher Werkvolk) mit Rerum novarum, so kann man feststellen, dass er schon mehr als 40 Jahre vor Leo XIII. das formuliert hatte, was mit dessen Enzyklika zur offiziellen Lehrmeinung der katholischen Kirche wurde. Es muss allerdings auch gesagt werden, dass Ketteler nicht der erste katholische Bischof war, der die soziale Frage und ihre Missstände öffentlich thematisiert hatte: Vor ihm hatten schon 1845 mehrere französische Bischöfe zu diesem Thema einen Hirtenbrief erlassen.

 

Außerdem aber sind obige Definitionen nach Meinung des Verfassers auch zu eng gefasst: Das Reden von der so genannten „sozialen Frage" meint mehr als die meist synonym dafür gebrauchte Redeweise von der „Proletarisierung der Massen", wie Karl Marx sie beispielsweise interpretierte. Unter den Oberbegriff der sozialen Frage fallen nämlich meines Erachtens auch die folgenden drei Gesichtspunkte, welche ich im Anschluss an Joseph Kardinal Höffner folgendermaßen interpretieren will:

1.         Die Entpersönlichung, d.h. man tut etwas, man denkt, man meint.  Mit anderen Worten: Der Mensch als Individuum unterwirft sich dem Kollektiv und dessen Meinung. Hier gilt es aber mit Joseph Kardinal Höffner zu sagen: „Wer ... 'vordenken' lässt ... und genormte Gesinnungen übernimmt, ist der Vermassung verfallen."  

2.         Die Verabsolutierung des Lebensstandards und des Materiellen, d.h. der Lebensstandard eines Menschen bestimmt seine gesellschaftliche Geltung und seine gesellschaftliche Akzeptanz. Mit anderen Worten: Die rein materiellen Dinge im Leben bestimmen über den „Wert“ des Menschen, nicht seine menschlichen und geistigen Qualitäten.   Und schließlich wird

3.         der Mensch religiös entwurzelt, d.h. „die Atmosphäre der modernen Gesellschaft ist säkularisiert ... zahlreiche Menschen unsicher, orientierungslos und seelisch traurig gemacht."

 

2.4.      Soziale Gerechtigkeit als Grundforderung des Evangeliums

Der Jesuit Walter Kerber ist der Meinung, die soziale Frage sei mit dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit gleichzusetzen, d.h. es gehe um das Erarbeiten eines gerechten Gesellschaftsaufbaus, der jedem zukommen lässt, was er braucht, um sich seinen ihm zustehenden (und d.h. gerechten) Anteil am gesellschaftlichen Leben zu sichern.  Kerber kann sich mit seinem bedenkenswerten Ansatz durchaus auch auf lehramtliche Äußerungen stützen, z.B. auf die Ansprache Paul VI. zur 75-Jahrfeier von Rerum novarum. Dort sagte er: „Die Kirche hat eine Gesetzgebung inspiriert ..., die dem Privileg und dem Egoismus entgegensteht und die Schwachen, die Bescheidenen, die Enterbten schützt." 

Zunächst sei aber die Frage gestellt, was verstehen wir unter Gerechtigkeit? Vorerst einmal sei definiert, dass Gerechtigkeit ein Dreifaches bedeutet, nämlich:

1.         dass jeder gerecht behandelt wird,

2.         dass jeder erhält, was ihm zusteht, und

3.         dass jeder in seinen berechtigten Interessen geschützt wird.

Biblisch-theologisch besitzt der Begriff Gerechtigkeit darüber hinaus aber noch zwei zusätzliche Komponenten, nämlich:

1.         Gerecht sein heißt, dass der Mensch vor Gott im „rechten" Licht steht, dass er von Gott für gerecht erachtet wird, d.h. dass er den Willen Gottes tut.

2.         Gerechtigkeit ist die Folge, welche aus dem gerechten Lebenswandel des einzelnen erwächst. D.h. also: Wer gerecht ist und Gerechtigkeit übt, so wie es Gottes Wille ist, der bewirkt damit Gerechtigkeit für den zwischenmenschlichen Bereich und ermöglicht es auch dem anderen, gerecht zu sein bzw. zu werden.

Die Gerechtigkeit, wie sie die christliche Gesellschaftslehre versteht, ist also einerseits „der Maßstab, mit dem jeden in der Gesellschaft das Seine gegeben wird" , andererseits aber eine menschlich-personale Grundhaltung, welche als die Vorbedingung dafür anzusehen ist, dass Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschen überhaupt erst ermöglicht werden kann.  Kerber unterteilt nun in seinem - meines Erachtens sehr gut gelungenen - Ansatz den Oberbegriff Gerechtigkeit in drei untergeordnete Arten von Gerechtigkeit, nämlich in Besitzstandsgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit und Chancen- bzw. Bedürfnisgerechtigkeit. Die Besitzstandsgerechtigkeit besagt, dass die Aufrechterhaltung einer gegebenen Ordnung, vorrangig inhaltlich bestimmt wird, nämlich „von Stand und Besitz ..., wobei 'Besitz' auch immaterielle Rechte, Ansehen, politischen Einfluss"  bedeuten kann. Gerade diese Art von Gerechtigkeit aber besitzt auch gewichtige Gefahrenmomente, denn die von ihr bewirkten und geförderten Aspekte der Besitzsicherung und des Besitzindividualismus unterliegen der Gefahr, sich zu verselbständigen und dominierend für das menschliche Leben zu werden. Es besteht hier die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass eine Auffassung vom Menschen Raum greift, die den Menschen nur noch einseitig auf eine konsumorientierte "Entfaltung und Befriedigung seiner Bedürfnisnatur"  angelegt sieht. Hieraus nämlich ergeben sich dann drei wesentliche Grundprobleme, als da wären: (1) Ein Individualismus, welcher den Mitmenschen nur noch als Gegner und Konkurrenten sieht. (2) Ein Eigentumsdenken, das nur auf Verfügbarkeit bedacht ist, und  (3) die Überbetonung des individualistischen Erwerbsinteresses.  Die Leistungsgerechtigkeit auf der anderen Seite besagt, dass die persönliche Leistung des einzelnen seine gesellschaftliche Stellung und seine Rechte und Pflichten bestimmt. Diese Art von Gerechtigkeit aber hat nun wiederum unzweifelhaft die Tendenz, bestehende Ungerechtigkeiten nur noch zu vergrößern. Sie ist also - ebenso wie die oben beschriebene Besitzstandsgerechtigkeit - für den Aufbau einer gerechten Gesellschaftsordnung nur bedingt nutzbar. Die Chancen- und Bedürfnisgerechtigkeit dagegen besagt, dass jeder ein Anrecht auf die gleichen Ausgangsbedingungen hat, unter denen er „die Möglichkeit erhält, durch eigene Leistung im Leben voranzukommen und jene gesellschaftliche Stellung zu erreichen, die ... seinen Fähigkeiten entspricht."  Letztgenannte Zielsetzung ist aber nun genau das, was heute so dringend not tut. Soziale (oder Gemeinwohl-) Gerechtigkeit erfordert - schon wegen ihres Ausgangspunktes, d.h. der Würde des Menschen und seiner Sozialnatur -, dass jeder Mensch die gleichen Chancen bekommt, sein Leben zu verwirklichen. Dazu aber bedarf es zunächst und vordringlich des Abbaus von Diskriminierungen aller Art, sei es wegen des Geschlechts, wegen der Rasse, wegen der politischen Überzeugung oder der Religion. Kann man aber in unserer Welt und unserer Gesellschaft, in der eine ganze „Reihe von Ungerechtigkeiten ... zu beklagen ... sind" , überhaupt reinen Gewissens von sozialer Gerechtigkeit sprechen, wenn ein Teil in unvorstellbarem Überfluss lebt während der weitaus größere Teil in zum Teil ebenso unvorstellbarer Armut lebt bzw. am Verhungern ist , wenn ein Teil verfolgt und ausgegrenzt wird wegen politischer Überzeugung, Hautfarbe oder Geschlecht, während die anderen das Leben in vollen Zügen genießen? Es sollte gerade heute noch viel mehr Menschen geben, die handeln wie der ehemalige New Yorker Bürgermeister La Guardia:

Eines eisigkalten Wintertages - so erzählt man - ersetzte er wie schon öfter den Polizeirichter. Es wurde ihm ein zitternder alter Mann vorgeführt, der angeklagt war, einen Laib Brot gestohlen zu haben. Der Angeklagte brachte zu seiner Verteidigung vor, er sei arbeitslos und seine Familie habe nichts zu essen. La Guardia sagte zu ihm: „Ich muss sie bestrafen, denn das Gesetz duldet keine Ausnahme. Sie müssen Zehn Dollar Strafe bezahlen!" Dann aber griff der Bürgermeister in die Tasche, und gab dem Mann einen Zehn-Dollar-Schein. „Hier sind die Zehn Dollar, um ihre Strafe zu bezahlen. Und nun", fuhr er fort, „bestrafe ich jeden der hier Anwesenden mit einer Buße von fünfzig Cents dafür, dass er in einer Stadt lebt, in der ein Mensch Brot stehlen muss, um essen zu können!" Der Gerichtsdiener ging reihum und ein noch ganz ungläubig dreinschauender Mann verließ den Gerichtssaal mit 47 Dollar und 50 Cents in der Tasche.

Was ist also mit sozialer Gerechtigkeit gemeint? Soziale Gerechtigkeit ist vorläufig zu bestimmen als jene Art von Gerechtigkeit, welche unabdingbar ist, um das gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Leben den Erfordernissen des Gemeinwohls anzupassen, d.h. unter den Gesichtspunkten von Menschenwürde, Personalität und Menschlichkeit zu gestalten. „Die Idee der sozialen Gerechtigkeit tritt der liberalen Idee der Harmonie der freien Eigeninteressen gegenüber" und zwar tut sie das, "als Forderung nach der gerechten Verteilung des gemeinsam erarbeiteten Sozialproduktes." 

Soziale Gerechtigkeit ist demzufolge also dann gegeben, wenn Reden und Handeln aller Menschen sich am Gemeinwohl, d.h. am Wohl und Heil, an den Bedürfnissen des anderen orientieren. Soziale Gerechtigkeit ist so gesehen „jene Gerechtigkeit, die jede soziale Gruppe in ihrer organisatorischen Einheit wie in ihren einzelnen Gliedern dazu führt, jeder anderen ihren Anteil am Sozialwohl zu geben, auf den sie ... ein Recht hat."  Der Einsatz jedes Christen für menschenwürdige Lebensverhältnisse, für gerechte und annehmbare Arbeitsbedingungen, für Gerechtigkeit im zwischenmenschlichen Bereich, für die Rechte der Minderbemittelten, Ausgestoßenen und Ausgegrenzten - das alles gehört also zum Begriff der sozialen Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit kann deshalb nur dann gewährleistet werden, wenn gerade auch auf der Ebene des organisierten Zusammenlebens von Menschen das gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Welt einerseits und zwischen Mensch und Mitmensch andererseits neu überdacht wird, d.h. wenn der Mensch umkehrt, umdenkt und seine Situation neu interpretiert.  Pflicht jedes Christen müsste es als Konsequenz aus oben Gesagtem sein, sich immer neu und immer wieder für die Erreichung dieser Zielvorgabe einzusetzen. Gleichzeitig aber ist man heute versucht, sich zu fragen, ob denn das Engagement des Menschen für den Aufbau einer besseren und gerechteren Welt überhaupt noch nötig ist. Gibt es denn nicht die Erklärung der Menschenrechte, gibt es denn nicht Gerichte, gibt es denn nicht Gesetze? Und leider muss festgestellt werden, dass allzu viele Menschen diese Fragen mit „Ja“ beantworten und damit ihr Gewissen beruhigen, während sie sich aus der Verantwortung stehlen. Man ist versucht zu sagen, die Gerechtigkeit wird heute überall auf der Welt gewährleistet, wären da nicht die täglichen Berichte über ungerechte Behandlung von Menschen, über Verletzung der Menschenrechte, über Folter, Diskriminierung und ungerechtfertigter Verhaftungen. Setzt man sich aber nun - entsprechend obiger Vorgaben - für Gerechtigkeit ein, so gibt es eines immer zu bedenken: Das Selbstbewusstsein und die Würde eines Menschen werden gerade da bis ins Tiefste verletzt, wenn er ungerecht behandelt wird. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Mensch ungerecht behandelt wird und sich nicht dagegen wehren kann. Und in wie vielen Ländern dieser Erde ist es noch an der Tagesordnung, dass nur das Recht des Stärkeren gilt - dabei ist doch das Wort „Gerechtigkeit" heute in aller Munde, es wird - wir sagten es bereits - als Synonym für Mitmenschlichkeit, für Rücksichtnahme, für friedliches Zusammenleben verwandt.

Wir wollen nun noch einmal fragen: „Was ist Gerechtigkeit?“ Wofür muss sich ein Christ einsetzen, wenn er Gerechtigkeit fordert? Zuallererst - so muss man sagen - ist der Christ aufgerufen, sich an dem Wort Jesu ein Beispiel zu nehmen, das uns der Evangelist Johannes überliefert hat: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn  ihr einander liebt" (Joh 13,34f).  Als zweites aber ist der Christ verpflichtet, mit gutem Beispiel voranzugehen, d.h. nicht nur lautstark Gerechtigkeit einzufordern und anzumahnen, sondern seinen Worten auch Taten folgen zu lassen, und das bedeutet, er muss in vorbildhafter Weise Gerechtigkeit üben in seiner ganz persönlichen Beziehung zum Mitmenschen. Gerechtigkeit ist also zunächst einmal damit zu assoziieren, dass alle Menschen gerecht behandelt werden - Folter, Diskriminierung und Rassenhass sind mit der Menschenwürde nicht vereinbar. Deshalb gilt es, gegen derartige Ungerechtigkeiten vorzugehen und dagegen die wahre und echte Gerechtigkeit im Licht des Evangeliums zu betonen und immer wieder anzumahnen. Gerechtigkeit bedeutet also, dass die Würde des Menschen anerkannt und gewahrt wird. Jeder Verstoß gegen die Menschenwürde ist ein Verstoß gegen das Personsein des Menschen, d.h. gegen das Personalitätsprinzip. Hier gilt es aber bereits zu fragen, ob dieses Personalitätsprinzip dem Menschen etwa erst ab einem gewissen Alter oder nur unter bestimmten Umständen zuerkannt wird, denn Verstöße dagegen sind ja an der Tagesordnung. Besonders oft wird gegen dieses Prinzip verstoßen, wenn es um Kinderarbeit, Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung geht. Und nicht zu vergessen: Personalität besitzt auch bereits das ungeborene Leben - und wie oft wird gerade dieses Leben bewusst vernichtet! Abtreibung ist als nicht nur ein Verstoß gegen das Tötungsverbot der Bibel (vgl. Ex 20,13; Dtn 5,17), sondern auch gegen das Personalitätsprinzip.

In den letzten Jahrzehnten hat die Entwicklung der katholischen Soziallehre einen weiteren wesentlichen Aspekt bezüglich dieser so dringend einzufordernden sozialen Gerechtigkeit besonders deutlich herausgestellt: Die Gleichsetzung von Gerechtigkeit und (Nächsten-)Liebe, denn - so formulierte es die Bischofssynode von 1971 - „christliche Nächstenliebe und Gerechtigkeit sind untrennbar. Die Liebe gebietet ... die Anerkennung der Würde des Mitmenschen und seiner Rechte" (DeJust 35). Ausgehend von obigem Zitat ist es für einen jeden Christen eigentlich als selbstverständlich anzusehen, dass der Wunsch nach Gerechtigkeit im menschlichen Zusammenleben von der christlichen Liebe her gesehen und interpretiert werden muss, d.h. die Basis jeden menschlichen Zusammenlebens muss die Liebe, also die Achtung vor dem Mitmenschen, seinem So- und Anders-Sein sein.  Noch einmal sei es betont: Voranstehendes bedeutet, dass soziale Gerechtigkeit sich in der Nächstenliebe, in Taten der Liebe konkretisiert, ja konkretisieren muss, denn mit Joseph Kardinal Höffner kann gesagt werden:„In der selbstlos schenkenden ... Liebe, die 'Göttliches und Menschliches in sich eint' ..., bürgt der Mensch nicht mit 'etwas', sondern mit sich selbst; er liebt nicht 'etwas', was der andere besitzt, sondern den anderen ganz und gar."  Noch einmal sei es also gesagt und betont: Der Christ ist dazu aufgerufen, sich nach dem oben bereits zitierten Gebot Jesu zu verhalten, welcher sagte: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn  ihr einander liebt" (Joh 13,34f). Mit anderen Worten: „Die Nächstenliebe ist für den Christen ein Gebot, ein Geheiß zu einem Leben an den Grenzen. ... Nach dem christlichen Selbstverständnis ist der Christ erhoben, befähigt, beschenkt, begnadet, um dieses Gebot zu vernehmen und zu erfüllen."   Dieses Gebot der Nächstenliebe muss deshalb immer wieder als Ansporn und Maßstab für ein wahres christliches Leben, für eine wahre christliche Lebensgestaltung aufgefasst werden. Und noch ein Weiteres sei angemerkt: Diese Aufforderung Jesu zur Nächstenliebe lässt sich auch zur Begründung der Sozialnatur des Menschen, d.h. seinem Angewiesensein auf den jeweils anderen, auf die Gemeinschaft heranziehen. Die grundlegende Aussage der katholischen Soziallehre ist, dass der Mensch als Individuum, als einzelner, Träger von unverlierbaren Rechten ist, gleichzeitig aber auch diese Rechte dazu benutzen soll, die Gemeinschaft, auf die er immer wieder auch angewiesen ist, in Liebe aufzubauen und die Mitmenschen in ihrem Streben nach Gerechtigkeit, nach Glück und Selbstverwirklichung zu unterstützen. Deshalb muss sich diese Verpflichtung zur liebenden Annahme des Mitmenschen nach dem Vorbild Jesu im Leben jedes einzelnen Christen widerspiegeln. Und wer sich bei seinem Engagement für eine gerechtere und bessere Welt von diesem Gebot Jesu her leiten lässt, der wird nicht fehlgehen und nicht alleine bleiben in seinen Anstrengungen, denn sein Vorbild wird auch andere mitreißen und anspornen, mitzutun - so wie es im Sprichwort heißt: Ein Vorbild nutzt mehr als tausend Worte. Es geht in diesem Zusammenhang also vor allem um die Umsetzung und Konkretisierung der - bereits mehrfach angesprochenen - jesuanischen Option für die Armen ins tägliche Leben, d.h. um die Umsetzung und Weiterentwicklung der Liebe Gottes zu uns Menschen. Mit Oswald von Nell-Breuning kann man also sagen, hier ist ein Weg aufgezeigt, und zwar der Weg „von der Gottesliebe zur Nächstenliebe und von da über die unlösliche Verkettung von Liebe und Gerechtigkeit zu Recht und Unrecht in der Welt."  Mit anderen Worten: Die „Theorie“ der Worte des Evangeliums muss sich in der „Praxis“ des alltäglichen Lebens konkretisieren, d.h. das Evangelium muss als Handlungsanweisung zu einem wahrhaft christlichen Leben verstanden werden, und dies bedeutet, dass der christliche Mensch sich nicht darauf beschränken darf, nur zu bedauern, wie schlecht es manchen Menschen geht, sondern es gilt für ihn, sich ganz konkret und aktiv für eine Verbesserung der Lebenssituation dieser Menschen einzusetzen. Abschließend sei noch folgendes angemerkt: Nach Oswald von Nell-Breuning hat die Kirche, d.h. alle, die sich Christen nennen, eine wesentliche und wichtige Aufgabe, nämlich „Zeugnis abzulegen von der im Evangelium enthaltenen Forderung nach Liebe und Gerechtigkeit. ... Die Kirche weiß sich kraft dem ihr von ihrem göttlichen Stifter erteilten Auftrag zuständig und mitverantwortlich für die Gerechtigkeit in der Welt."  Und von daher hatte und hat die Kirche nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, die Missstände während und im Gefolge der industriellen Revolution anzuprangern und Abhilfe zu fordern. Und: Dieses Recht und diese Pflicht hat die Kirche auch heute noch - vielleicht sogar noch mehr als zur Zeit Leo XIII.

 

 

III.  Personalität und Recht auf Arbeit als zentrale Forderungen der katholischen Soziallehre

1.  Vorbemerkung zur naturrechtlichen Argumentationsweise der katholischen Soziallehre:

Die Enzyklika Rerum novarum als Grundlegung der katholischen Soziallehre bezieht sich besonders in ihren Ausführungen zu Eigentumsrecht und Lohngerechtigkeit auf das Naturrecht und auch die gesamte Literatur zur sozialen Frage, zur so genannten Arbeiterfrage, zu Löhnen, usw. rekurriert immer wieder auf das so genannte natürliche oder göttliche Recht. Erst im Jahre 1961wurde mit der Enzyklika Mater et magistra Johannes XXIII. dieser starke Bezug zum Naturrecht, der auch gewisse Verengungen im Naturrechtsverständnis bewirkt hatte, welche „der Wirklichkeit nicht hinreichend gerecht wurden“  und mitunter zu einseitigen und oft auch falschen Sichtweisen bestimmter Probleme beitrugen, wieder etwas eingeschränkt - etwas, was Oswald von Nell-Breuning offen kritisierte. Nach Meinung des Verfassers ist es zwar gut, dass die oft vereinseitigende und verengende naturrechtliche Argumentationsweise der christlichen Gesellschaftslehre einer gemäßigteren und objektiveren Sicht der Dinge Platz machte, andererseits aber muss auch deutlich angemerkt werden, dass es heute durchaus den Anschein hat, als schössen die Gegner und Kritiker der naturrechtlichen Argumentationsweise mitunter über das Ziel hinaus. Die Kritiker haben darin recht, dass dieses vorrangig statisch verstandene Naturrechtsdenken nämlich heute in gewissen Situationen – vor allem, wenn man bedenkt, dass naturrechtliche Argumentationen zum Teil nicht mehr verstanden bzw. akzeptiert werden - durchaus eher hinderlich denn nützlich sein kann. Gegen Nell-Breunings Auffassung ist deshalb zunächst einmal anzuerkennen, dass es gut war, dass dieses statische Naturrechtsdenken mit der Zeit „durch eine Argumentation, die der Geschichtlichkeit des Menschen besser entspricht", abgelöst wurde.  Andererseits muss aber - und gerade dieser Gesichtspunkt wird von den Kritikern am Naturrecht oft vernachlässigt - auch ganz klar angemerkt werden, dass das Naturrecht in vielen seiner Aspekte mit dem göttlichen Recht in eins gesetzt werden muss und es deshalb nicht möglich ist, es einfach über Bord zu werfen, nur weil es unbequem oder angeblich nicht zeitgemäß ist.  Hier ließe sich auch eine Parallele zu sonstigen kirchlichen Entwicklungen ziehen: Die Kirche kann Glaubenswahrheiten nicht einfach vernachlässigen, nur weil sie unbequem sind oder es ihnen an Akzeptanz fehlt. Und genauso verhält es sich mit den Grundwahrheiten , die uns im Naturrecht vorliegen. Und von daher ist es auch zu begrüßen, dass mittlerweile wieder eine gewisse Renaissance des naturrechtlichen Denkens zu beobachten ist, denn Walter Kerber hat wohl recht, wenn er schreibt: „Christliche Normen haben nicht nur die Politik ..., sondern auch das geltende Recht der Bundesrepublik wesentlich mitgeprägt.“ 

Doch nun zum Naturrecht: Die mittlerweile nicht mehr unumstrittene naturrechtliche Argumentationsweise hat ihren letzten Grund „im Vertrauen auf die Evidenz natürlicher Menschenrechte und entsprechender Pflichten, die letzten Endes in Gott begründet sind. Denn die Natur ... wird als geordnete Schöpfung Gottes verstanden, ... in der noch die Spuren des Schöpfers entdeckt werden können."  Da heute feststellbar ist, dass „auch von überzeugten Katholiken, die sich zu ihrer Kirche bekennen, die Autorität kirchlicher Amtsträger, in Naturrechtsfragen bindende Weisungen geben zu können, ... in Frage gestellt“ wird , sollen einige Vorbemerkungen gemacht werden.  Als Grundthese des Naturrechts sei zunächst einmal definiert, dass es der Ermöglichung einer gottgewollten Ordnung des menschlichen Zusammenlebens dienen soll. Das Naturrecht, das als Teil des natürlichen Sittengesetzes „letztlich im 'ewigen Gesetz' ... des Schöpfers begründet" und im Gewissen verpflichtend ist  und in Würde und Gottebenbildlichkeit des Menschen wurzelt, gibt dem Menschen, da er von Gott als Person erschaffen wurde, bestimmte unverlierbare Rechte, welche auch als Grundrechte oder Menschenrechte bezeichnet werden. Diese Rechte gehören untrennbar zur Natur des Menschen, sie können ihm nicht genommen werden und er selbst kann auch nicht darauf verzichten - selbst wenn er es wollte. Zu diesen Rechten gehören zum Beispiel das Recht auf Leben, das Recht auf Unversehrtheit des Leibes, Personalität, Geschöpflichkeit  und auch die Gewissensfreiheit. J.M Lochmann beispielsweise erhebt im wesentlichen sechs Grund- bzw. Menschenrechte, nämlich:

1.         Das Recht auf Leben,

2.         Das Recht auf Kultur, d.h. „sich kultureller Identität zu erfreuen und diese zu erhalten",

3.         Das Recht Entscheidungen zu treffen und an Entscheidungsfindungen teilzunehmen,

4.         Das Recht auf Meinungsfreiheit,

5.         Das Recht auf Personalität und Menschenwürde, und

6.         Das Recht auf Religionsfreiheit.

Das Naturrecht darf also nicht als ein Vernunftrecht verstanden werden, sondern muss als ein so genanntes Wesensrecht gesehen werden, denn  „das Naturrecht enthält die aus dem Wesen des Menschen sich ergebenden überzeitlich gültigen, obersten und allgemeinen Grundnormen."   Und hier ist bereits eine der Grenzen angedeutet, die bei aller wohlmeinenden und vielleicht auch berechtigten Kritik am Naturrecht nicht überschritten werden kann und darf: Grund- und Menschenrechte müssen ihre Gültigkeit behalten, seien sie nun bequem oder unbequem!  Diese Menschen- bzw. Grundrechte, welche mittlerweile - zumindest auf dem Papier - bereits weltweite Geltung erhalten haben, werden mitunter in einigen sehr einseitigen und verkürzenden Interpretationsweisen als Ausdruck elementarer Erfahrungen von Unfreiheit aufgefasst, d.h. sie weisen angeblich immer dann, wenn sie angesprochen, angemahnt und eingefordert werden, auf eine Notlage hin, „welche ihre Ursache nicht in der Willkür einzelner, sondern in den gesellschaftlichen und staatlichen Ordnungen selbst hat."  Das hieße also, wenn es nötig ist, Grund- und Menschenrechte besonders zu betonen und einzufordern, dann muss im gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Miteinander irgendetwas nicht in Ordnung sein. Will man dieser Argumentation folgen, so kann man also sagen: Wenn jemand Menschen- bzw. Grundrechte einfordert, ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft noch Handlungsbedarf bezüglich der Gerechtigkeit besteht. Obige Art, den Menschenrechtsbegriff zu interpretieren, mag zwar durchaus ihre Berechtigung haben, dennoch aber ist sie nach Meinung des Verfassers viel zu einseitig, als dass dadurch die gesamte Bandbreite des Menschenrechtsbegriffs abgedeckt werden könnte. Wesentlich ist statt dessen nach Meinung des Verfassers und der überwiegenden Mehrheit der sich mit dieser Problematik Beschäftigenden, dass dieser Begriff vordringlich einmal „Rechtspositionen bezeichnet, die allen Menschen in gleicher Weise zukommen sollen" , d.h. diese Menschenrechte sind unverzichtbar und unaufhebbar, um jedem Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen und das menschliche Zusammenleben „menschlich" zu gestalten. „Der so verstandene Begriff des Menschenrechts weist eine große Nähe zu Grundwirklichkeiten des christlichen Glaubens auf", und dies gilt immer dann, wenn jedem Menschen „die Sachmomente der Freiheit, der Gleichheit und der Teilhabe"  zuerkannt werden.

Doch nun zum Naturrecht, wie es sich gerade in der Lehre der katholischen Kirche darstellt: Das Naturrecht, welches die Grundlage für die Menschenrechte bildet, besitzt drei wesentliche Eigenschaften. Es ist nämlich :

1.         allgemeingültig und damit verpflichtend für jedermann. Es ist 

2.         unwandelbar, d.h. es kann nicht geändert, gelockert oder aufgehoben werden (auch freiwilliger Verzicht darauf ist unmöglich), und es ist 

3.         jederzeit erkennbar, da es konkret und gegenständlich erlebt und erkannt werden kann. 

Jede Handlung und jede rechtliche Regelung muss deshalb nach Auffassung der katholischen Soziallehre zunächst einmal mit dem Naturrecht in Einklang stehen; tut sie es nicht, so ist sie als ungültig bzw. rechtlich unwirksam anzusehen. Und hier besteht ein erheblicher Handlungsbedarf für die katholische Kirche und für jeden Christen, denn leider muss auch heute noch festgehalten werden, dass hier noch manches im Argen liegt. Papst Paul VI. beispielsweise beklagte noch 1971 in seiner Enzyklika Octogesima adveniens: „Tatsächlich werden die Menschenrechte zwar nicht missachtet, aber doch zu wenig beachtet oder ... nur dem äußerlichen Schein nach beobachtet. In vielen Fällen bleibt die Gesetzgebung hinter den Erfordernissen des Lebens zurück" (OA 23).  Und heute - mehr als zwanzig Jahre nach Octogesima adveniens? Gilt dieser Satz nicht mehr, oder hat er gerade heute immer noch Gültigkeit?

 

Wir erwähnten es bereits: Es wird - und das nicht erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil - oft Kritik an der Naturrechtslehre der katholischen Kirche und deren Soziallehre überhaupt geübt. So hieß es z.B. immer wieder, das Bemühen der Kirche gelte vorrangig der „'ethischen Substanz' der Menschenrechte im Sinne unverzichtbarer Güter und Werte", welche „die menschenrechtlichen Impulse auf eine Bewegung sozialer Sorge für das Volk" reduziert hätte  und es wurde eine angebliche Unvereinbarkeit zwischen den Menschenrechten humanistischer Ausfaltung und kirchlich-naturrechtlicher Argumentation postuliert, zu deren Überwindung es „eines mühevollen und schmerzlichen Erfahrungsprozesses, der erst im II. Vaticanum zum Abschluss gekommen ist" bedurfte.  So schreibt beispielsweise Peter Hünermann zu dieser Thematik: „Zwar wurde mit der Ekklesiologie des II. Vatikanums die Kirche im Kontext der neuzeitlichen Gesellschaft gedacht. Dieser Ansatz wurde aber bislang von der katholischen Soziallehre nicht aufgegriffen. Es liegt keine kritische Reflexion auf die Lebensformen der Universalkirche und der Kirche in den kulturellen Großräumen vor."  Die christliche Gesellschaftslehre hat überdies - will man Hünermann glauben - „im Urteil vieler Zeitgenossen einen zu stark 'moralisierenden' Charakter. Es wird ihr vorgeworfen, dass sie sich nicht in adäquater Weise am gelingenden Leben orientiere."  Auch F. Klüber sieht diese Wandlung; er geht aber wohl zu weit, wenn er schreibt: „Die christliche Gesellschaftslehre steht im Prozess eines tief greifenden Wandels. Seit Johannes XXIII. und dem II. Vatikanischen Konzil sind Positionen aufgegeben worden, die bis dahin zu den Kriterien katholischer Rechtgläubigkeit gehörten."  Hier muss eindrücklich festgehalten werden, dass diese doch recht einseitige Sicht, wie sie in obigen Stellungnahmen zum Ausdruck kommt, nicht richtig sein kann, denn die Diskussion um die Menschenrechte, welche als Aufgabe und Herausforderung für die Kirche verstanden werden müssen, muss davon ausgehen (und tut es auch), dass Menschenrechte immer Rechte für den Menschen sind und d.h., dass es ihre Zielsetzung ist, dass jedem Menschen gewisse unverzichtbare Grundwerte garantiert werden, damit sein Leben lebenswert ist und gelingen kann. Man kann hier also durchaus von einem anthropologischen Konsens, welcher als die Voraussetzung angesehen werden muss, welche „auf einer anthropologischen Identität der Erfahrung des Unrechts, des Leids, der Unterdrückung aufruht" , sprechen. Da also die - naturrechtlich fundierten - Menschenrechte als Rechte für den Menschen zu charakterisieren sind, bedeutet dies, dass man eine stillschweigende Übereinkunft getroffen hat, dass der Begriff der Grund- oder Menschenrechte als „kleinster gemeinsamer Nenner" dessen, was die Wurzel aller konkreten Aufgaben darstellt, angesehen wird. Und wenn man von dieser Basis ausgeht, dann kann man auch sagen, dass der christliche Glaube, wenn er von Menschenrechten spricht, gar nicht anders handeln kann, als die christlich-anthropologische Deutung dieser Rechte aufzugreifen.  Und gerade deshalb ist diese angeblich „moralisierende" Auffassung der katholischen Kirche vom Naturrecht, von Menschen- und Grundrechten dann doch als die bessere und richtigere Auffassung zu charakterisieren. Mit Walter Kerber kann man vielleicht als Grund für die „Verunsicherung der Katholiken darüber, welche Verbindlichkeit den naturrechtlichen Normen denn eigentlich noch zukomme“,  angeben, dass „das kirchliche Lehramt von manchen ... Positionen abrückte - trotz gleichzeitiger Betonung der Kontinuität dieser Lehre.“  Mit anderen Worten: Der - oft geforderte und sowohl notwendige als auch gut gemeinte - Wandel im Naturrechtsverständnis ist ein Mitgrund dafür, dass das Naturrechtsdenken in eine Krise geraten ist. Als Aufgabe der Kirche ist deshalb herauszustellen, dass sie versuchen muss, „die von ihr vertretenen Normen ... vor allem auf dem Weg der sachlichen Begründung und Überzeugung ... durchzusetzen.“  Und überdies: Ist es denn so falsch, wenn die Kirche auf diesen Grund- und Menschenrechten beharrt? Die offensichtlichen Verletzungen dieser Grundrechte sind oftmals nur zu offenkundig, und zwar überall dort, „wo der Mensch durch den Menschen zu einem erniedrigten ... Wesen gemacht wird."   „Kirche und Christen müssten taub auf allen Ohren für die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit und der Friedensverheißung ihres Gottes geworden sein, wollten sie sich nicht von der Sache treffen lassen, um die es in den Menschenrechten geht.“  Und so schwer es auch manchmal sein kann, die Menschenrechte überall auf der Welt gegen alle Widerstände durchzusetzen, „so ist doch klar zu erkennen, welch wichtige und notwendige Ausweitung die Menschenrechte ... erfahren haben" , denn mit Walter Kerber kann betont werden, dass „der absolute Schutz eines Kernbereichs von Rechten, die dem Menschen auch durch entgegenstehende Gesetzeswillkür nicht genommen werden dürfen, ... ein wichtiges Anliegen“  ist. Und deshalb ist es so dringend erforderlich, dass die Menschenrechte immer wieder angemahnt und eingefordert werden, auch wenn der moderne Mensch es oft nicht ertragen kann, wenn er auf etwas hingewiesen wird, was ihm unverständlich ist oder ihm "gegen den Strich geht", d.h. was sich angeblich mit seiner individualistischen und libertinistischen Lebensauffassung nicht vereinbaren lässt. Die Kirche ist deshalb - besonders auch in der Diskussion mit Menschen, die keiner christlichen Religion verbunden sind - aufgerufen, „aus dem Geist des Evangeliums heraus sachliche Vorschläge" zu unterbreiten, ohne „den Glauben an das Evangelium zur Bedingung zu machen."

 

2.  Das Personalitätsprinzip - begründet in Selbstbestimmungsrecht und Würde des Menschen

2.1.      Selbstbestimmungsrecht und Würde des Menschen - abgeleitet aus seiner Gottebenbildlichkeit

Joseph Kardinal Höffner sagte 1977 in seinem Eröffnungsreferat vor der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz: „Ohne die Anerkennung gemeinsamer Grundwerte und Grundrechte ist das Zusammenleben der Menschen in einem Staat und der Völker untereinander schwerstens bedroht.“   Und er fuhr fort - und es muss ihm in seiner Einschätzung der Situation zugestimmt werden: „Offensichtlich sind in bedeutsamen Lebensbereichen ... anerkannte Grundwerte während der letzten Jahre bedenklich erschüttert worden. ... Die Zerrüttung der Grundwerte bedroht die Menschenwürde." 

Allgemein gültige und von jedermann anerkannte Grundwerte sind also wichtig, um das Zusammenleben der Menschen auf einer gemeinsamen und allgemein anerkannten Basis regeln zu können. Die entscheidendsten Impulse gehen dabei von der theologischen Anthropologie und deren Verständnis der Gottebenbildlichkeit des Menschen aus. „Sie meint weder nur die körperliche noch die geistige Seite, sondern den ganzen Menschen. ... Aus der Beziehung zwischen dem Schöpfergott und seinem Geschöpf erweist sich des Menschen Würde."

Die christliche Gesellschaftslehre basiert in ihrer Lehre vom Menschen, von seiner unverzichtbaren Würde, seinen unverlierbaren Rechten und seiner Personalität also auf dem christlichen Menschenbild, d.h. der theologischen Anthropologie. Und diese christliche Lehre vom Menschen hat ihren Ausgangspunkt im Alten Testament, genauer in Gen 1,27, wo es heißt: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild;  als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie." Und deshalb - weil Gott ihn als Abbild seiner selbst schuf und ihm den Auftrag gab, die Erde zu besitzen und zu pflegen -, deshalb ist der Mensch der Stellvertreter Gottes auf Erden. Noch einmal sei es wiederholt: Immer und überall, auch in seiner sozialen Stellung, in Beruf, Familie und Gesellschaft ist der Mensch Abbild Gottes, und das bedeutet letztlich, dass der Mensch, und zwar jeder Mensch einmalig und unverwechselbar ist, und dass er als vernunftbegabtes Individuum, welches aber auch auf den anderen, den Mitmenschen bezogen und hingeordnet ist, einen entscheidenden und unverzichtbaren Beitrag zur Bildung und zum gerechten Aufbau der Gemeinschaft einbringt. Mit den Worten Albrecht Beckels ausgedrückt heißt das, dass „die richtige Ordnung des Verhältnisses von Einzelmensch und Gesellschaft ... nur durch dynamische, geschmeidige Sozialprinzipien, durch die der Vorrang der Person gesichert ..., Gemeinschaften lebensfähig erhalten ..., Ordnung in die Vielfalt gebracht wird", gewährleistet werden kann.  Hier sind also bereits Staat und Gesellschaft und deren Einsatz für Subsidiarität, Solidarität und Gemeinwohl unter Beachtung des Personalitätsprinzips gefordert. Die wichtigsten Begriffe in diesem Zusammenhang sind Vernunft einerseits und Einmaligkeit andererseits. Was ist nun aber unter diesen Begriffen der Vernunftbegabung und der Einmaligkeit des Menschen zu verstehen? Vernunft besagt, dass der Mensch weiß, dass er aufgrund seiner Gottebenbildlichkeit eine Sonderstellung in der Natur bekleidet.  „Aufgrund seiner Sonderstellung ist der Mensch im Unterschied zum Tier durch individuelle Selbstbestimmung gekennzeichnet.“  Der Mensch kann also - und das als einziges Lebewesen auf der Welt! - vorausdenken, vorausplanen, die Konsequenzen seines Handelns berechnen und in seine Überlegungen mit einbeziehen. Und diese „erweiterte" Perspektive ist nicht nur eine Erleichterung des Lebens des einzelnen, sondern gleichzeitig auch eine Verpflichtung für das (Zusammen-)Leben mit den anderen: Der Mensch ist verpflichtet, diese seine ihm wesentliche Verantwortung wahrzunehmen, d.h. vor seinem Handeln auch die Folgen - nicht nur für sich, sondern auch für die zukünftigen Generationen - zu beachten. Wenn ein Mensch diese Gesamtschau aufgibt, diesen Blick in die Zukunft nicht mehr vollzieht, dann sinkt er herab auf die Stufe eines instinktgesteuerten Tieres, d.h. er verfällt sinnlosem, triebgesteuertem Handeln - das beste Beispiel dafür ist der immer mehr um sich greifende Konsumrausch: Immer mehr Menschen leben ihre Triebe in billigem Konsum aus, ohne die gesundheitlichen und seelischen Folgen zu bedenken (Beispiel: Drogenkonsum) und dieser Zwang zum Konsum ist als eine neue Art von „Besessenheit“ zu charakterisieren, d.h. der Mensch wird davon besessen und von dem fremdbestimmt, was er zu besitzen glaubt.  Halten wir also fest: Der Mensch wird durch seine Vernunftbegabung befähigt, Selbsterkenntnis und Selbstreflexion zu vollziehen, d.h. er erfährt sich einerseits als unteilbar, als selbständig, als Individuum, andererseits aber auch als begrenzt, als ein wesenhaft auf die Gemeinschaft angewiesenes Wesen.

Einmaligkeit besagt in diesem Zusammenhang, dass der Mensch als Individuum, als unverwechselbar einer und einziger geschaffen ist. Die Einmaligkeit des Menschen besagt also Individualität und Personalität des Menschen, während die Sozialnatur des Menschen auf seine Unselbständigkeit, auf sein Angewiesensein auf den Mitmenschen, die Gemeinschaft (das „Kollektiv") hinweist.

Die Gottebenbildlichkeit des Menschen, sein Gott-ähnlich-, ja Gott-gleich-Sein findet ihren tiefsten Ausdruck in der Freiheit und der Verantwortlichkeit des Menschen. Dass der Mensch frei ist und über einen freien Willen verfügt, bedeutet, dass er frei und ungezwungen auf die Liebe Gottes antworten kann, dass er frei und ungezwungen an der Vervollkommnung der Schöpfung Gottes mitarbeiten kann - und das schließt auch den Einsatz für die Rechte des anderen, für eine gerechtere und bessere (menschenwürdigere) Welt mit ein. Diese Freiheit des Menschen, welche besagt, dass der Mensch „nicht mehr an seine Instinkthandlungen gebunden“ ist , ist aber auch eingeschränkt, und zwar durch die Verantwortlichkeit des Menschen, d.h. durch die Verpflichtung, die Freiheit des anderen, die unverzichtbaren Rechte des Mitmenschen zu achten. Die Freiheit - wird sie richtig verstanden - ist also nicht nur Gabe, sondern Aufgabe, denn sie fordert dem Menschen täglich neu Entscheidungen ab, die oft unwiderruflich sind. Freiheit bedeutet also Verantwortlichkeit gegenüber sich selbst und den Mitmenschen - „das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten“ (George Bernhard Shaw).

Der Mensch ist also frei und nimmt am Herrentum und an der Herrlichkeit Gottes teil. Er steht Gott als Gesprächspartner in Freiheit gegenüber und hat sich in diesem Gespräch Gott gegenüber zu verantworten und zu  rechtfertigen. Freiheit bedingt also ein Dreifaches, nämlich: Entscheidung, Verantwortung und Bewährung. Hier gilt es zu betonen - und dies ist auch Aufgabe der katholischen Soziallehre -, dass Freiheit nicht mit Beliebigkeit gleichgesetzt wird, d.h., dass der Mensch nicht nach seinem Gutdünken und nur seinen ureigensten Interessen verpflichtet Entscheidungen trifft. Hier liegt die wesentliche und unverzichtbare Rolle des Gewissens begründet, denn das menschliche Gewissen ist die letzte und unhinterfragbare Norm menschlichen Verhaltens und menschlichen Handelns. In Bezug auf Gesellschaft, Politik und Welt z.B. zeigt sich diese durch das Gewissen gesteuerte und geregelte Freiheit des Menschen darin, dass er in allen seinen Entscheidungen, in all seinem Tun sich der Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen und auch der zukünftigen Generationen bewusst ist und seine Entscheidungen deshalb den Interessen seiner Mitmenschen und der nachfolgenden Generationen unterwirft. Von daher hat der Mensch auch aus dem Herrschaftsauftrag von Gen 1,28, wo es heißt: „Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch“, nicht das Recht, seine Umwelt zu zerstören, die natürlichen Ressourcen in unverantwortlicher Weise auszubeuten und Raubbau an der Natur zu treiben. Mit Norbert Lohfink kann man also sagen: „Gen 1,28 ist ... alles andere als eine Rechtfertigung eines Glaubens, demzufolge der Mensch allmächtig ist und ein Gehirn besitzt, das ihm nicht nur die Fähigkeit, sondern auch das Recht gibt, alle anderen Geschöpfe und alles, was die Welt zu bieten hat, ohne Rücksicht auf die Folgen auszubeuten."  Festzuhalten bleibt also mit Alexandre Ganoczy zunächst einmal Folgendes: „Ein willkürliches, gewaltsames 'Untertanmachen', eine rücksichtslose Ausbeutung der Natur ist nicht gemeint" , wenn die Bibel davon spricht, dass Gott den Menschen befohlen hätte „Macht euch die Erde untertan". Nein, ganz im Gegenteil: Dieser Herrschaftsauftrag beinhaltet eine große Verpflichtung, d.h. der Mensch hat die Natur zu schützen und zu pflegen und dafür Sorge zu tragen, seinen Nachkommen eine lebenswerte, eine menschliche Umwelt zu hinterlassen, denn es ist eine wesentliche und unverzichtbare Aufgabe jedes Christen, sich auch für die unveräußerlichen Rechte jener einzusetzen, die noch nicht geboren sind, denn „der Blick in die Zukunft verlangt ..., dass wir das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt neu überdenken."  Es gilt aber zu beachten, dass nicht nur die Bewahrung der Umwelt für die nachfolgenden Generationen hier einzufordern ist, sondern ebenso das unverlierbare Recht des ungeborenen Lebens beachtet werden muss! Bei allem Respekt für den Einsatz für Ökologie, Wale, Umwelt u.ä. durch Greenpeace, Grüne und sonstige Gruppen, muss  hier beklagt werden, dass gerade auch „Die Grünen“ sich immer wieder und immer öfter gegen das ungeborene Leben versündigen. Doch zurück zu Gen 1,27f: Es muss hier zum einen warnend und mahnend festgehalten werden, dass „die Erschöpfung der wichtigsten Ressourcen als Lebensgrundlage der Menschheit und die Belastung der Biosphäre ... einen Stand erreicht , der Überleben nur möglich erscheinen lässt, wenn in solidarischer Einheit ... die Zukunft gesichert wird."  Zum anderen aber gilt es deutlich herauszustellen, dass Gen 1,28 nicht zur Rechtfertigung dessen verwandt werden darf, „was die Menschheit in der Neuzeit begonnen hat und dessen bitterböse Folgen sich nun ... anzudeuten scheinen."   Und schon deshalb ist der Mensch heute ganz besonders verpflichtet, sich mehr als bisher um den Schutz der Umwelt zu kümmern. Konkret bedeutet das aber: Die Menschen auf der ganzen Welt müssen lernen, sich weniger um die Erschließung neuer Rohstoffvorkommen um jeden Preis (auch unter Inkaufnahme irreparabler Umweltschädigungen) zu sorgen, sondern sich mehr um eine umweltverträgliche Nutzung aller Rohstoffe zu sorgen. Der Herrschaftsauftrag Gottes an den Menschen, sich die Erde untertan zu machen ist nämlich - so die übereinstimmende Meinung aller Exegeten - nicht gleichbedeutend mit restloser Verfügungsgewalt über die Erde. Dieser Herrschafts- und Nutzungsauftrag beinhaltet vielmehr auch die Verpflichtung, die Erde und ihre Rohstoffe so zu nutzen, dass diese Nutzung einerseits zum Wohl und Nutzen aller, die zur Zeit auf dieser Erde leben, und andererseits aber auch zum Wohl und Nutzen auch der zukünftig auf der Erde lebenden Menschen erfolgt. Mit Konrad Hilpert könnte man diese Verpflichtung des Menschen zum Schutz und zur Bewahrung eines menschenwürdigen Lebens auch unserer  Nachkommen in folgende Definition fassen: „Die Frage, was menschenwürdiges Leben für die Menschen der Zukunft konkret heißen wird, ... muss - als Minimalgehalt - das umfassen, was in der bisherigen Geschichte der Menschheit als menschenwürdiges Leben sich erwiesen hat."  Hier ist eine große Verpflichtung und Verantwortung für die Menschen der heutigen Generation angesprochen: Es muss gewährleistet werden, dass die zukünftigen Generationen nicht durch unser Tun und Lassen daran gehindert werden, menschenwürdig zu leben! „Auf Kosten zukünftiger Generationen zu leben ist mindestens so verwerflich wie auf Kosten der Zeitgenossen. ... Konkret heißt das z.B.: Es geht nicht an, die heutigen Energieträger ... in diesem Maße zu verbrauchen, wie wir das heute tun."  Bedenkt man nämlich, welche gewaltigen Probleme und Lasten wir unseren Nachkommen hinterlassen (Umweltverschmutzung, Ausrottung von Tieren und Pflanzen, radioaktive Verseuchung), so ist hier schon ein gewisser Zweifel angebracht, ob unsere Nachkommen uns dafür nicht eines Tages verfluchen werden. Somit geht es also vorrangig um die Bewahrung der Schöpfung. Der Mensch muss mehr und mehr (und zwar schnell, denn sonst ist es zu spät!) in die Rolle eines „Treuhänders" der Schöpfung hineinwachsen, und d.h. der Mensch ist aufgerufen, zu erkennen, dass dies eine Rolle ist, die ihm von Gott schon immer so zugedacht war.  Das oben Angesprochene impliziert somit, dass der Mensch seine aus Gen 1,28 abgeleitete „Herrschaft" über die Schöpfung so zu verstehen hat, dass er sich als „Treuhänder" oder als „Guter Hirte" (vgl. Joh 10,3) betrachtet.  Denn mit Ernst Wolfgang Böckenförde muss es noch einmal betont werden: „Eine solche Einstellung entspricht dem, was der Christ anerkennt, wenn er von der Erde als Schöpfung Gottes spricht. ... Der Mensch soll Herrschaft über die Natur und die Güter der Erde ausüben, wobei jedoch Herrschaft ... gerade die Sorge und Verantwortung für das Wohl und die Fortexistenz der Beherrschten ... in sich einbegreift."  Und so verstanden und interpretiert muss mit Norbert Lohfink Gen 1,28 folgendermaßen übersetzt werden: „Füllt die Erde (d.h. das euch zugeteilte Land nach Maßgabe des Schöpfers) an."  Die Herrschaft des Menschen dient also vorrangig der Bewahrung, dem Hegen, Lenken und Leiten, nicht der egoistischen Ausbeutung. Und dies bedeutet dann gleichzeitig auch, dass die jahrhundertelang geübte Praxis des Menschen, die Erde und ihre Ressourcen ungehemmt auszubeuten, als nicht mit der biblischen Botschaft im Einklang stehend betrachtet werden kann und muss. Gerade auch seit der Industrialisierung und im Zuge des modernen Machbarkeits- und Fortschrittsglaubens ist aber diese Pflicht zum Schutz und zur Bewahrung der Schöpfung mehr und mehr verdrängt und missachtet worden. Johannes Paul II. beklagte diese Fehlentwicklung und dieses Fehlverhalten in seiner Enzyklika Centesimus annus mit folgenden Worten: „Der Mensch ... konsumiert auf maßlose und undisziplinierte Weise die Ressourcen der Erde und selbst ihre Existenz. Der unbesonnenen Zerstörung der natürlichen Umwelt liegt ein heute leider weitverbreiteter anthropologischer Irrtum zugrunde. ... Der Mensch meint, willkürlich über die Erde verfügen zu können, indem er sie ohne Vorbehalte seinem Willen unterwirft. ... Statt seine Aufgabe als Mitarbeiter Gottes am Schöpfungswerk zu verwirklichen, setzt sich der Mensch an die Stelle Gottes. ... In diesem Zusammenhang muss sich die heutige Menschheit ihrer Pflichten und Aufgaben gegenüber den künftigen Generationen bewusst sein" (CA 37).  Es ist deshalb von allen Menschen zu fordern, „sich zunehmend dessen bewusst zu werden, dass man nicht ungestraft von den verschiedenen lebenden oder leblosen Geschöpfen ... rein nach Gutdünken und entsprechend den eigenen wirtschaftlichen Erfordernissen Gebrauch machen kann" (SRS 34). Johannes Paul II. spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Begrenztheit der natürlichen Ressourcen, von denen sich einige ... nicht regenerieren. Sie mit absolutem Verfügungsanspruch zu benutzen, ... bringt ihr Fortbestehen nicht nur für die gegenwärtige Generation, sondern vor allem für die künftigen in ernste Gefahr."  Und deshalb ist es eine absolut zwingende Forderung, die Umweltzerstörung und die rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zu stoppen. Der Raubbau an der Natur (z.B. die Abholzung der Regenwälder Südamerikas)  muss schon aus dem Grunde gestoppt werden, um der Nachwelt noch eine lebenswerte Erde hinterlassen zu können. Die im bisherigen Verlauf der industriellen Hochkultur angerichteten Schäden sind schon groß genug und zum größten Teil nicht mehr wiedergutzumachen.

Abschließend sei gesagt, dass bei aller Sorge um die Umwelt immer zu beachten ist, dass hier immer neu eine Güterabwägung erforderlich ist: Der Mensch hat einerseits das unbestrittene Recht, zur Befriedigung seiner (gerechtfertigten!) Bedürfnisse in die Natur einzugreifen. Dieses Privileg des Menschen ist aber auf der anderen Seite - und das ist leider noch immer zu wenig im Bewusstsein der Menschen verankert - kein Freibrief zur rücksichtslosen und nicht wiedergutzumachenden Zerstörung der Natur und zur Ausrottung von Pflanzen und Tieren! Dazu vielleicht zwei Beispiele: Paul Erbrich nennt sie als Beleg dafür, dass es unter Umständen bereits zu spät sein könnte: „Nehmen wir an, dass die Kinderzahl pro Familie bis zum Jahr 2000 weltweit auf zwei sinke ..., dann stiege die Einwohnerzahl ... und käme erst bei 8,2 Mia endlich zum Stehen. ... Nimmt man nun an, dass die Weltbevölkerung weiterhin mit 2,1% pro Jahr wächst, dann wird das verfügbare Ackerland um das Jahr 2000 aufgebraucht sein."  Zumindest die letzte dieser beiden Prognosen scheint - aus der heutigen Situation heraus gesehen - (noch) nicht zuzutreffen. Dennoch aber sollte uns Erbrichs Äußerung zum Nachdenken bringen: Dieses oben angesprochene Fehlverhalten, welches nicht erst in der heutigen Zeit, sondern schon seit längerem immer wieder kritisiert wurde, jetzt aber zu einem brennenden und drängenden Problem geworden ist, muss als Grundlage dafür betrachtet werden, dass den christlichen Kirchen immer wieder und immer öfter vorgeworfen wird, sie trügen eine erhebliche Mitschuld daran, dass es zu enormen Umweltzerstörungen und in deren direkter Folge zu schweren Gefährdungen des menschlichen Lebens und des Überlebens der Menschheit gekommen sei. 

Um den oben angeführten Vorwürfen zunächst einmal die Spitze zu nehmen, muss mit Joseph Kardinal Höffner gefordert werden, dass der Mensch, der über die Natur herrscht, wissen muss, wie er sich selbst beherrschen kann, d.h. er muss Selbstbeherrschung lernen, damit er ehe er seine Macht über die Natur ausübt, erst einmal Macht über sich selbst gewinnt, „damit er die Güter der Erde gottesfürchtig und gewissenhaft gebraucht.“  Den Christen kann deshalb im Anschluss an Joseph Kardinal Höffner dazu zunächst eine - auf den ersten Blick etwas seltsame und antiquiert wirkende - dreifache Abwehr empfohlen werden, nämlich „'Gebet mit Fasten und Almosen' (Tob 12,8): Gebet gegen das 'Herrschen- und Geltenwollen', Fasten gegen das 'Genießenwollen', Almosen gegen das 'Habenwollen' (vgl. "Gaudium et spes", 37)."  Aber so antiquiert und unzeitgemäß, wie es zunächst scheinen könnte, ist dieser Rat Kardinal Höffners nicht, denn Geltenwollen, Genießenwollen und Habenwollen sind ja - so haben wir bereits erarbeitet - die Gründe dafür, dass es auf unserer Erde immer noch so große Ungerechtigkeiten und so unmenschliche Verhältnisse gibt. Wer aber nun im Gebet sein Handeln und sein Leben überdenkt, wer immer wieder meditativ darüber nachdenkt, ob er als Christ sich im Gleichklang mit dem Evangelium und dem, nach dem er genannt ist, also Jesus Christus, befindet, der wird - wenn er zum Urteil kommt, dass hier einiges bei ihm im Argen liegt - nach Lösungen suchen. Und hier kann er sich zunächst mit Fasten, d.h. mit Verzicht auf Unnötiges und mit Almosen, d.h. mit Teilen seines Überflusses wieder auf den Weg machen, seinem Vorbild Jesus Christus nachzufolgen. Es ist nun aber glücklicherweise feststellbar, dass das Bewusstsein des Menschen, dass er nicht nur für die Ausbeutung der Erde, sondern vor allem auch für den Schutz und die Bewahrung der Welt und Umwelt verantwortlich ist, kontinuierlich anwächst. Zu fragen wäre nur, ob es nicht bereits zu spät ist - das ständig wachsende Ozonloch, die ständige Verschlechterung der Trinkwasserqualität, die immer noch zunehmende Belastung der Atmosphäre durch Abgase und die zunehmende Erosion, Versalzung und Versteppung landwirtschaftlich genutzter Flächen geben Anlaß zu ernsten Bedenken. „Erosion, Wüstenbildung und Auslaugen landwirtschaftlich genutzter Flächen sowie das Abholzen der Regenwälder schädigen die Vegetationszonen der Erde immer mehr. Etwa 43 Prozent der Landfläche, so errechnete Gretchen C. Daily von der University of California in Berkeley, haben sich durch intensive Nutzung in ihrer Qualität bereits verschlechtert. Durch diese Beeinträchtigung sei das Erntepotential ... auf der gesamten Erdfläche schon jetzt um etwa ein Zehntel reduziert worden. Den gegenwärtigen Trend eingerechnet, könnte der Nutzungsverlust im Jahr 2025 bereits ein Fünftel betragen.“  Anerkannte Wissenschaftler warnen schon seit längerem beispielsweise auch vor einem so genannten „Klimakollaps“. Damit ist gemeint: Wenn die Menschen - vor allem die Industrieländer - so weiter wirtschaften, wie bisher, so steht nach Meinung dieser Wissenschaftler zu erwarten, dass in etwa 25-30 Jahren die Erdatmosphäre bis zur Grenze des Erträglichen aufgeheizt sein wird. Nach Berechnungen des IPCC z.B. wurden von 1860 bis 1994 rund 0,88 Billionen Tonnen CO2 in die Erdatmosphäre freigesetzt. Wenn aber der CO2-Austoß so weitergehen wird, wie bisher, werden bis zum Jahr 2100 7,6 Billionen Tonnen CO2 in der Luft sein - das entspräche einer Steigerung um etwa 860%! Aber es gibt auch positive Aspekte: Der Begriff der Ökologie und das ökologisch verantwortliche Denken und Handeln beispielsweise sind in den letzten Jahren eindeutig zu Schlüsselbegriffen „von kulturellem Selbstverständnis, Politik, individueller und gemeinschaftlicher Lebensorientierung geworden."  In diesem Zusammenhang gewinnt gerade auch die dogmatische Disziplin der Schöpfungstheologie immer mehr an Gewicht. Christliches Reden von der Schöpfung kann also heute nicht mehr im luftleeren Raum, d.h. auf der Ebene abstrakter Theorie stattfinden; christliches Reden von der Schöpfung heißt heute vor allem ganz konkret von der bedrohten Schöpfung zu reden. Die Probleme und Aufgaben, die uns die Umweltkrise beschert hat, haben grundsätzlichen Charakter und gehören zu den zentralen Zukunftsaufgaben nicht nur dieser, sondern auch der nachfolgenden Generationen. Aufgabe der dogmatischen Schöpfungslehre kann es heute angesichts der unabweisbaren Veränderungen im Ökosystem „Erde" nicht mehr sein, den „status quo" und die Erkenntnisse früherer Jahrhunderte darzulegen, Hauptaufgabe einer Schöpfungstheologie in unserer Zeit muss es sein, aufzuzeigen, dass der Mensch - trotz oder gerade wegen seiner unbestrittenen Sonderstellung, welche er in der Schöpfung innehat - in das grundlegende Verhältnis seiner „Mitgeschöpflichkeit" ebenso wie in das Verhältnis der Verantwortung gegenüber Gott eingebunden ist.  Was nun aber mindestens ebenso wichtig ist, wie der oben angesprochene Schutz und die Bewahrung der „materiellen" Umwelt, d.h. der Schöpfung, ist die Bewahrung der „inneren" Umwelt, des menschlichen Mit- und Zueinanders. Unsere Zeit krankt nämlich vor allem auch daran, dass es keine Liebe mehr zwischen den Menschen gibt. Es gibt nur noch Egoismus, Karrieredenken und Selbstsucht - Mitmenschlichkeit, liebende Anteilnahme und liebende Zuwendung zum anderen sind weitgehend aus unserem Leben verschwunden.

„Der Mensch ist sich selbst von Gott geschenkt worden; darum muss er die natürliche und moralische Struktur, mit der er ausgestattet wurde, respektieren" (CA 38.1). Voranstehendes Zitat stammt aus der Enzyklika Centesimus annus, welche Johannes Paul II. anlässlich des einhundertsten Jahrestages der Enzyklika Rerum novarum veröffentlichte. Und hier gilt es vermehrt das Augenmerk auch darauf zu richten, dass jeder Mensch das Recht auf die Verwirklichung seiner Ziele und auf ein menschenwürdiges Leben hat. Hier gilt es vor allem auch das Recht auf Leben der ungeborenen Kinder zu betonen und einzufordern. Die Lieblosigkeit unserer Zeit zeigt sich ja auch in der wachsenden Menschenverachtung und der zunehmenden Missachtung des Rechts auf Leben und Unversehrtheit des Leibes. Abtreibung, Körperverletzung, Gewalt gegen Wehrlose können nicht hingenommen werden. Die Zielsetzung der katholischen Soziallehre, für soziale Gerechtigkeit einzutreten, muss hier wieder in den Vordergrund gerückt werden, denn soziale Gerechtigkeit ist auch für noch ungeborenes Leben, für Arme, Kranke und Hilflose einzufordern.

Doch nun zurück zur Gottebenbildlichkeit des Menschen. Alexandre Ganoczy schreibt bezüglich der Darstellung im Schöpfungsbericht der Priesterschrift (Gen 1,1 - 2,4a):  „An der Spitze der ... Geschöpfpyramide erscheint der Mensch. ... Spitzenkreatur soll er sein."  Und gerade diese Spitzenfunktion, dieses Herausgehobensein aus der ganzen Schöpfung durch die Gottebenbildlichkeit bringt nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten für den Menschen mit sich. Leider scheint der heutige Mensch aber nur mehr seine Rechte, nicht auch seine Pflichten in diesem Zusammenhang zu kennen. Spitze ist der Mensch heute vielfach nur noch, wenn es darum geht, seine eigenen Interessen durchzusetzen - wenn es sein muss, auch auf Kosten der anderen. Zunächst aber sei nun das Wichtigste dieser oben angesprochenen Grundrechte, nämlich die Menschenwürde, behandelt: „Was den Menschen adelt und ihn zu der ihm eigenen Würde erhebt, das ist der vernünftige Geist" (RN 5), schrieb Leo XIII. in seiner Enzyklika Rerum novarum . Und die Väter des Grundgesetzes bekräftigten für den jungen Staat der Bundesrepublik Deutschland die besonders wichtige Rolle dieses Menschenrechts: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es bereits in Artikel 1 GG. Dieses Prinzip des absoluten Schutzes der Menschenwürde - hat seine Begründung in der Bibel, denn der Mensch als Geschöpf Gottes ist von ihm mit Gottebenbildlichkeit, mit Vernunft, mit einer Seele ausgestattet worden, denn - so schreibt Johannes Paul II. - „Gott hat den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen: den er aus Liebe ins Dasein gerufen hat, berief er gleichzeitig zur Liebe. ...  Indem er den Menschen nach seinem Bild erschafft und ständig im Dasein erhält, prägt Gott der Menschennatur ... die Fähigkeit und die Verantwortung zu Liebe und Gemeinschaft ein."  Diese oben angesprochene Würde des Menschen äußert sich also gerade auch in seiner Einheit von Geist, Seele und Leib, und d.h., dass - da die biblische Anthropologie ihre Aussagen weitestgehend vom Körperlich-Konkreten her macht und ein alttestamentlicher („antiker") Mensch den Menschen immer als Ganzes, als Einheit von Leib und Seele sieht - „der Gedanke, dass der Mensch auf seinen Leib und seine Seele ... aufgeteilt werden könne ... kein Heimatrecht in der spezifisch biblischen Anthropologie"  hat und haben kann.  „Der Mensch ist nicht nur nach dem Bilde Gottes, sondern er ist Bild Gottes, er ist Gott ähnlich."  Und diese Gottähnlichkeit bzw. Gottebenbildlichkeit (vgl. Gen 1,27)  ist der Ursprung der unverlierbaren und unverzichtbaren Würde des Menschen, welcher der Verwalter Gottes auf Erden ist und deshalb „die ihm untergeordneten Mitgeschöpfe hüten und für die Zukunft des menschlichen Lebens sorgen" soll.  Und auf Grund dieser unverzichtbaren und unverlierbaren Würde des Menschen darf und kann es keinen Unterschied zwischen arm und reich, zwischen Diener und Herr geben. Da aber jeder Mensch die gleiche Würde hat, ist es auch niemals statthaft, diese zu beschneiden oder einzuschränken. Geschieht dies aber trotzdem, dann haben Staat, Kirche(n) und jeder Mensch nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, dagegen einzuschreiten. Dabei ist aber besonders auf Staatsebene zu beachten ist, dass Schutzmaßnahmen so getroffen werden, dass sie allen zugute kommen - eine Arbeits- bzw. Sozialgesetzgebung oder eine Rechtsprechung, die einzelne Gruppen der Bevölkerung bevorzugt, ist deshalb als nicht rechtens anzusehen und abzulehnen. Da - wie wir bereits mehrfach betonten - der Schutz der Menschenwürde oberste Priorität hat, ist es auch einleuchtend, dass menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, wie sie z.B. weiter oben bereits beschrieben wurden, abzulehnen sind.  Aus dieser Sicht heraus erklärt sich auch die Ablehnung der wirtschaftsliberalistischen Auffassung, Arbeit wie eine Ware zu betrachten und die Löhne sich nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage regeln zu lassen. Bereits in Rerum novarum hatte Leo XIII. entschieden gegen diese falsche Auffassung vom Sinn und Zweck des Wirtschaftslebens opponiert und auch in Quadragesimo anno beklagte Pius XI., dass der Wirtschaftsliberalismus immer noch Einfluss auf das Arbeitsleben hätte, wenn er schreibt: „Zwar ist Arbeit ... keine feile Ware, vielmehr ist in ihr immer die Menschenwürde des Arbeiters zu achten; auch kann sie nicht wie irgendeine beliebige Ware im Markte umgehen" (QA 83). Und Pius XI. stellt auch fest, wo der tiefere Grund für diese falsche Auffassung liegt, denn „die Verkehrtheit beginnt ..., wenn das Kapital die Lohnarbeiterschaft in seinen Dienst nimmt ... ohne Rücksicht auf die Menschenwürde des Arbeiters, ... ohne Rücksicht auf Gemeinwohl und Gemeinwohlgerechtigkeit" (QA 101). Aus dieser eben skizzierten Würde des Menschen resultiert auch das Selbstbestimmungsrecht des Menschen, denn es ist mit der Würde des Menschen unvereinbar, wenn ein Mensch nicht frei über sich, seinen Beruf, seinen Arbeitsplatz, seinen Familienstand und sein Leben bestimmen kann. "Der Mensch bestimmt sich selbst nach freiem Ermessen" (RN 6), schrieb Leo XIII. zu dieser Thematik. Fremdbestimmung, d.h. eine Einschränkung des Willens des Einzelnen ist deshalb zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen, aber doch nur aus sehr schwerwiegenden Gründen möglich. Das Selbstbestimmungsrecht sowie die Würde und die Freiheit des Menschen sind aber nicht nur menschliche Grundrechte, sondern - wir erwähnten es eingangs dieses Abschnitts bereits - sie beinhalten auch eine Verpflichtung. Johannes XXIII. schreibt dazu in seiner Enzyklika Pacem in terris, dass die Würde des Menschen es verlangt, seine Freiheit zu beachten. Und d.h. die Gottebenbildlichkeit und die Würde des Menschen fordern, „dass es dem Menschen möglich gemacht wird, aus eigenem Entschluss und in Freiheit zu handeln. Im Zusammenleben hat er deshalb ... Rechte zu pflegen, Pflichten zu erfüllen und sich ... für andere in der Gemeinschaft dienend einzusetzen" (PT 34). Hier gilt es darauf hinzuweisen, dass diese angesprochene Menschenwürde, die Personalität, d.h. das Personsein des Menschen die Grundlage für die weiteren Prinzipien der katholischen Soziallehre bildet, nämlich für Solidarität und Subsidiarität. Die Kongregation für die Glaubenslehre formulierte dies in ihrer Instruktion Libertatis conscientia folgendermaßen: „Mit der Würde des Menschen als Fundament sind das Prinzip der Solidarität und das Prinzip der Subsidiarität eng verbunden. Kraft des ersteren muss der Mensch mit seinesgleichen zum Gemeinwohl der Gesellschaft auf all ihren Ebenen beitragen. ... Kraft des zweiten Prinzips dürfen weder der Staat noch irgendeine gesellschaftliche Macht die Initiative und Verantwortlichkeit der Personen und Gemeinschaften der mittleren Ebene ... ersetzen oder ihren notwendigen Freiheitsraum zerstören" (LibCon 73).

 

2.2.      Das Personalitätsprinzip: Begründung des Vorrangs des Menschen

Was haben wir bisher erarbeitet? Der Mensch besitzt die Freiheit des Denkens, Handelns und Unterlassens; er weiß aber gleichzeitig auch um seinen Fremdursprung. Der Mensch ist also ein von Gott gewolltes und geliebtes Geschöpf und d.h., er ist „hineingestellt in eine größere Ordnung, ... abhängig von den Gesetzen und Kräften dieser Ordnung."  Gleichzeitig aber ist der Mensch auch Person, denn Joseph Kardinal Höffner muss in diesem Fall unbedingt zugestimmt werden, wenn er schreibt, dass „die menschliche Person ...  Träger ihres Denkens, Handelns und Unterlassens"  ist. Personalität bedeutet also Freiheit, und das ist gleichbedeutend mit der folgenden, von Kardinal Höffner gegebenen Definition: „Die ... Willensfreiheit ist die Fähigkeit, sich ... so oder so zu entscheiden, ohne ... in eine bestimmte Richtung genötigt zu werden.“  Der Begriff des Person-Seins des Menschen beinhaltet demnach, dass er über „Selbständigkeit und Eigenständigkeit, ... Selbstbewusstsein (Vernunft) ..., Selbstentscheidung und verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten (Freiheit), Selbstverantwortlichkeit (Gewissen)" verfügt.  In Weiterführung dieser Äußerung von Albrecht Beckel könnte man nun im Anschluss an Joseph Kardinal Höffner die folgende Identifizierung vornehmen: „Personalität bedeutet Gewissen ..., obwohl das Gewissen ‘durch Gewöhnung an die Sünde allmählich fast blind’ werden kann.“  Versucht man nun, diese Relation theologisch zu fundieren, so bietet sich zunächst natürlich die biblische Aussage von der Gottebenbildlichkeit des Menschen an - wir haben im Voranstehenden versucht, diese Aussage zu erläutern. Aber es bietet sich noch eine weitere Möglichkeit an, biblisch zu argumentieren: Hier ist die Aussage des Apostels Paulus gemeint, der Mensch werde gerechtfertigt allein aus Glauben.  Damit ist folgendes gemeint: Die unverdiente und unverdienbare (d.h. gnadenhafte) Rechtfertigung des Menschen durch Gott allein aus dessen Gnade und Barmherzigkeit, welche ohne jedes Zutun des Menschen geschieht, erlaubt uns allein deshalb, weil sie geschieht, die Schlussfolgerung, dass der Mensch etwas Besonderes und Einmaliges sein muss, wenn Gott ihn dieser Gnade für würdig erachtet. Also muss das Personsein des Menschen ein wesentlicher Grund für das Menschsein und die Hauptgrundlage jedes menschlichen Zusammenlebens sein.

Was versteht man nun aber unter dem aus Menschenwürde und Selbstbestimmungsrecht herzuleitendem Personalitätsprinzip? Dazu muss zuerst einmal gefragt werden, was die Rede von der „Person", welche ihren originären Ort in der Dogmatik, speziell in der Gotteslehre hat, im theologischen Sinne eigentlich meint.  Mit Jürgen Werbick kann zunächst einmal gesagt werden: „Der Personbegriff gehört zu jenen theologischen Grundbegriffen, an denen die schöpferische Wechselwirkung und die fruchtbare Spannung zwischen menschlichem Selbstverständnis und verstehender Durchdringung der göttlichen Selbstoffenbarung besonders deutlich aufscheint."  Besonders wichtig in unserem Zusammenhang ist, dass jeder Mensch Person ist, dass jeder Mensch über Personalität verfügt und zum Person-Sein berufen ist, ja erst in der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit wahrer und richtiger Mensch wird. Mit Johann Auer kann man also sagen, dass dieses Personsein des Menschen als „die höchste Gestalt des Seins, die unserem menschlichen Geist in dieser Welt zugänglich ist"  betrachtet werden kann, und d.h., dass jede gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Ordnung sich am Personsein des Menschen orientieren und die menschliche Personalität anerkennen muss, denn das Personsein des Menschen kommt nur dann zur vollen und uneingeschränkten Geltung, „wenn Menschen füreinander die unableitbar und unverrechenbar anderen sein dürfen."  Das Zweite Vatikanische Konzil meinte dazu: „Wurzelgrund, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen ist und muss sein die menschliche Person" (GS 25). Und: „Weil die Menschen Personen sind, das heißt, mit Vernunft und freiem Willen begabt, und damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben sind, werden alle von ihrem eigenen Wesen gedrängt ..., die Wahrheit zu suchen" (DH 2). Da also die menschliche Person Vorrang vor allen anderen Dingen hat, deshalb dürfen weder Staat noch gesellschaftliche Gruppen dem Menschen irgendetwas vorziehen oder überordnen. Und auch die Kirche in ihrem Dienst am Menschen darf dabei den Menschen nicht übersehen und muss auf das Personsein des Menschen als das ihn auszeichnend Menschliche Wert legen und Rücksicht nehmen, denn es geht der Kirche „um jeden Menschen in all seiner unwiederholbaren Wirklichkeit im Sein und im Handeln, im Bewusstsein und im Herzen. Der Mensch in seiner Einmaligkeit - weil er 'Person' ist - hat seine eigene Lebensgeschichte und vor allem seine eigene Geschichte seiner Seele. ... Dieser Mensch ... ist der erste und grundlegende Weg der Kirche, ein Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist" (RH 14). Noch einmal sei es also gesagt: Dieses eben dargestellte und erläuterte einmalige und ihn vor allen Geschöpfen auszeichnende Personsein ist Grundlage und Voraussetzung des Mensch-Seins, denn mit Wolfgang Ockenfels kann diesbezüglich gesagt werden: „Die Würde des Menschen ist darin zu sehen, dass er als personales Ebenbild Gottes einen eigenen und einmaligen Wert besitzt, der ihm von keiner Instanz genommen werden kann. Jeder einzelne Mensch trägt seinen Zweck in sich und ist nicht Mittel zu irgendeinem gesellschaftlichen Zweck."  Mit anderen Worten: Das Personalitätsprinzip als oberstes Prinzip der katholischen Soziallehre "trägt und schützt die unantastbare Würde der menschlichen Person“ (MM 220)."  Und  gerade hier -  nämlich in der Würde der Person und in der Personalität des Menschen - liegt auch bereits eine wesentliche Begründung für das Solidaritätsprinzip.  Solidarisch sein heißt kommunikativ sein, d.h. wer sich mit anderen solidarisiert der tritt in einen kommunikativen Prozess mit denjenigen, mit denen er sich solidarisiert - und diese Kommunikation kann sowohl verbal als auch non-verbal sein. Mit den Worten Jürgen Werbicks ausgedrückt heißt das: Gerade auch „kommunikatives Handeln setzt den anderen als Person, indem es auf die Bestimmung aller Menschen zu ... Selbstbestimmung und Selbstmitteilung vorgreift. Daraus folgt: Person ist der Mensch immer schon, denn er ist immer schon möglicher Partner kommunikativen Handelns."

Hier seien nun noch einige Worte angefügt, um das schon mehrmals angesprochene Prinzip vom „Vorrang des Menschen" zu erläutern.  Paul VI. schreibt in seiner Enzyklika Populorum progressio, dass jedes Programm zur Steigerung der Produktion nur so weit berechtigt sein kann, „als es dem Menschen dient. Es soll die Ungleichheiten abtragen, Diskriminierungen beseitigen, den Menschen aus Versklavungen befreien und ihn so fähig machen, in eigener Verantwortung sein materielles Wohl, seinen sittlichen Fortschritt, seine geistige Entfaltung in die Hand zu nehmen" (PP 34). Und 1969 sagte er in seiner Ansprache vor der IAO: „Bei der Arbeit steht der Mensch im Vordergrund ..., es ist immer der Mensch, der arbeitet, und es ist immer der Mensch, für den er arbeitet. Damit hat es aber ein Ende mit dem Vorrang der Arbeit vor dem Arbeiter." Paul VI. beklagte auch „die schlimmen Auswirkungen dessen, was man in der heutigen Industrie als Zerlegung der Arbeit in Takte bezeichnet. Anstatt dem Menschen zu helfen, mehr Mensch zu werden, entmenscht sie ihn. Anstatt ihn zu entfalten, erstickt sie ihn unter der Decke drückender Langeweile. ... Der Arbeitsprozess läuft Gefahr, den Arbeiter zu entpersönlichen, bis er schließlich Sklave der Arbeit geworden ist, ihr seine geistigen Fähigkeiten und seine Freiheit opfert, um dann ganz seine Würde einzubüßen."  Zu obigem seien nun aber einige kritische Worte angemerkt: Rationalisierungen zur Produktionssteigerung sind nach obiger Stelle also erlaubt, die Frage ist nur, was geschieht mit den Arbeitern, die wegen der Rationalisierungsmethoden arbeitslos werden? Kann einem Menschen, der aufgrund derartiger Maßnahmen seinen Arbeitsplatz verloren hat und womöglich (wegen seines Alters oder aus gesundheitlichen Gründen u.ä.) keine Arbeit mehr bekommt, obige Passage aus Populorum progressio ein Trost sein? Wohl kaum! Oder ein anderes Problem: Der Mensch soll aus Versklavungen befreit werden, aber wenn jemand tagein tagaus am Fließband steht und einige wenige Handgriffe tut - wird dieser Mensch nicht zum Sklaven der Maschine? Wird dieser Mensch nicht seiner Arbeit, die doch der Verwirklichung seines Menschseins dienen soll, entfremdet? Hier gilt es vorrangig auch für eine „Humanisierung der Arbeitswelt“ einzutreten, d.h. dafür Sorge zu tragen, dass die Arbeitsbedingungen jedes einzelnen - auch und besonders des Fließband- und Akkordarbeiters - menschenwürdig sind. Und ein Drittes: Es gibt nicht nur die Entfremdung des Menschen von und durch die Arbeit, welche zu beachten und zu beseitigen ist. Noch viel gravierender ist die Entfremdung des Menschen durch das Eigentum, durch Luxus, Konsum und Reichtum, d.h. „eine Versklavung des Menschen durch den Fetisch-Charakter des Prestiges, des Einkommens, des Besitzes, des Eigentums, der Leistung."  Es ist heute nicht mehr zu übersehen, dass gerade diese Gefahr immer größer wird: Wenn der Nachbar einen neuen Wagen fährt, dann muss ich auch ein neues Auto haben, denn sonst bin ich nicht mehr so gut angesehen und respektiert, wie er. Wenn die Kinder des Nachbarn im Kinderzimmer Fernseher, Videorekorder und Computer stehen haben, dann brauchen meine Kinder das auch, denn sonst werden sie diskriminiert und fühlen sich benachteiligt. Gerade dieses eben beschriebene einseitige Streben nach Konsum, nach Luxusgütern, nach Prestige aber ist der Hauptgrund dafür, dass es in unserer Gesellschaft an Menschlichkeit, an mitmenschlicher Wärme und Nächstenliebe fehlt. Und die steigenden Zahlen im Bereich der Jugendkriminalität haben ihren Grund zum Teil auch in diesem Streben nach Anerkennung, Prestige und Besitz - was ich mir finanziell einfach nicht leisten kann, das hole ich mir entweder auf andere Weise (Raub und Diebstahl) oder das sollen andere auch nicht haben (Vandalismus, Zerstörungswut).

Doch zurück zum Personalitätsprinzip: Die Personalität - so haben wir bisher festgestellt - ist also Ausdruck der Einmaligkeit, der Gottebenbildlichkeit und der Freiheit des Menschen. Gleichzeitig bedeutet Personalität aber auch Verantwortlichkeit: Der Mensch ist verantwortlich für sein Denken, Reden und Tun, denn bereits das Zweite Vatikanische Konzil stellte fest: „Der heutige Mensch ist unterwegs zur volleren Entwicklung seiner Persönlichkeit und zu einer immer tieferen Einsicht und Durchsetzung seiner Rechte" (GS 41).

Die Personalität des Menschen ist also der Ermöglichungsgrund seines gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Handelns, denn „dass es den Menschen gestattet ist, am öffentlichen Leben aktiv teilzunehmen, ist ein Vorrecht ihrer Würde als Personen" (PT 73). Gleichzeitig aber ist zu beachten, dass sich die Personalität des Menschen erst dann zu vollster Auswirkung und Ausformung von Gottebenbildlichkeit und Menschlichkeit entwickelt, wenn der Mensch sich dem Mitmenschen zuwendet, wenn der Mensch Mitmenschlichkeit zeigt. Aus der Personalität des Menschen leitet sich auch sein Nutzungsrecht an den Erdengütern her. Der Herrschaftsauftrag aus Gen 1,28-30 und die Berufung des Menschen, an der Vervollkommnung der Schöpfung mitzuwirken, gipfelt also im Personsein des Menschen: Der Mensch muss der „Träger, Schöpfer und das Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen sein. Und zwar der Mensch, sofern er von Natur aus auf Mit-Sein angelegt und zugleich zu einer höheren Ordnung berufen ist, die die Natur übersteigt und diese zugleich überwindet."  Das, was den Menschen Gott ähnlich macht, ist die Tatsache , „dass ... der Mensch auch ein Vernunftwesen (animal rationale) ist. ... Jeder einzelne Mensch ist nämlich das Abbild Gottes, insofern er ein vernunftbegabtes und freies Geschöpf ist und in der Lage, diesen zu erkennen und zu lieben. ... Personsein nach dem Abbild Gottes bedeutet also auch Existenz in Beziehung zum anderen 'Ich'" (MD 6f). Das Personsein des Menschen ist also mit allem Recht als das Hauptprinzip der katholischen Soziallehre zu bezeichnen. Und genau aus diesem Grund verlangt das Personalitätsprinzip, dass Subsidiarität, Solidarität und Gemeinwohl (die drei weiteren Grundprinzipien der katholischen Soziallehre) Beachtung finden.

 

2.3.      Sozialismus und Kommunismus als Verhinderungsgründe des Menschseins

Im voranstehend ausgeführten Personalitätsprinzip mit seiner Betonung der Individualität und des Eigenseins eines jeden Menschen liegt auch die strikte Ablehnung von Sozialismus und Kommunismus durch die christliche Gesellschaftslehre begründet. Papst Leo XIII. und seine Nachfolger lassen keinen Zweifel daran, dass sie Sozialismus und Kommunismus ablehnen und zwar, weil diese Gesellschaftssysteme dem Naturrecht und dem Menschsein, wie es das Christentum versteht, widersprechen. So heißt es dazu beispielsweise bereits in Rerum novarum: „Das sozialistische System ... versündigt sich an der natürlichen Gerechtigkeit und zerreißt gewaltsam die Fugen des Familienhauses" (RN 11). Und Leo XIII. fährt in dieser Thematik fort, indem er weiter ausführt: Der Sozialismus „gereicht denen, welchen geholfen werden soll ... zu schwerem Schaden, er widerstreitet den natürlichen Rechten eines jeden Menschen, er verzerrt den Beruf des Staates und macht eine friedliche Entwicklung des Gesellschaftslebens unmöglich."  Zu erinnern wäre hier auch an die Enzyklika Divini Redemptoris, die Pius XI. am 19.3.1937 veröffentlichte. In diesem Rundschreiben setzte er sich mit der Lehre und den Erscheinungsformen des Kommunismus/Sozialismus auseinander und befasste sich auch mit der – heute wieder bzw. immer noch feststellbaren – Wandlungsfähigkeit dieser Weltanschauung auseinander. Und was Pius XI. vor 60 Jahren schrieb, ist heute immer noch hochaktuell: Wenn es darum geht, Menschen zu täuschen, dann firmieren sozialistisch-kommunistische Organisationen kurzentschlossen unter anderen – unverfänglicheren – Bezeichnungen; was vorher kommunistisch oder sozialistisch war, heißt dann antifaschistisch – diese Enzyklika wieder mehr im Bewusstsein der Politiker und der Christen zu verankern, wäre gerade in der heutigen politischen Situation in der Bundesrepublik wieder sehr wichtig. Nun könnte man zunächst einmal den Sozialismus durchaus auch als eine positive Erscheinung sehen, denn sozial eingestellt zu sein und die Bedürfnisse des Mitmenschen zu sehen und zu achten ist ja kein Fehler und ein Mangel an sozialem Denken und Handeln wird eigentlich immer als sittlicher Defekt verstanden. Woran aber Kritik geübt werden muss (und weshalb auch die christliche Gesellschaftslehre dem Sozialismus skeptisch gegenübersteht), ist die Tatsache, dass der Sozialismus in der Spielart, wie er uns in den Ländern des ehemaligen Ostblocks präsentiert wurde, gegen die wesentlichsten Grundprinzipien und Grundrechte verstößt: Diese Spielart des Sozialismus sieht nämlich ihren Ursprung vorrangig in der „Ausbeutung" der Arbeiter, wobei Ausbeutung mit Johannes Schanz vorerst einmal als „die Tatsache, dass der Arbeiter nur den Wert seiner Arbeitskraft, nicht aber den Wert seines Arbeitsproduktes bezahlt bekommt" definiert werden kann.  Und hier manifestiert sich bereits der erste Fehler im Denken des Sozialismus, denn einerseits sieht der Sozialismus als Mittel, die Ausbeutung des Arbeiters abzuschaffen, nur eine Möglichkeit, nämlich die Abschaffung des Privateigentums und die Vergesellschaftung (Sozialisierung) der Produktionsmittel. Andererseits aber wird bei dieser Argumentation ein Zweifaches übersehen, nämlich dass der Arbeitgeber, der den Produktionsfaktor Kapital zur Verfügung stellt, ebenfalls das (Grund-)Recht auf eine gerechte Entlohnung hat. Nicht umsonst kennt der Volksmund das Bonmot: „Was ist der Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus? Im Kapitalismus beutet der Mensch den Menschen aus, im Kommunismus ist es umgekehrt.“ Dieses Bonmot benennt den Kern der hier zu übenden Kritik: Der Mensch hat es in einem sozialistischen System auch nicht besser, als in einem kapitalistischen System, denn er tauscht nur den einen „Ausbeuter“ gegen einen anderen aus. Und außerdem muss hier noch angemerkt werden: Der so verstandene Sozialismus behindert Freiheit, Selbstbestimmungsrecht und Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung des Menschen in ungerechtfertigt hohem Maße, d.h. der Mensch wird „von oben her" in einem Maße gegängelt und fremdbestimmt, welches der Menschenwürde in eklatanter Weise widerspricht. 

Doch zunächst seien hier einige Worte zu den Zielen des Sozialismus und seiner Sozialisierungs- bzw. Kollektivierungsbestrebungen angefügt. Der Sozialismus hat im wesentlichen die folgenden drei Ziele, nämlich

1.         die Beseitigung ungerechtfertigter Machtstellungen des Privateigentums,

2.         die Beseitigung der Ausbeutung und 

3.         die Errichtung einer so genannten ökonomischen Demokratie. 

Soweit wäre der Sozialismus - wertneutral betrachtet - auch noch annehmbar und stünde auch mit den Zielen der katholischen Soziallehre in Übereinstimmung. Was hier aber zu kritisieren ist: Die Forderungen der Gerechtigkeit werden vernachlässigt, denn es wird meist deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Statt ungerechte Verhältnisse zu beseitigen wird meist ein ungerechtes System durch ein mindestens ebenso ungerechtes System ersetzt. Ein Beispiel dafür, wie berechtigte Anliegen mittels des Einsatzes von unverhältnismäßigen Mitteln in ihr Gegenteil pervertiert werden, wäre die Enteignung der Arbeitgeber, wie sie in sozialistischen oder kommunistischen Systemen üblich ist bzw. üblich war: Zugunsten des Eigentumsrechtes der Arbeitnehmer wird - wir erwähnten es bereits - das ebenso wichtige und unverletzliche Eigentumsrecht der Arbeitgeber verletzt. Und schon deshalb kann der Sozialismus, wie er allgemein bekannt ist und z.B. in den Ländern des ehemaligen Ostblocks praktiziert wurde, mit Fug und Recht abgelehnt werden - besonders auch, wenn man bedenkt, dass z.B. in der ehemaligen DDR die Bezeichnung der Betriebe als so genannte „Volkseigene Betriebe“ (VEB) nur zur Täuschung und zur Gewissensberuhigung diente, denn entgegen der offiziellen Lesart handelte es sich in Wirklichkeit beim „real existierenden Sozialismus“ um Staatskapitalismus in reinster Form. Weiterhin kann festgehalten werden, dass der Grundirrtum dieser Spielart des Sozialismus oder auch des Kommunismus gerade auch anthropologischer Natur ist, denn er sieht im einzelnen Menschen lediglich ein Teilchen des ihm übergeordneten gesellschaftlichen Organismus, so dass die Interessen und das Wohl des Einzelmenschen dem vermeintlich höherrangigen Ablauf der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Mechanismen untergeordnet wird. Mit anderen Worten: Der Mensch wird anderen - niedrigerrangigen, weil nicht übernatürlichen - Gegebenheiten untergeordnet und das ist etwas, was gegen Personalität und Menschenwürde verstößt und deshalb abgelehnt werden muss.  Und das ist noch nicht alles: Rerum novarum z.B. wirft dem Sozialismus auch vor, dass er den Leuten, die er gewinnen will, gezielt etwas vormacht, ja sie sogar arglistig täuscht, und d.h., die Gleichmacherei und der Kollektivismus, dem Sozialismus und Kommunismus huldigen, und den sie - getreu der Philosophie von Jean-Jaques Rousseau wenn nötig auch mit Gewalt - einzuführen beabsichtigen ist zum einen schon deshalb unmöglich, weil das gesellschaftliche Leben eine Verschiedenheit der Kräfte (Pluralität) erfordert, und zum anderen weil derartige Bestrebungen gegen die Menschenwürde gerichtet sind. Rousseau (1712-1778) fordert im Hauptwerk seiner politischen Philosophie „Du contrat social ou principes du droit politique“ (erschienen 1762) gleiche Rechte für alle Bürger. Der Staat ist für ihn eine politische Organisation, welche aufgrund eines Gesellschaftsvertrages (contrat social) seiner Bürger entsteht. Die Zivilisation trägt die Schuld daran, dass diese Idealvorstellung nicht verwirklicht ist bzw. wurde, deshalb muss notwendigerweise im Rückgriff auf einfache und einfachste Staatsformen versucht werden, dieses Ideal zu verwirklichen. Der sittliche und freie Wille, welcher sich im Staat kundtut, ist für Rousseau der Gemeinwille, d.h. ein unteilbares, unveräußerliches, unzerstörbares und unfehlbares moralisches Prinzip, welches dem Willen des einzelnen übergeordnet ist. Deshalb ist es nach Rousseau - denn „die Vernunft des einzelnen vermag ... nicht alles ihm Nützliche und Wahre zu erkennen; sie ist darauf angewiesen, dass  ihr von anderen Menschen Nützliches und Wahres mitgeteilt wird“  - möglich und notwendig, den Einzelmenschen zu zwingen, frei zu sein, d.h. ihn zu zwingen, sich dem Gemeinwillen zu unterwerfen. Und gerade dieses Menschenbild hat seine Tücken, denn mit Johannes Paul II. gesprochen: „Es verschwindet der Begriff der Person als autonomes Subjekt moralischer Entscheidung, das gerade dadurch die gesellschaftliche Ordnung aufbaut. ... Der Mensch ... wird völlig abhängig von den gesellschaftlichen Mechanismen und von denen, die sie kontrollieren. Es wird dem Menschen äußerst schwer, seine Würde zu erkennen" (CA 13.1). Ein sehr illustratives Beispiel, wie sehr der Kollektivismus in Sozialismus bzw. Kommunismus dem Wesen des Menschen widerspricht kann uns die Geschichte Chinas bieten: Als die Volksrepublik China ihre Volksarmee aufbaute, gab es ursprünglich keinerlei Dienstgradabzeichen in dieser Armee. Jeder Soldat, ob Schütze oder General trug die gleiche Uniform ohne jedes äußerlich sichtbare Zeichen seiner besonderen Stellung oder seiner Befehlsgewalt. Es dauerte aber nicht lange, dann stellte man fest, dass Offiziere gewisse Änderungen an ihren Uniformen vornehmen ließen - und sei es nur, dass sie größere Taschen aufnähen ließen, als die normalen Soldaten sie hatten. Dieses Beispiel zeigt uns, dass jeder Mensch den Wunsch hat, sich - und sei es nur durch minimale Unterschiede in der Kleidung - vom anderen zu unterscheiden, dass jeder Mensch sich als Individuum fühlt und diesem Empfinden auch äußerlich Ausdruck verleihen will. Es bleibt also festzuhalten, dass jede Art von Kollektivismus abzulehnen ist, da sie dem Personalitätsprinzip und der Menschenwürde eklatant widerspricht. Darüber hinaus bleibt zu fragen, wenn der Sozialismus den Menschen aus den Zwängen des Kapitalismus befreien will, ihn aber dann neuen - wenn auch anderen - Zwängen unterwirft, wieso soll das dann besser für den Menschen sein? Man kann also mit Pius XII. den Kollektivismus eines sozialistischen Systems folgendermaßen charakterisieren: „Die Gleichheit sinkt herab zu einer mechanischen Gleichmacherei, zu einer farblosen Gleichförmigkeit; das wirkliche Ehrgefühl, das persönliche Handeln, die Achtung vor der Überlieferung, die Würde, mit einem Worte, alles was dem Leben Wert gibt, versinkt und schwindet."  Es geht also nicht an, den Staat, das Kollektiv oder die Gesellschaft prinzipiell und ohne guten Grund über den einzelnen zu stellen und auf Kosten der Personalität zum obersten Prinzip zu erheben. Die christliche Gesellschaftslehre seit Leo XIII. lässt deswegen auch keinen Zweifel daran, dass besonders die sozialistischen Bestrebungen, die Reichen wenn nötig auch mit Gewalt zu enteignen ebenso abzulehnen sind, wie etwa Umsturzversuche. Die von Marx und Engels propagierte „proletarische Revolution" der Klassenkampf oder die kommunistische „Weltrevolution" widersprechen also dem Naturrecht, wie es sich in den Lehren und Geboten der Kirche darstellt. Ein weiterer Grund, welcher zur Ablehnung von Kommunismus, Sozialismus oder Kollektivismus durch die Kirche führte, ist hier noch zu nennen. Es geht darum, dass obige Gesellschaftssysteme nicht mit der katholischen Soziallehre, der theologischen Anthropologie und den Lehren der Kirche in Einklang zu bringen sind. Die Folgen des Sozialismus sah z.B. bereits Leo XIII. in seiner Enzyklika Rerum novarum in den folgenden vier Erscheinungen gegeben: Der Sozialismus nämlich führt

1.         zu einer unerträglichen Einengung der Freiheit des Einzelnen, was im eklatanten Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht des Menschen steht.

2.         zu einer sklavischen Abhängigkeit aller vom Staat - die Arbeiter würden also sozusagen vom Regen in die Traufe kommen; erst waren sie von den Fabrikbesitzern abhängig, jetzt vom Staat.

3.         zu einer Entwürdigung aller und zur Geringachtung der unverlierbaren Würde jedes einzelnen. Johannes Paul II. schreibt dazu: „Bittere Früchte solcher Mentalität sind die Herabwürdigung von Mann und Frau, die Sklaverei, die Unterdrückung der Schwachen ... und alle Arten der Diskriminierung, zum Beispiel im Bereich der Erziehung, des Berufs und des Arbeitslohns" (FC 24). Die wohl schwerwiegendste Folge aber sieht bereits die Enzyklika Rerum novarum darin, dass

4.         die Quellen des Wohlstandes versiegen würden, was wiederum Neid, Zwietracht, Hass und Verfolgung zur Folge hätte.

Ein Blick über die bundesdeutschen Grenzen hinaus zeigt uns nur allzu deutlich, wie recht bereits Leo XIII. mit seiner Einschätzung hatte: Seine Vorhersagen sind in Erfüllung gegangen, denn seit dem Wegfall des Eisernen Vorhangs kann jedermann feststellen, dass es in allen Ländern des ehemaligen Ostblocks mit seiner teilweise über 70-Jährigen Leidensgeschichte an und mit der sozialistischen Planwirtschaft gleich schlecht aussieht. Die Wirtschaft liegt am Boden, Heere von Arbeitslosen und von in Armut und Elend lebenden Menschen, katastrophale wirtschaftliche und politische Verhältnisse und eine schier unglaubliche Gewaltbereitschaft und Menschenverachtung sind das Resultat von 40 oder gar 70 Jahren sozialistischer Misswirtschaft. Und was sagt uns ein Blick in die neuen Bundesländer? Sieht es dort nicht genauso schlecht aus? Rund 13% der arbeitsfähigen und arbeitswilligen Bevölkerung (das sind über eine Million Menschen!) sind arbeitslos, das ist fast der doppelte Prozentsatz, als er im Westen Deutschlands feststellbar ist. Diese Arbeitslosigkeit wurde bewirkt durch marode und nur mit (nicht verfügbaren) Riesensummen sanierbare Industriebetriebe, mangelndes Engagement und fehlendes Verantwortungsbewusstsein. Und als besonderes Erbe hinterließ uns der „real existierende Sozialismus" der DDR eine oft fast unwiderherstellbar zerstörte Natur. Das Zusammenspiel oben geschilderter Faktoren aber ist es, welches gewalttätige Auseinandersetzungen besonders unter Jugendlichen, Ausländerhass usw. geradezu begünstigt und immer weiter um sich greifen lässt. Diese Liste von Missständen ließe sich beliebig verlängern. Hier ist jeder einzelne gefordert - angefangen bei den Politikern bis hin zum kleinen Mann auf der Straße. Und hier ist besonders die christliche Gesellschaftslehre gefragt, Orientierungen anzubieten, Missstände zu beseitigen zu helfen, eine gerechte und menschenwürdige Situation zu schaffen.

Angemerkt werden soll noch, dass nach Quadragesimo anno es unmöglich ist, "gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Sozialist zu sein" (QA 120). Diese Ablehnung aller sozialistischen Vereinigungen gilt es aber differenziert zu betrachten: Der Schwerpunkt muss hier auf der Aussage "wirklicher Sozialist" liegen. Hier geht es vor allem um den radikalen Sozialismus, um das, was im ehemaligen Ostblock 40 oder 70 Jahre lang praktiziert wurde. Auch andere Aussagen des kirchlichen Lehramtes halten an der Ablehnung des radikalen Sozialismus bzw. Kommunismus fest. Nicht anwendbar ist diese Abqualifizierung aber beispielsweise auf die sozialdemokratischen Parteien, z.B. die SPD, wenn diese sich von der Idee der "Weltrevolution", des Klassenkampfes und der "proletarischen Revolution" distanziert haben. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands z.B. vertritt in ihrem Godesberger Programm von 1959 einen in christlicher Ethik, im Humanismus und der klassischen Philosophie begründeten "demokratischen Sozialismus". Das heißt also, die SPD ist eine Gemeinschaft von Menschen verschiedenster Denk- und Glaubensrichtungen, denen "Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, ... die Grundwerte des sozialistischen Wollens", das Streben nach einer "Gesellschaft, in der jeder Mensch seine Persönlichkeit entfalten" kann gemeinsam ist, und in der der Mensch "als dienendes Glied der Gemeinschaft" Verantwortung übernimmt.  Von Seiten der katholischen Soziallehre wurde das Godesberger Programm genauestens durchleuchtet und man kam zu dem Schluss, dass die SPD damit ihre sozialistische Vergangenheit hinter sich gelassen und zu einer auch für Christen wählbare und akzeptable Partei geworden sei. Franz Klüber z.B. betonte, dass das Godesberger Programm den christlichen Freiheitsbegriff, d.h. Freiheit als „sittlich gefüllte und gebundene Freiheit ..., die sich in den Dienst der Gemeinschaft stellt", den christlichen Personbegriff und auch die christliche Sicht von der Individual- und Sozialnatur des Menschen beinhalte.  Oswald von Nell-Breuning bescheinigte dem Godesberger Programm sogar, dass sein gesellschaftspolitischer Abschnitt ein „Kurzgefasstes Repetitorium der katholischen Soziallehre" sei.  Man kann also, diesen Punkt abschließend, sagen, dass Klüber - mit gewissen Vorbehalten gegenüber seiner überschwänglichen Art und Weise, das Godesberger Programm zu loben - zumindest nicht ganz Unrecht hat, wenn er schreibt: „Ein Sozialismus der sich von den Grundsätzen des Godesberger Programms leiten lässt, kann nicht mehr unter das Sozialismus-Modell der Enzyklika Quadragesimo anno subsumiert ... werden, sondern steht im vollen Einklang mit den Prinzipien der katholischen Gesellschaftslehre."  Leo XIII. und Rerum novarum stellten damals dem Sozialismus ganz bewusst die Arbeitervereine gegenüber. Deshalb setzte diese Enzyklika ihnen auch zum Ziel, die Arbeiter über Glaubensfeinde (= radikaler Sozialismus) und Zeitirrtümer (= Wirtschaftsliberalismus) aufzuklären. Darüber hinaus sollten die Arbeitervereine versuchen, diejenigen Menschen, die bereits dem Sozialismus anhingen, für die Kirche zurückzugewinnen. Dass diese Vereine dadurch vielfach überfordert waren zeigt uns die Entwicklung eigener christlicher Gewerkschaften. Heute sieht die Situation anders aus und vordringlichste Aufgabe aller Christen - auch und besonders derer in den neuen Bundesländern - ist es deshalb, die Strahlkraft des Evangeliums Jesu Christi durch ihr vorbildhaftes Leben und Handeln wieder zu beleben. Eine ebenso wichtige Zielsetzung muss es aber auch sein, den Menschen, die zum größten Teil atheistisch erzogen wurden, aufzuzeigen, dass im Christentum wesentliche und wichtige Impulse für das gute und richtige Zusammenleben der Menschen und für das Heil des einzelnen zu finden sind. Vor allem anderen aber gilt es die Wichtigkeit und die besondere Bedeutung der Aussagen der katholischen Soziallehre deutlich zu machen.

 

3.  Das Recht auf Arbeit - Ermöglichung des Menschseins:

3.1.      Zur Grundlegung des Rechts auf Arbeit und die ihm innewohnenden Implikationen 

Der Begriff „Arbeit" kann nie einfach und schon gar nicht in einer immer und überall gültigen Form definiert werden, denn hier spielen zu viele unterschiedliche und auch einander widerstrebende Komponenten mit. Wir wollen diese verschiedenen Aspekte mit den Begriffen der individualen, der kollektiven, des universalen und des anthropologischen Aspekts umschreiben. Diese vier Komponenten, aus denen sich der Begriff „Arbeit“ zusammensetzt, müssen immer wieder neu gewertet und gewichtet werden. Es muss heute anerkannt werden, dass jeder Bürger in irgendeiner Weise am Wirtschaftsleben teilnimmt, sei es durch Konsum oder dadurch, dass er als Anbieter oder als Nachfrager des Wirtschaftsfaktors „Arbeit“ auftritt. Im Vorwort zu seiner Enzyklika Laborem exercens schreibt Johannes Paul II.: „Durch Arbeit muss der Mensch sich sein tägliches Brot beschaffen. Zugleich aber soll er durch sie auch beitragen zum ständigen Fortschritt von Wissen und Können, vor allem aber zum unaufhörlichen sittlichen und kulturellen Aufstieg der Gemeinschaft. ... Die Bezeichnung Arbeit gilt für jede Art menschlicher Betätigung ... und ... ist eines der Merkmale, die den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet. ... Zur Arbeit fähig ist einzig und allein der Mensch."  Dieser eben zitierten Stelle dieser „Magnacharta der Arbeit“ (Franz Klüber) lassen sich vier wesentliche Grundaussagen über das, was  dem Begriff „Arbeit" innewohnt, entnehmen, nämlich,

1.         dass Arbeit dem Lebensunterhalt und der Existenzsicherung des einzelnen und seiner Familie dient (individualistischer Aspekt),

2.         dass Arbeit dem Aufbau und der Vervollkommnung der Gemeinschaft dient, d.h. sie ist grundsätzlich in ihrem Gemeinschaftsbezug zu sehen (kollektivistischer Aspekt).

3.        dass der Begriff der „Arbeit" nicht nur auf die rein körperliche Arbeit eingeschränkt werden darf (universaler Aspekt), d.h.: Der Begriff der Arbeit muss auf „jede zielgerichtete menschliche Tätigkeit, unabhängig davon, ob es sich um Erwerbsarbeit handelt oder nicht" angewandt werden. 

4.         aber ist Arbeit das, was den Menschen unter allen Geschöpfen auszeichnet, ihn aus der Gesamtheit der Schöpfung heraushebt, ihm allein zur Verfügung steht, sein Leben zu gestalten  und ihm so zur Verwirklichung seines Menschseins verhilft (anthropologischer Aspekt).

Aus den obigen Schlussfolgerungen lässt sich demzufolge auch ableiten, dass - da die Erde dem Fleiß der Menschen anvertraut ist (vgl. Gen 1,28-30) und alle Lebensbedürfnisse durch die Arbeit, welche „Ausfluss der menschlichen Natur" ist , befriedigt werden, Arbeitnehmer und Arbeitgeber aufeinander verwiesen sind und darüber hinaus eine florierende Wirtschaft und zufriedene Arbeiter dem Staat nur nützen können  - jeder Mensch das Recht auf Arbeit hat, d.h. dass niemand ihm dieses Recht auf Arbeit vorenthalten kann und darf.  Zunächst aber sei hier eine wichtige Frage gestellt: Warum arbeitet der Mensch? Wieso nimmt der Mensch unter Umständen erhebliche Mühen auf sich, um am Berufsleben teilzunehmen? Mit Johannes Paul II. kann dazu vorläufig einmal festgehalten werden, dass der Mensch - zunächst einmal rein materialistisch gesehen - arbeitet, um die folgenden drei Ziele zu erfüllen, nämlich die Bedürfnisse seiner Familie, die Bedürfnisse der Nation und schließlich die Bedürfnisse der ganzen Menschheit zu befriedigen. Begründet wird diese - wie bereits erwähnt zunächst rein materialistische Definition - damit, dass der Mensch nämlich durch seine erbrachte Arbeitsleistung beiträgt „zur Arbeit der anderen ..., die im selben Unternehmen tätig sind, sowie in einer Solidaritätskette, die sich progressiv fortsetzt, zur Arbeit der Lieferanten bzw. zum Konsum der Kunden."   Dass die oben dargelegte materialistische Sichtweise von „Arbeit“ noch nicht alles ist, was zu dieser Thematik zu sagen ist, wurde in unseren Ausführungen schon an früherer Stelle gesagt. Für den Anfang aber mag uns diese Definition genügen. Denn vorerst müssen wir uns nun fragen, was wir eigentlich unter diesem Begriff der „Arbeit" zu verstehen haben. Man kann bei der Beantwortung dieser Frage zunächst einmal Oswald von Nell-Breuning zustimmen, wenn dieser der Meinung ist, dass eine Begriffsbestimmung, die allen Ansprüchen genüge und jede Art von Arbeit erfasse, nicht gegeben werden könne.  Aber unter Bezugnahme auf den bereits weiter oben herausgearbeiteten Hauptaspekt der Arbeit, d.h. dass die Arbeit dem Menschen zur Verwirklichung seiner Person und seines Menschseins dienen soll, mag im Anschluss an Theodor Herr unsere voranstehende Definition des Begriffes Arbeit durch folgende Äußerung ergänzt werden:  Die menschliche Arbeit, die als „Ausdruck und Ausfluss seiner personalen Qualifikation" anzusehen ist, ist der wesentliche und grundlegende Schlüssel für sein Schaffen und Arbeiten und der „menschengerechten Gestaltung der Arbeitswelt." Und das wiederum bedeutet, wenn die Arbeit in der Personalität des Menschen wurzelt, ist es abzulehnen, „dass die Arbeit ... einseitig oder vorrangig nach den ökonomischen und rein technischen Gesetzen des Produktionsprozesses ausgerichtet“  wird.  Die Arbeit ist aber nicht nur ein Grundrecht, sondern sie hat auch „Vorrang vor allen anderen Faktoren des wirtschaftlichen Lebens" (GS 67). Theodor Herr betont, dass dieses Prinzip des Vorrangs der Arbeit vor dem Kapital eine enorm wichtige sozialethische Forderung ist und sowohl im privatwirtschaftlich-kapitalistischen, als auch im kollektivistisch-sozialistischen Wirtschaftssystem Geltung besitzt. Dieser vermehrt und deutlich zu betonende Vorrang der Arbeit vor dem Kapital „ist darin begründet, dass die Arbeit unmittelbarer Ausfluss der Person ist, die gleichzeitig den Dingen ihren Stempel aufdrückt."  Und deshalb muss die leider immer noch vorherrschende Meinung, dass derjenige, der das „Kapital“ zur Verfügung stellt, der wichtiger der beiden Partner im Arbeitsleben sei endlich abgemildert bzw. abgeschafft werden. Es muss statt dessen wieder mehr ins Blickfeld und ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden, dass Kapital und Arbeit aufeinander angewiesen und untrennbar miteinander verbunden sind, und dass es gerade der Faktor Arbeit ist, welcher das gesellschaftliche Leben und das menschliche Zusammenleben in besonders hohem Maße prägt und bestimmt. Mit L. Cormie kann gesagt werden: „Die Arbeit bestimmt in weitem Ausmaß unseren Lebensstandard. Sie prägt unsere Ansichten über uns selbst und über die anderen, unsere Wert- und Zielvorstellungen."  Und bereits an dieser Stelle gilt es Kritik am „Grundsatz, dass Menschen, die Ansehen erringen wollen, sich durch Leistung und produktive Arbeit auszeichnen müssen" zu üben.  Objektiver (und meist alleingültiger) Maßstab für den Wert und die gesellschaftliche Stellung eines Menschen ist heute leider immer noch der Grundsatz „Erfolg durch Arbeit".  Und hier ist ein gewichtiges Gefahrenmoment bereits angesprochen: Die Gefahr nämlich, dass die Arbeit das menschliche Leben über Gebühr beeinflusst, dass der Mensch zum Sklaven der Arbeit wird, d.h. dass der Mensch mehr für die Arbeit da ist als die Arbeit für den Menschen. Gegen diese falsche und einseitige Interpretation des Begriffes Arbeit muss statt dessen folgendes angemahnt werden: „Die Arbeit ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Arbeit. Maßstab ... muss ... die Subjektwürde der Person des arbeitenden Menschen sein."  Noch einmal sei es also betont: Es gilt vermehrt herauszustellen, dass die Arbeit immer den Vorrang vor allen anderen Produktionsfaktoren besitzt. Und zur Stützung unserer Argumentation könnte es von Nutzen sein, auf einen besonders wichtigen Aspekt der Arbeit hinzuweisen, welcher in unserer Zeit leider viel zu sehr in den Hintergrund gedrängt worden ist: Die Arbeit muss wieder als Mitarbeit an der Vervollkommnung der Schöpfung und auch als Beitrag zur Verherrlichung Gottes gesehen werden. „Menschen können eine Arbeit nur dann als sinnvoll und zukunftsweisend erfahren, wenn sie kooperativ organisiert ist und in ihr eine gesellschaftliche ... Perspektive aufleuchtet."  Die Arbeit ist so gesehen als „bewusste, ernsthafte, objektbezogene Betätigung geistiger und körperlicher Fähigkeiten des Menschen zur ... Verwirklichung von Werten, die ... letztlich der Ehre Gottes dienen"  zu charakterisieren. Und wenn die Arbeit der Ehre Gottes dienen soll, dann impliziert dies, dass darin auch eine ernste Verpflichtung ausgesprochen ist, d.h. dass jeder Mensch nicht nur das Recht auf Arbeit sondern auch die Pflicht zur Arbeit hat. Und hier stehen wir an einem wesentlichen und wichtigen Problempunkt des heutigen Arbeitsmarktes: Recht auf Arbeit und Pflicht zur Arbeit bedingen sich gegenseitig und gehen ineinander über. Mit anderen Worten: Das Recht auf Arbeit, welches die Pflicht zur Arbeit enthält und aus der Verpflichtung des Menschen, zur Ehre Gottes an der Vervollkommnung der Schöpfung mitzuarbeiten, erwächst, erfordert, dass vermehrt und immer wieder auch darauf hingewiesen wird, dass niemand von der Erfüllung dieser Verpflichtung abgehalten werden darf, indem ihm sein Recht auf Arbeit beschnitten wird und ihm die Arbeit vorenthalten wird.   

Und gerade an dieser Stelle ist die christliche Gesellschaftslehre, welche ja auf dem Fundament des Evangeliums steht und als Vorbild das Tun und Reden Jesu Christi besitzt, aufgefordert, sich einzusetzen für ein gerechtes und ausgewogenes Verhältnis der obigen Komponenten. Die Arbeit darf nicht als rein ökonomischer Faktor verstanden werden, sondern es gilt vermehrt darauf abzuheben, dass die Arbeit vor allen anderen ihr innewohnenden Aspekten unmittelbar mit dem Menschen und dem Menschsein zu tun hat. Dieses eben angesprochene Spannungsfeld zwischen Recht auf Arbeit und Pflicht zur Arbeit wird darüber hinaus gerade heute noch dadurch verschärft, dass in diesem Zusammenhang in unserer heutigen Gesellschaft zwei diametral auseinanderstrebende Extrempositionen immer mehr an Gewicht gewinnen, die das anzustrebende ausgewogene Verhältnis zwischen den beiden oben genannten Komponenten der Arbeit zu Lasten eines der beiden Aspekte verschieben: Die so genannten „Work-a-holics" auf der einen Seite, d.h. Menschen, die überhaupt nicht mehr ohne Arbeit leben können und in ihrer Arbeit vollständig aufgehen und eine Gruppe von Menschen auf der anderen Seite, die es konsequent darauf anlegen, ohne Arbeit durch das Leben zu kommen, indem sie alle Mittel, welche das Netz der sozialen Sicherung ihnen bietet, schamlos ausnützen. Letztgenannte Position aber ist nicht nur ein Verstoß gegen die dem Menschen von Gott gesetzte Verpflichtung zur Mitwirkung an der Schöpfung, sondern darüber hinaus auch eine Verhöhnung und Verspottung derjenigen, die gerne arbeiten würden, aber trotz all ihrer Bemühungen aus den unterschiedlichsten Gründen heraus dennoch keinen Arbeitsplatz bekommen.  Und noch ein weiteres gilt es zu beachten: Zwischen den „Mühlsteinen“ dieser oben genannten Extrempositionen werden gerade die arbeitswilligen und händeringend nach Arbeit suchenden Menschen regelrecht zerrieben.

„Worc-a-holics“

Arbeit als alleiniger

Lebensinhalt

 

Recht auf                                                                                                    arbeits-

    Arbeit                                                                                                     suchen-

Pflicht zur                                                                                              der Mensch

    Arbeit

 

 

 

Menschen, die sich vor jeder Arbeit drücken

 

Auf den Punkt gebracht, bedeutet oben Beschriebenes also folgende paradoxe Erscheinung: „Selbständige und Erfolgreiche unterliegen der Gefahr, sich bis zur Selbstaufgabe in ihre Arbeit zu verlieren; die abhängig und fremdbestimmt Arbeitenden unterliegen dem Zwang, die Arbeit ... positiv zu werten. ... Die meisten Arbeitslosen ... sind ... bereit, jede ... Arbeit anzunehmen, um der gesellschaftlichen Stigmatisierung als arbeitsunwillige, unnütze Menschen zu entgehen."  Diese Thematik vorläufig abschließend kann zunächst einmal folgendes gesagt werden: Die Arbeit darf einerseits nicht als der höchste Wert und der alleinige Zweck des menschlichen Daseins betrachtet werden, andererseits darf sie aber auch nicht in Grund und Boden verteufelt werden. Und gegen diese Forderung verstößt einerseits, „wer sich um des Erwerbs oder der Geltung willen vollends oder über Gebühr an die Arbeit ausliefert", und andererseits aber auch, „wer sich in Müßiggang der Arbeit zu entziehen sucht." 

 

Seit der Industrialisierung und gerade auch bei der immer mehr wachsenden Ausweitung unserer Gesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft in den letzten Jahrzehnten hat sich im Arbeitsleben - wir erwähnten es bereits ansatzweise - ein grundsätzlicher Umbruch ereignet:  Die einzelnen Arbeitsgänge sind mehr und mehr miteinander verflochten und die einzelnen Arbeitnehmer mehr und mehr auf den Mitarbeiter, den Kollegen, den Nachbarn angewiesen, d.h. die menschliche Arbeit wird als der wesentliche und bestimmende Produktionsfaktor aller geistigen oder materiellen Reichtümer immer wichtiger für uns, und „zudem wird offenkundig, dass die Arbeit des einen und die Arbeit der anderen ineinandergreifen und sich verflechten. Arbeiten ist heute mehr denn je ein Arbeiten mit den anderen und ein Arbeiten für die anderen: Arbeiten besagt, etwas für jemanden tun."  Mit anderen Worten: Die Aufteilung und scharfe Trennung in Arbeit auf der einen Seite und Kapital auf der anderen Seite bewirkte die Gleichsetzung der Arbeit mit einer bloßen Ware (vgl. den Wirtschaftsliberalismus), und „schließlich haben vor allem die Bedingungen der technischen Arbeit ... die Berufstätigkeit irgendwie 'entmenschlicht', ihr nach und nach die Fähigkeit genommen, eine wahrhaft menschliche Existenz auszufüllen und zu entfalten."

Eigentlich ist es überflüssig, noch zu betonen, dass sich darüber hinaus mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und in den letzten Jahrzehnten erneut auch und gerade im Bereich der Produktionsfaktoren ein weiterer bedeutender Umbruch vollzogen hat - der Produktionsfaktor „Mensch", welcher früher kaum Beachtung fand, tritt heutzutage immer mehr in den Vordergrund. Charakteristisch für die moderne Industriegesellschaft ist nämlich das immer enger werdende Netz gesellschaftlicher Verflechtungen in ihr. Das Leben unterliegt heute immer größeren und immer gewichtigeren Zwängen, welche man mit den Schlagworten Bevölkerungsexplosion, Landflucht und Verstädterung, Arbeitsteilung, Industrialisierung, Technisierung, Standardisierung und Uniformierung umschreiben könnte. Mit den Worten Johannes Paul II. könnte man diese Erscheinung auch so beschreiben: „War früher der entscheidende Produktionsfaktor die Erde und später das Kapital, verstanden als Gesamtbestand an Maschinen und Produktionsmitteln, so ist heute der entscheidende Faktor immer mehr der Mensch selbst, das heißt seine Erkenntnisfähigkeit in Form wissenschaftlicher Einsicht, seine Fähigkeit, Organisation in Solidarität zu erstellen, und sein Vermögen, das Bedürfnis des anderen wahrzunehmen und zu befriedigen.“  Man kann also, wenn man obiges bedenkt und sich die Situation und den Umbruchsprozess, in dem wir uns gerade befinden, unvoreingenommen betrachtet, durchaus von mittlerweile drei industriellen Revolutionen sprechen: „Der Übergang vom Werkzeug zur Maschine charakterisiert die erste industrielle Revolution, so wie der Übergang von der handbetriebenen zur automatischen Maschine die zweite industrielle Revolution charakterisiert. ... Eine größere Sicherheit bei der Arbeit und eine erhöhte Produktion, das Wegfallen der Schwerarbeit und die Arbeitsmedizin ... erscheinen als neue Errungenschaften im technologischen Fortschritt."  Und diese eben angesprochene so genannte dritte industrielle Revolution vollzieht sich gerade, und zwar ist sie vordringlich geprägt von wachsender Automatisierung und Computerisierung. Deshalb ist es wohl statthaft, sie als Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft zu charakterisieren, denn „die Microprozessoren haben neue Möglichkeiten für die Steuerung und Überwachung von Produktionsabläufen eröffnet. Die Elektronik verdrängt die Mechanik. Viele Arbeiten, die bislang der Mensch machen musste, werden nunmehr von vollautomatischen Maschinen besser und billiger ausgeführt."  Hier gilt es aber nun auch sofort zu warnen: So wünschenswert es nämlich ist, dass der Mensch durch die Maschine entlastet wird - besonders bei gefährlichen oder gesundheitsschädlichen Arbeiten -, so gefährlich ist diese Entwicklung aber auch, denn mit Werner Krämer lässt sich die folgende - eigentlich paradoxe - Situationsbeschreibung geben: „Derselbe wirtschaftlich-technische Fortschritt, den viele als Befreiung ... erlebten, wird als ein System erkannt, das neue Abhängigkeiten, neuartige Bedrohungen ..., eine tief greifende Veränderung der zwischenmenschlichen Beziehungen, neue Formen zentraler Kontrolle und Naturzerstörung mit sich brachte."  Hier lassen sich nun zumindest zwei wesentliche und unbedingt zu beachtende Punkte festhalten: Zum einen gilt es zu bedenken, dass ein computergesteuerter Vollautomat kostengünstiger ist, als ein Mensch, denn er kann 24 Stunden durcharbeiten und er verursacht - sobald er sich amortisiert hat - keine Lohnkosten mehr. In unserer wettbewerbsorientierten Industriegesellschaft mit ihren hohen Lohnkosten ist deshalb die Gefahr, dass immer mehr Arbeitsplätze zur Wettbewerbssteigerung „wegrationalisiert" werden, unübersehbar geworden und gibt deshalb auch allen Grund zur Sorge. Und darüber hinaus gilt es aber auch zu bedenken, dass selbst wenn bestimmte Arbeitsplätze im industriellen Produktionsprozess immer erhalten bleiben werden, die wachsende Automatisierung und Technisierung auch noch andere Probleme mit sich bringt, denn mit Werner Krämer muss ganz klar herausgestellt werden: „Durch die Aufteilung in Planen, Vorbereiten, Kontrollieren und reines Ausführen vorgeplanter Arbeitsvollzüge werden die Arbeiter ihrer Kompetenz der Maschinenführung beraubt."  Mit anderen Worten: Der Arbeiter wird seiner Arbeit mehr und mehr entfremdet; er wird zum Sklaven der Maschine. Mit den Worten Albrecht Beckels ausgedrückt, heißt das:: „Heute erscheint die Arbeit ... immer weniger deutlich sinnerfüllt ..., immer deutlicher gemeinschaftsbezogen ..., innerlich und nervlich mehr als körperlich belastend." 

Hier muss gerade auch von der Theologie und ganz besonders von der katholischen Soziallehre immer wieder und immer eindringlicher darauf hingewiesen werden, dass der Mensch nicht um der Arbeit willen existiert, sondern die Arbeit der Selbstverwirklichung des Menschen dienen soll, d.h. der Mensch „vervollkommnet sich im Tätigsein und durch ein Tätigsein, das viele verschiedene Formen annehmen kann."

Wenn man nun aber die Berufsarbeit als eine der Möglichkeiten zur Vervollkommnung der Personalität und zur Selbstverwirklichung des Menschen sieht, dann muss hier - betrachtet man sich die beiden voranstehenden Schaubilder - dringend ein UmdenkungsProzess eingeleitet und eingefordert werden. Die heutige Situation auf dem Arbeitsmarkt und im Berufsleben läßt zunächst einmal folgende Schlußfolgerung zu: Der Fehler und die Wurzel der Entfremdung des Menschen von der Arbeit und sich selbst liegt vordringlich „in der Schwierigkeit, die Besonderheiten der Industriearbeit mit den grundlegenden Forderungen der ... Berufsidee in Einklang zu bringen."  Mit anderen Worten: Die moderne, arbeitsteilige und in Takte zergliederte Arbeitswelt steht im Gegensatz zum eigentlichen Sinn und Zweck der Arbeit und d.h. der Mensch entfremdet sich je eher der Arbeit und seiner selbst, je mehr seine Arbeit „leichter", und d.h. unüberschaubarer wird.

Ein wesentlicher Punkt, der trotz aller Umstrukturierungen in der Arbeit immer noch gerade das Bild des handwerklich Arbeitenden negativ belastet, ist dabei die strenge Unterteilung der Arbeit in körperliche und geistige Arbeit, wobei gerade das intellektuelle Schaffen immer noch höher bewertet wird, als jede andere Tätigkeit. Gerade diese Unterscheidung macht es nämlich erst möglich, eine Art von Hierarchie in der Gruppe der Arbeitnehmer aufzustellen, die nichtsdestoweniger unnütz, ja schädlich ist, weil sie im Grunde nichts über den Wert dessen, was - ob nun intellektuell oder mit den Händen - geschaffen wird, aussagt. Viel wichtiger wäre es gerade in unserer modernen und schnelllebigen Zeit, in der ein mehrmaliger Arbeitsplatzwechsel (wegen besserer Aufstiegschancen, besserer Bezahlung u.ä.) eher schon an der Tagesordnung ist als das „Dem-Betrieb-Treu-Bleiben" bis zur Pensionierung, der wachsenden - durch Arbeitsteilung, Akkordarbeit, Fließbandarbeit usw. bewirkten - Entfremdung der Arbeitenden entgegenzutreten und diese Fehlentwicklung entschieden zu bekämpfen. Siegfried Wehowsky erhebt in diesem Zusammenhang zwei entscheidende Konsequenzen des zur Entfremdung des Menschen führenden Leistungsdrucks, nämlich die Ausgrenzung aller derjenigen, die den hohen Leistungsansprüchen nicht oder nicht mehr genügen (Alte, Randgruppen), und dass der Anpassungsdruck so hoch wird, „dass Erfolg oft mit einer Entleerung des so genannten Privatlebens einhergeht: Emotionalität, Spontaneität und Authentizität erleiden Einbußen."  In der Folge – so Siegfrid Wehowsky - kompensiert der Mensch dann diese Defiziterfahrungen durch erhöhten Konsum.

Zusammenfassend kann oben Ausgeführtes mit Joseph Kardinal Höffner in folgende Worte gefasst werden: „Arbeit ist die bewusste, ernsthafte, objektbezogene Betätigung ... zur zweckmäßigen Verwirklichung von Werten, die der Gottgewollten Sinnerfüllung des Menschen selber ... sowie der menschlichen Gesellschaft und letztlich der Ehre Gottes dienen. ... Die übliche Unterscheidung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit darf nicht überspitzt werden." 

Und noch etwas sehr Wesentliches muss hier in Erinnerung gerufen werden: Die Arbeit ist nicht nur ein Recht, sondern auch eine „lebensnotwendige, bewusste und freiwillige" , aber dennoch auch  verpflichtende Tätigkeit. Das aber bedeutet: Die Arbeit muss zunächst einmal verstanden werden als eine Aufgabe, ein Amt oder Dienst, d.h. Arbeit ist eine Aufgabe, welche die  Menschen füreinander und für die Gemeinschaft erfüllen müssen. Mit anderen Worten: Die Arbeiter „sollen ihre Arbeit nicht nur als Mittel des Erwerbs auffassen, sondern auch als Pflichterfüllung und Dienst an der Gemeinschaft."  Dass hier erheblicher Handlungsbedarf besteht, ist wohl nicht extra zu betonen: Der Prozentsatz derer, die dieser Forderung gerecht werden, dürfte nur sehr gering sein - die moderne Industriegesellschaft lässt derartige „Illusionen“ meist sehr schnell platzen wie Seifenblasen. Voranstehendes lässt sich  nun thesenartig auch so ausdrücken: Wer sich seiner Pflicht zur Arbeit entzieht, versündigt sich gegen seine eigene Menschenwürde. Führt man diese Argumentation dann aber weiter, so muss man auch sagen, dass es ebenso ein krasser Verstoß gegen die Menschenwürde ist, wenn man jemandem sein Recht auf Arbeit beschneidet, d.h. wenn man ihm die Arbeit vorenthält. Zu wenig Beachtung findet nämlich immer noch, dass ein Mensch, welcher arbeitslos ist, schwer in seiner Persönlichkeitsentfaltung eingeschränkt wird. Mit Werner Krämer kann also festgehalten werden: „Arbeitslose sehen keine Erfüllungschance für ihre gesellschaftliche Orientierung, durch beruflich qualifizierte Arbeit Güter und Werte zu schaffen, Menschen zu helfen, durch eigene Arbeit einen nützlichen Beitrag für die Gesellschaft erbringen zu können."  Und gerade diese leider immer noch vorherrschende einseitige, verengte und falsche Sicht von Arbeit muss gewandelt werden, denn der Mensch beweist seinen Wert ja gerade nicht nur durch das, was er schafft und produziert! In unserer hochtechnisierten Industriegesellschaft ist es nun aber leider der Fall, dass bei den hohen Lohnkosten in der Bundesrepublik (und in anderen Ländern der so genannten „Ersten Welt" in vergleichbarem Maß)  Maschinen billiger sind als Arbeitskräfte. Und gerade deshalb werden die Menschen, die am wirtschaftlichen Leben teilhaben meist einseitig und falsch als kostenintensiver und damit unangenehmer, teuerer und nach Möglichkeit einzusparender Produktionsfaktor gesehen, statt als Mensch. Mit anderen Worten: Der Zwang zu effizientem Arbeiten und die Zielvorgabe, weltweit konkurrenzfähig zu bleiben ist ein wesentlicher und bestimmender Grund für den voranschreitenden Rationalisierungsprozess, welcher zum Abbau von Arbeitsplätzen und damit zu steigenden Arbeitslosenzahlen führt. Nach Anton Rauscher sind für die oben geschilderte Erscheinung im wesentlichen zwei Ursachen anzunehmen, nämlich die Auswirkungen der europäischen Einigung, die dazu führen wird, „dass größere Unterschiede bei den Arbeitskosten abgebaut werden, und zwar ... dadurch, dass ... die Arbeitskosten in den Ländern mit dem höchsten Niveau tendenziell zurückgehen" werden, und der Zusammenbruch des Sozialismus in Mittel- und Osteuropa, welcher dazu geführt hat, dass allein 1993 nahezu eine Million Arbeitsplätze dadurch verloren gegangen sind, dass die betroffenen Fertigungsbetriebe in osteuropäische Länder abgewandert sind.  Es ist aus obigen Feststellungen heraus mit Johannes XXIII. zu fordern, dass es trotz der gewaltigen Probleme und der großen Versuchung, immer mehr Arbeitsplätze „wegzurationalisieren", den Menschen dennoch „überall in der Wirtschaft ... nicht nur möglich, sondern leicht gemacht werden muss, erwerbstätig zu sein" (MM 55). Fraglich ist dabei nur, wie diese Forderung in die Tat umgesetzt werden kann, denn man könnte angesichts einer Zahl von rund 4,5 Millionen Arbeitslosen in der Bundesrepublik Deutschland - europaweit sind es sogar mehr als 20 Millionen - fragen, wo denn nun das Recht auf Arbeit bleibt, wenn keine Arbeit zu haben ist.  Einklagbar ist dieses Recht anscheinend nicht - nicht einmal dann, wenn erkannt und anerkannt ist, dass es sich um ein unverzichtbares Grundrecht eines jeden Menschen handelt! Wenn wir aber nun von Arbeitslosigkeit sprechen und mit Arbeitslosenzahlen jonglieren, sollte man eines nicht vergessen: Die offiziellen Zahlen, wie sie die Bundesanstalt für Arbeit monatlich bekannt gibt, geben nur einen Teil der Wirklichkeit wieder, denn sie erfassen nicht alle derjenigen Bürger unseres Landes, die gerne arbeiten würden. Man spricht in diesem Zusammenhang von der so genannten „stillen Reserve“. „Stille Reserve“, d.h. dass es in unserer Gesellschaft zusätzlich zu denjenigen, die als Arbeitslose registriert sind, auch Menschen gibt, die Arbeit suchen, aber aus unterschiedlichsten Gründen nicht in der Statistik aufscheinen. Der überaus größere Teil dieser Personengruppe hat entweder versäumt, sich arbeitslos zu melden, oder hat es aufgegeben, sich immer wieder auf dem Arbeitsamt zu melden - diese Menschen haben resigniert. Diese stille Reserve lässt sich zwar nicht genau errechnen, doch hat die Bundesanstalt für Arbeit selbst in Untersuchungen festgestellt, dass die Anzahl derer, die unter diese Personengruppe fallen, sich für das Jahr 1992 mit etwa 1,5 Millionen und für 1993 auf etwa 2 Millionen Menschen beziffern ließe. Und die Tendenz ist steigend: Für das Jahr 1995 kann man durchaus von rund 7 Millionen Arbeitssuchenden (statt der offiziellen Zahl von 4,5 Millionen Arbeitslosen) ausgehen. Und berücksichtigt man diese Zahl und setzt sie in Relation zur Zahl der im Arbeitsprozess stehenden Menschen (28,2 Millionen), so ergibt sich ein Verhältnis von etwa 1 zu  4, d.h. jeder vierte arbeitsfähige und arbeitswillige Bundesbürger ist arbeitslos!  Und besonders drängend macht dieses Problem ein weiterer - oft vernachlässigter - Aspekt: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen, d.h. derer, die ein Jahr oder länger arbeitslos waren, ist unverhältnismäßig hoch. Im Jahre 1977 betrug der Anteil der Langzeitarbeitslosen an der Gesamtzahl der Arbeitssuchenden noch 14,3% - seit der Mitte der 80er Jahre beträgt dieser Prozentsatz immer zwischen 25 und 33%! Im September 1994 beispielsweise betrug der Prozentsatz derer, die bereits ein Jahr oder länger Arbeitslos waren in den alten Bundesländern 33%, in den neuen Bundesländern 35%: D.h. also, ein gutes Drittel der Arbeitssuchenden auf dem deutschen Arbeitsmarkt gehört heute dieser besonders schwer getroffenen und besonders anfälligen Gruppe an!

Wir können also feststellen, dass wir seit der Mitte der 80er Jahre einen Sockel von Arbeitslosen vor uns herschieben, welcher auch in Phasen des wirtschaftlichen Aufschwungs nicht nennenswert abgebaut worden ist. Und darüber hinaus muss noch ein weiteres angemerkt werden: Diese Zahlen sind auch wieder „geschönt“, denn ein Langzeitarbeitsloser muss mindestens ein Jahr lang als arbeitslos gemeldet sein. Arbeitslose, die wegen kurzfristiger Beschäftigung, Krankheit, Umschulung oder Fortbildung nicht ein ganzes Jahr arbeitslos gemeldet waren, fallen aus dieser Statistik heraus - obwohl sie de facto doch immer noch zur Gruppe der Langzeitarbeitslosen gehören. Und überdies: Je länger jemand arbeitslos ist, desto schwerer ist er vermittelbar - der wirtschaftliche Fortschritt mit seinen rasanten Entwicklungen und Neuerungen geht über ihn hinweg.  Wie kommt es aber dazu, dass jemand ein Jahr oder noch länger arbeitslos ist? Als die drei Hauptfaktoren, die zur Langzeitarbeitslosigkeit führen, können fortgeschrittenes Alter, gesundheitliche Einschränkungen und fehlende Berufsausbildung genannt werden. Mit Joseph Kardinal Höffner muss also gesagt werden: „Der Wohlstandsstaat ... stößt an seine Grenzen. Die Arbeitslosigkeit droht zu einem Dauerzustand ... zu werden.“ 

Noch einmal soll es gesagt werden: Dass Arbeitslose - besonders wenn sie schon über einen längeren Zeitraum arbeitslos sind - oft resignieren und sogar erkranken, sollte uns zu denken geben und uns zum Handeln anspornen. Sehr oft ist die Klage zu hören, dass Menschen, die ihr Leben lang in Arbeitslosen- und Rentenversicherung ihre Beiträge eingezahlt haben, im Falle der Arbeitslosigkeit die schmerzliche Erfahrung machen müssen, „dass längere Arbeitslosigkeit unweigerlich zur Verarmung führt"  und dass ihre - aufgrund längerer Zeiten der Arbeitslosigkeit niedriger werdende - Rente sie zu erheblichen Einsparungen zwingt. Sicherlich kann eingewendet werden, dass ein arbeitslos Gewordener vom vielgepriesenen so genannten „sozialen Netz" abgefangen wird, andererseits aber muss hier auch deutlich angemerkt werden, dass die Maschen dieses sozialen Netzes entweder zu weit oder zerrissen sind, denn der Prozentsatz derer, die durch dieses Netz fallen wächst immer mehr an. Mit anderen Worten: Ein Arbeitsloser kann sich zwar mittels Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe u.ä. „über Wasser halten", dennoch aber wird er sich gewaltig einschränken müssen, um „über die Runden zu kommen“. Und noch viel schlimmer als der materielle Schaden, den der Betroffene zu tragen hat, ist nach Meinung des Verfassers der immaterielle Schaden: Jemandem das Recht auf Arbeit zu verwehren - wir betonten es bereits - ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde! Hier muss Josef Stingl uneingeschränkt zugestimmt werden, wenn er schreibt: „Wenn wir ... die Menschen bei Verlust ihres Arbeitsplatzes vor materieller Not bewahren können, durch Arbeitslosengeld usw., so ist das ... ein großer Fortschritt. Die seelische Seite dieses Problems löst man damit leider nicht." 

Und noch etwas gäbe es hier zu beachten, wenn wir gerade die Rentner erwähnt haben: Die Rentenversicherung ist ja ein so genannter „Generationenvertrag“, d.h. die im Moment Arbeitenden bezahlen die Renten der bereits aus dem Arbeitsprozess Ausgeschiedenen. Da aber ein Zweifaches festzustellen ist, nämlich dass einerseits die Zahl der alten Menschen in unserer Gesellschaft immer mehr ansteigt, andererseits die Zahl der Erwerbstätigen gleichzeitig immer mehr zurückgeht, ist hier ein großes Fragezeichen angebracht, wie lange dieser „Generationenvertrag“ noch halten wird. Nach einer Berechnung des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger ist folgende Entwicklung vorprogrammiert: Arbeiten heute 100 Arbeitnehmer für 46 Rentner, so wird diese Relation bis zum Jahr 2040 so aussehen, dass 100 Arbeitnehmer für 102 Rentner arbeiten! Was hier nur angedeutet werden kann (und was leider noch viel zuwenig Beachtung findet), ist also die enorme seelische Belastung, welcher sowohl Arbeitslose (besonders Langzeitarbeitslose) als auch Arbeit habende ausgesetzt sind, denn in unserer leistungsorientierten Gesellschaft wird der Mensch nur nach seiner Leistung beurteilt. In dieser Denkweise ist z.B. ein Mensch ohne Arbeit höchstens noch ein halber Mensch: Arbeitslose „haben gegenüber dem Erfolgszwang unserer Leistungsgesellschaft nichts vorzuweisen als einen sichtbaren Misserfolg, auch wenn ihre Arbeitslosigkeit absolut unverschuldet ist."  Hier kann Joseph Kardinal Höffner nur zugestimmt werden, wenn er schreibt: „Die so genannte soziale Frage scheint sich immer mehr von der Spannung zwischen Kapital und Arbeit auf die Spannung zwischen denen, die Arbeit haben, und jenen, die arbeitslos sind, zu verlagern.“  Besonders schlimm aber trifft diese  oben geschilderte Erscheinung die Jugendlichen und diejenigen, die erst kurze Zeit im ArbeitsProzess stehen: Sie „erfahren schmerzlich, dass gesellschaftliches Ansehen und damit auch die Chance, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, weitgehend an die Erwerbsarbeit gebunden ist." 

Die Arbeitslosigkeit kann also ohne jede Übertreibung als das drängendste Problem aller Länder und besonders auch der hoch entwickelten Industrienationen bezeichnet werden, denn „für die Arbeiter und Angestellten ... hängen vom Arbeitseinkommen die Möglichkeiten der Lebensgestaltung ab. Zudem knüpfen soziale Leistungen ... an die Löhne und Gehälter an."  Hier gilt es vorrangig auch durch die Theologie herauszustellen, dass ein Mensch seinen Wert und seine Menschlichkeit nicht nur (aber auch!) durch Arbeit erweist, d.h. dass ein Mensch auch wenn er arbeitslos ist, noch ein wertvolles und d.h. vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft ist. Leider ist heute immer öfter festzustellen, dass Beschäftigungslose als „Menschen zweiter Klasse" betrachtet und behandelt werden. Abschließend kann mit den Worten Anton Rauschers also gesagt werden: „Arbeitslosigkeit trifft den Nerv der menschlichen Existenz und sie kann das Vertrauen, auf dem das Zusammenleben der Menschen ruht, stören, ja zerstören. Deshalb muss der Arbeitslosigkeit mit allen verfügbaren Mitteln entgegengewirkt werden. Dies ist eine sozialethische Aufgabe ersten Ranges."  Der Abbau der Arbeitslosigkeit muss also als das drängendste und gewichtigste Problem wirtschaftlichen und politischen Handelns betrachtet werden. Aber bei all dem oben Gesagten gilt es zunächst einmal eines zu bedenken: „Die Überwindung der Arbeitslosigkeit setzt die Kenntnis ihrer Ursachen voraus ...: die hohen Zinsen, die Gleichgewichtsstörungen zwischen Lohnsystem und Sozialleistungssystem, das ... fehlende Vertrauen auf eine günstige wirtschaftliche Entwicklung, die Spannungen zwischen ... Rationalisierung und der dadurch bedingten Verringerung der Arbeitsplätze.“  Dieser Aufzählung Joseph Kardinal Höffners ist nichts mehr hinzuzufügen. Und Ihm ist auch im weiteren zuzustimmen, wenn er fortfährt: „Die Untersuchung der Ursachen der Arbeitslosigkeit und das Ergreifen wirtschaftspolitischer, konjunkturpolitischer und währungspolitischer Maßnahmen ... ist Sache der Verantwortlichen, d.h. der Tarifpartner, der Parlamente, der Regierungen.“ 

Fassen wir kurz zusammen: Nach der Zeit des Wiederaufbaus, der Vollbeschäftigung  und des Wirtschaftswunders (Arbeitslose 1965: 0,7%!), führten die ab Mitte der 60er Jahre immer wieder auftretenden Krisen im Wirtschaftsleben (Ölkrise, Rezessionen) zu einem kontinuierlichen Anstieg der Arbeitslosenzahlen (1975: 1 Million, 1988: 2,2 Millionen). Eine kurzfristige Erholung für den bundesdeutschen Arbeitsmarkt brachte die Wiedervereinigung (1991: 1,7 Millionen); seitdem aber stieg die Arbeitslosigkeit wieder steil an (Februar 1996: 4 Millionen; Mai 2003: 4,5 Millionen).

Unser Hauptziel muss also der Abbau der Arbeitslosigkeit sein. Die Kombination von insgesamt vier Maßnahmen wäre dabei  nach Meinung des Verfassers am sinnvollsten: Arbeitszeitverkürzung, Erschließung neuer Märkte, mehr Flexibilität und ein zweiter (oder gar dritter) Arbeitsmarkt.

Arbeitszeitverkürzung, d.h. die Neuverteilung der knapper werdenden Zahl der Arbeitsstunden auf die anwachsende Zahl der Bewerber um einen Arbeitsplatz. Hier muss natürlich auch daran gedacht werden, dass Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich ebenso wenig akzeptiert werden kann, wie Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich. Während erstes den Unternehmern größere Gewinnspannen verschaffen würde, würde zweites die Unternehmen so stark belasten, dass die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft noch weiter geschädigt würde.

Neue Märkte erschließen, d.h. die Industrie muss sich auch und besonders darum bemühen, Marktlücken zu entdecken und zu besetzen. Hier wäre ganz besonders auch an Umweltschutz und Umwelttechnologie, alternative Energielieferanten, u.a.m. zu denken. Und noch etwas gehört hierher - auch und gerade weil es unpopulär ist: Der Schutz und die Bewahrung der Schöpfung erfordern, dass gerade mit nicht regenerierbaren Rohstoffen sparsam umgegangen wird. Und hier wäre durchaus eine „Energie-“ oder „Ökosteuer“ denkbar. Der Effekt wäre nämlich folgender: Wenn Energie und Rohstoffe für die Industrie teurer werden, so wird dies ein Ansporn für die Industrie, innovativ tätig zu werden, d.h. nach rohstoff- und energiesparenden Produktionsweisen zu suchen.

Mehr Flexibilität, d.h. die gerechtere Verteilung der vorhandenen Arbeit auf die vorhandenen Arbeitskräfte. Vor allem aber hieße dies für die Industrie kostengünstigere Produktionsweisen einzuführen. Hier wäre beispielsweise auch daran zu denken, dass der Samstag zum Regelarbeitstag wird. Aber auch Teilzeitarbeitsplätze, Arbeitszeitkonten u.ä. müssten hier mehr und deutlicher in die Überlegungen einbezogen werden. Es kann doch nicht angehen, dass auf der einen Seite Überstunden geleistet werden müssen, während auf der anderen Seite vier Millionen Menschen händeringend nach Arbeit suchen!

Ein zweiter Arbeitsmarkt, d.h. gerade für Langzeitarbeitslose und schwer vermittelbare Arbeitslose muss eine Art „geschützter Arbeitsmarkt“ geschaffen werden, in dem sie mit den neuesten Entwicklungen in ihrem Beruf bekannt gemacht und auf die Rückkehr in das Arbeitsleben vorbereitet werden.

 

Als ein Vorschlag, welcher diese vier oben genannten Komponenten in sich aufnimmt, wäre beispielsweise folgendes zu denken: Ein Arbeitgeber, welcher zusätzliche Arbeitskräfte einstellt, bekommt vom Staat Zuschüsse zum Gehalt dieser Arbeitskräfte - und zwar so lange, bis der Betrieb selbst in der Lage ist, das volle Gehalt dieser neu Eingestellten zu bestreiten. Diese neu geschaffenen Arbeitsplätze würden zur Kaufkraftsteigerung beitragen und das würde ein Wirtschaftswachstum bewirken. Eine florierende Wirtschaft aber würde die staatlichen Einnahmen erhöhen, was bedeutet, dass die Staatsquote - welche heute bei 51% und damit viel zu hoch liegt - sinken würde, was wiederum zu einer Steigerung der Kaufkraft und zu erneutem Wirtschaftswachstum führen würde.

Diese Thematik abschließend schlagwortartig auf den Punkt gebracht, könnte man also formulieren: Arbeit muss sich wieder lohnen. Mit anderen Worten: Wenn jemand für seine Arbeitskraft weniger an Lohn bekommt, als er von der Sozialhilfe bekommen würde - und dieser Fall tritt häufiger ein, als man glauben möchte -, ist es doch nur allzuverständlich, dass der Betroffene bald keinen Sinn mehr darin sieht, für das, was er auch anderweitig bekommen kann, noch zu arbeiten. Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sind deshalb dazu aufzurufen, die vier großen Ziele einer jeden Volkswirtschaft, nämlich Vollbeschäftigung, stabile Preise, Wirtschaftswachstum und außenwirtschaftliches Gleichgewicht anzustreben und zu sichern, dabei aber das übergeordnete Ziel, nämlich soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit für jeden, nicht aus den Augen zu verlieren.  Hier ist natürlich auch zu sehen, dass gerade an diesem Punkt sich ein nicht unerhebliches Konfliktpotential aufbaut: Die oben aufgeführten Forderungen stehen in Spannung zueinander. Der gerechte Ausgleich gerade zwischen diesen beiden Spannungsfeldern ist Aufgabe nicht nur des Staates, sondern aller in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik Verantwortlichen. Und die Rolle der katholischen Soziallehre in diesem Streben nach einem gerechten Ausgleich besteht vordringlich darin, darüber zu wachen, dass die Personalität, d.h. das Mensch-Sein beachtet wird. Mit anderen Worten: Wenn die Wirtschaft nach Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum strebt, so betont die christliche Gesellschaftslehre gleichzeitig die Verantwortung aller, die soziale Gerechtigkeit und die soziale Sicherheit zu erhalten und zu gewährleisten.

Wie sieht aber nun die christliche Gesellschaftslehre das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen Kapital und Arbeit?  Ein besonders wichtiger Aspekt in diesem Verhältnis - und dies erkannte bereits Leo XIII. - ist, dass beide aufeinander angewiesen und aufeinander bezogen sind, denn „sowenig das Kapital ohne Arbeit, sowenig kann die Arbeit ohne das Kapital bestehen."  Diese Aussage aber bedeutet, dass dieses gegenseitige Aufeinander-Angewiesen- bzw. Aufeinander-Verwiesen-Sein von Arbeitgeber und Arbeitnehmer ganz wesentlich zur Regelung der Arbeitsverhältnisse gehört. In unserer Industriegesellschaft stehen sich somit zwei Gruppen gegenüber. nämlich diejenigen, die das Kapital, d.h. die Produktionsmittel besitzen, also die Arbeitgeber, und diejenigen, die mit diesen Produktionsmitteln arbeiten, d.h. die Arbeitnehmer, welche ihrerseits die „Ware" Arbeit zur Verfügung stellen. Das Ziel der Arbeitgeber ist dabei, aus ihrem Kapital soviel Nutzen wie möglich zu erzielen, das Ziel der Arbeitnehmer - vertreten durch die Gewerkschaften -, ihren Produktionsfaktor Arbeit so teuer wie möglich zu verkaufen. Beide Gruppen aber sind voneinander abhängig und aufeinander angewiesen, d.h. beide Gruppen müssen kompromissbereit sein und sich den Erfordernissen des Gemeinwohls, welches die Basis ihrer Aktivitäten sein muss, unterordnen.  Hier wäre zu fragen, ob beispielsweise die Gewerkschaften sich dieser Verpflichtung bewusst sind, denn so manches Mal werden Lohnforderungen gestellt oder Streiks ausgerufen, die gesamtwirtschaftlich untragbar und schädlich sind, d.h. die sich eben nicht am Gemeinwohl orientieren.

„Der Mensch als Imago Dei ist wesenhaft auf das Du angelegt; er ist ... ein ens sociale, ein soziales Wesen von seinem Ursprung her. Erst in der Begegnung mit dem Du und in der Gemeinschaft kommt er zur vollen Entfaltung seiner personalen und individualen Anlagen."  Und weil der Mensch diese soziale Veranlagung besitzt, deshalb ist Joseph Kardinal Höffner zuzustimmen, der schreibt:„Alles personale Sein strebt ... nach Hingabe und Teilhabe, so dass personales Sein seinem Wesen nach auf das Du und die Gesellschaft hingeordnet ist."  Und er fährt fort: „Die wesenhafte Hinordnung des Menschen auf das Du und die Gesellschaft prägt sich nicht zuletzt im Bereich der Wirtschaft aus. ... Der Sinn der Wirtschaft liegt ... in der dauernden und gesicherten Schaffung jener materiellen Voraussetzungen, die ... die menschenwürdige Entfaltung ermöglichen.“

 

3.2.      Humanisierung der Arbeit als Ermöglichung der Selbstverwirklichung

Die christliche Gesellschaftslehre beginnend mit Rerum novarum fordert aber nicht nur von je her zum einen das Recht auf Arbeit ein und dängt zum anderen auf ein auf das Gemeinwohl bezogenes und ausgerichtetes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die christliche Gesellschaftslehre geht noch einen Schritt weiter und tritt darüber hinaus auch für die „Humanisierung der Arbeitswelt" ein.  Mit anderen Worten: Weil die Arbeit in ihrer Ausrichtung auf Selbstverwirklichung des Menschen und Dienst an der Gemeinschaft einerseits und als Teilhabe an der Kreativität Gottes andererseits zwingend an die menschliche Personalität rückgebunden ist, muss die christliche Gesellschaftslehre weil Subjekt ihrer Gedanken und ihres Redens immer der Mensch ist, gerechte und annehmbare Arbeitsverträge und auch gesundheitlich zumutbare und menschenwürdige Arbeitsbedingungen einfordern. Leitziel sollte dabei immer sein, dass der Mensch „auch für die technische Rationalisierung Bild Gottes und nicht ein teurer und dazu noch störrischer Produktionsfaktor" ist , denn auch in der Arbeitswelt muss der Mensch als „Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft" (GS 63) vordringlich einmal als Mensch gesehen werden und in seinem Person-Sein ernst genommen werden. Oben Angeführtes schlagwortartig auf den Punkt gebracht, heißt das: „Die einzelnen Menschen hängen voneinander und von der Gesellschaft ab. Sie leisten einander Dienste und erwarten, dass ihnen dafür Gegendienste erwiesen werden. ... Die Arbeit ist somit eine Aufgabe, ein Amt, ein pflichtgemäßer Dienst, den die einzelnen Menschen einander und für die Gemeinschaft leisten. ... Durch die Herrschaft über die Natur haben die Menschen an der Kreativität Gottes Anteil."  Deshalb ist es nur recht und billig, wenn bereits in Rerum novarum gefordert wird, dass die Arbeitgeber Rücksicht nehmen sowohl auf die Leistungsfähigkeit des einzelnen Arbeiters, (d.h. sie sollen unterscheiden zwischen einem jungen und im Vollbesitz seiner Kräfte befindlichen Arbeiter und einem älteren Beschäftigten, bei dem die Kräfte vielleicht bereits nachlassen), als auch auf das Geschlecht der Arbeitssuchenden, denn es gibt Arbeiten, die für eine Frau oder gar ein Kind unzumutbar und gesundheitsschädlich sind, z.B. die Arbeit im Bergwerk. Deshalb tritt die christliche Gesellschaftslehre auch entschieden gegen die Kinderarbeit auf, denn diese ist geeignet, irreparable Schäden an Körper und Geist der betroffenen Kinder zu verursachen. Mit Leo XIII. ist dagegen zu betonen: „Die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit erheben Einspruch gegen Arbeitsforderungen von solcher Höhe, dass der Körper unterliegt und der Geist sich abstumpft. Wie im Menschen alles seine Grenzen hat, so auch die Leistungsfähigkeit bei der Arbeit. ... Was ein erwachsener, kräftiger Mann leistet, dazu ist eine Frau oder ein Kind nicht imstande. Die Kinderarbeit insbesondere erheischt die menschenfreundlichste Fürsorge. Es wäre nicht zuzulassen, dass Kinder in die Werkstatt oder Fabrik eintreten, ehe Leib und Geist zur gehörigen Reife gediehen sind“ (RN 33). Genauso entschieden forderte bereits Leo XIII., dass beispielsweise die vereinbarten Arbeitszeiten so bemessen sein müssen, dass sie die Kräfte und die Leistungsfähigkeit des Einzelnen nicht überschreiten oder gar seine Gesundheit gefährden. In diesem Zusammenhang geht es um geregelte Arbeitspausen und um genügend Freizeit für den Arbeiter. Arbeitsverträge, die beispielsweise keine Pausen vorsehen, sind deshalb als ungültig zu betrachten. In Rerum novarum heißt es dazu: „In Bezug auf die tägliche Arbeitszeit muss also der Grundsatz gelten, dass sie nicht länger sein darf, als es den Kräften der Arbeiter entspricht. ... Im allgemeinen ... ist daran festzuhalten, dass den Arbeitern so viel Ruhe zu sichern sei, als zur Herstellung ihrer, bei der Arbeit aufgewendeten Kräfte nötig ist. ... Eine Vereinbarung ohne diese Bedingung wäre sittlich nicht zulässig." 

Hier muss aber nun - trotz aller Berechtigung der Forderung nach Arbeitspausen, nach Freizeit und nach Urlaub auch beachtet werden, dass unsere Gesellschaft sich immer mehr zu einer „Freizeitgesellschaft" entwickelt, d.h. dass immer mehr arbeitsfreie Zeit zur Verfügung steht, diese aber zum Teil nicht oder falsch genutzt wird. Betrachtet man sich nämlich die Situation in der Bundesrepublik Deutschland, so kann man zunächst einmal feststellen, dass Deutschland der „Weltmeister" in punkto Freizeit ist: Lag die effektive Wochenarbeitszeit im Jahre 1870 noch bei 78,5 Stunden, d.h. auf eine 5-Tage-Woche umgerechnet bei 15,9 Stunden am Tag, so ging diese bis 1970 auf 46 Stunden effektiver Wochenarbeitszeit zurück, d.h. - wiederum auf eine 5-Tage-Woche bezogen - 9,2 Stunden am Tag.  Oder ein anderes Beispiel: Die Jahresarbeitszeit - bezogen auf einen 8-Stunden-Tag - sank von 296,5 Tagen im Jahre 1950 auf 218 Tage im Jahre 1985. Mit Joseph Kardinal Höffner ist es also möglich, zunächst einmal festzustellen: „Die industrielle Entwicklung hat die Menschen nicht nur immer reichlicher mit Gütern und Diensten versorgt, sondern zugleich die Arbeitszeit ständig verkürzt, so dass man vom 'kommenden Zeitalter der Freizeit' zu sprechen pflegt."  Diese eben angesprochene Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit und der damit steigende Anteil der „freien Zeit" hat im wesentlichen drei Grundlagen, nämlich:

1.         Die Gewährung eines längeren Wochenendes durch weitestgehende Abschaffung der Samstagsarbeit. Die neuesten Entwicklungen zeigen aber, dass dieser Trend sich mehr und mehr umkehrt: Aus wirtschaftlichen und wettbewerbspolitischen Erwägungen heraus fordern immer mehr Unternehmer, dass an Samstagen wieder mehr gearbeitet wird. Und nicht nur die Samstagsarbeit nimmt zu: Auch der Sonntag wird mehr und mehr in die Diskussion mit einbezogen. 

2.         Die Verlängerung des (tariflich ausgehandelten) Jahresurlaubs (1951: 9 Tage, 1986: 30 Tage). Und schließlich

3.         den längeren Feierabend durch Verkürzung der täglichen Arbeitszeit.

Ein Beispiel soll aufschlüsseln, wie sich die zunehmende Verkürzung der Lebensarbeitszeit seit der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg konkret auswirkt:

Der Jahrgang 1911 (statistische Lebenserwartung: 67 Jahre) z.B. ging durchschnittlich 15 Jahre zur Schule, stand 47 Jahre im Berufsleben und bezog etwa fünf Jahre lang seine Rente. Der Jahrgang 1967 (statistische Lebenserwartung: 76 Jahre) hingegen, ging durchschnittlich 19 Jahre zur Schule, wird etwa 42 Jahre zur Arbeit gehen (also fünf Jahre weniger als sein „Kollege“ vom Geburtsjahrgang 1911) und dann vermutlich etwa 15 Jahre lang (also dreimal länger) seinen Lebensabend genießen und Rente beziehen. Mit anderen Worten: Die „unpro-duktiven“ Zeiten im Leben eines Menschen werden länger, während gleichzeitig seine „produktiven“ Jahre, d.h. die Zeit, während der er im Berufsleben steht, kontinuierlich abnehmen.

Das oben angesprochene mittlerweile erreichte Mehrangebot an freier Zeit erfordert natürlich auch ein Mehrangebot an Freizeitangeboten. Und hier steckt der Mensch mittlerweile in einer höchst unangenehmen Zwangslage: Er muss sich entscheiden, wie er dieses vermehrte Freizeitangebot ausfüllen will. Joseph Kardinal Höffner fasst dieses Dilemma zusammen, indem er die Menschen vor die Wahl zwischen mehr Freizeit oder mehr Konsum stellt.  Hier ist also eine der Wurzeln für den immer mehr zu beobachtenden Konsumismus. Dazu kommt aber auch die wachsende Mobilität unserer Gesellschaft: Jedes Wochenende zieht es (je nach Witterung) zwischen 35 und 70% der Menschen hinaus in die Ferne; 1979 machten 57% der Menschen in der Bundesrepublik einen Urlaub irgendwo in der Ferne, 1990 waren es bereits 78,8% (bezogen auf die „alten" Bundesländer).

Ein weiterer Aspekt muss hier in unsere Betrachtung mit einbezogen werden: Diese eben angesprochene und stetig weiter wachsende Mobilität im Freizeitverhalten wird natürlich auch dadurch mit begünstigt, dass viele schon von Berufs wegen mobil sein müssen - die Zahl der Pendler nimmt ja jährlich zu. Man kann also wohl als richtig unterstellen, „dass Freizeit und Mobilität den Menschen nicht nur äußerlich prägen, sondern auch seine innere Gestalt verändern, ihn zu einem 'modernen Menschen' machen."  Nun glaube man aber nicht, indem der arbeitende Mensch über mehr Freizeit verfügt, sei er auch schon grundsätzlich in allem gleichberechtigt! Was heute mehr denn je not tut, das ist eine richtige und wirkliche Integration der Arbeiter in das gesellschaftliche Leben. Allzu oft sieht es nämlich noch immer so aus, dass Arbeitnehmer gerade der unteren und mittleren Lohn- bzw. Gehaltsgruppen (und das ist die überwiegende Mehrzahl!) vom kulturellen und gesellschaftlichen Leben mehr oder weniger ausgeschlossen sind - und sei es nur, weil die Eintrittskarten für Theater- oder Opernveranstaltungen schier unbezahlbar sind oder nur an die "High Society" abgegeben werden. Wir sehen uns also der paradoxen Situation gegenüber, dass diejenigen, die unsere Gesellschaft weitestgehend prägen, auferbauen und am Leben erhalten, dass diejenigen, die 80% unserer Bevölkerung ausmachen, in dieser, ihrer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden - die Arbeitnehmer sind in der Arbeitnehmergesellschaft unerwünscht! Man kann deshalb Joseph Kardinal Höffner nur zustimmen, wenn er schreibt: „Die Integration der Arbeiterschaft in eine wesentlich vom arbeitenden Menschen selber geprägte Gesellschaft ... ist noch nicht abgeschlossen. Sie lässt sich nur als gesamtgesellschaftlicher, alle Lebensbereiche umfassender Prozess verstehen: Integration im gesellschaftlichen, politischen, kulturellen, beruflichen und wirtschaftlichen Bereich, Integration im Bereich der Ehe und Familie, im Bereich der Freizeit und nicht zuletzt im religiösen Bereich."

 

3.3.      Die Teilnahme des Menschen an der Schöpfung Gottes

In den letzten Jahren - besonders seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil - hat sich über das bereits Gesagte hinaus eine besonders interessante Sicht der Arbeit herausgebildet, die auch Eingang in Lehrdokumente der katholischen Kirche (v.a. in Laborem exercens) gefunden hat: Arbeit als Mitschöpfung, d.h. als die Mithilfe des Menschen an der Vollendung der Schöpfung, denn „als Ebenbild Gottes ist der Mensch berechtigt, der Schöpfung zu gebieten und sich die Erde zum menschenwürdigen Lebensraum zu machen.“  Hier aber ergeben sich - wegen der von Arbeitsteiligkeit und Zerlegung einzelner Arbeitsgänge in Teilschritte geprägten modernen Industriegesellschaft - Probleme. Hilfreich kann in diesem Zusammenhang die Definition von Arbeit sein, wie sie Werner Krämer gibt. Er schreibt: „In der Arbeit setzen Menschen spezielle Fähigkeiten und ihre Motivation ein, vernünftige Bedürfnisse ... zu befriedigen. ... Arbeitende können dann ihre Arbeit als sinnvolles Tun empfinden, wenn die Arbeitsaufgaben gemeinschaftlich gelöst werden und die Ergebnisse der Allgemeinheit Nutzen bringen."  Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, dass erbrachte Arbeitsleistungen, „der Allgemeinheit Nutzen bringen" sollen. Hier wird also - wir erwähnten bereits weiter oben diesen Anachronismus - nicht mehr unterschieden in körperliche und geistige Arbeit., d.h. auch Tätigkeiten, die scheinbar nichts Greifbares produzieren, sind als „Arbeit" und als nützlich zu bezeichnen. Damit ist der erste Schritt getan, das falsche „hierarchische“ Denken bezüglich der Arbeit zu beseitigen, wonach körperliche Arbeit als niedrigerrangig bewertet wird, als geistige Arbeit. Diese Definition von Arbeit, wie wir sie oben einführten, bedeutet, dass jede Arbeitsleistung daran gemessen werden muss, was sie für das Gemeinwohl, d.h. für die Gemeinschaft erbringt. Das Zweite Vatikanische Konzil sagte zu dieser Gemeinwohlorientierung der menschlichen Arbeit: „Männer und Frauen, die, etwa beim Erwerb des Lebensunterhalts für sich und ihre Familie, ihre Tätigkeit so ausüben, dass sie ein entsprechender Dienst für die Gemeinschaft ist, dürfen überzeugt sein, dass sie durch ihre Arbeit das Werk des Schöpfers weiterentwickeln, dass sie für die Wohlfahrt ihrer Brüder sorgen und durch ihre persönliche Bemühung zur geschichtlichen Erfüllung des göttlichen Plans beitragen ... Richtschnur für das menschliche Schaffen ist daher, dass es gemäß dem Plan und Willen Gottes mit dem echten Wohl der Menschheit übereinstimme und dem Menschen als Einzelwesen und als Glied der Gesellschaft gestatte, seiner ganzen Berufung nachzukommen und sie zu erfüllen" (GS 34f). Johannes Paul II. schreibt dazu in seiner Enzyklika Laborem exercens: "Zu den zentralen Wahrheiten der göttlichen Offenbarung gehört unbedingt diese, dass der Mensch, als Abbild Gottes erschaffen, durch seine Arbeit am Werk des Schöpfers teilnimmt und es ... weiterführt und vollendet." 

So weit, so gut. Aber bei dieser Betrachtungsweise gibt es einige grundlegende Probleme. Es ist nämlich zu fragen:

1.         Wie mache ich jemandem, der am Fließband steht und Tag für Tag dieselben paar Handgriffe ausführt, jemandem, der unter Umständen das Endprodukt, an dem er mitarbeitet gar nicht kennt, klar, dass diese seine untergeordnete und scheinbar sinnlose Arbeit zur Vervollkommnung der Schöpfung beiträgt?

2.         Was sage ich zu jemandem, der seiner Arbeit entfremdet ist, der seine tägliche Arbeit nur noch als Last, als ihm auferlegte Pflicht ansieht? Kann ich jemandem, der „arbeitet, um zu essen zu haben" verständlich machen, dass seine Arbeit zu seiner Selbstverwirklichung, zu seiner Selbstfindung führt?

Das hier angesprochene Problem wird meist mit dem Begriff der „Entfremdung" bezeichnet. Es ist festzustellen, dass der Mensch immer wieder von dem bedroht zu sein scheint, „was er selbst produziert, das heißt vom Ergebnis der Arbeit seiner Hände und noch mehr vom Ergebnis der Arbeit seines Verstandes und seiner Willensentscheidung. ... Der Fortschritt der Technik und die Entwicklung der heutigen Zivilisation, die von der Vorherrschaft der Technik geprägt ist, erfordern eine entsprechende Entwicklung im sittlichen Leben und in der Ethik. Diese scheint jedoch leider immer zurückzubleiben" (RH 15). Es stellt sich uns also die Frage, ob der Mensch „im Zusammenhang mit diesem Fortschritt wirklich besser, das heißt geistig reifer, bewußter in seiner Menschenwürde, verantwortungsvoller, offener für den Mitmenschen, vor allem für die Hilfsbedürftigen und Schwachen, und hilfsbereiter zu allen" (RH 15) wird, denn die immer größere werdende Zahl der Arbeitnehmer in abhängiger Stellung, „die in subalterne Arbeitsrollen mit rein ausführendem Charakter, mit zergliederten und deshalb monotonen Verrichtungen und geringem Handlungsspielraum eingebunden sind" , lässt das Problem der so genannten Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit immer drängender werden. Die wichtigste, heute zu lösende Fragestellung ist also: Kann man in der heutigen hochtechnisierten Arbeitswelt, die von der Arbeitsteilung lebt, dem Arbeiter am Fließband verständlich machen, dass es gerade die Fähigkeit zur Arbeit ist, die das Menschliche am Menschen ausmacht, dass er durch seine Arbeit den Auftrag des Schöpfers, sich die Erde untertan zu machen, erfüllt und an der Vollendung des göttlichen Schöpfungswerkes mitwirkt? Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann nur durch die Umgestaltung der Wirtschaftsordnung, d.h. in der Humanisierung der Arbeit, gefunden werden. Und eine wesentliche und wichtige Hilfe scheint hier gerade die bereits mehrfach erwähnte Enzyklika Johannes Paul II. Laborem exercens zu sein: Der Hauptgrund nämlich, weshalb die menschliche Arbeit mehr und mehr in den Mittelpunkt der sozialen Frage gerückt wird, liegt darin begründet, dass trotz aller mittlerweile stattgefundenen Umwandlungen des Wirtschafts- und Sozialsystems, immer noch die Gefahr besteht, dass die menschliche Arbeit vorrangig als eine Ware betrachtet wird, d.h. dass sie wirtschaftlichen und politischen Zwängen unterworfen wird. Und dies kann sowohl dann stattfinden, wenn  die Wirtschaft nach dem Grundsatz des größtmöglichen Profits (Liberalismus, Kapitalismus) geordnet wird, dem die Arbeit untergeordnet wird, als auch dann, wenn der Mensch nur als Rädchen im Getriebe, als Erfüllungsgehilfe von - angeblich dem Gemeinwohl dienenden - Wirtschaftsplänen (Sozialismus, Kommunismus, Kollektivismus) angesehen wird.

Diese oben geschilderten Arten von Ausbeutung sind auch heute möglich, und zwar nicht nur (wenn auch in besonderem Maße) in den so genannten „Entwicklungsländern“. Auch in den hoch entwickelten Industrienationen gibt es derartige Auswüchse und Missstände zu konstatieren. Diese Missstände und Ungerechtigkeiten können aber nur dadurch überwunden werden, indem man den Vorrang der Person über die Sachen und den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital mehr und deutlicher herausstellt. Es muss betont werden, dass die Arbeit des Menschen - zu der ja nur er befähigt ist  - nicht nur dazu bestimmt ist, die Welt zu verändern (Teilnahme am Schöpfungswerk Gottes), sondern auch und gerade dazu dient, dass der Mensch in und durch Arbeit sich verwirklicht, zur Person wird. Und schon wegen der Verbindung der Arbeit mit dem Personalitätsprinzip ist es nicht möglich, den Menschen als Subjekt der Arbeit Sachzwängen zu unterwerfen, die ihn zum Objekt der Arbeit degradieren. Aus oben skizziertem Vorrang der menschlichen Arbeit vor dem Kapital ergeben sich zwangsläufig wesentliche Grundsätze für eine (Neu-)Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft.  Da also Arbeit und Kapital als die wesentlichen Elemente des Produktionsprozesses aufeinander verwiesen und angewiesen sind, ist eine Trennung zwischen Arbeit und Kapital ebenso unmöglich wie ein sich feindseliges Gegenüberstehen dieser beiden Komponenten (Klassenkampf). Ein Arbeits- und Wirtschaftssystem, welches den Anspruch erhebt, sittlich einwandfrei sein zu wollen und welches christlichen Grundsätzen genügen will, muss deshalb vordringlich darum bemüht sein, diese Frontstellung zu beseitigen und zu partnerschaftlichem Miteinander von Arbeit und Kapital zu kommen - zumindest im sprachlichen Bereich ist dies in der Bundesrepublik gelungen: Man spricht von „Tarifpartnern“.  Ob es sich bei diesem Begriff nur um eine Worthülse handelt, oder ob hier wirklich partnerschaftlich und unter Beachtung der Erfordernisse des Gemeinwohls miteinander umgegangen wird, bleibt jedem selbst zu entscheiden überlassen.

Die menschliche Arbeit ist also - so kann abschließend festgestellt werden - ein wesentliches Merkmal des Menschen und (gemeinsam mit dem Personsein des Menschen) das Fundament, aus dem die christliche Gesellschaftslehre abgeleitet werden kann. Wichtig bleibt aber auch, dass nicht nur die christliche Gesellschaftslehre auf diesem Fundament ruht, sondern dass auch wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entscheidungen und Gegebenheiten auf dieser Basis ruhen müssen.

 

3.4.      Pausen, Urlaub, Freizeit und Sonntagsruhe als Recht und Pflicht des Menschen

Wir haben ein wichtiges Thema bisher schon mehrmals kurz gestreift: die geregelte Arbeitszeit und das Recht auf Arbeitspausen. Zu diesem Themenbereich gehört aber noch etwas anderes: das Recht auf den arbeitsfreien Sonntag. Der Sonntag dient nach Meinung der katholischen Soziallehre vorrangig drei Zwecken, nämlich  der Gottesverehrung,  der Familie und  der Erholung.

„Sonntag muss Sonntag bleiben" - dieser Slogan einer von der KAB 1988 (und 1994 aus gegebenem Anlass noch einmal) durchgeführten Unterschriftenaktion sollte uns noch bekannt sein. Und einmal mehr zeigt sich uns in der heutigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation, wie hochaktuell die christliche Gesellschaftslehre noch ist: Die Bestrebungen, den Sonntag seiner sozialen und religiösen Bedeutung zu entkleiden, ihn seiner Schutzfunktion zu berauben, ihn zum Arbeitstag zu machen, damit eine bessere Auslastung der Produktionsmaschinen ermöglicht wird, sind nicht zu übersehen. Johannes XXIII. schrieb bereits in seiner Enzyklika Mater et magistra zum Verbot der Sonntagsarbeit: „Wir müssen die Tatsache außerordentlich bedauern und missbilligen, dass viele ... tatsächlich allzu oft von ihm abweichen. Notwendigerweise werden dadurch die Uns besonders teuren Arbeiter an Leib und Seele geschädigt" (MM 252). Und schon deshalb ist es aus der Sicht der christlichen Gesellschaftslehre verwerflich, dass die Bundesregierung erst unlängst ein Gesetz verabschiedet hat, in dem die Verbote der Sonntagsarbeit entscheidend aufgelockert bzw. abgeschafft worden sind. Durch diese Gesetzesinitiative wird es Industrie und Handel erst noch erleichtert, für 100%ige Auslastung ihrer Maschinen zu sorgen und den Sonntag mehr und mehr zum normalen Arbeitstag zu degradieren. Dabei liegt aber bei der Auseinandersetzung um den arbeitsfreien Sonntag das Problem - so glaube ich - weniger in der Fragestellung, ob der Sonntag noch zu retten ist, als in der Frage, ob wir Menschen noch zu retten sind, ob uns unsere Menschlichkeit erhalten bleiben wird, wenn wir den Sonntag auf dem „Altar des Profits" opfern.  Der Sonntag wird in dieser Diskussion nämlich einer unheilvollen und „fatalen Kosten-Nutzen-Kalkulation unterzogen und damit ökonomisch verwertet."  „Gerade heute wird die Gestaltung des Sonntags ... zu einem elementaren Testfall für die Überlebensfähigkeit der heutigen Gesellschaft, die für ihren Bestand auch auf immaterielle Werte und humane Institutionen wie eben den Sonntag dringend angewiesen ist.“  Aber es muss leider zugegeben werden: Auch die mittlerweile laut gewordene Kritik durch KAB, Deutsche Bischofskonferenz und Rat der EKD hat die Politiker leider nicht zur Einsicht gebracht, obwohl es nur zu offensichtlich ist, dass mit diesem „Kosten-Nutzen-Analyse“ des Sonntags und der Aushöhlung des gesetzlichen (staatlichen) Schutzes, den der Sonntag bisher genossen hat, nur im Sinne der Arbeitgeber und nicht zum Wohl der Arbeitnehmer entschieden wird. Im Gegenteil, Arbeitgeber und Politiker argumentieren zwar damit, durch eine Lockerung des Verbots der Sonntagsarbeit werde die Arbeitslosigkeit abgebaut und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gesichert,

der Hauptgrund für diese Entscheidung, das Verbot der Sonntagsarbeit aufzulockern, liegt aber meines Erachtens an einer ganz anderen Stelle: Es geht vordringlich darum, unter der Begründung, damit werde die deutsche Wirtschaft konkurrenzfähiger, die Gewinnspannen der Unternehmer zu erhöhen.

Das Ziel, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, d.h. die vorhandene Arbeit auf mehr Arbeitnehmer zu verteilen, ließe sich durch andere Arbeitszeitmodelle, die durchaus den Sonntagsschutz beibehalten, viel besser und viel effektiver erreichen. Als Beispiel sei hier nur die von Professor Lothar Schneider (Universität Regensburg) entwickelte so genannte „Schwingende Vier-Tage-Woche" genannt, welche z.B. im BMW-Werk Barbing bei Regensburg schon seit Jahren durchgeführt wird. Grob verallgemeinert beinhaltet dieses Arbeitszeitmodell, welches von einer 35-Stunden-Woche ausgeht, dass drei Arbeitnehmer sich zwei Arbeitsplätze teilen. Diese drei Arbeitnehmer arbeiten an vier Tagen je neun Stunden, was zu einer sinnvollen Verlängerung der Freizeit für die Arbeitnehmer (statt längerem Feierabend ein arbeitsfreier Tag mehr) und einer besseren Auslastung der Produktionsmittel, d.h. zu steigender Produktivität (Sechs-Tage-Woche) bei sinkenden Fixkosten, führt. Konkretisiert am Beispiel des BMW-Werkes in Barbing bei Regensburg sind die Auswirkungen der „schwingenden Vier-Tage-Woche" auf die Produktionskosten so zu veranschlagen:

                                           4-Tagewoche      5-Tagewoche                Differenz         

Lohnstückkosten                     25,5%                         17%                    (+50%)

Fixkosten                                47%                            70%                     (-33%)

Variable Kosten                      13%                            13%                      (+ 0).

Ergebnis: 14,5% Einsparung bei „schwingender Vier-Tage-Woche“ gegenüber der herkömmlichen Fünf-Tage-Woche. Doch wie verteilt sich nun die Arbeitszeit auf die drei Arbeitnehmer (A1, A2, A3), wenn sie sich zwei Arbeitsplätze teilen? Dazu ein Schema:

                           MO  DI  MI  DO   FR   SA  SO  MO  DI  MI   DO  FR    SA  SO

Maschine 1         A1  A1  A1   A1   A2   A2   --    A2   A2  A3   A3   A3   A3    --

Maschine 2         A2  A2   A3  A3   A3   A3   --    A1   A1  A1   A1   A2   A2    --

In einem Zeitraum von 14 Tagen arbeiten diese drei Arbeitnehmer also 8 Tage zu je 9 Stunden, d.h. insgesamt 72 Stunden. In der Fünf-Tage-Woche hingegen arbeitet der einzelne Arbeitnehmer im selben Zeitraum 10 Tage zu 8 Stunden, d.h. 80 Stunden. Die Maschinen aber laufen je 12 Tage zu 9 Stunden, also 108 Stunden. In der herkömmlichen Fünf-Tage-Woche hingegen wären es nur je 80 Stunden. D.h. also, der einzelne Arbeitnehmer hat eine Einsparung von acht Stunden, d.h. er hat einen ganzen Arbeitstag gewonnen und dennoch laufen die Maschinen insgesamt 28 Stunden (das sind 3 1/2 Arbeitstage) länger, d.h. der Arbeitgeber hat einen Produktivitätsgewinn zu verzeichnen.

Was aber fängt der Mensch mit seiner so hinzugewonnenen Freizeit an? Hat der Mensch des Industriezeitalters noch Perspektiven, noch Möglichkeiten, seine Freizeit sinnvoll und nutzbringend zu verwerten? Anscheinend nicht, denn bereits in der Enzyklika Rerum novarum war Leo XIII. gezwungen, sich gegen eine falsch verstandene Auffassung vom Sonntag zu wenden: „Die Sonntagsruhe bedeutet nicht soviel wie Genuss einer trägen Untätigkeit. Noch weniger besteht sie in der Freiheit von Regel und Ordnung, und sie ist nicht dazu da, ... um Leichtsinn und Ausgelassenheit zu begünstigen oder um Gelegenheit zu überflüssigen Ausgaben zu schaffen. Sie ist vielmehr eine durch Religion geheiligte Ruhe von der Arbeit" (RN 32). Hier ist besonders die Kirche gefordert, den Menschen wieder aufzuzeigen, wozu der Sonntag, das Wochenende und die Freizeit eigentlich gedacht sind. Heutzutage ist es ja vielfach schon zum Regelfall geworden, dass man am Wochenende derartig viele und unterschiedliche Aktivitäten zu erledigen hat, dass man am Montag eigentlich erst einmal vom Wochenende ausruhen muss. Vielen Menschen fällt deshalb gerade der Übergang vom Sonntag zum Montag so schwer. Der Montag hat seinen schlechten Ruf (vgl. die Rede vom „Montagsauto“) wohl hauptsächlich daher, dass manche Menschen gerade montags besonders launisch, unausstehlich, unausgeschlafen und reizbar sind. Und der tiefere Grund für diese aggressiven Stimmungen, die sich besonders montags entladen und bemerkbar machen, liegt nach Meinung des Verfassers darin, dass die Menschen nicht mehr wissen, was sie mit dem Sonntag und dem Wochenende anfangen sollen. Diese oben angesprochene Pervertierung der Freizeit und der arbeitsfreien Zeit ist aber zweifellos nicht gottgewollt und nicht besonders zuträglich für die Gesundheit des Menschen. Es ist deshalb von der Theologie zu fordern, dass eine „Theologie der Arbeit und der Freizeit" erstellt wird, die sich der heutigen Situation bewusst ist und die auf die Fragen und Probleme des heutigen Menschen Antwort gibt. Und hierzu bietet uns die Theologiegeschichte viele Interpretationsmöglichkeiten und Ansatzpunkte. Man könnte nun vorerst einmal - vordringlich theologisch geprägt - sagen: Der Sonntag „ist Teilnahme an der Ruhe Gottes nach dem Schöpfungswerk, Erholung von den Folgen der Sünden Adams, Teilnahme an der Auferstehung wie am Kreuz Christi. Wenn der Sonntag ... preisgegeben wird ...,wird die Gefahr sehr groß, dass der Sinn der Arbeit verfehlt wird."  Mit anderen Worten: Der Sonntag ist als eine so „einzigartige soziale Institution der Sinnstiftung" herauszustellen, dass unzweifelhaft Klarheit darüber besteht, dass er Gemeinschaft und die Pflege von Gütern und Werten ermöglicht, „die in dem von der Wirtschaft dominierten Alltag nur allzu leicht unter die Räder geraten."  Das Hauptproblem liegt hier aber an anderer Stelle: Es ist der allgemeine Sinnverlust des Sonntags. Hier ist ein direkter Zusammenhang zwischen der zunehmenden Säkularisierung und Entchristlichung unserer Gesellschaft und den Versuchen, den Sonntag zum Arbeitstag zu degradieren, festzustellen. Mit Kurt Koch kann dieses Phänomen folgendermaßen charakterisiert werden: „Weil auf der einen Seite so viele Menschen heute keinen wirklichen Sonntag mehr erleben, nehmen sie auch an der Eucharistiefeier nicht mehr teil. ... Und weil sie auf der anderen Seite die sonntägliche Eucharistie nicht mehr mitfeiern, geht ihnen der wahre Sinn des Sonntags noch mehr verloren." Hauptaufgabe der Theologie ist es also, eine Theologie der Arbeit und der Freizeit zu erarbeiten, in der jeder Mensch Sinnerfüllung, Wichtigkeit und Notwendigkeit von Freizeit und Sonntagsheiligung erkennen kann. Voraussetzung dafür aber ist, dass eine Neuorientierung im Freizeitverhalten der Menschen geschieht, d.h. man muss wegkommen von der Bewertung der Freizeit als von der Arbeitszeit übrig gebliebener Zeit, hin zu der Sicht, dass dieses quantitative Mehr an freier Zeit auch ein qualitatives Mehr an Freiheit, Selbstverwirklichung und Menschsein bedeutet. Es gilt deshalb zu fragen, wozu die arbeitsfreie Zeit dienen soll:

1.         Soll sie der Ruhe dienen oder der hektischen Aktivität?

2.         Soll sie der langweiligen Passivität dienen oder der sinnvollen Aktivität?

3.         Soll sie der Erholung dienen oder der Verausgabung der Kräfte in Spiel und Sport?

Die Gefahr, dass dieses angesprochene vermehrte Freizeitangebot zu einer rein konsumistischen Bedürfnisbefriedigung ausartet, ist unübersehbar. Hier ist die Theologie gefragt: Es gilt abzurücken von der Einstellung, die die Theologie so lange geprägt hat, nämlich, dass Arbeit gut und Nichtstun, d.h. Freizeit, schlecht sei. Die einseitige Betonung von Gen 3,19 („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen") verdrängte zusehends die positive Sicht der Freizeit, der arbeitsfreien Zeit, welche in der Bibel durchaus belegbar ist (vgl. Gen 2,2: Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte und er ruhte am siebten Tag; Ex 20,10: Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn deinem Gott geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun). Mit anderen Worten: Es gilt, herauszustellen, dass die Freizeit ein eigener, selbständiger und unabhängiger Lebensbereich ist, welcher ein hohes Maß an Selbstbestimmung gewährleistet und als eigenständiger Lebensinhalt gelten kann, dem die Arbeit als Ermöglichung des Lebensunterhalts gegenübersteht.  Es kann also festgehalten werden: „Die bisherige Einstellung des Christen zur Freizeit war vorrangig defensiv. ... Freizeit ... vom Ärgernis des Nichtstuns und vom Makel der Verwerflichkeit befreit werden. ... Deshalb geht es den Christen um eine Humanisierung der Arbeitswelt ebenso wie um eine Humanisierung der Freizeit: beide sollten von dem einen christlichen Maßstab durchdrungen sein."  „Nimmt man ... die Dialektik von Arbeitszeit und Freizeit ernst, leuchtet die tiefere Erkenntnis von selbst ein, dass die ... Freizeitkritik der christlichen Kirchen ihren Anfang nehmen und sich immer wieder neu bewähren muss in der ... Sorge um die Humanisierung der Arbeit und der Arbeitsverhältnisse der Menschen. ... Die christlichen Kirchen werden nur dann ... auf die Solidarität der arbeitenden Menschen zählen können, wenn sie die Arbeiterschaft ... solidarisch unterstützen."  Ziel einer Theologie der Arbeit und der Freizeit muss es deshalb sein, das Bewusstsein dafür zu wecken, dass Arbeit und Freizeit komplementäre Bestandteile einer als Ganzheit zu verstehenden Wirklichkeit, nämlich des menschlichen Wesens, sind und d.h. es muss die immer noch vorherrschende „Polarisierung von Arbeit und Freizeit abgebaut und in der Arbeit wie in der Freizeit zugleich zentrale Lebensinteressen und entscheidende soziale Funktionen angesiedelt" werden.  Und diese Zielsetzung zu verwirklichen tut dringend Not, denn das Freizeitverhalten des modernen Menschen gibt so manchen Anlass zu Kritik. Hektische und ungesunde Aktivitäten in der Freizeit führen dazu, dass der „freizeitgeschädigte" Mensch nach Urlaub, Wochenende und Feiertagen eigentlich erst Urlaub vom Urlaub benötigte, um sich vom Stress der Freizeitgestaltung zu erholen. Hier sind vorrangig Kirche und Theologie gefragt, neben einer Theologie der Arbeit auch eine Theologie der Freizeit zu erstellen, d.h. den Menschen Orientierungen zu bieten, wie sie ihre Freizeit sinnvoll nutzen können, um auch in der arbeitsfreien Zeit sich angemessen und menschlich verwirklichen zu können. Vorstellbar wären zunächst einmal drei Interpretationsweisen der Freizeit, nämlich:

1.         Regenerativ, d.h. die Freizeit hat ihren Sinn in der nötigen Ruhezeit, um sich von der Arbeit zu erholen. Diese Interpretation ist besonders wichtig für Menschen die schwere körperliche Arbeit zu verrichten haben.

2.         Suspensiv, d.h. die Freizeit ist inhaltlich bestimmt als Aufhebung der Fremdbestimmung. In der arbeitsfreien Zeit hat der Mensch Zeit für sich selbst und ist frei von allen Zwängen, welche ihm das Arbeitsleben auferlegt.

3.         Kompensatorisch, d.h. die Freizeit ist dazu da, sich von der Entfremdung durch die Arbeit zu lösen, sich wieder als Mensch zu fühlen und sein Selbstwertgefühl zu erleben.

Die suspensorische und die kompensatorische Interpretation der Freizeit, welche in einem gewissen Zusammenhang zueinander stehen, sind heute die bestimmenden Interpretationen, denn der moderne Arbeitsprozess mit seiner zergliederten und arbeitsteiligen Produktionsweise bewirkt ja gerade die Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit und  gibt ihm das Gefühl, nicht mehr Herr seiner selbst zu sein, sondern in immer größerem Ausmaß fremdbestimmt zu werden.

Zunächst aber gilt es zu warnen, denn es gibt hier zwei Extrempunkte, welche vermieden werden müssen: Zum einen die Idealisierung der Arbeit, indem die Arbeit vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Sakramentalität (Arbeit als Mitschöpfung) betont wird; zum anderen aber die Idealisierung der Freizeit, d.h. die Arbeit wird abgewertet und als Zwang, als "Muss", als Strafe für die Sünde Adams („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“) oder als unliebsame Notwendigkeit betrachtet.

Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte - so haben wir festgestellt - haben den Menschen immer mehr befreit von den so genannten „Zwängen des Arbeitslebens", d.h. die laufende Verkürzung sowohl der täglichen, wöchentlichen und jährlichen Arbeitszeit durch tarifvertragliche Vereinbarungen als auch der Lebensarbeitszeit durch Herabsetzung der Altersgrenzen für den Empfang des Altersruhegeldes brachten dem Menschen immer mehr Freizeit, also Zeit, die er zur freien Verfügung hat und in der er nicht gefordert ist, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Nicht zu Unrecht kann man die heutige gesellschaftliche Situation mit dem Schlagwort von der „Freizeitgesellschaft" umschreiben. Aber diese Verkürzung der täglichen und der Lebensarbeitszeit und die dadurch bewirkte Vergrößerung des „Freizeitraumes" des Menschen hat nicht nur positive Auswirkungen: So schön und wünschenswert es ist, dass der Mensch mehr Zeit hat, in der er sich spielerisch und zwanglos, unbeeinflusst von den Notwendigkeiten des Arbeitslebens erholt und verwirklicht, so bedenklich und gefährlich ist aber auch die Tatsache, dass viele Menschen dieses „Mehr" an freier Zeit falsch oder gar nicht nutzen. Es stellen sich hier im Wesentlichen zwei Probleme, nämlich die Bereitschaft vieler Menschen, die auf der einen Seite gewonnene Freizeit sachfremd zu nutzen, d.h. die arbeitsfreie Zeit zur Arbeit in einem anderen Beruf oder einer Nebenbeschäftigung zu nutzen einerseits, und die Gefahr, durch die heutige „Konsum-Zwang-Gesellschaft" andererseits dazu animiert zu werden, die der Regeneration, der Familie, der Selbstverwirklichung zugedachte arbeitsfreie Zeit dazu zu nutzen, sich in Freizeitaktivitäten zu stürzen, die dem Menschen keine Zeit mehr lassen, an sich selbst zu denken.  Und gerade die moderne Werbung trägt hier - besonders bei letzterem Punkt - ein gerüttelt Maß an Schuld, denn sie macht sich dieses Streben nach Besitz und Neuerung dienstbar und trägt ihrerseits zum Florieren der Wirtschaft und zum mit Recht beklagten so genannten „Konsumzwang“ bei. Wilhelm Dreier bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Die moderne Werbung versteht es ... Verlangen zu wecken und zu steigern. Also gilt: ‘Je größer das Verlangen, desto größer der Befriedigungswert’. Werbung ... lässt den ‘Verbrauchsnutzen’ oder ‘Gebrauchsnutzen’ und damit das Gut an sich in den Hintergrund treten.“  Es ist heute leider eine traurige Tatsache, dass der Mensch zwar viel mehr freie Zeit hat als früher, dass er diese freie Zeit aber oft nicht mehr sinnvoll zu nutzen weiß, d.h. dass er sie vielfach zweckentfremdend dazu verwendet, sich noch etwas nebenher zu verdienen (Schwarzarbeit, Nebenjobs, usw.). Der Hauptgrund für diese falsche Nutzung der arbeitsfreien Zeit liegt dabei wohl vorrangig im Anspruchsdenken des heutigen Menschen und in seiner Überbewertung des Lebensstandards und der - angeblich so wichtigen - Statussymbole. Joseph Kardinal Höffner kann nur zugestimmt werden, wenn er feststellt: „Selten in der Geschichte ist so viel und so verbissen gearbeitet worden wie im Zeitalter des Industrialismus. ... Heute versperrt die Überbetonung des Lebensstandards vielen Menschen den Zugang zu einer sinnerfüllten Freizeit."  Der Hauptgrund für diese Fehlentwicklung ist sicherlich darin zu sehen, dass manche Menschen mit ihrer freien Zeit nichts anzufangen wissen. Der heutige Mensch braucht immer und überall Aktivität, Trubel, Bewegung. Der Sinn für Stille, Betrachtung, Sammlung ist vielen Menschen heute abhanden gekommen. Und deshalb flüchten sich viele Menschen entweder in sinnlose und hektische Freizeitaktivitäten oder in die Arbeit: Die Zahl derer, die man als „Work-a-holics" bezeichnen kann, ja muss, wächst zusehends. Hier gälte es vordringlich über eine vernünftige Sinngebung für die Freizeit nachzudenken. Und diese Anstrengungen, zu einer neuen und tragfähigen Sinngebung für die arbeitsfreie Zeit zu kommen, sind heute wichtiger denn je. Der moderne Mensch ist nämlich in der allergrößten Gefahr, in der ständig zunehmenden Hektik und den unüberschaubar gewordenen Aktivitäten unserer Gesellschaft sich selbst zu verlieren und sich selbst entfremdet zu werden.  Und gerade in diesem Problembereich könnte doch die richtige Sicht von Freizeit und Muße heilend wirken, indem sie dem Menschen dazu verhilft, zur Ruhe zu kommen, zu sich selber zurückzufinden und wieder wirklicher „Mensch“ zu werden. Gerade geistiges Tätigsein, welches frei von beruflichen Zwängen ist, sei es das Lesen eines Buches, sei es der Besuch eines Museums, einer Ausstellung oder eines Konzertes könnte hier wahre Wunder wirken. Dass viele Menschen mit ihrer Freizeit nichts anzufangen wissen mag sicher auch in der zunehmenden Säkularisierung und der immer mehr schwindenden Religiosität der Menschen liegen, doch ist wohl in erster Linie einmal in den Menschen das Bewusstsein neu zu wecken, dass freie Zeit etwas Sinnvolles und Nützliches ist bzw. sein kann und eben beispielsweise nicht dazu da ist, in einem Nebenjob noch mehr Geld zu verdienen. Hier ist jeder Christ aufgefordert, mit gutem Beispiel voranzugehen und die Sonderstellung des Sonntags in seinem persönlichen Leben, in Reden und Handeln herauszustellen. Und noch etwas geht mit dieser falschen Nutzung der Freizeit einher: Auf der einen Seite gibt es etwa vier Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, die keine Arbeit haben, auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die zwei oder mehr (Teilzeit-)Arbeitsplätze oder Nebentätigkeiten haben - dass diese „Arbeitsmoral" auch gegen das Solidaritäts- und das Subsidiaritätsprinzip verstößt, ist im Bewusstsein der Betroffenen nicht mehr präsent. Auf der selben Ebene liegt auch das Problem, dass Industrie und Handel immer mehr und immer öfter versuchen, das Verbot der Sonntagsarbeit zu unterlaufen und zu umgehen. Die Rolle des Sonntags als Tag der Ruhe und Tag des Herrn wird so immer mehr zurückgedrängt und sozusagen auf dem „Altar der 100%igen Ausnutzung der Maschinen" geopfert. Dabei ist aber in den Bestrebungen der Industrie eine 7-Tage-Woche einzuführen, nicht berücksichtigt, dass es schon aus anthropologischen und biologisch-medizinischen Gründen nicht möglich ist, eine derartige Arbeitszeit zu ermöglichen. Der Mensch ist schon aus gesundheitlichen Gründen darauf angewiesen, mindestens einen Tag in der Woche zu Regeneration und Erholung zur Verfügung zu haben. Die Erfahrungen, welche beispielsweise in Frankreich nach der Revolution von 1789 gemacht wurden, zeigen uns, dass der Mensch auf diesen 7-Tage-Rhythmus des Lebens angewiesen ist: In Frankreich versuchte man, eine 10-Tage-Woche einzuführen, musste aber dann feststellen, dass darunter die Produktivität und die Selbstfindung und Selbstwerdung des Menschen litt. Das Experiment musste abgebrochen und wieder zur althergebrachten 7-Tage-Woche zurückgekehrt werden. Ein weiterer und wichtiger Grund wäre dann natürlich auch der religiöse Aspekt des Sonntags: Der Mensch braucht Zeit, in der er sich mit seinem Schöpfer beschäftigen, zu ihm beten und ihn verehren kann, denn der Mensch ist nicht nur ein Produktionsfaktor, er ist nicht nur Arbeitnehmer, sondern er ist vor allen anderen Dingen zunächst einmal Mensch, und zwar als ein von Gott geschaffenes, auf ein Gegenüber hingeordnetes Wesen ein glaubender und hoffender Mensch. Und das bedeutet, dass der Sonntag nicht eine religiöse Forderung darstellt, die eben zähneknirschend hingenommen werden muss, sondern dass er eine absolute Notwendigkeit ist, die theologisch und anthropologisch begründet ist, denn „die sonntägliche Arbeitsruhe ist nicht Selbstzweck, sondern auf höhere Werte dienend hingeordnet."  Der Sonntag hat also seine Sonderstellung vor allem in einer übernatürlichen und damit jeder menschlichen Verfügungsgewalt entzogenen Wirklichkeit und deshalb muss mit Joseph Kardinal Höffner festgehalten werden, dass auch von ansonsten atheistisch eingestellten Menschen anerkannt werden muss, dass das moderne Wirtschaftsleben zwar einerseits als „komplizierter technischer und organisatorischer Apparat" anzusehen ist, „den man nicht völlig stillstehen lassen kann" , dass andererseits aber auch gleichzeitig gilt, dass „ohne die Verankerung im Religiösen ... echte Persönlichkeitsentfaltung und wahre Geisteskultur nicht möglich . So findet denn die Muße ihre schönste Erfüllung in der Verherrlichung Gottes durch den Menschen."  Was bei oben angeführtem zunächst noch keine besondere Beachtung gefunden hat, sollte aber auch nicht vergessen werden: Gemeint ist hier die Tatsache, dass die Freiheit und das Recht des Menschen, Gott zu verehren und seinem Gott zu danken und zu dienen, ebenfalls ein Grund für die Einhaltung und Gewährleistung des arbeitsfreien Sonntags ist. Das Grundrecht der Religionsfreiheit kann also durchaus auch zur Stützung des Verbotes der Sonntagsarbeit herangezogen werden. Noch ein dritter Punkt muss hier bedacht werden: Der Mensch muss auch Zeit zur Verfügung haben, in der er sich den zwischenmenschlichen Beziehungen in Familie, Freundeskreis usw. widmen kann. Der Sonntag und jede arbeitsfreie Zeit dient also auch dadurch dem Menschen, dass dieser sich in dieser Zeit zweckfrei und aller arbeitstechnischen Zwänge ledig in die Gemeinschaft einbringen kann, dass er zwischenmenschliche Beziehungen pflegen, Nächstenliebe praktizieren und zu einer menschlicheren, d.h. humaneren Welt beitragen kann. Aus diesem Blickwinkel heraus gesehen produziert der - angeblich so unproduktive - Sonntag und jeder arbeitsfreie Tag durchaus etwas. Ja, er produziert sogar etwas viel Wertvolleres, als jeder ganz normale Werktag: Der Sonntag produziert nämlich Menschen, und zwar menschlichere, solidarischere Menschen; Menschen, die zu solidarischem Handeln fähig sind und die Wesentliches zum Gemeinwohl, d.h. zum Wohl und Nutzen aller beitragen können.

Das - abgedroschene, weil zwar immer wieder zu hörende, aber dennoch falsche - Argument, der Sonntag und jeder Feiertag, ja jeder Tag, an dem die Produktionsmittel ungenutzt bleiben, schade der Produktivität und der Wettbewerbskraft unserer Wirtschaft, kann und muss hier widerlegt werden. Der Sonntag und jeder arbeitsfreie Tag sind nämlich nicht unproduktiv, im Gegenteil: Die Freizeit, wenn sie richtig genutzt wird, setzt ungeahnte Produktivkräfte frei. Ein alltägliches Beispiel soll diesen Gedankengang verdeutlichen: Wenn ein Mensch täglich eine Stunde Mittagsschlaf hält, so scheint diese Zeit zunächst „verplempert", verloren zu sein. Bei genauerem Hinsehen aber erkennt man - hier kann der Verfasser aus eigener Anschauung sprechen -, dass diese Stunde der Ruhe, des Nichtstuns, der Unproduktivität eine ungeahnte Auswirkung auf die Produktivität des Nachmittags hat. Der Nachmittag wird durch diese Stunde der Ruhe und der Muße quasi mit neuen Kräften, mit neuer Energie gefüllt und aufgewertet. Anhand dieses Beispiels, welches sich auf die Nachtruhe, das Wochenende, den Urlaub und vieles andere mehr übertragen lässt, ist es hoffentlich zumindest ansatzweise gelungen, das Argument von der Unproduktivität des Sonntags abzuweisen.

 

3.5.      Spiritualität der Arbeit und der Freizeit - wesentlich und wichtig für Menschsein und Menschwerden

Im Vorangehenden haben wir erarbeitet, dass der heutige Mensch im Vergleich zu Menschen früherer Generationen über viel mehr „freie" Zeit, d.h. Zeit, in der er nicht dazu verpflichtet oder gezwungen ist, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verfügt. Eine Schematische Darstellung mag diesen Befund erläutern. Von den 8768 Stunden eines Jahres sollen 2928 Stunden (= 122 Tage; 1/3 des Jahres) für Schlaf aufgewendet werden, d.h es bleiben 5840 „wache" Stunden für Arbeiten auf der einen Seite und Essen, Urlaub, Weg von und zur Arbeit auf der anderen Seite. Im Jahr 1850 hingegen bestanden die „wachen" Stunden noch zu 2/3 aus Arbeit, heute sind es 2/3 arbeitsfreie Zeit.

Was also dringend nötig ist, ist die Erarbeitung einer Spiritualität der Arbeit und besonders auch der Freizeit - wenn möglich in Anlehnung an und als Weiterführung der Ausführungen von Laborem exercens. Entscheidend wird dabei sein, „ob ... Arbeit und Lebenssinn weiterhin miteinander identifiziert ('Religion der Arbeit') oder ... getrennt werden ('Religion der Freizeit') oder ob es gelingt, eine Beziehung herzustellen, zwischen Lebenserfüllung und Arbeit."  Besonders wichtig ist bei der Erstellung dieser Spiritualität der Arbeit und der Freizeit, dass das besondere Augenmerk darauf gelegt wird, dass die Ambivalenz der Arbeit durchgehalten und interpretiert wird, d.h. es gilt gerade auch „über die Doppelwertigkeit und Doppeldeutigkeit der Arbeit ... nachzudenken. ... Arbeit ... gilt einerseits als schöpferisch, als Dienst an der Gemeinschaft und als Auftrag Gottes. Sie wird aber auch negativ bewertet als eine Strafe für die Sünde."  Mit anderen Worten: „Einerseits sieht man die Arbeit für wichtig an für das Selbstverständnis und für die Selbsterfüllung des Menschen. ... Andererseits wird die Arbeit zunehmends instrumentalistisch gesehen."  Wir haben also zwei Extrempole, zwischen denen die menschliche Arbeit sich vollzieht:

Die eben angesprochene und notwendigst einzufordernde Spiritualität der Arbeit und der Freizeit sollte dabei im wesentlichen drei Dimensionen besitzen, nämlich die Gott-Mensch Dimension, die Mensch-Mensch Dimension und die Mensch-Welt Dimension. Die Gott-Mensch Dimension einer Spiritualität der Arbeit und der Freizeit hat als oberstes Ziel, den Menschen zu helfen, dass sie durch ihre Arbeit Gott, welcher unser Schöpfer (im Vater) und unser Erlöser (in Christus Jesus) ist, näher kommen. Mit anderen Worten: Die Arbeit, welche unverzichtbarer Teil des menschlichen Wesens und Mittel der menschlichen Selbstverwirklichung und seines Personseins ist, soll vorrangig dazu dienen, Gott den Herrn zu loben, zu preisen und zu verherrlichen. Dass die berufliche Tätigkeit eines Menschen von seiner Religionszugehörigkeit unabhängig sei, d.h. dass der tägliche Broterwerb nichts mit seinem Glauben, mit seiner religiösen Überzeugung und mit seiner Gottesbeziehung zu tun habe, ist ein leider immer noch weit verbreiteter Irrtum, gegen den anzugehen oberstes Ziel der Theologie, der Kirche und jedes Christen sein müsste. Gerade in unserer heutigen arbeitsteilig strukturierten und organisierten Arbeitswelt, in der jeder auf den anderen angewiesen ist, in der Arbeit nur dann vollendet werden kann, wenn jeder seinen (mehr oder weniger großen und wichtigen) Teil beiträgt, ist der tiefere Sinn und der tiefere Gehalt des Wortes Jesu „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (vgl. Mt. 25,40) einsichtig und offenliegend. Die Mensch-Mensch Dimension einer Spiritualität der Arbeit und der Freizeit dient der Verdeutlichung dessen, dass es des Menschen bedarf um an der Humanisierung und der „Vermenschlichung" der Welt zu arbeiten. Die Liebe Gottes zum Menschen muss sich in der Liebe des Menschen zu Gott und vor allem auch in seiner Liebe zum Menschen, d.h. in der - nicht nur rein karitativ verstandenen - Liebe zum Nächsten widerspiegeln. Diese Liebe muss als die Triebfeder angesehen werden, die den Menschen überhaupt erst befähigt, an der Verbesserung der Welt, an der Humanisierung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens mitzuwirken. Im Vordergrund stehen hier die so genannten leiblichen Werke der Barmherzigkeit, wie sie in unserer schon öfter zitierten Perikope aus Mt 25,31-46 dargelegt werden. Es geht also darum, Hungrige zu speisen, Dürstende zu tränken, Fremde und Obdachlose aufzunehmen, Nackte zu bekleiden und Gefangene und Kranke zu besuchen (vgl. Mt 25,35f). Diese Zielsetzungen in Bezug zur Arbeit zu setzen ist Ziel einer Spiritualität der Arbeit, wie sie der Verfasser versteht.  Hungrige zu speisen und Dürstende zu tränken, d.h. jeder Mensch muss das Lebensnotwendige haben. Für eine Spiritualität der Arbeit ergibt sich daraus zweierlei: Einerseits müssen diejenigen, die Arbeit haben, genügend verdienen (Lohngerechtigkeit), andererseits aber müssen diejenigen, die keine Arbeit haben, zunächst mit dem Lebensnotwendigen versorgt werden und ihnen dann Arbeit verschafft werden. Fremde und Obdachlose aufzunehmen ist eine gerade heute hochaktuelle Forderung, denn gerade in unserer Zeit ist zweierlei festzustellen: Einerseits nimmt der Anteil derer, die - aus den unterschiedlichsten Gründen, die hier nicht untersucht werden sollen - obdachlos werden bzw. sind in unserer Gesellschaft immer mehr zu, andererseits aber wächst die Ausländerfeindlichkeit explosionsartig an (man denke nur zurück an Mölln, Rostock, usw.) und nimmt die Hetze gegen Andersdenkende und (vermeintlich) Anders-Seiende von Tag zu Tag zu. Die Forderung, Kranke zu besuchen (Mt 25,36), ist in der heutigen Zeit, in der allüberall vom so genannten „Pflegenotstand" gesprochen wird, eine dringende und wichtige Aufgabe. Ein Schritt in die richtige Richtung ist die - endlich verabschiedete - Pflegeversicherung. Dies allein aber genügt nicht, denn es ist dringend geboten, die Pflegebrufe attraktiver zu gestalten - immer noch müssen sich vielzuwenige um vielzuviele, welche Pflege und medizinische Hilfe brauchen, kümmern. Die Mensch-Welt Dimension einer Spiritualität der Arbeit und der Freizeit schließlich, thematisiert die Teilhabe des Menschen an der Vollendung des Schöpfungswerkes Gottes, d.h. hier geht es um den bereits angesprochenen Punkt der Arbeit als Mitschöpfung. Hier ist ein sehr wichtiger Aspekt zu beachten, nämlich die ekklesiologisch-eschatologische Komponente der Arbeit des Menschen als Teilhabe an der Vollendung des Schöpfungswerkes Gottes: In Anlehnung an Joseph Kardinal Höffner kann dieser Aspekt in folgende Worte gefasst werden: Arbeit geschieht aufgrund des Auftrages Gottes und ist immer auch Mitwirkung und Teilhabe an der Vervollkommnung seiner Schöpfung (creatio continua). Zugleich ist jede Arbeit aber auch heilsbezogen; denn durch den Kreuzestod Jesu Christi wurde nicht nur die Menschheit, sondern mit dem Menschen auch seine Arbeit erlöst. Indem der Mensch nun - diesem göttlichen Schöpfungsauftrag folgend und gehorchend - die Welt gestaltet, setzt er damit ein Zeichen des kommenden Reiches Gottes und arbeitet an dessen Verwirklichung mit.  D.h. also: Mensch und Welt sind durch Christi Tod am Kreuz erlöst, d.h. aus der Knechtschaft der Sünde befreit worden. Der Mensch ist von Gott zur Arbeit und zur Mitarbeit an der Schöpfung berufen und geschaffen worden, und das wiederum bedeutet, dass jede menschliche Arbeit zur Befreiung und Vollendung der bereits erlösten Schöpfung (und damit auch des Menschen selbst) beiträgt und ihr letztendliches Ziel in der endgültigen Wiederkunft Jesu Christi am Ende der Zeiten finden wird. Arbeitet der Mensch nun aber mit an der Vollendung der Schöpfung Gottes, so tut er dies in zweifacher Hinsicht, nämlich

1.         im mehr weltlichen Bereich, indem er durch seine Arbeit Neues schafft und dadurch dem Ziel der Dinge, d.h. dem Kommen Jesu Christi zuarbeitet,

2.         aber auch im mehr kirchlich-ekklesiologischen Bereich, indem er in und durch seine Arbeit am Aufbau des mystischen Leibes Christi, d.h. der Kirche, und an der Heiligung des Volkes Gottes mitarbeitet.

Die christliche Gesellschaftslehre seit Laborem exercens spricht hier auch vom so genannten „Neuen Gut", welches durch die Arbeit erworben wird. Dieses Neue Gut gründet in der durch Gott dem Menschen und der Welt geschenkten Befreiung von Sünde und Schuld und wird in der menschlichen Arbeit konkretisiert, denn Arbeit muss als aktive Mitwirkung (actuosa participatio) am weitergehenden göttlichen Schöpfungswerk (creatio continua) verstanden werden - hier gälte es wiederum vor allem auch die Aussagen der Schöpfungstheologie in die Überlegungen zu einer Spiritualität der Arbeit miteinzubeziehen.

 

IV.  Das Recht auf Eigentum als Folgerung aus Personalität und Recht auf Arbeit

1.  Eigentum als Grundrecht:

Das Recht auf Eigentum muss als wesentliches und unverzichtbares Recht jedes Menschen gesehen werden, denn es dient auch seiner Selbstverwirklichung und Selbstwerdung, und gibt ihm unter anderem auch Unabhängigkeit, Verfügungsfreiheit und Selbständigkeit. Mit anderen Worten: Das Recht auf Eigentum hängt mit der Personalität des Menschen und seinem Recht auf Arbeit zusammen. Das Zweite Vatikanische Konzil meinte dazu: „Da das Eigentum und andere Formen privaten Vermögens gegenüber äußeren Gütern zur Ausprägung der Person beitragen, ... ist viel daran gelegen, dass sowohl für einzelne wie für Gemeinschaften der Zugang zu einem gewissen Vermögen über die äußeren Güter gefördert werden" (GS 71). Da Gott die Güter der Erde ursprünglich „der ganzen Menschheitsfamilie gewidmet“ (QA 45) hat, darf deshalb keine Eigentumsordnung errichtet oder geduldet werden, die jenem ursprünglichen Nutzungsziel entgegensteht.  Das Recht auf Eigentum ist also eines der grundlegendsten Rechte des Menschen, denn der Mensch ist auf Beziehung hin angelegt, und zwar nicht nur auf Beziehung zu Personen, sondern auch zu Sachen. Eigentum an etwas aber ist als die Höchstform einer Beziehung zu einer Sache zu betrachten, die denkbar ist, und um diese Form einer Beziehung zu verwirklichen, arbeitet der Mensch um sich Eigentum zu erwerben und diese Beziehung zwischen sich und einer Sache herzustellen. Das Recht auf Eigentum ist dabei im Naturrecht verankert, denn „die Natur gibt dem Einzelnen ein Recht darauf ... und der Staat darf dieses Recht unter keinen Umständen unterdrücken."  Auch Artikel 14 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gewährleistet dieses Recht auf Eigentum. Die Kirche musste schon mit Rerum novarum entschieden für ihre Auffassung vom Eigentum eintreten, denn „die christliche Auffassung über das Eigentum wurde sowohl vom Liberalismus als auch vom revolutionären Sozialismus in Frage gestellt. Der Liberalismus erblickte im Privateigentum ein heiliges und unantastbares Recht ... ohne soziale Pflichten und Bindungen. Für Karl Marx war dagegen das Privateigentum die Erbsünde der Menschheit; seine Abschaffung würde alle sozialen Übel heilen."  Wieder haben wir also zwei Extrempositionen vor uns, zwischen denen zu vermitteln, d.h. für einen gerechten Ausgleich zu sorgen, Aufgabe der christlichen Gesellschaftslehre ist.

 

                Privateigentum ist                                               Privateigentum als das

              unantastbar und be-           Christliche                größte Hindernis für das

              inhaltet keine soziale     Gesellschafts-            Wohlergehen der Mensch-

                 Verpflichtung                   lehre                                             heit

                 (Liberalismus)                                          (Sozialismus/Kommunismus)

 

Das Recht des Menschen, sich Eigentum zu erwerben, liegt also - so haben wir bereits erhoben - im Naturrecht begründet , d.h. „der Mensch ist selbständiger 'Herr seiner Handlungen', sein eigener Herr und Meister, der die Natur nicht ... triebgesteuert gebraucht, sondern durch planmäßiges Handeln seine Existenz sichert und die Zukunft rational gestaltet. In dieser Fähigkeit der menschlichen Natur, d.h. in seiner Personalität, liegt das Recht des Menschen begründet, über privates Eigentum verfügen zu können."  Eine gerechte Eigentumsordnung aber, welche anzustreben Aufgabe der katholischen Soziallehre, der Christen, von Staat und Gesellschaft ist, verlangt vom Menschen, sich immer wieder neu zu entscheiden, immer wieder neu Verantwortung zu übernehmen. Diese Verantwortung „umfasst die Verwaltung und den Gebrauch der Sache, die Verfügung und Veräußerung über die Sache, ... die Fruchtziehung, das ist die Möglichkeit, den Ertrag des Eigentums ... auszuwerten, das Recht andere Menschen von der Verwaltung und Verfügung über die Sache auszuschließen."  Aus obigem Zitat lässt sich bereits ableiten - was die christliche Gesellschaftslehre ja immer betont hat -, dass eine gerechte Eigentumsordnung immer auf der Basis des Privateigentums stehen muss, d.h. eine gerechte Eigentumsordnung muss eine Privateigentumsordnung sein. Das „Privateigentum entspricht der geordneten Selbstliebe. Es gewährt dem Menschen Unabhängigkeit, Verfügungsfreiheit und Selbständigkeit, steht also 'in engster Beziehung zur Persönlichkeitswürde und zu den Persönlichkeitsrechten des Menschen' (Pius XII., 1.6.1941). ... Privateigentum kommt dem Sicherheits- und Vorsorgebedürfnis des Menschen entgegen, ... so dass man das Privateigentum die 'Grundlage für den Bestand der Familie' nennen kann (Pius XII., 13.6.1943)."  Für unsere These von der Privateigentumsordnung lassen sich zwei wesentliche Gründe nennen, nämlich die Freiheit und Personwürde des Menschen, d.h. „die menschliche Freiheit und Eigenverantwortlichkeit ist nur dann tatsächlich gegeben, wenn der Mensch ... über ... Sachen voll verfügen kann."  Zum zweiten aber  gründet die Privateigentumsordnung auch in der Beziehungsfähigkeit des Menschen, denn gerade die Möglichkeit, Privateigentum zu besitzen und zu erwerben, befähigt den Menschen, Beziehungen zum Mitmenschen herzustellen. Das Recht, sich Eigentum zu erwerben, bedeutet aber nicht nur, dass der Mensch ein Recht auf Eigentum an Verbrauchsgütern, sondern auch auf Eigentum an Luxus- bzw. Gebrauchsgütern hat. Als Luxusgüter sind dabei diejenigen Güter zu betrachten, „welche in und nach dem Gebrauch bestehen bleiben" (RN 5) - deshalb auch die Bezeichnung als „Gebrauchsgüter". Zu vorstehender, etwas abstrakter Definition seien noch einige Erläuterungen angebracht: Verbrauchsgüter sind also Güter, die durch die Benutzung verbraucht werden, z.B. Nahrungsmittel oder Rohstoffe für die Herstellung bestimmter Güter. Luxus- bzw. Gebrauchsgüter hingegen bleiben - auch wenn sie benutzt werden - erhalten. Kleidung oder ein Auto z.B. nutzen sich zwar durch den Gebrauch (mehr oder minder schnell) ab, sind aber ihrem Wesen nach für mehrmaligen Gebrauch bestimmt. Konkret auf die heutige Situation bezogen bedeutet das z.B., dass ich nicht nur das Recht auf Wohnung, Nahrung und Kleidung habe, sondern auch das Recht habe, mir das Haus in dem ich wohne oder die Wohnung, in der ich lebe, zu kaufen.  Mit den Worten Oswald von Nell-Breunings ausgedrückt: Die „Vernunftbegabtheit des Menschen ... macht ihn fähig und darum auch berufen, der stofflichen Güter nicht nur zu seinem Gebrauche sich zu bedienen, sondern sie kraft zeitlich unbegrenzten Rechts zu eigen zu haben ..., gleichviel, ob Verbrauchs- oder Nutzgüter. ... Dazu aber bedarf er aber der Verfügung ... gerade auch über die Mittel zukünftiger Bedarfsdeckung.“

Die Folgen der Praxis, den Menschen ihr Eigentumsrecht zu beschneiden hat uns ja der „real existierende Sozialismus" deutlich vor Augen geführt. Joseph Kardinal Höffner kann daher nur zugestimmt werden, wenn er sich gegen die sozialistische Spielart des der Allgemeinheit (dem Kollektiv) zugesprochenen Eigentums wendet und schreibt: „Die Gütergemeinschaft führt zu Trägheit und Arbeitsunlust, ... zu Unordnung und Unklarheit, da jeder sich wahllos um alle möglichen der Allgemeinheit gehörigen Dinge kümmern würde."  Und im weiteren kommt Höffner dann auch zu der nur allzu richtigen Feststellung, dass gerade die sozialistische bzw. kommunistische Form des Staatseigentums zu einer immer größer werdenden Bürokratisierung, d.h. zu einem Verstoß gegen das Subsidiaritätsprinzip, und damit zu einer Bedrohung von Freiheit und Würde des Menschen führen muss.  Paul Jostock bringt es unmissverständlich und klar auf den Punkt, warum das Privateigentum immer dem Kollektiveigentum sozialistischer Prägung vorzuziehen ist, denn „wer Eigentum nicht mehr erlebt und erfährt, verliert nicht nur den Sinn für dieses selbst, sondern auch für sparsames Wirtschaften und sorgfältiges Disponieren, für Selbstverantwortung und Unabhängigkeit."  Heute, fast 35 Jahre nach dieser Aussage Jostocks kann festgestellt werden, wie recht er hatte: Der Zusammenbruch der staatlich gelenkten Zwangswirtschaft im ehemaligen Ostblock deckt auf, dass bis zu 70 Jahre Misswirtschaft nun mit nicht mehr vorhandenem Verantwortungsgefühl und mangelnder Eigeninitiative bezahlt werden müssen.

In unserer heutigen Gesellschaft - so kann man sagen - ist das oben kurz skizzierte Recht auf Privateigentum eigentlich durchwegs anerkannt. Mit Paul M. Zulehner kann man sagen: „Die Zeiten sind vorbei, in denen unzählige Menschen bei uns in Not und Elend leben mussten. . ... Es gibt zwar auch heute selbst in den reichen Ländern materiell Arme. ... Doch ist es bei uns grundsätzlich kaum möglich, dass aus materiellem Mangel heraus jemand sterben muss."  Aber - so gilt es hier einzuschränken - Zulehners Feststellung gilt leider nur in den reichen und hoch industrialisierten Ländern dieser Welt, und selbst dort nur mit Einschränkungen, denn - so muss leider festgestellt werden: „Viele Menschen ... sind, wenn auch nicht gerade Ausgebeutete, doch weithin Randexistenzen; die wirtschaftliche Entwicklung geht über ihre Köpfe hinweg" (CA 33.1). Und in den so genannten Entwicklungsländern sieht die Sache dabei noch ganz anders aus! Gerade in den Ländern der so genannten Dritten Welt, in denen diese oben zitierte Erscheinung noch immer an der Tagesordnung ist, müssten Christen aller Konfessionen die Lehren der christlichen Gesellschaftslehre mehr und deutlicher herausstellen und sich im politischen und gesellschaftlichen Leben engagieren, damit diese Feststellung Zulehners auch dort Gültigkeit bekommt bzw. an Gültigkeit gewinnt.

Jeder Mensch hat also grundsätzlich das ihm garantierte Recht, sich persönliches Eigentum zu erwerben. Und dieses Recht des einen schließt für die anderen die Pflicht ein, diese angesprochene und garantierte Eigentumsbildung ihm auch zu ermöglichen. Deshalb sollte es eigentlich nirgendwo auf der Erde jemand geben, dem das nötigste an Eigentum vorenthalten wird, der in Armut, in Not und Elend leben muss. Doch wie sieht es wirklich aus? Von sechs Milliarden Erdbewohnern leben 1/6, d.h. eine Milliarde in zum Teil unvorstellbarem Luxus, der Rest der Erdbevölkerung - also die überwiegende Mehrheit - in mehr oder weniger bescheidenen Verhältnissen und nicht wenige in geradezu unbeschreiblichem Elend. Von diesen nicht einmal 20% der Erdbevölkerung nämlich werden 4/5 allen Reichtums, 4/5 des Welthandels und 4/5 aller Investitionen kontrolliert und getätigt. Und dieses „reiche“ Sechstel der Weltbevölkerung verbraucht 70% der Energie und 60% aller Nahrungsmittel! Kann hier von einer gerechten Verteilung der Güter und von sozialer Gerechtigkeit gesprochen werden?

Aber, und dies erscheint mir fast noch wichtiger:  In diesem Zusammenhang geht es nicht nur um die rein materielle Armut - genauso schlimm und verheerend wirkt sich die so genannte „geistige Armut" aus, denn vielen Menschen wird es verwehrt, die Grundkenntnisse in Lesen und Schreiben zu erwerben, sich die nötigste Bildung anzueignen oder sich fortzubilden. Mit den Worten Johannes Paul II. muss nämlich festgestellt werden: „Viele Menschen ... verfügen heute nicht über Mittel, die ihnen tatsächlich und auf menschenwürdige Weise den Eintritt in ein Betriebssystem erlauben, in dem die Arbeit eine wahrhaft zentrale Stellung einnimmt. Sie haben keine Möglichkeit, jene Grundkenntnisse zu erwerben, die es ihnen ermöglichen würden, ihre Kreativität zum Ausdruck zu bringen und ihre Leistungsfähigkeit zu entfalten " (CA 33.1). Hier gälte es einmal mehr auf die jesuanische Option für die Armen hinzuweisen, denn - so formuliert es Hadewych Snijedewind - „die Befreiung der Armen ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Gottes Gegenwart in unserer Welt sichtbar gemacht wird. Nur indem sie selber dazu beiträgt, kann die Kirche die eigene Glaubwürdigkeit bewahren."  Und unter dem Begriff der „Befreiung“ möchte der Verfasser hier vor allem auch die Befreiung des Geistes verstanden wissen, d.h. dass es den Armen und Ärmsten in den Entwicklungsländern ermöglicht wird, sich zu bilden bzw. weiterzubilden und so ihre Chancen im Berufsleben zu verbessern  - der Begriff der Chancengerechtigkeit gilt hier unbedingt in Erinnerung gerufen zu werden.

 

2.  “Eigentum verpflichtet": Zu Sozialnatur bzw. Gemeinwohlbezogenheit des Eigentums:

2.1.      Individual- und Sozialfunktion des Eigentums - Zwei Extrempunkte in der Eigentumsfrage

Im Absatz 2 des Artikels 14 GG heißt es: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich der Allgemeinheit dienen.“ Das Recht des Menschen auf Eigentum steht also im Spannungsverhältnis zwischen Sozialpflichtigkeit und Individualfunktion desselben, d.h. im Spannungsverhältnis zwischen den Ansprüchen der Gemeinschaft und dem Recht des Einzelnen. „Die Individual- und Sozialnatur sind unlöslich und von Natur aus mit dem Eigentum verbunden. Der christliche Eigentumsbegriff unterscheidet sich sowohl vom individualistischen (Liberalismus) als auch vom kollektivistischen (Sozialismus)."  Festzuhalten ist, dass dieser soeben erhobene „christliche“ Eigentumsbegriff mit der oben zitierten Sicht des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland in Deckung gebracht werden kann, denn nach Paul VI. gilt: „Privateigentum ist ... für niemand ein unbedingtes und unumschränktes Recht. Niemand ist befugt, seinen Überfluss ausschließlich sich selbst vorzubehalten."   Das Recht auf Eigentum birgt also auch eine Verpflichtung in sich. Jeder Mensch ist verpflichtet, sein Eigentum sozialverträglich und auf das Wohl aller (Gemeinwohl) bezogen zu nutzen, d.h. das (unbestrittene) Recht, sich Privateigentum zu verschaffen findet seine Grenze im - genauso wichtigen - Eigentumsrecht des anderen. Mit anderen Worten: Eigentumserwerb auf Kosten des Mitmenschen ist unzulässig - genauso, wie die ausschließliche Nutzung meines Eigentums durch mich, wenn dadurch mein Mitmensch in Abhängigkeit von mir, oder in schwere Not gerät. Und hier setzt die besondere Aufgabe des Staates an: Die Individualfunktion (Privateigentumsordnung) und die Sozialfunktion (Gemeinwohlbezogenheit des Eigentumsgebrauchs) stehen in Spannung zueinander und d.h. der Staat muss diese Spannung sehen, ermöglichen und aushalten und bei Missbrauch auf Ausgleich dringen. Die Individualfunktion des Eigentums hat die Funktion, den Menschen dahingehend zu lenken, sein Eigentum sinnvoll für sich zu verwerten; die Sozialfunktion des Eigentums auf der anderen Seite soll den Menschen dahingehend beeinflussen, sein Eigentum aber auch zum Wohl aller einzusetzen. Dem Staat als dem regulierendem Korrektiv in diesem Spannungsverhältnis stellen sich demzufolge folgende Aufgaben: „die richtige Eigentumsverteilung vorbereiten ..., das Eigentum des einzelnen Menschen ... schützen und ... sichern."  Aber es gilt gerade in diesem Bereich über staatliche Grenzen hinauszublicken: Dieser Aspekt des Rechts auf Eigentum muss gerade im Verhältnis zwischen den reichen und hochindustrialisierten Ländern und den so genannten Entwicklungsländern mehr beachtet werden, denn leider ist es heute in vielen Bereichen immer noch so, dass die reichen Länder auf Kosten der armen und unterentwickelten Länder leben und sich auf Kosten der sowieso schon Armen noch zusätzlich bereichern. Schon 1984 schrieb Joseph Kardinal Höffner: „Es muss Herz und Gewissen der Menschen in den wohlhabenden Staaten erschüttern, dass ... eine Milliarde teils unterernährt ist, teils buchstäblich Hunger leidet. ... In den so genannten Entwicklungsländern lassen die überkommen Feudalsysteme, der Kapitalmangel, ... die fehlende berufliche Ausbildung, ... der geringe Preis der von den Entwicklungsländern auf den Weltmärkten angebotenen Rohstoffe ... den wirtschaftlichen Aufschwung nur schwer in Gang kommen. Die Folgen stellen eine Kette des Elends dar: fehlende Arbeitsplätze - Arbeitslosigkeit - Armut - fehlende Nachfrage, geringe landwirtschaftliche Erzeugung - geringes Angebot - Unterernährung - Hunger." 

Hier könnte man in Analogie zum christlich-paulinischen Freiheitsbegriff, d.h. Freiheit ist immer Freiheit von etwas, für etwas (die so genannte „Freiheit zu ...“), - einen spezifisch christlichen Eigentumsbegriff definieren: Eigentum ist immer Eigentum an etwas, für etwas bzw. für jemanden.

Unter das Recht auf Eigentum fällt natürlich auch das Recht auf Eigentum an Grund und Boden. Dies betrifft vor allem die Landwirtschaft, denn gerade der Landwirt ist es, der an und mit der Natur arbeitet. „Solange es Menschen gibt, haben sie nicht bloß innerhalb dieser Natur gelebt, sondern sie auch gestaltet, verändert und ihren Zielen dienstbar zu machen versucht.“  Johannes Paul II. schreibt dazu in seiner Enzyklika Centesimus annus: „Durch die Arbeit gelingt es dem Menschen, sich unter Gebrauch seines Verstandes und seiner Freiheit die Erde zu unterwerfen und zu seiner würdigen Wohnstatt zu machen. Auf diese Weise macht er sich einen Teil der Erde zu eigen, den er sich durch Arbeit erworben hat. Hier liegt der Ursprung des Privateigentums" (CA 32.2). Die Begründung besonders auch für das Recht auf Eigentum an Grund und Boden ist leicht einsehbar: Wer auf eigenem Grund und Boden lebt und arbeitet, der hat zum einen ein Heimatgefühl, d.h. er weiß, wo er zu Hause ist, und zum anderen wird er sein Eigentum besonders gut pflegen und bebauen. Ein sehr anschauliches Beispiel hierzu liefert uns die ehemalige Sowjetunion: 1975 wurden dort auf nur einem Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche, das sind Acht Millionen Hektar, 27 % der landwirtschaftlichen Erzeugnisse produziert.  Diese Acht Millionen Hektar aber sind diejenigen Flächen (ein halbes Hektar je Bauer), welche Eigentum der Kolchosbauern waren und über deren Ertrag sie frei verfügen konnten. Wie sonst ist es erklärlich, dass ein Bauer aus Kasachstan mit seinen Erzeugnissen nach Moskau fliegen, sie dort verkaufen und dabei noch Gewinn machen konnte? Oder ein anderes Beispiel: Ein Landwirt in Deutschland wird in der Erntezeit auch zehn, zwölf oder noch mehr Stunden am Tage arbeiten, um die Ernte einzubringen - besonders dann, wenn er damit rechnen muss, dass schlechtes Wetter ihm die nicht eingebrachte Ernte zerstören oder schädigen wird. In der ehemaligen Sowjetunion war es auf den Staatsgütern (Sowchosen) an der Tagesordnung, dass die landwirtschaftlichen Angestellten (v.a. die Traktoristen) nach abgeleisteten acht Stunden Arbeit ihre Maschine stehen ließen, wo sie gerade waren und ihren Arbeitstag beendeten - egal, ob die Ernte durch schlechtes Wetter verderben konnte oder nicht. Hätten die Sowchosenarbeiter nicht auf Lohnbasis gearbeitet, sondern auf eigenem Grund und Boden gelebt und gewirtschaftet, die ehemalige Sowjetunion hätte die ganze Welt mit Getreide versorgen können und hätte nicht auch noch in den USA und Kanada Getreide kaufen müssen!

Es stellen sich aber gerade im landwirtschaftlichen Bereich auch immer größere Probleme, welche dringend zu lösen sind: Die in den letzten Jahrzehnten erfolgte Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge verdankt sich nämlich in erster Linie dem immer intensiverem Einsatz von Kunstdünger und von Pflanzenschutzmitteln. Diese aber belasten letztendlich dann nicht nur die menschliche Nahrung, sondern auch den Boden und die Gewässer. Die wachsende Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion, welche sich auch daran ablesen lässt, dass sich im Zeitraum von 1880 bis 1980 der weltweite Weizenertrag vervierfacht hat, bedingt also zunehmende Bodenerosion, zunehmende Auslaugung der Böden (was wiederum zunehmende Chemisierung hervorruft), zunehmende Versalzung und zunehmende Wasserverknappung, zunehmende Schädigungen der Ernte, welche durch die immer mehr wachsende Luft- und Umweltverschmutzung verursacht werden.

Es fragt sich jetzt nur noch, für wie lange Zeit dieser Kreislauf noch funktionstüchtig bleibt, bzw. beibehalten werden kann, denn bereits heute kann festgestellt werden: „Durch eine solche enorme Belastung des landwirtschaftlichen Bodens werden sich 'Wüsten neuer Art' ausbreiten. Schon heute vermehrt sich wüstes Land jährlich um 6 Millionen Hektar."

Wir hatten es ja bereits mehrfach angesprochen: Der katholischen Soziallehre geht es um Gerechtigkeit, genauerhin um soziale Gerechtigkeit. Gerechtigkeit bedeutet aber auch, dass niemand übervorteilt werden darf, dass jeder das ihm Zustehende auch erhält. Und an dieser Stelle seien nun noch einige Gedanken bezüglich einer gerechten Eigentumsordnung angefügt. Es ist wohl unbestritten, dass die Bedeutung einer gerechten Eigentumsverteilung für eine gesunde und florierende Volkswirtschaft, für die Zufriedenheit der Bevölkerung, für innere Sicherheit und für die Selbstverwirklichung des Menschen, d.h. für das Menschsein des Menschen, nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.  Eine gerechte Eigentumsordnung ist also - die Ereignisse im ehemaligen Ostblock haben es deutlich gezeigt - von zentraler Bedeutung. Denn wenn das Eigentum nicht an den Einzelnen, das Individuum, sondern an das Kollektiv, die Gemeinschaft gebunden ist, widerspricht dies

1.         dem Personalitätsprinzip, denn da Personalität mit Menschsein und Menschlichkeit gleichgesetzt werden kann, muss Privateigentum, welches ja unbestritten rechtmäßig ist, immer auch gemeinwohlbezogen, d.h. sozialverträglich genutzt werden,

2.        der Menschenwürde, denn jeder Mensch braucht einen gewissen Schatz an Eigentum, über das er frei verfügen kann, um sich selbst verwirklichen zu können, d.h. um wahrhaft Mensch sein zu können, und schließlich aber auch

3.         der Zweckbestimmung des Eigentums überhaupt, denn - wie uns der „real existierende Sozialismus“ gezeigt hat - wenn etwas allen bzw. vielen gehört, dann gehört es im Endeffekt niemanden, d.h.: Niemand fühlt sich verantwortlich dafür.

Die Kollektivierungsbestrebungen des Sozialismus und Kommunismus widersprechen also einer gerechten Eigentumsordnung , denn dadurch wird der Mensch eines wesentlichen Grundrechtes beraubt, nämlich des Rechtes, über seinen Lohn, welcher ja die Vergütung für seine Arbeitskraft ist, frei zu verfügen. Was hilft mir der schönste Verdienst und das dickste Bankkonto, wenn ich dafür nichts kaufen kann, weil Privateigentum unrechtmäßig oder nur in begrenztem Maße möglich ist? Die christliche Gesellschaftslehre hingegen geht zunächst einmal davon aus, dass Privateigentum - so bestimmt es bereits Rerum novarum - grundsätzlich rechtmäßig und unantastbar ist. Für das Voranstehende lassen sich nunmehr zwei Begründungen anführen, denn einerseits ergibt sich das Recht des Menschen auf Privateigentum aus Personalität und Würde des Menschen, und andererseits daraus, dass der Mensch als freies, sich selbstbestimmendes Wesen das unverzichtbare und unbeschneidbare Recht hat, frei über das zu verfügen, was er sich erarbeitet hat und was deshalb rechtmäßig ihm gehört.  Da der Mensch bereits vor dem Staat existierte, ist es schon deshalb nicht rechtens, dieses Grundrecht auf Eigentum durch staatliche Maßnahmen zu beschneiden, weil der Mensch dieses Recht auf Eigentum ja in den Staat mit eingebracht hat und dieses Grundrecht außerdem ja unveräußerlich und unverzichtbar ist, also auch dem Staat nicht übertragen werden kann. Ebenso ist es aber auch nicht statthaft, dass ein Mensch seinem Mitmenschen dieses Grundrecht vorenthält oder beschneidet - hier greift wieder der Grundsatz der Gemeinwohlbezogenheit. Vereinfacht und schlagwortartig ausgedrückt: Mein Recht auf Eigentum findet dort seine Grenze, wo das Recht des anderen auf Eigentum tangiert wird – und den gerechten Ausgleich zwischen diesen beiden Polen hat wiederum die christliche Gesellschaftslehre zum Ziel:

 

  Mein                                       christliche                                Eigentum

Eigentum                                 Gesellschafts-                          des anderen

                                                   lehre

 

2.2.      Aspekte einer gerechten Eigentumsordnung im Licht der katholischen Soziallehre

Was ist aber nun Eigentum eigentlich, was sollen wir unter diesem Begriff verstehen und wie wird das Eigentum von der katholischen Soziallehre bestimmt? Interessant ist, dass die Rede vom Eigentum nicht vorrangig das Ding, an dem ich Eigentum erwerben will, an sich betrifft, sondern zunächst die Verfügungsgewalt darüber thematisiert, d.h. dass hier ein sehr weiter Eigentumsbegriff angelegt ist. Wichtig an dieser Sicht von Eigentum ist weiterhin, dass damit auch die menschliche Arbeit, die Arbeitskraft, d.h. der Produktionsfaktor „Arbeit" unter das Eigentumsrecht zu fassen ist.   Mit anderen Worten: Aus dem oben Angeführten lässt sich folgende Schlussfolgerung ziehen: Wenn ich jemandem nicht den gerechten und angemessenen Lohn für seine erbrachte Arbeitsleistung zahle, so ist dies als Verstoß gegen dessen Eigentumsrecht, d.h. als Diebstahl zu betrachten.  Bereits eingangs hatten wir in besonderem Bezug zu Rerum Novarum festgestellt, dass es eine zweifache Eigentumsordnung gibt, nämlich Eigentum an Verbrauchsgütern, damit sind Güter gemeint, die zum täglichen Lebensunterhalt benötigt werden und deshalb immer (und zwar in größerer, d.h. ausreichender Menge) vorhanden sein müssen, und  Eigentum an Luxusgütern. Diese kann man auch als Gebrauchsgüter bezeichnen, d.h. damit sind Dinge gemeint, welche durch den Gebrauch nicht sofort verbraucht werden (z.B. Möbel und sonstiger Hausrat, Kraftfahrzeuge u.ä.).  Als konkretes Beispiel für die Unterscheidung zwischen den oben erwähnten beiden Eigentumsarten sei hier der Kühlschrank genannt: Die Verbrauchsgüter befinden sich im Kühlschrank, welcher selber unter die Luxus- oder Gebrauchsgüter zu rechnen ist. Man kann nun aber noch einen Schritt weitergehen: Da diese oben genannten Luxus- oder Gebrauchsgüter zumeist deutlich wertvoller (und damit auch teurer) sind, als die so genannten Verbrauchsgüter, muss davon ausgegangen werden, dass für deren Erwerb eine gewisse Kapitalmenge nötig ist. Damit wäre der bereits angesprochene Punkt der Sparfähigkeit des Arbeitnehmers angesprochen. Um sich z.B. - um bei unserem Beispiel zu bleiben - einen neuen Kühlschrank anzuschaffen, muss der Betreffende entweder über ein Sparguthaben verfügen oder kreditwürdig sein. Zu beachten ist dabei aber auch, dass das Ersparte ebenfalls nach dem Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ verwendet werden sollte, d.h., dass der Sparer sein Erspartes nicht nur für den Konsum, sondern auch für Investitionen, d.h. zur Steigerung der Wirtschaft, verwenden sollte.  Und damit wäre das Problem einer gerechten Geld- und Zinspolitik von Staat und Geldinstituten angesprochen. Zunächst aber gilt es zu fragen: Was sind Zinsen eigentlich? Zinsen sind sozusagen die Mietgebühr, die Banken, Sparkassen, Versicherungen u.ä. entrichten müssen, wenn sie mit dem Kapital eines anderen wirtschaften und arbeiten dürfen. So unbestritten es gilt, dass jeder Mensch, der seine Ersparnisse jemand anderem zum Gebrauch überlässt, eine Entschädigung dafür zu erhalten hat, genauso schwerwiegend ergibt sich aber auch die Forderung, dass diese Nutzungsgebühr eine gerechte Höhe haben muss. Hier sind sowohl überhöhte Zinssätze als auch zu niedrige Zinssätze gleichermaßen anzuprangern.  Ein besonderes Problem in diesem Bereich ist der Inflations-ausgleich, denn der Verlierer bei jedem Sparvorgang ist im Normalfall der Sparer, weil die Zinssätze meist nicht der Inflationsrate angepasst werden bzw. unter dieser liegen. Ein Beispiel: Bei einer Spareinlage von 1000 € und einem Zinssatz von 4% bei einer Inflationsrate von 5% erhält der Sparer nominell 40 € an Zinsen; der Kaufkraftverlust durch die Inflation beträgt aber 50 €, d.h. der Sparer büßt 10 € an Kaufkraft ein. Mit anderen Worten: Auf die reale Kaufkraft bezogen verringert sich sein Sparguthaben, obwohl es nominell anwächst. Und schon deshalb ist zu fordern, dass zumindest der inflationsbedingte Kaufkraftverlust durch die Sparzinsen ausgeglichen wird, d.h. bei einer Inflationsrate von 5% müßte der Zinssatz für Sparguthaben ebenfalls mindestens 5% betragen. Leider ist aber die Situation für viele "kleine" Sparer nicht so. Mit Joseph Kardinal Höffner kann man deshalb sagen: „Heute ist der Zins in vielen Ländern infolge der Geldentwertung (Inflation) verschwunden. Was ... als so genannter 'Zins' bezahlt wird, ist volkswirtschaftlich kein Zins, sondern ... eine ... Vergütung für den Kaufkraftschwund." Und man müsste in der heutigen Situation noch hinzufügen: Und nicht einmal das ist in den meisten aller Fälle noch gewährleistet!  In diesem Zusammenhang müssen die staatlichen Stellen, d.h. die Verantwortlichen in der Politik, auch daran erinnert werden, dass eine gerechte Verteilung der Lasten auf alle, d.h. Steuergerechtigkeit angestrebt werden muss. Und hier sind nicht nur die direkten Steuern (Lohnsteuer, Kirchensteuer, u.ä.), sondern vor allem auch die indirekten Steuern (Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer, u.ä.) gemeint.

Eine weitere Art von Eigentum ist das Eigentum an den Produktionsmitteln, d.h. das „Kapital" im eigentlichen Sinn. Und hierzu zählen nicht nur die Produktionsmaschinen in den Fabriken (das Eigentum der Unternehmer), sondern auch das Investitionskapital, d.h. Aktien, Genossenschaftsanteile, Obligationen, Investmentzertifikate, u.ä. Hier muss zum Erhalt einer gerechten Eigentumsordnung sichergestellt sein, dass dieses „Kapital" gerecht verteilt wird, dass jeder Mensch (auch der Arbeitnehmer!) die Möglichkeit hat, sich Eigentum dieser Art zu erwerben. In diesem Rahmen könnte man (erneut) in Analogie zur Unterscheidung in Sparfähigkeit und Sparwilligkeit von Investitionsfähigkeit und Investitionswilligkeit sprechen. Investitionsfähig ist jemand, der über Erspartes verfügt, welches er zur Steigerung der Produktivität, zur Modernisierung, zur Schaffung von Arbeitsplätzen einsetzen könnte. Investitionswillig ist jemand, der dies dann auch tut, z.B., indem er Aktien oder Investmentzertifikate erwirbt.

Eine gerechte Eigentumsordnung, wie sie von der katholischen Soziallehre anzustreben und anzumahnen ist, steht - wir haben es bereits erwähnt und dies sollte man nicht vergessen - immer im Spannungsfeld zweier Extrempositionen, zwischen denen es zu vermitteln gilt. Diese Extreme sind der Individualismus, d.h. die Überbetonung und einseitige Bevorzugung des Einzelnen (des Individuums) zum Schaden des Gemeinwohls, und der Kollektivismus, d.h. die Verabsolutierung der Gemeinschaft (des Kollektivs) auf Kosten der Menschenwürde und der Rechte des Individuums. Die christliche Gesellschaftslehre steht somit zwischen den Extrempolen der Personalität und des Gemeinwohls, zwischen denen zu vermitteln, d.h. die Prioritäten richtig zu setzen und einen (für alle Menschen!) gerechten Ausgleich zu finden, ihre Hauptaufgabe ist. Und hier greifen Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzip, d.h. der Grundsatz der Gemeinwohlbezogenheit bzw. Sozialverträglichkeit des Eigentums ist bestimmend für das Verhältnis zwischen Personalität und Gemeinwohl. Daraus nämlich folgt, dass eine selbstherrliche, egoistische Nutzung des Eigentums allein für die Interessen eines einzelnen und zum Schaden der Allgemeinheit als Missbrauch des Eigentums und als Pervertierung einer gerechten Eigentumsordnung anzusehen ist. Mit anderen Worten: Die Nutzung jeglichen Eigentums muss subsidiär erfolgen, d.h. das Eigentum dient einerseits der Selbstverwirklichung, der Entfaltung der Personwürde des Menschen und andererseits dem Aufbau einer gerechteren, besseren, menschenwürdigeren Welt.

Und diese Zielsetzung bezüglich einer gerechten Eigentumsverteilung gilt nicht nur in kleinen Lebenskreisen, z.B. in der Familie, sondern auch in großen Lebenskreisen, d.h. sowohl im nationalen als auch im internationalen Bereich, also in den Beziehungen zwischen den Völkern der Erde - besonders natürlich in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den reichen Ländern der so genannten „Ersten" und „Zweiten Welt" und den Entwicklungsländern der so genannten „Dritten Welt". Ernst Wolfgang Böckenförde spricht in diesem Zusammen-hang von einem „solidarischen Eigentumsdenken", d.h. „Eigentum und Eigentumsdenken müssen ... von einem solidarischen Eigentumsdenken umfaßt werden. ... Privates Eigentum ... bleibt rückgebunden an diesen Zweck, der ihm vorausliegt. ... Solidarisches Eigentumsdenken muss sich über die Sachgüter hinaus auch auf die neuen, immateriellen Güter und Besitzstände erstrecken, die in unserer Gesellschaft entstanden sind. ... Die Solidarität ... muss das strukturierende Prinzip des menschlichen Miteinander werden, auch der Betätigung in Wirtschaft und Gesellschaft."  Ist diese Forderung aber im Verhältnis zwischen den reichen, d.h. hoch industrialisierten Ländern und den armen, d.h. den Entwicklungsländern erfüllt? Meiner Meinung nach nicht, und deshalb ist zu fordern: Die Menschen - besonders in den reichen und hoch entwickelten Ländern müssen umdenken: Es kann nicht so weitergehen, wie es zur Zeit leider noch viel zu oft der Fall ist, nämlich, dass die hoch entwickelten Länder den unterentwickelten Ländern zwar „Pfennigbeträge" an Entwicklungshilfe zahlen, ihnen aber gleichzeitig diese Beträge wieder abnehmen, indem sie ihnen notwendige Güter zu teilweise überteuerten Preisen verkaufen, während die Entwicklungsländer für ihre Güter (zumeist landwirtschaftliche Produkte oder Rohstoffe) nur unzureichend bezahlt werden. Es ist, wenn man sich die Entwicklungshilfepolitik vieler Länder ansieht, fraglich, ob die Entwicklungshilfe wirklich solidarische Hilfe zur Selbsthilfe ist. In vielen Fällen ließe sich nämlich auch mit Ernst-Wolfgang Böckenförde fragen, ob sie nicht statt dessen darauf abzielt, „sich diese Länder vorwiegend als Absatzmärkte und Rohstofflieferanten zu erschließen und dienstbar zu machen?"  Leider herrscht ja im internationalen Handel - gerade zwischen hoch industrialisierten Ländern und Entwicklungsländern - der reine und durch nichts gemilderte Wettbewerb, welcher gerade im Bereich der Entwicklungsländer zu sozialen Missständen führt. Viele der unterentwickelten Länder haben in ihrem Kampf um den Aufbau einer eigenen (Konsumgüter-)Industrie und für eine bessere Versorgung ihrer Bevölkerung mit dem Notwendigsten mit zwei vordringlichen Problemen zu kämpfen, denn einerseits wachsen ihre Auslandsschulden immer mehr an und sie haben nicht einmal eine minimale Chance diese Lasten abzutragen, und andererseits haben die meisten Entwicklungsländer nicht einmal die Möglichkeit, die anfallenden Zinsen für ihre Schulden zu bezahlen.  Es geht deshalb nicht an, dass Entwicklungsländer die ihnen gewährte Entwicklungshilfe allein dazu verwenden müssen, um die Zinsen ihrer Schulden bei den hoch industrialisierten Ländern zu begleichen. Vordringlich gilt es deshalb - und zwar in allernächster Zeit! - das Problem der Auslandsverschuldung der ärmsten Länder zu lösen. „Der Grundsatz, dass die Schulden gezahlt werden müssen, ist sicher richtig. Es ist jedoch nicht erlaubt, eine Zahlung einzufordern oder zu beanspruchen, die zu politischen Maßnahmen zwingt, die ganze Völker in den Hunger und in die Verzweiflung treiben würden. Man kann nicht verlangen, dass die aufgelaufenen Schulden mit unzumutbaren Opfern bezahlt werden (CA 35.5)"  Eine Auflistung soll aufschlüsseln, wie sich diese Schuldenbelastung im Jahre 1986 - damals waren es 967 Mrd. US $ - auf verschiedene Länder verteilte:

Die acht am höchsten verschuldeten Länder waren damals Brasilien  mit 115 Mrd $, Mexiko mit 110 Mrd $, Argentinien mit 55 Mrd $, Südkorea mit 54 Mrd $, Indien  mit 44Mrd $, Ägypten mit 38 Mrd $, Chile mit 24 Mrd $ und Malaysia mit  23Mrd $. Die Summe der Auslandschulden dieser Länder beträgt 463 Mrd $, d.h. diese acht Länder allein hatten knapp 50% der damals errechneten Schulden auf ihrem Konto! Es lassen sich in letzter Zeit allerdings auch Ansätze zur Beseitigung dieser oben angesprochenen Ungerechtigkeiten konstatieren. Es wird in den letzten Jahren immer wieder angeregt und diskutiert, ob es nicht möglich wäre - wir stellten ja bereits fest, dass diese Länder von einer Tilgung der Kredite nur träumen können - den hochverschuldeten Ländern der so genannten „Dritten Welt" ihre Auslandsschulden zu stunden oder ganz zu erlassen.  Die Realisierung dieses Vorschlags könnte diesen Ländern zweifellos helfen, ihre Volkswirtschaft auf eine gesunde Basis zu stellen und die Ernährung ihrer Bevölkerung zu sichern  - Vorbedingung wäre aber, dass gleichzeitig auch eine gerechte Weltwirtschaftsordnung geschaffen würde, d.h. dass die unterentwickelten Länder gerechte Preise für ihre Rohstoffe und Hilfe zum Aufbau einer eigenen industriellen Erzeugung der benötigten Produkte erhalten. Und noch etwas muss gefordert werden: Die Entwicklungsländer müssen davon Abstand nehmen, die ihnen gewährte Entwicklungshilfe und das erwirtschaftete Geld in Rüstungsgüter zu investieren. Ein Beispiel mag uns das südamerikanische Land Bolivien geben: Im Jahre 1986 wandte Bolivien von seinem Haushalt folgende Anteile für die verschiedenen Bereiche auf:

Gesundheit                                                                                           1,9%

Erziehung                                                                                           11%

Verteidigung                                                                                       22,3%

alle anderen Zwecke                                                                           28,3%

Zinsesleistung und Tilgung seiner Auslandschulden                       36,5%.

Mit anderen Worten: Mehr als die Hälfte (58,8%) des bolivianischen Haushalts wurde 1986 allein für Rüstung und zur Schuldentilgung verwendet. Und Bolivien steht mit diesen Zahlen und Relationen nicht alleine da.! Dieser unbedingt einzufordernde Verzicht auf die ständige Steigerung der Rüstung betrifft aber ebenso die reichen Länder, denn „es ist skandalös, wenn 1984 eine Billion Dollar für Rüstung ausgegeben wurden, während in dem selben Jahr nur 350 Milliarden Dollar für Entwicklungshilfe der öffentlichen Hand zur Verfügung standen. ... Mit anderen Worten: Menschen müssen hungern, millionenfach verhungern, weil so viel gerüstet wird."  Hier seien auch einige Worte bezüglich der Praxis der EG, Nahrungsmittel zu vernichten, um die Preise stabil zu halten, angebracht. Zu dieser Thematik ist die Enzyklika Mater et magistra zu beachten. Dort heißt es, dass immer dann, wenn der Fall eintritt, dass „offenbar manche Völker Überfluss haben an Nahrungsmitteln, ... während in anderen Ländern breite Volksmassen Hunger und Not leiden", dass dann im Namen von Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu fordern ist, „dass die Überschussländer den Mangelgebieten zu Hilfe kommen. Lebensnotwendige Güter einfach zu vernichten oder sonst wie zu vergeuden verstößt unter solchen Umständen gegen Gerechtigkeit und Menschlichkeit" (MM 161). Mit anderen Worten: Solange es noch irgendwo auf der Welt auch nur einen Menschen gibt, der nicht genug zu Essen hat, solange ist es ein Verbrechen an der Menschheit, wenn die Brüsseler Kommissare auch nur ein Pfund Butter oder Getreide verderben lassen oder gar befehlen, es zu vernichten, nur damit der Weltmarktpreis gehalten wird! Darüber hinaus sollte man bedenken, dass die Geldmengen, die die Vernichtung dieser Lebensmittel verbraucht auch sinnvoller eingesetzt werden könnten: Man könnte den Transport von Nahrungsmitteln in Hungergebiete damit finanzieren oder mit diesen Geldern die landwirtschaftliche Produktion in Hungergebieten ankurbeln.

Es ist außerdem aber auch eine ganz andere Tatsache, welche oft vernachlässigt wird, festzustellen, nämlich, dass die Teilung unserer Welt in arme und reiche Länder nicht nur für die armen Länder unerträgliche Folgen zeitigt, sondern es ist unübersehbar, dass diese Teilung auch Gefahren für die reichen Länder birgt. Johannes Paul II. stellte in seiner Enzyklika Familiaris consortio fest, „dass es in den Ländern der so genannten Dritten Welt den Familien sowohl an den grundlegenden Mitteln zum Überleben fehlt, wie Nahrung, Arbeit, Wohnung, Arzneien, als auch an den elementarsten Freiheiten. In den reicheren Ländern hingegen nehmen der übertriebene Wohlstand und die Konsumhaltung sowie paradoxerweise damit verbundene Angst und Unsicherheit" zu (FC 6). Und hier gilt es nun auch einen Blick in unser eigenes - angeblich so reiches - Land zu werfen: Wie sieht es denn in den neuen Bundesländern aus? Riesige Schuldenberge, die uns der „real existierende Sozialismus" (aber nicht nur er!) hinterlassen hat, sind abzutragen; gewaltige Investitionen sind nötig, um der am Boden liegenden Industrie zu helfen, den Anschluss an den Weltmarkt zu schaffen; ebenso gewaltige Summen müssen aufgebracht werden, um die in 40 Jahren sozialistischer Misswirtschaft angerichteten Umweltzerstörungen zu beseitigen - sofern dies überhaupt noch möglich ist. Und wie sieht es bezogen auf die ganze Bundesrepublik aus? Ist die Situation dort besser? War sie etwa - wie manche behaupten - vor der Wiedervereinigung besser? Wohl kaum! Der Staat, d.h. Bund Länder und Gemeinden sind heute ebenso wie vor der Wiedervereinigung die größten Schuldner in der Bundesrepublik. Grob gerechnet geht nämlich jede zweite von unserer Volkswirtschaft erwirtschaftete Mark durch die Hand des Staates - und der weitaus größere Teil dieser Staatseinnahmen wird nicht mehr zu Investitionen herangezogen, sondern dient nur noch der Zinstilgung für die Verschuldung der öffentlichen Hand. Wie sieht es denn aus auf dem wirtschaftlichen Sektor? Mehr als 4,5 Millionen Arbeitslose suchten im Januar 1997 verzweifelt nach Arbeit; ein immenser Schuldenberg muss abgetragen werden. Eine kurze Auflistung der Verschuldung der öffentlichen Hand und die Umrechnung auf Pro-Kopf-Verschuldung soll verdeutlichen, wovon hier gesprochen wird: Von 1989 bis 1993 stieg die Staatsverschuldung von 937 Milliarden DM auf fast das Doppelte, nämlich auf 1740 Milliarden. Für 1994 wurde das Erreichen der "Schallmauer" bzw. "Schmerzgrenze" von 2000 Milliarden, das sind 2 Billionen DM prognostiziert und „Vater Staat“ bemühte sich erfolgreich, diese Prognose in die Realität umzusetzen. Ende 1996 betrug die Verschuldung der öffentlichen Hand 2,154 Billionen DM. Diese eben genannten, unvorstellbar großen Summen sind nun aber reichlich abstrakt: Eine Umrechnung der Staatsverschuldung auf die (theoretische) Pro-Kopf-Verschuldung soll helfen, uns diese Riesensumme zu verdeutlichen und sie leichter vorstellbar zu machen: 2154 Milliarden DM auf 81 Millionen Einwohner umgerechnet ergibt eine Summe von rund 26.600 DM pro Kopf! Es ist deshalb eigentlich nur zu verständlich, dass gerade in der derzeitigen finanziellen Notlage die Entscheidung der Bundesregierung, den Regierungssitz von Bonn nach Berlin zu verlegen auf Unverständnis stößt - zumal dem größeren Teil der Bevölkerung nicht einleuchten will (und kann), wieso man für eine derartige Maßnahme 20 Milliarden DM als Minimum auszugeben bereit ist, während für viel wichtigere Sachen das Geld fehlt. Hier ist vordringlich eine Güterabwägung seitens der politisch Verantwortlichen gefordert. Es gilt Prioritäten zu setzen - und hier kann die christliche Gesellschaftslehre sehr hilfreich sein -, d.h. die Politiker sollten sich fragen, was wichtiger ist: Der Umzug der Regierung und der Ministerien nach Berlin oder der Einsatz für Gerechtigkeit im innerstaatlichen Bereich, d.h. in Wirtschaft und Gesellschaft. In diesem Zusammenhang muss erneut und immer wieder gefordert werden, dass die Politiker sich zunächst einmal darauf besinnen, dass sie die Volksvertreter sind, d.h. dass sie in erster Linie für das Wohl und Wehe ihrer Wähler, für das Gemeinwohl verantwortlich sind. Alle politischen Parteien sind hier aufgerufen, sich von Profilierungssucht auf Kosten der Wähler und vom Prestigedenken zu verabschieden, denn die so dringend nötigen Maßnahmen zur Bewältigung bzw. Beseitigung oben beschriebener Probleme dürfen nicht aus falsch verstandener Profilierungssucht heraus zu Lasten einer Gruppe der Gesellschaft gehen. Und hier gilt es auch, Gerechtigkeit walten zu lassen, denn zwar müssen die dafür nötigen Anstrengungen, Maßnahmen und Leistungen von der Gemeinschaft erbracht werden, dennoch muss aber auch darauf Wert gelegt werden, dass diese - sicher nicht unerhebliche - Belastung gerecht auf alle verteilt wird. Nehmen wir als Beispiel die so heiß umstrittene Pflegeversicherung: Die - mittlerweile, nach endlosem Gerangel und Tauziehen endlich beschlossene - Pflegeversicherung kann uns als Paradebeispiel dienen, wenn wir versuchen, die Grundprinzipien der katholischen Soziallehre zu konkretisieren. Dass jemand, der sich selbst nicht mehr zu helfen weiß - in diesem Fall, jemand der zum Pflegefall wird -, Anspruch auf Hilfe von Seiten der Solidargemeinschaft hat, ist aus dem Subsidiaritätsprinzip abzuleiten. Die Achtung vor der Würde und dem Personsein des Menschen erfordern aber auch, dass der Mensch dann immer noch, auch wenn er zum Pflegefall geworden ist, ein menschenwürdiges Leben führen kann. Deshalb widerspricht es dem Personalitätsprinzip, dass ein auf Pflege Angewiesener sozusagen enteignet wird und zum Sozialhilfeempfänger degradiert wird. Und ebenso ist es ein Unding, dass hier eine Art von „Sippenhaftung" greift, d.h. dass die zum Teil wirklich nicht mehr von einem einzelnen aufzubringenden Kosten für die Unterbringung eines Pflegebedürftigen in entsprechenden Institutionen die Angehörigen des Pflegebedürftigen an den Rand des finanziellen Ruins bringen. Ein Beispiel: Eine Frau, deren Mutter als Schwerstpflegebedürftige in einer geschlossenen Anstalt untergebracht werden musste, muss jeden Pfennig, den sie verdient und der über der Grenze des so genannten „kleinen Vermögens" von 4000 DM liegt, an die Sozialhilfeverwaltung des Landes abgeben, denn die Unterbringung ihrer Mutter wird von dort finanziert. Und der Skandal ist, dass nicht nur die Tochter für ihre Mutter zur Zahlung ihrer Unterbringung herangezogen wird, sondern auch jedes ihrer Kinder! Hier stellt sich doch die Frage, ob es denn Ziel und Aufgabe des Staates sein kann, aus einem auf Sozialhilfe angewiesenem Menschen gleich zwei oder noch mehr Sozialhilfeempfänger zu machen. Das Recht auf Eigentum greift offenbar in diesem Fall nicht mehr! Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Norbert Blüm, sagte am 1.7.1993 in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag, dass jeder Pflegefall, der auf Sozialhilfe angewiesen sei, auch einen Verstoß gegen das Eigentumsrecht bedeute: „Das eigene Haus, dessen Finanzierung vielleicht ein Leben lang vom Munde abgespart wurde, im Pflegefall wird es von der Sozialhilfe abkassiert. ... Das ist eigentumsfeindlich." Der Staat, welcher doch eigentlich zur Wahrung und Sicherung des Gemeinwohls verpflichtet ist, handelt hier zwar zum Wohle des Pflegebedürftigen, aber nicht zum Wohle der Angehörigen dieses auf Pflege angewiesenen Menschen. Und deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen, die nach einem langen und produktiven Berufsleben nun, im Alter, auf Pflege angewiesen wären, sich so lange es nur irgend möglich ist, weigern,  diese dringend benötigte Hilfe anzunehmen. Und zwar gründet diese Weigerung in der Angst, als Pflegefall eingestuft zu werden, denn das wird in vielen Fällen mit Enteignung, Entmündigung und Entmenschlichung gleichgesetzt  - die Frage mag gestattet sein, ob die Menschen mit dieser Auffassung nicht vielleicht sogar im Recht sind. Doch nun zurück zur Pflegeversicherung, welche diese Fehlentwicklung korrigieren will: In der Bundesrepublik Deutschland gibt es rund 1,65 Millionen Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, das sind 2% der Bevölkerung.  1993 beliefen sich die Kosten dafür auf rund 13 Milliarden DM zu Lasten der Sozialhilfe, die doch eigentlich „für Ausnahmen und nicht für ein allgemeines Risiko als Regelleistung vorgesehen" ist.  Die Pflegebedürftigkeit ist heute - auch bewirkt durch die Altersentwicklung - kein Einzelschicksal mehr, sondern ein gewichtiges und gesellschaftlich relevantes Problem, d.h. das Risiko, zum Pflegefall zu werden, gibt es für jeden. Besonders hoch ist dieses Risiko natürlich im Alter. 48,1% aller auf Pflege irgendwelcher Art angewiesenen Menschen sind 65 Jahre oder älter! Die alte Antwort auf den Fall der Pflegebedürftigkeit war die Möglichkeit, in der Großfamilie den Pflegebedürftigen abzufangen und zu versorgen. Doch diese Möglichkeit ist nicht mehr gegeben, denn seit der Industrialisierung wurde die Großfamilie immer mehr zurückgedrängt und durch die Kleinfamilie ersetzt; schon deshalb ist die Möglichkeit, einen auf Pflege angewiesenen Angehörigen im Rahmen des Familienverbandes zu versorgen und zu pflegen in vielen Fällen nicht mehr gegeben.  Die Gründe dafür sind vielfältig: Immer weniger Menschen haben Nachkommen, die deren Pflege übernehmen können und die Ausrichtung des Wohnungsbaus auf die Kleinfamilie lassen oft keinen Raum zur Unterbringung und zur richtigen Pflege eines pflegebedürftigen Angehörigen. Und darüber hinaus gilt es zu beachten, dass die Pflege eines Angehörigen bei gleichzeitiger Berufstätigkeit - von irgend etwas muss der Mensch ja leben - entweder unmöglich oder zumindest eine auf Dauer unzumutbare Belastung ist. Die heutige Situation lässt demzufolge in den meisten Fällen keinen anderen Ausweg mehr, als den Gang zum Sozialamt. In den alten Bundesländern liegt der Prozentsatz derer, die wegen ihrer Pflegebedürftigkeit zum Sozialfall werden, bei rund 70%  - dies soll durch die Einführung der Pflegeversicherung geändert werden. „Die Pflegeversicherung hilft nicht nur den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Sie gibt allen Versicherten Schutz und Sicherheit, dass sie im Pflegefall ... Hilfe und Unterstützung erhalten."  Es ist vorläufig einmal festzuhalten, dass es direkt aus den Grundprinzipien der katholischen Soziallehre, d.h. aus Solidarität, Subsidiarität, Personalität und Gemeinwohl, abzuleiten ist, dass das Risiko zu einem Pflegefall zu werden, durch eine Versicherung abgedeckt wird. Dass diese Hilfe, d.h. die Pflege, finanziert werden muss, ist ebenso klar. Was hier aber - blickt man auf den langwierigen und oftmals unverständlichen Streit über diesen Gesetzentwurf zurück - auf absolutes Unverständnis stoßen muss, ist ein Vierfaches:

1.         Muss die Finanzierung wirklich nur auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden? Ist es nicht ungerecht, dass nur die Arbeitnehmer diese Versicherung finanzieren sollen? Hat keiner der Verantwortlichen je etwas von einer gerechten Verteilung der Lasten auf alle gehört?

2.         Ist jemand, der über ein entsprechend höheres Einkommen verfügt und deshalb nicht mehr dazu verpflichtet ist, in die Pflegeversicherung einzuzahlen, davor gefeit, einmal zum Pflegefall zu werden?

3.         Musste der Streit über diese - so dringend benötigte - Versicherung zu Lasten derer gehen, denen es sowieso schon so schlecht geht? Es ist einfach unverständlich, dass der Streit über diese so dringend benötigte Versicherung zu Lasten der Ärmsten und der Unschuldigsten in unserem Land ging - zu Lasten derer, die diese Absicherung ihrer Pflegebedürftigkeit so sehnsüchtig erwartet haben.

4.         Musste nur, weil man sich profilieren will - die Wahlen standen vor der Tür und Wählerstimmen sind wichtig - jeder auf seinem Standpunkt beharren und jede Kompromissbereitschaft vermissen lassen? Hatten die Politiker in diesem Zusammenhang vergessen, dass sie die Vertreter des Volkes sind? Wenn unsere Volksvertreter sich darauf besinnen würden, wären so kleinliche Streitereien, wie sie uns gerade in der Diskussion um die Pflegeversicherung vorgeführt wurden, zu vermeiden gewesen. Man muss sich wirklich fragen, ob unsere Politiker ernsthaft das Gemeinwohl im Sinn haben.

Diesen Punkt abschließend, sei folgendes Fazit gezogen: Eigentum kann und darf nie als Selbstzweck missverstanden werden; Eigentum, im Sinne der katholischen Soziallehre verstanden, ist immer - in Analogie zum paulinischen Freiheitsbegriff - Eigentum „für etwas bzw. jemanden". Dort aber, wo das Recht auf Eigentum des einzelnen beschnitten oder ihm verweigert wird, oder die Gemeinwohlbezogenheit der Nutzung des Privateigentums nicht beachtet wird, muss aus den Forderungen von Menschenwürde, von Personalität und Gemeinwohl - und der auszuhaltenden Spannung zwischen Gemeinwohl und Personalität - energisch gegen Missbräuche, Fehlentwicklungen und Ungerechtigkeiten eingeschritten werden. D.h. also, wenn jemand sich gegen die Gemeinwohlbezogenheit des Eigentums versündigt, dann müssen Staat und Gesellschaft dagegen einschreiten, denn Zielsetzung des Gemeinwohlprinzips ist es ja, der Vervollkommnung des einzelnen, der Selbstverwirklichung und dem Personsein bzw. -werden, zu dienen. Mit anderen Worten: Das Gemeinwohl schützt und fördert Werte, welche an die Person gebunden sind und dies hat zur Folge, dass Missbräuche und Missstände zwingend abgestellt werden müssen. Und dieser Grundsatz gilt nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Bereich, denn wo bleibt denn eigentlich das Mitspracherecht, welches den armen Ländern zuzubilligen ist, „wenn es um die Würde und die Freiheit ihrer Menschen geht? ... Wer käme ... auf die Idee, dass auch die armen Völker ein Recht haben könnten, sich in die Weltpolitik der Industrieländer des Nordens einzumischen?"  Mit anderen Worten: Die Errichtung einer am Gemeinwohl orientierten gerechten Eigentumsordnung auf Weltebene muss sich an Personalität und Würde des Menschen als oberster Priorität orientieren.

 

2.3.      Eigentumsordnung und Enteignung - Widerspruch oder möglich?

Aus den selben Gründen, die wir bereits zur Begründung des Rechtes auf Eigentum erwähnten, wendet sich die christliche Gesellschaftslehre bereits seit Leo XIII. auch gegen Bestrebungen, vor allem des Sozialismus, die auf Enteignung zielen. Hier geht es vorrangig um das Eigentum an den Produktionsmitteln, d.h. an der maschinellen Ausstattung der Fabriken, also dem Besitz der Fabrikbesitzer. In Rerum novarum heißt es dazu, dass so „wie die Wirkung der Ursache folgt, so folgt die Frucht der Arbeit als rechtmäßiges Eigentum demjenigen, der die Arbeit vollbracht hat" (RN 8). Und weiter heißt es dort auch, dass Privateigentum unangetastet zu lassen ist.  Dies bedeutet einerseits, dass die Arbeiter durchaus ein Anrecht auf Beteiligung am Produktionsgewinn haben, dass andererseits aber eine Enteignung der Fabrikbesitzer - das „Kapital" ist ja sozusagen ihr Privateigentum - nur unter besonderen Bedingungen zulässig ist. Eine der hier zu erfüllenden Bedingungen ist z.B., dass der Eigentümer dieser Produktionsmittel sie nicht gemeinwohlbezogen einsetzt, denn es gehört „zum Aufgabenbereich der öffentlichen Gewalt, zu verhindern, dass jemand sein privates Eigentum gegen das Allgemeinwohl missbrauche" (GS 71). In diesem Fall also wäre eine Enteignung rechtmäßig, ja unter Umständen gefordert. Wesentlicher Gesichtspunkt hierbei ist also immer, dass die Enteignung dem Gemeinwohl dienen muss, und d.h.: Auch hier gilt der Grundsatz der Sozialnatur des Eigentums, oder - wie es im Grundgesetz so griffig heißt - „Eigentum verpflichtet."  Im Gegensatz zu den sozialistischen Enteignungsbestrebungen aber gilt im kirchlichen wie im grundgesetzlichen Bereich, dass der so Enteignete im Normalfall eine angemessene Entschädigung dafür zu erhalten hat. Mit anderen Worten: „Eine Enteignung zugunsten der Gemeinschaft ... hebt ... die Privateigentumsordnung nicht auf, sondern erkennt sie durch die Anerkennung der Verpflichtung zur Entschädigung gerade an. Sie ist zulässig nur zugunsten der Allgemeinheit, ... wenn die Allgemeinheit die Sache notwendig braucht ... oder der private Eigentümer die Sache ... nicht gemeinwohlgerecht verwalten kann."  Das Zweite Vatikanische Konzil schreibt ebenfalls zu diesem Punkt, das Recht auf Privateigentum stehe „nicht jenem Recht im Wege, das den verschiedenen Formen öffentlichen Eigentums zugrunde liegt. Jedoch darf die Überführung von Gütern in öffentliches Eigentum nur durch die zuständige Autorität, gemäß den Erfordernissen des Gemeinwohls und innerhalb seiner Grenzen sowie nach angemessener Entschädigung erfolgen."  Aber es gibt Situationen - vor allem in Südamerika -, in denen selbst eine Enteignung ohne Entschädigung für die dortigen Großgrundbesitzer denkbar und machbar wäre. Hildegard Goss-Mayr stellte 1968 fest, dass 1,5% der Grundbesitzer in Südamerika 50% des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens besaßen, „von dem jedoch nur ein Bruchteil bebaut wird. ... In ausgedehnten Gebieten leben Landarbeiter und Pächter auch heute noch wie Sklaven ... in Hunger, Elend und Unwissenheit."  Dass hier keine gerechte Entschädigung der Großgrundbesitzer möglich ist, sollte eigentlich einsichtig sein. Und dass diese Entschädigung auch nicht nötig ist, dazu kann man sich auf Joseph Kardinal Höffner berufen, welcher schreibt: „In vielen Entwicklungsländern ... ist eine Agrarreform ... dringend geboten. Bei der Durchführung ist eine Entschädigung nach dem Verkehrswert weder möglich noch von der Soziallehre der Kirche gefordert."  Hier greift also einmal mehr der Grundsatz der Gemeinwohlbezogenheit des Eigentums: Die unermesslich großen Ländereien der wenigen Besitzenden auf der einen Seite und die Heerscharen von mittellosen, in Not und Elend lebender Tagelöhner auf der anderen Seite erfordern geradezu zwingend einen gerechten Ausgleich dieser ungerechten Besitzverhältnisse - auch zu Lasten der bisherigen Eigentümer!

 

3.   Lohngerechtigkeit als Bedingung für menschenwürdiges Leben

Aus dem voranstehend erarbeiteten Recht auf Eigentum ergibt sich zwangsläufig die Forderung nach Lohngerechtigkeit, denn „an erster Stelle steht dem Arbeiter ein ausreichender Lohn zu für seinen und seiner Familie Lebensunterhalt" (QA 71). Oder sehr plakativ ausgedrückt: Was nützt es einem Betroffenem, wenn ihm versichert wird, dass er das Recht auf Eigentum hat, dieses Recht aber nicht ausüben kann, da er zu wenig verdient, um sich Eigentum zu erwerben. Die christliche Gesellschaftslehre tritt vor allem deshalb für Lohngerechtigkeit ein, weil jeder Mensch das Recht nicht nur auf Leben, sondern auch auf ein menschenwürdiges Leben hat. Deshalb heißt es einen Arbeiter zu vergewaltigen und sich gegen dessen Personwürde zu versündigen, wenn man ihm den gerechten Lohn vorenthält. Pius XII. sagte in seiner Enzyklika Quadragesimo anno dazu: „Jedem soll also sein Anteil zukommen; im Ergebnis muss die Verteilung der Erdengüter ... wieder mit den Forderungen des Gemeinwohls bzw. der Gemeinwohlgerechtigkeit in Übereinstimmung gebracht werden" (QA 58). Diese Aussage in Quadragesimo anno war aber nicht die erste Verlautbarung zu dieser Thematik, denn bereits im August 1900 hatten die deutschen Bischöfe in ihrer Fuldaer Pastorale geschrieben: „Die Lohnbewegungen berühren die Interessen aller auf das Tiefste; es kommen dabei die Pflichten des Arbeiters gegen sich selbst, gegen die Familie, gegen die Mitarbeiter, gegen die Arbeitgeber, gegen die Gesellschaft, gegen den Staat in Frage."  Es lässt sich also zunächst folgende Aussage treffen: Nur wenn der Lohn hoch genug ist, kann man sich Eigentum verschaffen. Wenn der Lohn - wie es die Auffassung des Wirtschaftsliberalismus, den Lohn durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage sich regeln zu lassen, bewirken würde - am oder unter dem Existenzminimum liegt, dann kann und darf man nicht mehr von einem menschenwürdigen Leben sprechen, die Lohngerechtigkeit ergibt sich also auch aus der unveräußerlichen Würde des Menschen. Schon von daher ist es also „geboten, dem Arbeiter einen Lohn zu zahlen, der für ihn selbst zu einem menschenwürdigen Leben ausreicht und ihm ermöglicht, die Familienlasten zu bestreiten" (MM 71). Hier ist bereits etwas sehr Wesentliches angesprochen: der Lohn soll für die Familie des Arbeiters ausreichen, er „muss ausreichend sein, um den Arbeiter und seine Familie zu erhalten" (CA 8.2). Oswald von Nell-Breuning, auf den die Enzyklika Quadragesimo anno in großen Teilen zurückgeht, spricht in diesem Zusammenhang vom so genannten Lebens- bzw. Familienlohn, d.h. „an erster Stelle steht dem Arbeiter ein ausreichender Lohn zu für seinen und seiner Familie Lebensunterhalt."  Und es muss leider festgestellt werden, dass diese Grundforderung auch heute, über 60 Jahre nach Quadragesimo anno noch nicht überall auf der Welt erfüllt ist. Auch noch Johannes Paul II. musste in Laborem exercens diesen „Familienlohn" anmahnen: „Die gerechte Entlohnung für die Arbeit eines Erwachsenen, der Verantwortung für eine Familie trägt, muss dafür ausreichen, eine Familie zu gründen, angemessen zu unterhalten und ihr Fortkommen zu sichern" (LE 19). Die theologische Begründung für diese Forderung nach einem so genannten „Familienlohn“ lässt sich der Heiligen Schrift direkt entnehmen. Das Matthäusevangelium berichtet uns von einem Gleichnis Jesu (vgl. Mt 20,1-16): Dort lässt der Besitzer eines Weinberges allen seinen Arbeitern -   gleichgültig, ob sie nun nur eine Stunde oder den ganzen Tag gearbeitet haben  -  den gleichen Lohn auszahlen - jeder Arbeiter erhält einen Denar. Ein Denar aber war zur damaligen Zeit der Betrag, den man brauchte, um für sich und seine Familie das Lebensnotwendige für einen Tag zu besorgen.

Was können wir also diesem Gleichnis entnehmen? Jede Arbeit hat zumindest so bezahlt zu werden, dass damit das Leben und Überleben des Arbeitenden und seiner Familie gewährleistet ist. Mit anderen Worten: Das Existenzminimum der Familie des arbeitenden Menschen muss als die Untergrenze jeder Lohnvereinbarung anerkannt sein. Und noch etwas gibt es zu bedenken: Der Lohn muss nicht nur so bemessen sein, dass er für den Lebensunterhalt des Arbeiters und seiner Familie ausreicht, er sollte darüber hinaus den Arbeiter auch in die Lage versetzen, Rücklagen bilden zu können. Hier geht es um die Sparfähigkeit und Sparwilligkeit des Arbeitnehmers. Joseph Kardinal Höffner bringt diese Thematik auf den Punkt, wenn er schreibt: „Sparfähig ist ein Arbeitnehmer, wenn sein Einkommen so hoch ist, dass ihm nach Deckung des Bedarfs seiner Familie noch ein Rest bleibt, den er sparen ... kann."  Und hier sind sowohl der Staat als auch die Gesellschaft gefordert, denn - mit den Worten Johannes Paul II. gesprochen - Aufgabe von Staat und Wirtschaft ist es, „für ein angemessenes Lohnniveau ..., das den Arbeiter und seiner Familie den Unterhalt sichert und die Möglichkeit zum Sparen erlaubt", zu sorgen (CA 15.3).

Ein weiterer Problempunkt wäre hier noch kurz anzusprechen: Es genügt nicht, den Menschen die Möglichkeit zu geben, etwas zu sparen, es muss dann auch dafür gesorgt sein, dass seine Ersparnisse ihm auch nützen. Oder anders ausgedrückt: Was nützt mir nun aber der höchste Verdienst und das dickste Bankkonto, wenn ich nicht die Möglichkeit habe, mir etwas dafür zu kaufen, weil das, was ich haben möchte, nicht erhältlich ist? Die Spielarten des Sozialismus und Kommunismus im ehemaligen kommunistischen Machtbereich haben uns ja vor Augen geführt, wie unerquicklich und unschön derartige Situationen waren. Mit Johannes XXIII. gesprochen genügt es deshalb nicht, „dem Menschen das Recht auf das Lebensnotwendige zuzugestehen, wenn man nicht auch nach Kräften dahin wirkt, dass ihm auch das, was zum Lebensunterhalt gehört, in genügendem Maße zur Verfügung steht."  Damit ist der Wirtschaft die Aufgabe gestellt, die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen und sie zu befriedigen. Gleichzeitig aber wird damit auch das Recht auf gerechten Lohn durch das Recht auf Arbeit ergänzt, welches in diesem Fall aber auch eine Verpflichtung beinhaltet: Die Pflicht, seine Arbeit gewissenhaft und ordentlich zu erfüllen. Es sei noch angemerkt, dass hier auch eine angemessene Geld- und Zinspolitik des Staates und der Banken und Sparkassen anzumahnen ist. Joseph Kardinal Höffner sprach in diesem Zusammenhang von Sparfähigkeit und Sparwilligkeit.  Sparwillig ist ein Mensch aber nur dann, wenn er nicht befürchten muss, dass sein Geld zusehends an Kaufkraft verliert. Deshalb ist unbedingt einzufordern, dass die Sparzinsen über der Inflationsrate liegen. Andererseits aber darf dem Geldmarkt auch nicht zuviel an Substanz entzogen werden, weil sonst die - für die Wirtschaft unverzichtbaren und lebenswichtigen - Investitionen ausbleiben. Es muss also in Zusammenarbeit zwischen Staat und Geldinstituten das rechte Maß an Steuerung des Geldmarktes gefunden und praktiziert werden.

Der Wirtschaft ist also - so stellten wir fest - die Aufgabe gestellt, die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen und sie zu befriedigen - und von hierher führt sich einmal mehr die Planwirtschaft des so genannten „real existierenden Sozialismus" ad absurdum, denn selbst in der ehemaligen Sowjetunion waren mehr als 70 Jahre kommunistischer Planwirtschaft nicht in der Lage, die Bedürfnisse der Bewohner zu befriedigen. Nicht umsonst sprach man auch gerne von der sozialistischen Mangelwirtschaft. Erinnern wir uns kurz an das zurück, was wir zur Industrialisierung gesagt hatten: Da der Arbeiter über nichts anderes verfügt als seine Arbeitskraft, um für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, wandte sich bereits Leo XIII. in seiner Enzyklika Rerum novarum entschieden gegen die Bestrebungen des Wirtschaftsliberalismus, auch die Löhne sich durch Angebot und Nachfrage regeln zu lassen, denn dadurch würden (wegen des großen Angebots an Arbeitskräften) die Löhne meist am oder unter dem Existenzminimum liegen.  Diese Erscheinung ist für unsere Gesellschaft natürlich nicht mehr gegeben, denn heute sorgen staatliche Gesetze und die Tarifverhandlungen dafür, dass die Löhne nicht unter das Existenzminimum fallen. Nicht im Blickfeld der Menschen ist dabei aber ein Arbeitsmarkt, der ebenfalls geeignet ist, die Volkswirtschaft zu schädigen: In grenznahen Gebieten zum ehemaligen Ostblock trifft man auf immer mehr Arbeitskräfte, die z.B. aus Polen, der Slowakei oder Tschechien täglich in die Bundesrepublik einreisen, um hier zu arbeiten. Dagegen wäre ja noch nichts zu sagen, aber diese Arbeitskräfte werden oft zu Billigstlöhnen und ohne dass die Arbeitgeber es für nötig erachten, die erforderlichen Beiträge zur Sozialversicherung abzuführen, beschäftigt. Und von hierher ist entschieden gegen diese Praxis aufzutreten, denn dieser „graue Arbeitsmarkt" schädigt die Volkswirtschaft auf zweifache Weise, nämlich einerseits dadurch, dass (besonders in den neuen Bundesländern dringend benötigte) Arbeitsplätze deutschen Arbeitslosen vorenthalten werden, und andererseits dadurch, dass für die von diesen Arbeitskräften erbrachte Arbeitsleistung keine oder nur geringe Sozialabgaben in die (ohnehin leeren) Staatskassen fließen.

Was nun aber für die westliche Welt nur eine Ausnahmeerscheinung darstellt, ist hingegen in Ländern der so genannten „Dritten Welt" durchaus an der Tagesordnung. Man kann mit Johannes Paul II. sagen, dass zu viele Menschen auf dieser Welt unter Bedingungen leben müssen, „wo der Kampf um das Notwendigste den absoluten Vorrang hat. Dort herrschen noch die Regeln des Kapitalismus der Gründerzeit mit einer Erbarmungslosigkeit, die jener der finstersten Jahre der ersten Industrialisierungsphase in nichts nachsteht. ... In solchen Fällen kann man noch heute wie zur Zeit von Rerum novarum von einer unmenschlichen Ausbeutung sprechen" (CA 33.2). Zur Illustration obiger Thematik seien einige Zahlen aus der Bundesrepublik Deutschland angeführt: Anfang 1996 lebten in der Bundesrepublik etwa 2,52 Millionen Empfänger von Sozialhilfe, das sind 3,1% der Bevölkerung. Das statistische Bundesamt beziffert dabei den Anstieg der Sozialhilfeempfänger auf 9,1% gegenüber 1994. Der Hauptgrund, warum Menschen Sozialhilfe beziehen ist dabei die Arbeitslosigkeit (in den alten Bundesländern 34,8%, in den neuen Bundesländern 62,9% der Antragsteller).  Und darüber hinaus kann festgehalten werden, dass die Anzahl der Familien mit drei oder mehr Kindern, die ebenfalls auf Sozialhilfe angewiesen sind, kontinuierlich ansteigt: Zu Beginn des Jahres 1996 traf dies auf jede elfte Familie dieser Gruppe zu. In diesem Zusammenhang muss wohl Norbert Greinacher zugestimmt werden, der - von derartigen Zahlen ausgehend - zu folgender Schlussfolgerung kommt: „Nimmt man diejenigen hinzu, die aus Scham oder Unwissenheit keine Sozialhilfe beantragen, die aus der Arbeitslosenhilfe herausgefallen sind oder deren Einkommen ... unter den Sätzen der Sozialhilfe liegen, darf man wohl schlussfolgern, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung ... strukturell arm sind." Stimmt Greinachers Analyse, so müsste man schlussfolgern, dass allein in der Bundesrepublik Deutschland 8 bis 8,5 Millionen Menschen (also etwa 10% der Bevölkerung) als „arm" zu bezeichnen sind.  Und es stimmt ja auch: Für viele - ja, allzu viele! - ist die Sozialhilfe mittlerweile zur Regelversorgung geworden: für Behinderte, Flüchtlinge, Alte, Pflegebedürftige, Langzeitarbeitslose. Und wenn nun gar - wie geplant ist - die zeitliche Begrenzung der Arbeitslosenhilfe noch weiter nach unten gesenkt werden soll, werden wohl noch einige Hunderttausende Sozialhilfeempfänger zu den bereits 2,52 Millionen hinzukommen. Hier gilt es zunächst zwei Fragen zu stellen, eine rein materielle und eine zutiefst menschliche Frage: Kann die zu erwartende Kostenexplosion in diesem Bereich der Staatsaufgaben abgefangen werden? Und kann sich jemand, der noch nie in diese Situation gekommen ist, vorstellen, wie inhuman, ja menschenverachtend zuweilen (und will man den entsprechenden Berichten glauben, geschieht das öfter als man glaubt) mit den Antragstellern umgegangen wird? Wäre es nicht sinnvoller, sich hier konkrete Maßnahmen zur Arbeitsplatzbeschaffung zu überlegen, statt - wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten nur geschehen - am Symptom zu kurieren? 

Aber es gilt bei aller Betonung des Rechts auf einen gerechten und angemessenen Lohn zum Abschluss dieser Thematik auch deutlich zu warnen: Lohnsteigerungen, die der Wirtschaft Schaden zufügen, sind auch nach den Aussagen der katholischen Soziallehre nicht gerechtfertigt! Mit anderen Worten: Auch die Tarifverhandlungen müssen sich am gesamtwirtschaftlich Möglichen - in der Terminologie der christlichen Gesellschaftslehre: am Gemeinwohl - orientieren, d.h. „man muss darauf achten, zwischen dem Arbeitslohn und der verfügbaren Gütermenge ein Verhältnis zu wahren, das Rücksicht nimmt sowohl auf das volkswirtschaftliche als auch auf das gesamtmenschheitliche Gemeinwohl" (MM 78), denn „die Forderung übertriebener Löhne, die zum Zusammenbruch des Unternehmens ... führen müssten" (QA 72) ist abzulehnen.

 

V.    Koalitionsrecht und Solidarität

1.  Das Solidaritätsprinzip - Regelung menschlichen Zusammenlebens zugunsten aller:

1.1.      Individuum und Gemeinschaft: Spannungspunkte im zwischenmenschlichen Miteinander

Wir haben bisher festgestellt, dass es im wesentlichen zwei wichtige Punkte im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben zu beachten gibt, nämlich, „dass Menschen aufgrund ihrer gleichen Würde zusammengehören und dass Menschen zur Bewältigung ihrer Probleme zusammenstehen müssen."  Mit anderen Worten: Jeder Mensch ist von Natur aus auf den anderen angewiesen und verwirklicht sein Menschsein in dieser Gemeinschaftsbezogenheit ebenso, wie jede Gemeinschaft auf die Lebendigkeit ihrer Mitglieder und auf die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinschaften angewiesen ist. Und hier ist das Solidaritätsprinzip - eines der vier Hauptprinzipien der katholischen Soziallehre - angesprochen, denn dieses Prinzip „befasst sich mit den Bezügen zwischen Person und Gesellschaft." Aber dieses eben angesprochene Verhältnis lässt sich nicht immer spannungsfrei definieren, denn einerseits hat der Mensch „als soziales Wesen Aufgaben und Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft ..., wie andererseits die Gemeinschaft Pflichten dem Einzelnen gegenüber hat."  Diese beiden Problemkreise stehen also in Konkurrenz zueinander und deshalb gilt es immer zu beachten, dass die Anwendung dieses Prinzips durchaus auch Konflikte verursachen kann.

Im konkreten Zusammenhang von Solidaritätsprinzip und dem Recht auf Arbeit ergeben sich im wesentlichen zwei Konfliktpunkte, nämlich: Wie kann das Recht auf Arbeit, welches ja jedem Menschen zugesprochen ist, durch eine solidarische Beschäftigungspolitik gestützt und gewahrt werden einerseits, und welche Konflikte ergeben sich zwangsläufig aus der Kombination von Solidaritätsprinzip und Recht auf Arbeit auf der anderen Seite? Doch bevor wir uns oben angesprochenen Problempunkten widmen, ist zu fragen, was unter diesem Grundprinzip der Solidarität eigentlich zu verstehen ist. Solidarität kann zunächst einmal biblisch-theologisch als konkrete Ausfaltung und direkter Ausfluss des Gebots der Nächstenliebe definiert werden: Das Gebot „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ (Lev 19,18; vgl. Mt 19,19) besagt, dass man zunächst sich selbst annehmen muss und dann auf den anderen, den Mitmenschen zugehen soll. Dies erfordert Zivilcourage, Mut und Selbstkritik. Von den ersten Christen wurde gesagt: „Seht, wie sie einander lieben!“. D.h. also, sie setzten einen neuen Maßstab im zwischenmenschlichen Zusammenleben, im Umgang miteinander in die Tat um. Zu den gewohnten Spielarten der Nächstenliebe, d.h. auf Kinder, Alte, Behinderte, Kranke zuzugehen und sich ihnen zuzuwenden, ist aber heute noch eine andere Art der Konkretisierung der christlichen Nächstenliebe getreten: Die Solidarität als eine neue Qualität der Nächstenliebe. Solidarität ist also noch etwas mehr, als Arme, Alte und Kranke zu respektieren und mit ihnen Mitleid zu haben - Solidarität heißt aktiv werden, Partei ergreifen, sich einsetzen, denen beistehen, die um Menschenwürde und Gerechtigkeit ringen. Solidarität ist dabei aber auch mehr als das Teilen des Überflusses mit denen, die wenig oder nichts haben: „Solidarität ... ist nicht ein anderes Wort für Caritas, sondern erwächst aus der ... Sozialnatur des Menschen. Solidarität und Nächstenliebe stehen ... in einem verwandtschaftlichen Verhältnis.“  Solidarität drückt sich darin aus, dass ich unschuldig Inhaftierten zur Seite stehe, schutzlosen Hinterbliebenen von Gewalt und Krieg helfe, staatliche Willkür und Rechtsbruch anprangere, Diktatoren oder Tyrannen dann die Stirn biete, wenn sie gegen das Evangelium oder gegen die Menschenrechte handeln. Solidarität bedeutet darüber hinaus aber auch, dass man abkommt vom Grundsatz der „Vertröstung auf später“, bzw. der „Vertröstung auf das Jenseits“, denn die christliche Gesellschaftslehre sieht ihre Zielsetzung und ihre Sinnerfüllung im Diesseits , wobei sie ihren Antrieb und ihren Elan aus dem christlichen Glauben und der christlichen Liebe schöpft. Hier muss nun kurz darauf eingegangen werden, welche Gewichtung und welchen eventuellen Vorrang die vier Grundprinzipien der katholischen Soziallehre, also Personalität, Gemeinwohl, Subsidiarität und Solidarität, haben. Im Anschluss an Gustav Ermecke sollen deshalb diese vier Prinzipien folgendermaßen charakterisiert werden: Das Personalitätsprinzip steht an der Spitze, denn es ist die Grundlage aller menschlicher Kommunikation und allen menschlichen Zusammenlebens.  Darauf baut das Gemeinwohlprinzip auf, denn die Gemeinschaft besteht ja aus einzelnen Individuen (Personen), d.h. das Gemeinwohl muss der Gemeinschaft dienen.  Und zur Sicherung des Gemeinwohls bedient man sich dann der beiden Prinzipien der Solidarität und Subsidiarität, denn mittels dieser Prinzipien kann eine Gemeinschaft von Personen (Gesellschaft) ihre berechtigten Bedürfnisse und Forderungen durchsetzen, wahren und befriedigen.

Doch nun direkt zum Solidaritätsprinzip. Wenn wir davon sprechen, dass wir uns mit jemandem solidarisieren, so meinen wir damit, dass wir ihm zur Seite stehen, dass wir von den Problemen des anderen betroffen sind und diese gemeinsam mit ihm lösen wollen. Im Anschluss an Konrad Hilpert lassen sich drei Grundverständnisse von Solidarität erarbeiten, nämlich

1.         Solidarität als Handlungsanweisung, d.h. das Solidaritätsprinzip „zielt ... auf gemeinsames Agieren ab: Grundlage ist das Bewusstsein gleicher Interessen von Subjekten, die als einzelne zu wenig Macht haben, die eigene soziale Lage zu verändern." 

2.         ist Solidarität als Identifizierung  mit den Schwachen unter gleichzeitigem Einsatz zugunsten einer Verbesserung von deren Lebensverhältnissen zu sehen und

3.         kann Solidarität als anthropologisch fundierende Verhaltensweise betrachtet werden, d.h. die Solidarität erwächst aus der anthropologischen Grundhaltung von menschlicher und gesellschaftlicher Verbundenheit mit dem anderen.

Als wesentliche Grundrichtung dieser drei Interpretationen kann man darauf abheben, dass jede dieser drei Interpretationsmöglichkeiten auf dem Wissen um eine - wie auch immer geartete - Gemeinsamkeit beruht und das Handeln zum Wohle anderer zum Ziel hat. Solidarisch sein ist also eine Ausdrucksweise für „die Entschlossenheit, einander Schutz zu gewähren durch Einstehen aller und gemeinsam mit anderen Betroffenen derselben sozialen Gruppe Macht auszuüben."  In der katholischen Soziallehre besagt das Solidaritätsprinzip demzufolge, „wechselseitiges Verbundensein und Verpflichtetsein. ... Weil der Mensch seinem Wesen nach Person und ... auf die Gesellschaft bezogen ist, beruht das Bauprinzip der Gesellschaft 'auf einem ursprünglichen und eigentümlichen Beziehungs- und Verbundenheitsverhältnis' von Mensch und Gesellschaft."

Die menschliche Person - so stellten wir bereits weiter oben fest - ist ihrem Wesen nach auf Gemeinschaft hin angelegt, denn außer der Verwirklichung seines Personseins hat der Mensch auch die Aufgabe, bestimmte, nur im Miteinander zu verwirklichende Wertvorstellungen durchzusetzen. Diese so genannte Sozialnatur des Menschen ist die Basis für das Solidaritätsprinzip. Diese Verpflichtung zur Verwirklichung höherer und gemeinschaftsbezogener Werte bedingt dabei ein Zweifaches, nämlich die Mitverantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft („Einer für alle"), d.h. Einsatz für das Gesellschaftsganze und das Gemeinwohl, und die Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber dem einzelnen und seinem Person-Sein ("Alle für einen"). Mit anderen Worten: Versagt der einzelne, kann er - aus welchen Gründen auch immer - seine Aufgaben nicht mehr erfüllen, so tritt die Solidargemeinschaft für ihn ein. An letztgenannter Stelle greift natürlich auch das Subsidiaritätsprinzip, und diese Handlungsweise ist heute wichtiger denn je, denn in unserer komplexen und hoch technisierten Welt ist der Einzelmensch in den seltensten Fällen in der Lage, alle ihn betreffenden Aufgaben und Probleme wirklich ohne Hilfe von außen zu erfüllen. Man denke nur an die Kindererziehung (Kindergärten, Schulen), das Gesundheitswesen o.ä. - hier ist das Solidaritätsprinzip gefragt, aber leider ist gleichzeitig mit der wachsenden Bedeutung des Einstehens für andere, also der Hilfe durch die Solidargemeinschaft zu konstatieren, dass die Bereitschaft sich zu solidarisieren, d.h. sich auch für die Belange des Mitmenschen einzusetzen, immer geringer wird. Die am weitesten verbreitete Art von Solidarität, wie sie heute geübt wird, ist dabei das „Almosengeben", das Spenden für Misereor, Adveniat, Brot für die Welt, Caritas oder sonstige gemeinnützige Verbände. Dies ist die einfachste und für den einzelnen ungefährlichste und „leichteste“ Art, sich solidarisch zu zeigen. Dabei ist aber festzuhalten, dass diese Art von Solidaritätserweis nicht genügt, denn „so notwendig und begrüßenswert diese Art von Solidarität ist, so muss doch gefragt werden, ob sie zur ... Bewältigung des weltweiten Elends beitragen kann."  Nach Meinung des Verfassers müsste diese Art von Solidarität durch aktives Handeln - immer im Bereich des persönlich Möglichen und Machbaren - unterstützt werden. Und in diesem Bereich kann jeder Mensch seinen individuellen Beitrag und seine ganz spezielle Art des Übens von Solidarität herausfinden und verwirklichen. 

Das Solidaritätsprinzip dient also der Regelung des Zusammenspiels der einzelnen Glieder der Gesellschaft zugunsten des Gemeinwohls. Wolfgang Ockenfels drückt es in einem Bildwort aus, wenn er sagt, dass Solidarität bedeutet, dass jeder einzelne für das Wohl des anderen mitverantwortlich ist. „Bildhaft ausgedrückt: Wir sitzen alle in einem Boot, also einer für alle, alle für einen."  Das Prinzip der Solidarität hat deshalb eine ungemein wichtige Bedeutung für die Menschheit, denn es gibt in unserer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft nur allzu viele Aufgaben, die nur gemeinsam erledigt werden können, weil sie die Kräfte und das Vermögen des einzelnen überschreiten. 

Der Begriff der Solidarität - so haben wir festgestellt - kann also unter anderem in dem Bedeutungszusammenhang verwendet werden, dass er die Zusammenarbeit der Menschen untereinander, um ihre Ziele zu erreichen, bedeutet. Dies gilt dann aber nicht nur im nationalen sondern auch im internationalen Bereich, d.h. nicht nur zwischen den einzelnen Menschen, sondern auch zwischen den Nationen und Rassen, denn die Forderung nach Gerechtigkeit und nach menschenwürdigen Bedingungen für jeden Menschen muss auch im internationalen Zusammenleben Gültigkeit besitzen. Es ist nämlich festzustellen, dass nationale Konflikte und Probleme (besonders in den Entwicklungsländern) ihre Rückwirkungen auf das Weltganze haben, denn „die sprunghafte Erweiterung der Handlungsspielräume und die internationalen Verflechtungen haben in jüngerer Zeit soziale Ungleichheit immer stärker auch zu einem weltweiten Problem gemacht."  Und deshalb kann Joseph Kardinal Höffner vollinhaltlich zugestimmt werden, wenn er schreibt: „Angesichts des Elends in den Entwicklungsländern ist es ein Gebot der gesamtmenschlichen Gemeinwohlgerechtigkeit, den Not leidenden Völkern tatkräftig zu Hilfe zu kommen. Die hungernden Völker erwarten vor allem von den Christen ein Zeichen."  Wir stellten bereits fest, dass es bei der Anwendung des Solidaritätsprinzips zur Lösung gemeinsamer Aufgaben gilt, auch das Subsidiaritätsprinzip zu beachten. Dieses Grundprinzip der katholischen Soziallehre kann auch als Funktionsprinzip oder Zuständigkeitsprinzip bezeichnet werden, denn in allen Fällen in denen zu erledigende Aufgaben heranstehen ist zunächst zu fragen „Wer ist dafür zuständig?", d.h. es ist abzugrenzen, welche Gruppe der Gesellschaft im jeweiligen Zusammenhang vorrangig Handlungsbedarf hat. Als zweiten Schritt gilt es dann immer das Person-Sein des Menschen, sein Selbstwertgefühl, sein Verantwortungsbewusstsein und sein Können zu beachten. Und schließlich werden mittels des Subsidiaritätsprinzips die Bedingungen geschaffen, damit jeder Mensch sich sinnvoll betätigen und die ihm zustehenden Aufgaben zur Zufriedenheit aller erfüllen kann. Wird dabei der eigentlich zuständigen Instanz von der übergeordneten Instanz die Kompetenz zur Lösung der anstehenden Aufgaben genommen, so widerspricht dies dem Subsidiaritätsprinzip und führt zu Unwillen, Unmut und dem Gefühl der „Überbevormundung" (Lothar Schneider), d.h. der Einsatzwille für die Gemeinschaft erlahmt als Folge dieser „Überbevormundung“. Gleichzeitig aber wird dadurch auch der Sinn und Zweck des Subsidiaritätsprinzips ausgehöhlt: Dieses Grundprinzip soll sich beispielsweise gegen die - heute mehr denn je bemerkbare - Tendenz, immer mehr Aufgaben auf die nächsthöhere Ebene abzuschieben, stellen. Belegbar ist dieses Phänomen dadurch, indem man einmal unvoreingenommen darüber nachdenkt, was von ursprünglich auf deutlich niedrigerer Ebene angesiedelten Zuständigkeiten heute bereits zu den (institutionalisierten) Aufgaben staatlicher Gewalt gehört. Auch hier könnten wieder der Bereich der Kindererziehung, der Gesundheitsbereich u.ä. als Beispiele angeführt werden. Und hier liegt auch der Grund für den heute konstatierbaren Mangel an Solidaritätsgefühl und solidarischem Einstehen für andere: Viele Aufgaben, die jeder selbst im Zusammenwirken mit anderen angehen könnte, liegen bereits nicht mehr in seinem Zuständigkeitsbereich - der Einzelne wird vom Staat überbevormundet und gegängelt; seine aktiven Bemühungen und Beiträge zur Lösung anstehender Probleme werden - scheinbar - nicht mehr gebraucht oder gar abgelehnt.

Was haben wir also bisher erarbeitet? Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzip sind aufeinander bezogen und miteinander verbunden, und ihr Zusammenspiel basiert auf der Personalität des Menschen und dient der Gemeinschaft, d.h. dem Gemeinwohl.

 

Wie sieht also das Vorgehen aus, wenn die Grundprinzipien der katholischen Soziallehre Beachtung finden sollen? Im Anschluss an Johannes XXIII.  ist folgende Vorgehensweise zu fordern:

          Sehen: Wo sehe ich in der aktuellen Situation Handlungsbedarf?

          Urteilen: Was wäre zu tun, um die Situation zum Besseren zu wenden?

          Handeln: Wer ist in dieser Situation zuständig und kann der Zuständige diese Aufgabe auch meistern?

Besondere Beachtung verdient - besonders im Blick auf die europäischen Verhältnisse - das hier bereits mehrfach angesprochene Subsidiaritätsprinzip. Diesem Punkt nämlich gilt es im Rahmen der kommenden (und auch wünschenswerten) Einigung Europas besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Deshalb ist aus der Sicht der katholischen Soziallehre an die Verantwortlichen in der Politik vor allem eine Forderung zu stellen: Die Erhaltung und Beachtung des Prinzips der Subsidiarität im geeinten Europa - wobei der Begriff der „Subsidiarität" sehr weit gefasst werden muss, denn es ist doch gerade „die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der europäischen Staats- und Lebensordnungen, die von einem bürokratisch-zentralistischen Einheitsstaat Europa ... gefährdet werden können."  Es ist deshalb eine wichtige Aufgabe besonders der deutschen Politiker, sicherzustellen, dass die verschiedenen Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft nicht von der Zentrale in Brüssel vereinnahmt und „gleichgeschaltet" werden, d.h. dass der in der Bundesrepublik sich glänzend bewährte Föderalismus auch im kommenden geeinten Europa noch Überlebenschancen hat. Das geeinte Europa darf kein „Superstaat“ mit der entsprechenden Superbürokratie zentralistischer Prägung werden. D.h., dass die Europäische Union von Brüssel aus nur dann tätig werden darf, wenn die einzelnen Mitgliedsländer nicht in der Lage sind, aus eigenen Kräften die anstehenden Probleme zu bewältigen. Hier muss das Denken wieder mehr auf Subsidiarität hin ausgerichtet werden. Es ist zwar durchaus festzustellen, dass zumindest das Wort „Subsidiarität" den EG-Kommissaren und EG-Beamten nicht mehr fremd ist, gleichzeitig aber muss man auch konstatieren, dass dieser Begriff - besonders auch wegen seiner sprachlichen Unklarheit - eher zur Verungewisserung und Verunsicherung beiträgt, denn zur Sicherung der Rechte und Zuständigkeiten der untergeordneten Entscheidungsebenen gegenüber der Zentrale. Man vergleiche z.B., was unter „Subsidiarität" im juristischen Sprachgebrauch zu verstehen ist: Subsidiäres Recht ist nämlich ein Rechtsgrundsatz, der hinter anderen Rechtsgrundsätzen zurücktritt; Ähnlich verhält es sich nach Helmut Lecheler mit dem französischen Substantiv „Subsidiarité": Es meint ein hilfsweises Eingreifen bei Ausfall anderer Hilfsmittel oder Zuständigkeiten. So verstanden würde Subsidiarität aber gerade missverstanden, denn das Subsidiaritätsprinzip wäre dann nicht als Schutz der untergeordneten Lebensbereiche vor Übergriffen der übergeordneten Instanzen verstanden, sondern als außerordentliche Rechtsbefugnis untergeordneter Instanzen bei Ausfall der Zentralinstanz.  D.h.: Der Normalfall wäre hier, dass alles und jedes von oben her geregelt und bestimmt würde und erst bei Ausfall der Zentralinstanz dürften die untergeordneten Stellen in Eigenverantwortung tätig werden und diese Aufgaben in Angriff nehmen. Und oben Beschriebenes wäre eine totale Umkehrung der Zielrichtung des Subsidiaritätsprinzips, denn dessen eigentliche und wesentliche Zielsetzung ist doch die Abgrenzung der verschiedenen Einheiten in Staat und Gesellschaft und die Zuteilung der jeweiligen Aufgabenbereiche an die verschiedenen Ebenen von unten nach oben und nicht von oben nach unten! Ganz konkret ist subsidiäres Denken und Handeln in der Europäischen Union so zu verstehen: Europaweite Regelungen darüber, ob ein Haus nun einen oder fünf Meter von der Grundstücksgrenze entfernt stehen muss, sind so unnötig wie nur sonst etwas. Europaweite Regelungen zur Reinhaltung der Luft, zur Begrenzung der Schadstoffemissionen der Industrie und zur europaweiten Verbrechensbekämpfung (EUROPOL) sind dafür unbedingt nötig.

Doch nun - kurz über den europäischen Bereich hinausgehend - zurück zum Anspruch des Subsidiaritätsprinzips, es sei auf internationale Geltung angelegt. Bereits in seiner Enzyklika Pacem in terris hat Johannes XXIII. nämlich herausgestellt, dass das Subsidiaritätsprinzip nicht nur für den innerstaatlichen Bereich, sondern auch auf internationaler Ebene Gültigkeit besitzt, denn - so argumentiert er - „die gegenseitigen Beziehungen der Staaten müssen gemäß den Forderungen der Gerechtigkeit geregelt werden. Dies bedeutet, dass die beiderseitigen Rechte anerkannt und die gegenseitigen Pflichten erfüllt werden. ... Wie nämlich die Menschen in ihren privaten Angelegenheiten ihren eigenen Vorteil nicht zum ungerechten Schaden anderer suchen dürfen, so dürfen auch die Staaten nicht ... einen solchen Vorteil erstreben, durch den anderen Nationen Unrecht zugefügt oder sie ungerecht bedrückt würden" (PT 91f). Diese Ausweitung des Subsidiaritätsprinzips auf die Beziehungen zwischen den Nationen wurde seitdem immer wieder bestätigt und angemahnt. Doch jetzt von der internationalen Ebene wieder mehr auf die europäischen Verhältnisse blickend ist zunächst einmal folgendes festzuhalten: Im Zuge dieser Neuinterpretation wurde auch „im Bereich der katholischen Soziallehre ein auf die Freiheit und Würde des einzelnen gestütztes Politikmodell entwickelt, das ... eine beachtliche sozialgestaltende Kraft besitzt und das auch mit Gewinn in die Diskussion um die Gestaltung der Verfassung einer Europäischen Union eingebracht werden kann."  Die Politiker sind von daher aufgefordert, dem Subsidiaritätsprinzip im Verlauf des europäischen Einigungsprozesses europaweite Geltung zu verschaffen. Es gilt dafür zu sorgen, dass mittels dieses Grundprinzips gewährleistet wird, dass die Brüsseler Zentrale nur dann und nur soweit in innerstaatliche Kompetenzen eingreift, wenn die untergeordneten Instanzen (d.h. die Mitgliedstaaten der EG) die ihnen zustehenden Aufgaben nicht oder nicht wirksam genug erfüllen können.

 

1.2.      Das Zusammenspiel von Subsidiaritäts- und Solidaritätsprinzip

Zu beachten bleibt, dass es bei all dem oben zum Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzip Gesagtem nicht nur um eine Linderung der irgendwo aufgetretenen und erkannten Notlagen, d.h. um ein Kurieren am Symptom geht, sondern vor allem auch um Hilfe zur Selbsthilfe. Das aber bedeutet, dass mit dem Solidaritätsprinzip immer auch das Subsidiaritätsprinzip angesprochen ist und umgekehrt. Es gilt also immer im Auge zu behalten, dass diese beiden Grundprinzipien der katholischen Soziallehre aufeinander bezogen sind und aufeinander rückwirken. Schon die Bischofssynode von 1971 betonte deshalb, dass  „die internationale Solidarität ... eine Forderung der sittlichen Ordnung <sei, denn> sie verpflichtet nicht allein im Fall extremer Not, sondern auch für die Hilfe zu einer echten Entwicklung" (LibCon 91). Hier ist etwas sehr Wichtiges angesprochen: Subsidiarität, d.h. Hilfe zur Selbsthilfe, entwächst dem solidarischen Zusammenschluss der Menschen und hat wesenhaft mit Entwicklung zu tun, wobei Entwicklung als „Teilhabe an der gesamtmenschheitlichen Entwicklung zur einen Menschheitsfamilie in Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden"  verstanden werden muss. Mit anderen Worten: Im Subsidiaritätsprinzip liegt auch die Verpflichtung zu einer gerechten Entwicklungshilfe begründet. Oder in umgekehrter Relation: Auch die Entwicklungshilfe, welche ja Hilfe zur Selbsthilfe ist und durch das Solidaritätsprinzip initiiert wird, muss sich am Subsidiaritätsprinzip und dessen Erfordernissen orientieren. D.h. also, eine nach dem Subsidiaritätsprinzip sich richtende Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik erfordert Solidarität und diese Solidarität „muss über sich hinausgehen und auf das Wohl aller (Gemeinwohl) gerichtet sein. Wenn die Solidarität im Wesen des Menschen begründet ist, dann erstreckt sie sich grundsätzlich auf alle Menschen, unabhängig von ihrer Rasse."  Voranstehendes ganz konkret auf die Entwicklungshilfeproblematik bezogen kann mit Norbert Greinacher folgendes gesagt werden: „Erst wenn klar erkannt worden ist, dass die hemmungslose Ausrichtung des Weltwirtschaftsmarktes ... die Hauptursache dafür ist, dass 800 Mio. Menschen nicht über das Existenzminimum verfügen, ... erst dann wird es zu einer wirklich neuen und gerechteren Weltwirtschaftsordnung kommen."  Greinacher zieht aber auch die Konsequenzen aus dieser Misere und stellt fest, dass hier besonders die christlichen Kirchen gefordert sind: „So wichtig die Entwicklungshilfe ist, wichtiger ist die Einsicht, dass die Völker der Ersten Welt haben, was ihnen nicht gehört. ... Die Kirchen sind die Institutionen, die den Gedanken des Verzichtes einsichtig machen können. ... Die Kirchen dürfen nicht nachlassen, die schreiende Ungerechtigkeit der bestehenden Weltwirtschaftsordnung bloßzulegen und an die Gewissen der Menschen zu appellieren.“  Besonders drängend macht gerade dieses Problem die Tatsache, dass die unterentwickelten Länder, je mehr sie sich ihrer Unterentwicklung und ihrer Benachteiligungen in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht bewusst werden, umso mehr darauf drängen, dass diese ungerechten Strukturen beseitigt werden. Welch schier unermesslicher gesellschaftlicher und politischer Sprengstoff in dieser Problemstellung verborgen ist, sollte eigentlich jedem einsichtig sein - warum so viele sich sträuben, hier zu handeln, ist eine an und für sich unverständliche Sache. Anzustreben ist hier vor allem, dass das bisherige Entwicklungshilfekonzept reformiert wird, indem - wie Oswald von Nell-Breuning es formulierte - die Entwicklungshilfe „aus ihrer Verstrickung ...in das Getriebe politischer Eifersucht" gelöst wird.  Enrique Dussel bringt dies noch schärfer und pointierter zum Ausdruck, wenn er sagt: „Die angebliche Hilfe seitens des 'Kapitals' und der 'Technologie' ... brachte nicht 'Entwicklung', sondern führte zum Entstehen der 'transnationalen Konzerne', die den Entzug von Reichtum ... vermehrten."  Es ist einfach ein Gebot des internationalen Gemeinwohls, dass den unterentwickelten Völkern tatkräftige Hilfe zuteil wird und dass besonders gegen den Hunger Maßnahmen ergriffen werden. Um aber hier die nötigen Änderungen durchzusetzen, dazu braucht es als unabdingbare Voraussetzung das solidarische Zusammenstehen und die Zusammenarbeit der Menschen. 

Um es noch einmal zusammenzufassen: Die Grundprinzipien der katholischen Soziallehre - und hier besonders das Subsidiaritäts- und das Solidaritätsprinzip - müssen in der heutigen Welt unbedingt auf globaler Ebene gesehen und verwirklicht werden. Paul VI. formulierte in seiner Enzyklika Populorum progressio die Ausweitung des Solidaritätsprinzips auf die internationale Ebene folgendermaßen: „Der Überfluss der reichen Länder muss den ärmeren zustatten kommen. Die Regel, die einmal zugunsten der nächsten Angehörigen galt, muss heute auf die Gesamtheit der Weltnöte angewandt werden."  Entwicklungshilfe, wie sie Paul VI. hier versteht, ist - wir folgen hier der Argumentation Oswald von Nell-Breunings - dabei eindeutig mehr, „als das, woran wir denken, wenn wir von Entwicklungshilfe sprechen." Paul VI. sieht in ihr mehr als reine Geld- oder Sachleistungen, er will die so verstandene, alles zu einer gerechten Entwicklung Nötige umfassende Entwicklungshilfe „zu einem weltumspannenden Werk umfassender materieller, zivilisatorischer und kultureller Förderung aller Völker ausgebaut und ... vorangetrieben sehen."  Doch nun zu den oben angesprochenen Problemen im Zusammenspiel zwischen Solidaritätsprinzip und Recht auf Arbeit. Wir stellten eingangs bereits zwei Fragen, welche es nun zu beantworten gibt. Diese Fragen waren: Wie kann das Recht auf Arbeit, welches ja jedem Menschen zugesprochen ist, durch eine solidarische Beschäftigungspolitik gestützt und gewahrt werden und welche Konflikte ergeben sich aus der Kombination von Solidaritätsprinzip und Recht auf Arbeit?

 

1.3.      Wie kann das Recht auf Arbeit durch eine solidarische Beschäftigungspolitik gestützt und gewahrt werden?

Unseren bisherigen Erhebungen zufolge steht das Recht auf Arbeit jedem Menschen zu, d.h. Staat und Wirtschaft haben die Aufgabe, allen Menschen zu ermöglichen, sich derjenigen Arbeit zuzuwenden, die ihnen zusagt und die sie befriedigt. Und hier ist Solidarität unabdingbar - auch und gerade weil sie Opfer fordert. Mit Dietmar Mieth gesprochen: „Dass Solidarität Opfer verlangt ist ein bekanntes Schlagwort. ... Die Forderung nach Solidarität durch Selbstbegrenzung bezieht sich zunächst auf das forcierte Wachstum der Wirtschaft. ... Solidarität in der Arbeit sollte die Grenzen zwischen den arbeitenden Menschen reduzieren und nicht verstärken. ... Solidarität als Selbstbegrenzung verlangt, dass Interaktion und Kommunikation den Vorrang vor Leistung und Prestige erhalten."  Es ist also vorrangig dafür Sorge zu tragen, dass alle Menschen Arbeit haben. Dies kann aber z.B. in der heutigen Situation nur dadurch geschehen, dass diejenigen, die Arbeit haben, sich mit denjenigen, die arbeitslos sind, solidarisieren, d.h., dass sie beispielsweise bereit sind, auf einen gewissen Anteil ihres Lohnes zu verzichten, um dadurch die Arbeitsplätze für die neu einzustellenden Arbeitskräfte (mit-)zufinanzieren. Hier geht es sozusagen um die Kunst des Verzichten-Könnens zum Wohle aller. In unserem Zusammenhang äußert sich diese Kunst des „Verzichten-Könnens" in der Bereitschaft, auf etwas verzichten zu können und zu wollen, was zwar gesamtwirtschaftlich möglich, hier aber dem Gemeinwohl nützlicher ist, wenn man es nicht hat. Eine große und Opfer verlangende aber nichtsdestoweniger notwendige Forderung! Schon Oswald von Nell-Breuning sagte, dass die teuerste Art der Arbeitszeitverkürzung die Arbeitslosigkeit sei - und angesichts von rund 4,5 Millionen Arbeitslosen in der Bundesrepublik Deutschland (Stand Mai 2003) allein und der wachsenden Zahl von Menschen an der Armutsgrenze gibt es nach Meinung des Verfassers gar keine andere Möglichkeit, um einen Beitrag dazu zu leisten, dass einerseits die Volkswirtschaft gestützt und die Staatskasse entlastet wird und andererseits die vorhandenen Arbeitsplätze gesichert und bewahrt werden können. Und es sollte dabei auch nicht vergessen werden, dass es ein Gebot der christlichen Nächstenliebe ist, den Armen und Notleidenden zu helfen - und zwar nicht nur durch Almosen und karitatives Handeln, sondern vor allem durch andauernde und bleibende Verbesserung ihrer Situation. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Gib einem Hungrigen einen Fisch und er ist einen Tag satt; lerne ihm zu fischen und er ist sein Leben lang satt.“ Dieses Sprichwort sagt ganz deutlich, was not tut: Zwar muss ich zunächst dafür sorgen, dass der Mensch, der am Verhungern ist, etwas zu essen bekommt (ich gebe ihm einen Fisch) – das ergibt sich aus dem Solidaritätsprinzip. Aber ich darf bei diesem Schritt nicht stehen bleiben, sondern ich muss ihm – so verlangt es das Subsidiaritätsprinzip – Hilfe zur Selbsthilfe gewähren, d.h. ich muss ihn in die Lage versetzen, sich selbst helfen zu können und sich aus seiner Notlage zu befreien (ich lerne ihm das Fischen).

 

1.4.      Welche Konflikte ergeben sich aus der Kombination von Solidaritätsprinzip und Recht auf Arbeit?

Den Hauptkonfliktpunkt haben wir oben bereits angesprochen: Solidarität und Recht auf Arbeit stehen sich unvereinbar gegenüber, solange jeder glaubt, das Recht auf Arbeit gelte nur für ihn. Mit anderen Worten: Solange diejenigen, die Arbeit haben, nicht bereit sind, anzuerkennen, dass auch die Arbeitslosen ein Recht auf Arbeit haben, wird es keine Lösung der Arbeitslosigkeitsproblematik geben. Ein weiterer Konfliktpunkt ergibt sich aus der herrschenden Wirtschaftsphilosophie: Vorrangiges Ziel jeder wirtschaftlichen Aktivität ist die Absatzsteigerung und die Gewinnmaximierung. Diese Hintanstellung des Solidaritätsprinzips hinter das ökonomische Denken steht im Widerspruch zum Vorrang der Person und der Arbeit, und d.h. „die Trennung von Solidarität und ökonomischer Effizienz ... kann nur aufgehoben werden, wenn die Forderung der Priorität der Arbeit ... eingelöst werden kann. Solidarität mit dem Recht auf Arbeit setzt den Vorrang des ökonomischen Faktors Arbeit vor anderen ökonomischen Faktoren voraus."  Die Verantwortlichen in der Wirtschaft sind also aufgerufen, zu erkennen, dass die stete Steigerung des Profits auf Kosten der Arbeiter unmenschlich ist und an einer entscheidenden Grenze angelangt ist. Es muss auf das entschiedenste vor der immer größer werdenden Gefahr der „Konsumgesellschaft" gewarnt werden, denn „Produktion und Profit als Ziele des Erdenlebens schaffen Produkte und in der weiteren Folge das Bedürfnis nach neuen Produkten, indem sie jenen übermächtigen und vermassenden Mechanismus in Gang setzen, den man 'Konsumzwang' nennt."  Das menschliche Leben und die menschliche Arbeit sind aber nicht vorrangig auf Konsum, auf Gewinnmaximierung und Produktivitätssteigerung ausgelegt, sondern der Mensch arbeitet, um sich in seinem Personsein zu bestätigen und zu verwirklichen. Mit anderen Worten: Die Arbeit ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Arbeit. Es ist deshalb ein Verstoß gegen das Personalitätsprinzip, wenn ein Mensch nur noch als Produktionsfaktor gesehen wird - die wachsende Entfremdung des Arbeiters, die wachsende „Ich-arbeite-um-zu-essen-zu-haben"-Mentalität, das zunehmende Karrieredenken unter Hintansetzung aller wahrhaft menschlichen Bedürfnisse liegen hier begründet. Es gilt, den Teufelskreis von Bedürfnisweckung und Arbeit zur Deckung von (an und für sich unnötigen) Bedürfnissen zu durchbrechen und für eine Humanisierung der Arbeitswelt einzutreten.  Der Vorrang des Menschen vor der Arbeit und der Vorrang der Arbeit vor dem Kapital (vgl. Laborem exercens) muss deshalb deutlich herausgestellt und zur Grundlage eines gerechten und humanen Arbeitslebens werden.

Gegen die Würde des Menschen ist es auch - wir sprachen ja schon darüber -, wenn der Mensch nur als (vorläufig noch unersetzbarer) Produktionsfaktor, als Rädchen im Getriebe des Wirtschaftsablaufs gesehen wird. Ausbeutung und Zudiktierung von unmenschlichen und entwürdigenden Arbeitsbedingungen müssen aufhören. In der so genannten „Ersten" und „Zweiten Welt" ist oben angesprochenes (zumindest zum Teil) durch staatliche Gesetzgebung und die Gewerkschaften, welche hier mit angesprochen sind, bereits unterbunden, aber wie sieht es in der so genannten „Dritten Welt" aus? Hier lassen sich nämlich erschütternde Tatsachen feststellen: Die hoch industrialisierten Nationen Nordamerikas, Europas und Japans, das sind 1/4 der Weltbevölkerung, produzieren 4/5 des Welteinkommens. Gleichzeitig lebt rund eine Milliarde Menschen (1/5 der Menschheit) in extremer Armut bzw. ist am Verhungern.  Die hoch entwickelten Länder der Welt produzieren 90% aller industriellen Güter und 85% der Waffen. Forschungen auf allen Gebieten finden nur in den Staaten der so genannten „Ersten" und „Zweiten Welt" statt, welche 90% aller auf Erden produzierten Energie verbrauchen - und damit auch den Löwenanteil an Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung bewirken. Als Beispiel sei nur anhand des CO2-Ausstoßes des Jahres 1989 analysiert, wo die größten Industrieanlagen stehen, denn es ist ja ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Industrialisierungsstand und CO2-Emission feststellbar.

1989 verteilte sich der globale CO2-Ausstoß folgendermaßen:

USA                                                                           35,9%

Kanada und Westeuropa                                            23,1%

Osteuropa                                                                  14,8%

Japan, Australien, Neuseeland                                    7,8%

                                                                       --------------------------------

Summe:                                                                      81,6%

Ein Land wie China hingegen, in dem mehr als 20% der Weltbevölkerung leben, schlug in dieser Bilanz nur mit 1,6% zu Buche, und der gesamte afrikanische Kontinent kam nur auf einen Anteil von 3,5%!  Mit anderen Worten: 1/4 der Weltbevölkerung lebt in (zum Teil unvorstellbarem) Luxus auf Kosten der restlichen 3/4, welche in unbeschreiblicher Armut und unter menschenunwürdigen Bedingungen vegetieren müssen. Gerade hier muss umgedacht werden, bevor es zu spät dazu ist. Es müssen - man ist versucht zu sagen: endlich! - in den unterentwickelten Ländern die Bedingungen und Möglichkeiten geschaffen werden, die es ihnen gestatten eine eigene industrielle Produktion zur Deckung ihrer Bedürfnisse zu schaffen. Die so genannten Entwicklungsländer müssen endlich in die Lage versetzt werden, das, was sie brauchen entweder selbst zu produzieren oder es zu vernünftigen Preisen und annehmbaren Bedingungen von anderen Staaten zu erwerben. Es muss also sowohl national als auch international im Bemühen um wirtschaftliche Prosperität und um eine florierende Volkswirtschaft die Aufmerksamkeit mehr auf die Schaffung bzw. Erhaltung der sozialen Gerechtigkeit gerichtet werden.  Was ist dazu zu tun? Es müssen einerseits sinnvolle Programme zum Abbau der Arbeitslosigkeit gefunden werden, denn eine Zahl von rund 4,5 Millionen Arbeitslosen in der Bundesrepublik Deutschland (und etwa 20 Millionen sind es in der gesamten Europäischen Gemeinschaft) ist eine Belastung, die unsere Volkswirtschaft über kurz oder lang in die Knie zwingen wird, zumal Arbeitslosigkeit wohl die teuerste und unsinnigste Art von Arbeitszeitverkürzung ist.  Und die Bundesrepublik steht mit ihren Arbeitslosenzahlen noch gut da im Vergleich zu Ländern in der so genannten „Dritten Welt"! Weiter geht es in diesem Bereich aber auch um eine vernünftige Preis- und Lohnpolitik und um die Verhinderung ungerechtfertigt überhöhter Lohnforderungen von Seiten der Gewerkschaften.  Hier gilt es besonders darauf hinzuweisen, dass die Gewerkschaften sich - wie jede Institution - dem Gemeinwohl unterzuordnen haben. Mit anderen Worten: Der Allgemeinheit ist nicht damit gedient, dass diejenigen, die noch im Arbeitsprozess stehen, auf Kosten derer, die bereits arbeitslos geworden sind, noch besser verdienen; die vier Grundprinzipien der katholischen Soziallehre fordern, dass gerade auch für die Arbeitslosen von allen anderen ein Opfer gebracht wird. Es geht nicht an, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich zu fordern und womöglich mittels Streik durchzusetzen. Die Reduzierung der Arbeitszeit auf z.B. vier Tage in der Woche würde rein rechnerisch auf vier bestehende Arbeitsplätze einen neuen Arbeitsplatz entstehen lassen - dies gilt aber nur, wenn gleichzeitig mit dem Abbau der Wochenarbeitszeit auch der wöchentliche Verdienst anteilmäßig reduziert wird. Wenn die Gewerkschaften hier zwar den Abbau der Wochenarbeitszeit befürworten, gleichzeitig aber vollen Lohnausgleich einforderten, würde dies zwei schwerwiegende (und ungünstige) Auswirkungen haben, denn würde diese Vorgehensweise keinen einzigen neuen Arbeitsplatz schaffen, gleichzeitig aber würde dadurch die Wirtschaft und damit auch das Gemeinwohl auf das Schwerste geschädigt, denn dadurch würden die Produktionskosten noch mehr steigen und die Wettbewerbssituation unserer Volkswirtschaft noch mehr belastet werden. Es sei in diesem Zusammenhang einmal mehr daran erinnert, dass die Bundesrepublik Deutschland bei den Löhnen, Lohnneben- und  Produktionskosten sowieso schon an der Weltspitze liegt.

Noch viel zu wenig Beachtung findet in diesem Zusammenhang der menschliche Aspekt, d.h. dass es unmenschlich und entwürdigend für jeden Menschen ist, wenn er keine Arbeit hat. Es ist die vordringliche Aufgabe der Kirche und jedes einzelnen Christen, in diesem Streit anzumahnen,

1.         dass vor allem die Situation derer, die arbeitslos sind, Beachtung findet;

2.         dass das Recht jedes Menschen auf Arbeit durchgesetzt wird;

3.         dass jeder Mensch die Chance erhält, sich einerseits durch Arbeit zu verwirklichen (Personalitätsprinzip!) und andererseits sich und seine Familie durch seinen Verdienst zu versorgen.

Hier gilt es besonders darauf hinzuwirken, dass vor allem die Gewerkschaften, die sich ja als Interessensvertretungen der Arbeiterklasse verstehen, sich darauf besinnen, dass sie nicht nur die Vertreter derjenigen sind, die Arbeit haben - auch die Arbeitslosen sind Arbeiter!  In letzter Zeit musste zwangsläufig der Eindruck entstehen, als würden die Gewerkschaften ihre Aufgabe nur darin sehen, denjenigen, die Arbeit haben, weitere Lohnsteigerungen zu verschaffen. Leider kann den Gewerkschaften der Vorwurf nicht erspart werden, dass sie sich jeder Initiative zur Schaffung neuer Arbeitsplätze widersetzen, sobald dazu auch von den Betroffenen, d.h. den Arbeitern, ein solidarischer Beitrag verlangt wird - und das, obwohl 85% aller Deutschen der Meinung sind, es müsste mehr für die Arbeitslosen getan werden. Es sollte uns zu denken geben, dass gegenüber 58% im Jahre 1993 im Jahr 1995 nur noch 56% der Bundesbürger der Meinung waren, die wichtigste Aufgabe der Gewerkschaften sei die Aushandlung von Lohnerhöhungen (und dieser Prozentsatz sinkt weiter!), während 69% der Befragten der Meinung waren, dass die Gewerkschaftsfunktionäre nicht mehr wissen, was ihre Mitglieder wollen, und stattdessen übertriebene Lohnforderungen stellen. 

In der Bevölkerung ist also ein Umdenkungsprozess bereits im Gange - in den Gewerkschaften aber auch? Sollte den Gewerkschaftsfunktionären nicht die Tatsache zu denken geben, dass immer mehr Mitglieder ihren Interessenvertretungen den Rücken kehren - die meisten davon, weil sie ganz einfach unzufrieden sind und sich von den Gewerkschaften „verschaukelt“ oder gar verraten fühlen?

 

2.  Das Koalitionsrecht - Grundlage jedes Arbeitskampfes und Fundament der Gewerkschaften und der Arbeitervereine

Aus der Würde des Menschen, aus Selbstbestimmungsrecht und Freizügigkeit ergibt sich das unverzichtbare Grundrecht aller Menschen, sich zu versammeln, wann und wo sie wollen. Desgleichen darf es keinem Menschen verwehrt werden, Vereine oder Interessenvertretungen zu gründen oder ihnen beizutreten, um seine berechtigten Interessen durchsetzen zu können. Auch dieses Versammlungs- oder Koalitionsrecht ist bereits in Rerum Novarum begründet und anerkannt worden. Ebenso ergibt sich aus Menschenwürde, Selbstbestimmungsrecht und Versammlungsfreiheit des Menschen das Recht auf Freizügigkeit, d.h. jeder Mensch muss das Recht haben, dorthin zu gehen, wohin er will. Im Artikel 11 Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland heißt es deshalb: „Alle Deutschen genießen das Recht der Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet." Es würde zu weit führen, jetzt auf die einzelnen Problemkreise dieses Punktes einzugehen, aber um aufzuzeigen, wie aktuell diese Meinung der katholischen Soziallehre auch heute, 100 Jahre nach Rerum Novarum noch ist, sei auf die Ostblockstaaten hingewiesen. Dort war es bisher an der Tagesordnung, dass sowohl die Menschenwürde als auch das Selbstbestimmungsrecht der Menschen eingeschränkt und verletzt wurden.  Doch nun zurück zum Koalitionsrecht: Was sollen diese Interessenvertretungen, deren Gründung in Rerum novarum angeregt wird, eigentlich sein? Welchen Zwecken sollen sie dienen? Eine derartige „Vereinigung zur gegenseitigen Hilfe und Verteidigung" soll sich zum Ziel setzen, „die Lebensverhältnisse des Arbeiters zu heben" (Pius XII.). Mit Johannes XXIII. gesprochen sind „diese Vereinigungen und Körperschaften ... als überaus notwendige Instrumente zu betrachten, um die Würde und Freiheit in Hinblick auf die Wahrung ihrer Eigenverantwortlichkeit zu schützen" (PT 24).  Und hier lässt sich eine Entwicklung, eine sukzessive Öffnung und Ausweitung der Argumentation der katholischen Soziallehre konstatieren: Was mit Rerum novarum noch vorsichtig und tastend in Abgrenzung zu den hauptsächlich sozialistisch kontrollierten Gewerkschaften nur auf die katholischen Arbeitervereine bezogen wurde, wurde nach und nach um- bzw. neuinterpretiert - dies soll im folgenden aufgezeigt werden.

Der amerikanische Gewerkschaftsfunktionär Samuel Gompers umschrieb einmal die Aufgabe der Gewerkschaften mit folgenden Worten: „Die Frage: Was wollen die Gewerkschaften eigentlich? lässt sich in vier Buchstaben beantworten: Mehr!" Man kann Gompers - auch wenn er mit dieser Aussage wohl etwas übertrieben hat - nicht so einfach widersprechen, denn die heutige Situation lässt den Eindruck aufkommen, dass dies oft wirklich die einzige Zielsetzung der Gewerkschaften sei. Was nun die Sichtweise der Kirche von den Gewerkschaften betrifft, kann man sich der Äußerung Paul VI. zur 75-Jahr-Feier von Rerum novarum anschließen und sagen, dass die Kirche das Recht auf einen - auch gewerkschaftlichen - Zusammenschluss der Arbeiter anerkannt, verteidigt und auch gefördert hat. Zu den Zeiten Leo XIII. waren - wie bereits erwähnt - die Grenzen zwischen Arbeiterverein und Gewerkschaft noch fließend. Diese Feststellung belegt auch die Zielsetzung, die Rerum novarum den Arbeitervereinen gibt. Beide (heute scharf getrennte) Organisationsformen gingen oft übergangslos ineinander über. Zu beachten gilt, dass die „Amtskirche" ursprünglich den von Arbeitern gegründeten Interessenvertretungen nicht gerade wohlwollend gegenüberstand: Staat, Wirtschaft und Kirche hatten Angst vor den Arbeiterorganisationen. Mit der Zeit aber brach sich auch in der Kirche eine realistischere Sicht Bahn: Man erkannte, dass allein karitatives Handeln und die religiöse Betreuung der Arbeiterschaft nicht ausreichte, ihre zum Teil beklagenswerten Lebensbedingungen anhaltend zu bessern. Und so wurden - was Leo XIII. mit Rerum novarum schließlich anerkannte - Arbeiter- und Gesellenvereine (Kolping!), Genossenschaften (Raiffeisen/Lasalle) christliche Gewerkschaften, Gewerkvereine u.ä. zunächst geduldet, dann anerkannt und unterstützt. Die zunächst vorsichtig abwägende Behandlung dieses Themas durch Leo XIII. zeigt deutlich, dass die Kirche anfangs alles andere als glücklich über diese Entwicklung war, aber schließlich kam auch das kirchliche Lehramt nicht um die Einsicht herum, dass die einzige Möglichkeit zur Hebung der Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft in der (gewerkschaftlichen) Organisation und Solidarisierung der Arbeiter selbst bestand, denn „die Arbeiterbewegung entfaltete umfangreiche gewerkschaftliche und reformerische Aktivitäten. ... Sie befasste sich mit den täglichen Anliegen der Arbeiter, und hier traf sich ihr Bemühen oft mit dem der Christen, für die Arbeiter bessere Lebensbedingungen zu schaffen" (CA 16.1).

Es seien nun einige Worte angefügt, die das Verhältnis zwischen den so genannten „freien" (meist sozialistisch gesinnten) und den christlichen Gewerkschaften beleuchten. Aus der Konfrontation der christlichen und ihren Glauben auch praktizierenden Arbeiter mit den sozialistisch gesinnten oder sozialdemokratisch gesteuerten so genannten „freien" Gewerkschaften und ihrer christentums- und kirchenfeindlichen Agitation erwuchs der Ruf nach christlichen Gewerkschaften.  Die Vorstufe dazu waren die so genannten „Fachabteilungen" innerhalb der katholischen Arbeitervereine, wie sie Leo XIII. in seiner Enzyklika Rerum novarum vorstellte. Diese Vereine erhofften „zunächst Hilfe vom Staat und seiner Gesetzgebung. Trotzdem waren sie nicht gesonnen, vom Staat allein alles Heil zu erhoffen, wie der ... Sozialismus." Sie betonten „auf der einen Seite die Bedeutung der christlichen Weltanschauung für die Besserung der gesellschaftlichen Zustände ..., auf der anderen Seite verlangten sie vom Staat, dass er es als sittliche Pflicht erachte, ... eine Neuordnung der Arbeitsverhältnisse herzustellen."  Neben der antikirchlichen Agitation sozialistischer und sozialdemokratischer Gewerkschaften und ihrer parteipolitischen Orientierung gab es aber noch zwei weitere Gründe für die katholischen Arbeitnehmer, die so genannten „freien" Gewerkschaften zu meiden, nämlich der von ihnen propagierte Klassenkampf und Klassenhass und ihre Vermischung parteipolitischer Ziele mit wirtschaftlichen Erfordernissen. Schon 1908 wurde festgehalten, dass gerade diese „Verquickung sozialdemokratischer politischer Ziele mit der wirtschaftlichen Arbeit“ es war, welche „der gewerkschaftlichen Arbeit fort und fort neue Hindernisse" bereitete.  Und noch Johannes Paul II. betonte in seiner Enzyklika Centesimus annus: „Was am Klassenkampf verurteilt wird, ist die Auffassung eines Konfliktes, ... der sich weigert, die Personwürde im anderen (und damit die eigene) anzuerkennen; der ... nicht mehr das Gesamtwohl der Gesellschaft, vielmehr ausschließlich das Sonderinteresse einer Gruppe im Auge hat, das sich an die Stelle des Gemeinwohls setzt" (CA 14.2).

Doch nun zu den Arbeitervereinen, wie sie mit der Enzyklika Rerum novarum im Jahre 1891 grundgelegt wurden. Als Leitmotiv der katholischen Arbeitervereine kann ein Satz aus der Enzyklika Quadragesimo anno gelten. Dort heißt es: "Verheißungsvolle Anzeichen einer Erneuerung der Gesellschaft sind die Arbeiterverbände" (QA 140). Die Arbeitervereine werden also durchaus als positives und wesentliches Element einer christlichen Gesellschaftsordnung betrachtet. Darüber hinaus aber setzt dieser Satz den angesprochenen Vereinigungen auch ein hohes Ziel, nämlich die Erneuerung der Gesellschaft. Diese Arbeitervereine stehen also - in Analogie zur katholischen Soziallehre - auf zwei Säulen, nämlich

1.         der (weltlichen) Säule des Äußeren und

2.         der (religiös-geistlichen) Säule des Inneren.

Es ist aber schon hier festzuhalten, dass bereits nach der Darstellung in Rerum novarum die geistig-religiösen Ziele eindeutig überwiegen und das Hauptfundament dieser Vereine bilden. So schreibt z.B. Pius XI. im Jahre 1912 in seiner Enzyklika Singulari quadam:  „Was nun Vereinigungen von Arbeitern anlangt, so sind ... als bestgeeignete diejenigen anzusehen, die hauptsächlich auf der Grundlage der katholischen Religion aufgebaut sind und der Kirche als Führerin offen folgen."  An materiellen Zielen der Arbeitervereine erwähnt Rerum novarum v.a. die gegenseitige Unterstützung bei Krankheit, Unfall oder Tod - das sind Aufgaben, wie sie heute von Versicherungen wahrgenommen werden. Darüber hinaus sollen die Arbeitervereine sich einsetzen für Kinder- und Jugendschutz und für den Arbeiterschutz (sowohl in Bezug auf Arbeitszeit als auch Arbeitsbedingungen und Löhne) - das sind Aufgaben, wie sie heute vorwiegend Gewerkschaften und politische Parteien haben. Aber oben aufgeführtes ist noch nicht alles: Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Arbeitervereine ist, dass sich die im Verein organisierten Arbeiter gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite stehen sollen, also die Fort- und Weiterbildung (diese Aufgabe übernimmt heute das Arbeitsamt bzw. die Industrie- und Handwerkskammern oder der Arbeiter in Eigenverantwortung). Und diese Vereinigungen sollen den Arbeiter dazu anhalten und in die Lage versetzen, etwas von seinem Lohn zu sparen - also eine Funktion, die heute die Banken und der Staat übernommen haben (Beispiel: Arbeitnehmersparzulage und 936-Mark-Gesetz).  Besonders aber auf die "geistlichen" Aufgaben der Arbeitervereine legte Rerum novarum sehr viel Wert - wir erwähnten es bereits. Sie sollten beispielsweise

1.         den religiösen Unterricht der Arbeiter fördern,

2.         sie in den Pflichten gegenüber Gott und den Menschen unterweisen und

3.         darauf hinarbeiten, dass Frömmigkeit und Gottesdienst sowie die Feier der Sonn- und Feiertage beibehalten werden.

Gerade die letzte Zielsetzung aus der Zeit Leo XIII. ist auch heute noch hochaktuell; sie ist sogar - besonders wenn man die immer mehr zurückgehenden Zahlen der Gottesdienstbesucher betrachtet und die Bestrebungen der Industrie vor Augen hat, die den Sonntag immer mehr zum Arbeitstag degradieren will, nur um ihre Maschinen 100%ig ausnutzen zu können -  heute vielleicht noch wichtiger und unverzichtbarer geworden, als zur Zeit Leo XIII. Im Anschluss an Leo XIII. lassen sich die Aufgabenbereiche der katholischen Arbeitervereine in Analogie zu den zwei Säulen, auf denen die christliche Gesellschaftslehre ruht, so aufgliedern, wie im folgenden Schema dargestellt:

Arbeiterverein

 

   materieller Zweck (= Äußeres)                     geistig-religiöser Zweck (= Inneres)

   Unterstützung in Krankheit,                                       religiöser Unterricht,

    bei Unfall, Tod,                                                        Belehrung über die

   Kinder und Jugendschutz,                                         Pflichten gegenüber

   Fort und Weiterbildung,                                            Gott und Mitmensch,

                                                                                Achtung der Sonn- und Feiertage

Christliche Gesellschaftslehre, Evangelium

 

Die christlichen Gewerkschaften, die - wie bereits erwähnt - bewusst als Gegengewicht zu den so genannten „freien" Gewerkschaften gedacht waren, entstammen ebenfalls der Traditionsrichtung, welcher die Arbeitervereine entstammten - und die Zielsetzungen der Arbeitervereine (speziell der „Fachabteilungen" in ihnen) und der christlichen Gewerkschaften überschnitten sich des Öfteren. Man kann sagen, „die Berechtigung und Bedeutung der Gewerkschaften wurde von den katholischen sozialpolitischen Führern durchaus anerkannt ..., immer wieder gaben sie dem Bedauern Ausdruck, dass wir in Deutschland einer rein wirtschaftlichen Gewerkschaftsorganisation entbehrten und dass unsere Gewerkschaften einseitige Parteigebilde seien. ... Bei der Bekämpfung der Sozialdemokratie unterschied man sehr genau zwischen den berechtigten gewerkschaftlichen Bestrebungen und den verkehrten politischen Zielen."  Abschließend lässt sich also sagen, dass die christlichen, d.h. überkonfessionellen und parteipolitisch ungebundenen Gewerkschaften ihre Entstehung der Frontstellung gegen den Sozialismus und die Sozialdemokratie einerseits, und der Notwendigkeit, im Kampf um die Interessen und Rechte der christlichen Arbeiter eine Vertretung zu haben andererseits, verdanken. Die weitere Entwicklung wurde von den Verantwortlichen in der Kirche nicht übersehen und es wurde z.B. von den deutschen Bischöfen in Rom  nachgefragt, wie es mit der Mitgliedschaft katholischer Arbeitnehmer in diesen bereits angesprochenen überkonfessionellen christlichen Gewerkschaften stehe. In der Enzyklika Singulari quadam entschied Pius X. im Jahre 1912, dass dies erlaubt sei - auch wenn ihm rein katholische Gewerkschaften lieber gewesen wären: „Was nun Vereinigungen von Arbeitern anbelangt, so sind ... als bestgeeignete jene Vereinigungen anzusehen, die hauptsächlich auf der Grundlage der katholischen Religion aufgebaut sind und der Kirche als Führerin offen folgen. ... Wir erklären, es könne geduldet und den Katholiken gestattet werden, auch jenen gemischten Vereinigungen ... sich anzuschließen. ... Dabei müssen jedoch geeignete Vorsichtsmaßregeln ... angewendet werden."

Die Zielsetzungen, welche die Kirche den Gewerkschaften damals setzen wollte und welche sie noch lange aufrecht erhielt, haben eine deutlich andere Akzentuierung, als sie sich bei den so genannten „freien" Gewerkschaften feststellen lässt: Oberstes Prinzip der Vereinigungen der Arbeiter sollte nämlich vorrangig die Erziehung zur Mitverantwortung für das Wohl aller, d.h. das Gemeinwohl, sein. In Populorum progressio heißt es dazu, „wenn deren Daseinsberechtigung in der Wahrung der Interessen ihrer Mitglieder besteht, dann haben sie eine große Verantwortung für die erzieherische Aufgabe, die sie leisten können und müssen" (PP 38). Und selbst noch in Octogesima adveniens stellte Paul VI. den Gewerkschaften die Aufgabe, „die Interessen aller Gruppen der Arbeitnehmerschaft zu vertreten, ihrer aller Zusammenspiel zum wirtschaftlichen Aufstieg des Ganzen zu fördern und ihr Bewusstsein von ihrer Mitverantwortung für das Gemeinwohl zu vertiefen" (OA 14). Dass sich sowohl die rein katholischen als auch die überkonfessionellen, christlichen Gewerkschaften dennoch in eine andere Richtung entwickelten, liegt vor allem darin begründet, dass mit oben angesprochenen Zielsetzungen allein keine echte Konkurrenz zu den „freien" Gewerkschaften möglich war, d.h., dass die christlichen Gewerkschaften damit alleine keine echte Alternative zu den sozialdemokratischen bzw. sozialistischen Gewerkschaften sein konnten. Ein wesentlicher Unterschied muss hier noch festgehalten werden: Ziel der christlichen Gewerkschaften war ausschließlich die Vertretung und Wahrung der Interessen der Arbeiterschaft gegenüber den Arbeitgebern und deshalb wurde in strenger Abgrenzung sowohl gegenüber den konfessionell gebundenen Arbeitervereinen, als auch den SPD-nahen „freien" Gewerkschaften jede religiös-konfessionelle und parteipolitische Zielsetzung bewusst ausgegrenzt, denn „die christlichen Gewerkschaften sollen den auf dem Boden der christlichen Weltanschauung stehenden Arbeitern die Möglichkeit geben, ... Gewerkschaftsarbeit zu leisten, ohne in Konflikt zu kommen mit ihren religiös-sittlichen Anschauungen."  Dieses Paradoxon - politische Zielsetzungen einzufordern, ohne politisch zu sein - brachte  man bereits 1908 auf folgenden Nenner: „Die christlichen Gewerkschaften haben auch ein sozialpolitisches Programm, ... gleichwohl ist die christliche Gewerkschaftsbewegung parteipolitisch neutral."  Als Beispiel für diese strikte Neutralität der christlichen Gewerkschaften seien die „Mainzer Leitsätze" von 1899 angeführt:  Die christlichen Gewerkschaften sind

       überkonfessionell und unparteilich, stehen aber auf dem Boden des Christentums. Zu den Aufgaben der Gewerkschaften gehört

       die „Hebung der leiblichen und geistigen Lage der Berufsgenossen,“

       die Lohnfrage und

       die Frage der Arbeitszeit. In Ermangelung genügend gebotener gesetzlicher Versicherung für Krankheit, Unfälle, haben die Gewerkschaften

       „durch Schaffung entsprechender Kassen und Institute das Fehlende zu ersetzen." Außerdem sollen die Gewerkschaften

       die „Durchführung der zum Schutz von Sittlichkeit, Gesundheit und Leben der Arbeiter erlassenen gesetzlichen und gewerbepolizeilichen Bestimmungen ... überwachen."  Zur Erfüllung dieser Aufgaben sollten die Gewerkschaften

       Vorträge halten und

       eine eigene Gewerkschaftszeitung schaffen.

Nicht erst seit der Enzyklika Octogesima adveniens aber sah sich das kirchliche Lehramt auch immer wieder veranlasst, die Gewerkschaften zu ermahnen, sich auf ihre Aufgaben zurück zu besinnen. Paul VI. beispielsweise warnte ausdrücklich davor, dass Gewerkschaften mitunter in Versuchung geraten könnten, ihre Mitglieder und ihre Macht dazu einsetzen, um ihre persönlichen Machtinteressen durchzusetzen, um Politik zu machen, oder der Volkswirtschaft zu schaden, denn „die Gewerkschaften können gelegentlich der Versuchung erliegen, eine günstige Machtkonstellation auszunutzen und ... der gesamten Wirtschaft und damit der Gesellschaft im ganzen übermäßige Belastungen aufzuerlegen oder ausgesprochen politische Forderungen durchzusetzen."

 

3.  Streik und Arbeitskampf - Interessenvertretung im Kontext des Wohles aller:

3.1.      Arbeitgeber und Arbeitnehmer - aufeinander bezogen und aufeinander angewiesen

Es seien nun einige Bemerkungen zum Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern angefügt: „Sowenig das Kapital ohne Arbeit, sowenig kann die Arbeit ohne das Kapital bestehen“ (RN 15), schrieb Leo XIII. Dieses Aufeinander-Bezogen- und Aufeinander-Angewiesen-Sein aber hat weitreichende Konsequenzen: Die Arbeitnehmer auf der einen Seite sind verpflichtet, ihre Arbeit ordentlich und sorgfältig zu verrichten; dies ergibt sich schon daraus, dass das Recht auf Arbeit auch eine Verpflichtung beinhaltet. Die Arbeitnehmer haben sich darüber hinaus nach Rerum Novarum bei der Arbeit jeder Auflehnung oder gar Gewalttätigkeit zu enthalten, denn „es liegt ... ebenso im öffentlichen wie im privaten Interesse, dass im Staate Friede und Ordnung herrsche. ... Wenn sich also öffentliche Wirren ankündigen infolge widersetzlicher Haltung der Arbeiter oder infolge von verabredeter Arbeitseinstellung, ... in allen diesen Fällen muss die Autorität und Gewalt der Gesetze innerhalb gewisser Schranken sich geltend machen. ... Nur soweit es zur Hebung des Übels und zur Entfernung der Gefahr nötig ist, ... dürfen die staatlichen Maßnahmen in die Verhältnisse der Bürger eingreifen" (RN 29). Hier haben wir den Ausgangspunkt einer Entwicklung vor uns, welche von der absoluten Ablehnung des Streiks zur Duldung, ja Befürwortung desselben führte. Ursprünglich nämlich - das belegt unter anderem obiges Zitat aus Rerum novarum - war die christliche Gesellschaftslehre eindeutig gegen Arbeitsniederlegungen oder Streiks.  Dieser Problembereich wird aber später noch genauer zu betrachten sein.

Die Arbeitgeber auf der anderen Seite sollen vordringlich im Blick haben, dass sie nicht den Profit und die Produktivität in den Vordergrund stellen, sondern die Arbeiter als Menschen sehen. Daraus ergeben sich folgende Forderungen:

1.         Die Arbeitgeber sollen vordringlich die Menschenwürde der Arbeiter achten, d.h. sie sollen die Arbeiter menschlich behandeln und ihnen menschenwürdige Arbeitsplätze und -zeiten bieten und sie nicht ausbeuten.

2.         müssen die Arbeitgeber Gesundheit und religiöses Bewusstsein und Empfinden der Arbeiter achten und beachten, d.h. es darf nicht vorkommen, dass ein Arbeiter Schaden nimmt an Leib und/oder Seele. Und

3.         muss erneut an die bereits mehrfach erwähnte Forderung, den Arbeitern die Möglichkeit zu geben, Eigentum zu erlangen und Rücklagen zu bilden, erinnert werden. Dies setzte bereits Leo XIII. den Arbeitgebern als Verpflichtung.

Hier spielen also die bereits behandelten Punkte der Lohngerechtigkeit, des Rechts auf Arbeit, des Rechts auf Eigentum und der Menschenwürde herein.

 

3.2.      Streik und Arbeitskampfmaßnahmen aus der Sicht der katholischen Soziallehre

Wie bereits erwähnt vertrat Leo XIII. in Rerum novarum ursprünglich die Ansicht, dass jede Art von Arbeitsniederlegung unrechtmäßig sei.  Deshalb hatte seiner Meinung nach der Staat auch das Recht bei Streiks einzuschreiten. Dies wurde damit begründet, dass Arbeitsniederlegungen - mögen die Gründe dafür noch so stichhaltig sein - sowohl Arbeitgebern und Arbeitnehmern, als auch Handel und Industrie zum Schaden gereichen, die staatliche Ordnung durch Unruhen stören und Gewalttätigkeiten hervorrufen können. Die christliche Gesellschaftslehre belässt es aber in diesem Zusammenhang nicht dabei Arbeitsniederlegungen abzulehnen, sondern gibt mit ihren vielfältigen Ausführungen gerade auch zu diesem Thema allen Verantwortlichen in diesem Bereich auch den Weg vor, auf dem es erst gar nicht zu derartigen Vorkommnissen kommen kann: Dazu braucht es nämlich

1.         gerechte Löhne, d.h. der Arbeiter muss das Gefühl haben, für die erbrachte Leistung die angemessene Bezahlung zu erhalten,

2.         zufriedene Arbeiter, die sich an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen und nicht das Gefühl haben, vom Unternehmer ausgebeutet zu werden, darüber hinaus aber auch

3.         annehmbare, d.h. sowohl nach hygienischen als auch nach gesundheitlichen Gesichtspunkten menschenwürdige Arbeitsbedingungen, wozu auch ein gutes Betriebsklima gehört.

Und dies alles zu gewährleisten ist Aufgabe des Staates, der einerseits gesetzliche Regelungen treffen und andererseits die Ursachen der Unzufriedenheit der Arbeiter bekämpfen und sie schnellstmöglichst beseitigen muss. Auf der anderen Seite muss aber auch angemahnt werden, dass die Arbeitnehmer in ihren Forderungen vernünftig, mäßig und auf das gesamtwirtschaftlich Mögliche (das Gemeinwohl) bedacht sind. Hier gibt es offensichtlich noch erheblichen Handlungsbedarf. Das Problem liegt hier im wachsenden Egoismus der Menschen begründet: Die „Hauptsache-Ich-habe-Arbeit"-Mentalität, welche heute immer weiter um sich greift, lässt keinen Raum mehr für die Solidarität mit denjenigen, die keine Arbeit haben. Hier gibt es viel zu tun sowohl für Politiker und Wirtschaftsmanager als auch für die christliche Gesellschaftslehre: Man muss den Menschen den Gedanken der Solidarität wieder nahe bringen, ihnen verständlich machen, dass ein bisschen Einschränkung, ein geringer Verzicht zum Wohle aller - besonders derer, die arbeitslos sind - unumgänglich ist, um ein lebenswertes Leben für alle zu gewährleisten. Leider aber werden grundsätzlich alle Initiativen, die in dieser Richtung unternommen werden, von den Gewerkschaften immer gleich als unerlaubter Eingriff  bzw. als Aushöhlung oder Abschaffung der Tarifautonomie bezeichnet - dass diejenigen Menschen, die arbeitslos sind, auch ein Recht haben, von den Gewerkschaften vertreten zu werden, kommt anscheinend keinem Gewerkschaftsfunktionär in den Blick. Oswald von Nell-Breuning gibt uns die Richtung vor, in welcher sich die Vertretung berechtigter Interessen zu bewegen hat, wenn er schreibt: „Der Durchschnittschrist wird berechtigte Interessen ... kämpferisch vertreten und sich dabei aller mit der Rechtsordnung und dem Rechtsfrieden vereinbarer Druckmittel bedienen."  Zu den eben angesprochenen „Druckmitteln", über die der Arbeiter verfügt, um seine berechtigten Interesse durchzusetzen, gehört in der heutigen Zeit uneingeschränkt anerkannt der Streik. Das war aber nicht immer so - wir erwähnten bereits, dass auch die Kirche anfangs gegen Streiks war. Es war in den Anfangszeiten der gewerkschaftlichen Bewegung und des Arbeitskampfes immer ein Risiko, einen Streik auszurufen, denn vielfach wurde ein Streik als Unrecht und als Vorstufe zu einem Bürgerkrieg angesehen.  Die oben bereits angesprochene strikte Ablehnung von Streiks und Arbeitsniederlegungen durch die christliche Gesellschaftslehre, wie sie uns in Rerum novarum begegnet, ist aus obiger Sicht heraus zu verstehen. Diese strikte Ablehnung wurde aber mit der Zeit gemildert und brach einer realistischeren Sicht Bahn.  Noch in der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, Gaudium et spes, wird beispielsweise angemahnt, vordringlich nach friedlichen Mitteln zur Lösung von Konflikten zu suchen. Allerdings wird hier auch die Berechtigung eines Streiks anerkannt - vorausgesetzt, er wird so schnell wie möglich wieder beendet: „Nichtsdestoweniger wird ... der Streik, wenn auch als letzter Notbehelf, unentbehrlich bleiben, um Rechte der Arbeiter zu verteidigen, oder berechtigte Forderungen durchzusetzen. So schnell wie möglich muss dann aber versucht werden, den Weg zur Wiederaufnahme von Verhandlungen ... zu finden“ (GS 68). Auch in der Enzyklika Populorum progressio von Papst Paul VI. wurde diese geänderte Sichtweise schriftlich fixiert: Hier sind Streiks als Mittel zur Erreichung der berechtigten Forderungen der Arbeiterschaft uneingeschränkt anerkannt und erlaubt. Und diese Enzyklika geht sogar noch ein Stück weiter: In Fällen krassester Ungerechtigkeiten erlaubt Paul VI. sogar - allerdings auch mit warnendem Unterton - den so genannten „Tyrannenmord", d.h. die Anwendung von Gewalt zur Beseitigung ungerechter Herrschaftssysteme, denn Ziel aller menschlichen Entwicklung ist es, „eine Welt zu bauen, wo jeder Mensch ... ein volles menschliches Leben führen kann, frei von Versklavung seitens der Menschen oder einer noch nicht hinreichend gebändigten Natur" (PP 47). Es ist Paul VI. zuzustimmen, wenn er schreibt, dass es Situationen geben kann, „deren Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Wenn ganze Völker ... gehindert werden, ... am sozialen und politischen Leben teilzunehmen, dann ist die Versuchung groß, solches gegen die menschliche Würde verstoßende Unrecht mit Gewalt zu beseitigen. ... Trotzdem: Jede Revolution ... zeugt neues Unrecht, bringt neue Störungen des Gleichgewichts mit sich, ruft neue Zerrüttung hervor" (PT 30f). Wer also eine Revolution anzetteln will, kann sich unter Umständen auf Paul VI. und Populorum progressio berufen. Diese Aussage Paul VI. wurde aber  - und zwar von ihm selbst - schon ziemlich bald wieder eingeschränkt, wenn er z.B. in seiner Enzyklika Evangelii nuntiandi schreibt: „Die Kirche kann nicht die Gewalttätigkeit ... als Weg zur Befreiung akzeptieren, denn sie weiß, dass die Gewalttätigkeit immer Gewalt hervorruft" (EN 37). Es ist außerdem feststellbar, dass diese Zustimmung zur Gewaltanwendung aber auch - wie z.B. in Laborem exercens geschehen - vorrangig dahingehend interpretiert wird, dass sie exklusiv auf die Situation der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert bezogen wird. In Laborem exercens heißt es nämlich in diesem Zusammenhang, dass es  offen anzuerkennen sei, „dass die Auflehnung gegen das ungerechte und schädliche System, das auf dem arbeitenden Menschen in jener Zeit rascher Industrialisierung lastete ... sozialmoralisch gerechtfertigt war."

Zu fragen ist - ehe wir uns der Würdigung des Streiks aus Sicht der katholischen Soziallehre zuwenden - zunächst einmal, was man unter einem Streik zu verstehen hat. Zu beachten ist dabei vorerst einmal, „dass Streik und Aussperrung keine rein privatrechtlichen Angelegenheiten sind, ... sondern dass in weitem Umfang auch das allgemeine Wohl davon berührt wird."  Waren in den frühen Jahren des Zusammenschlusses der Arbeiter die Gewerkschaften regional begrenzt und Streiks die „ultima ratio", d.h. die einzige ihnen zur Verfügung stehende Waffe, um Forderungen durchzusetzen, so muss man heute sehen, dass die Gewerkschaften überregional organisiert und zu einer mächtigen, um nicht zu sagen übermächtigen Organisation geworden sind. Es ist heute eine traurige Tatsache, dass Arbeitskampfmaßnahmen der Gewerkschaften immer auch andere - eigentlich gar nicht an der Tarifauseinandersetzung beteiligte - Industriezweige in Mitleidenschaft ziehen und nie auf den Bereich beschränkt bleiben, in dem es zu tariflichen Auseinandersetzungen kommt. Ein Beispiel: Wenn ein Stahlwerk bestreikt wird, dann sind davon auch die Abnehmer des Endproduktes (z.B. die Autoindustrie) und die Zulieferer (z.B. die Bergleute, welche die zur Stahlgewinnung nötige Kohle liefern) betroffen. Und die Abnehmer des Endproduktes der bestreikten Betriebe haben wieder Zulieferer, die von ihnen abhängig sind, und so zieht unter Umständen ein begrenzter Streik immer mehr - nicht direkt betroffene - Betriebe in Mitleidenschaft und fügt so der Gesamtwirtschaft erheblichen, unter Umständen sogar einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zu. Es muss also festgehalten werden, dass „Kampfmaßnahmen ... fast immer über die Grenzen eines Tarifgebietes hinaus<gehen>, weil eine hochdifferenzierte Wirtschaft mit all ihren Verflechtungen solche engen Grenzen längst überwunden hat."  Die arbeitsrechtliche Entwicklung in Bezug auf Streik und Aussperrung geht in der Bundesrepublik Deutschland meines Erachtens immer mehr in die falsche Richtung: Die Gewerkschaften werden immer mächtiger und benutzen den Streik als Waffe in ihrem (oft politisch motiviertem) Kampf gegen die Unternehmer immer rücksichtsloser und immer weniger zur Durchsetzung berechtigter Forderungen, sondern oftmals, um überhöhte und volkswirtschaftlich unverträgliche Lohnforderungen durchzusetzen, ja sogar um Politik zu machen. Gleichzeitig aber ufern die Bestrebungen aus, den Arbeitgebern ihre einzige Waffe - die Aussperrung - zu nehmen: Aussperrung bedeutet, dass ein Arbeitgeber, wenn er sich gegen unberechtigte Forderungen wehren will, seine Belegschaft „aussperren", d.h. ihr fristlos kündigen kann. Dieses Mittel im Arbeitskampf wird von den Arbeitgebern aber nur sehr selten angewandt, denn die Kosten bei einer Aussperrung sind meist genauso hoch, als wenn der betreffende Betrieb bestreikt wird. Dennoch aber wollen die Gewerkschaften den Arbeitgebern diese Waffe auch noch entwinden: In Hessen ist die Aussperrung bereits verboten und bundesweit soll sie - wenn es nach dem DGB geht - auch verboten werden.

Festzuhalten bleibt - diese Äußerungen zu Streik und Arbeitskampf abschließend - zunächst zweierlei: Streiks kosten

1.         nicht nur den direkt Betroffenen etwas, sondern

2.         auch den von ihnen abhängigen Betrieben und vor allem auch der Staatskasse (Sozialhilfe, Kurzarbeitergeld, Arbeitslosengeld, usw.),

D.h. Streiks sind immer mit Kosten verbunden, eine Tatsache, welche vor Ausrufung eines Streiks wohlüberlegt und wohlbedacht sein will. Ein Streik kann heute der Gemeinschaft - und d.h. dem Gemeinwohl - unermesslichen, ja sogar einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zufügen. Mit den Worten Norbert Glatzels ausgedrückt: „Die Nichtstreikenden und die Allgemeinheit - kurz das Gemeinwohl - <werden> bei fast allen Streiks stärker geschädigt als diejenigen, die den Streik führen."  Hier aber mit Kanonen auf Spatzen schießen zu wollen, d.h. beispielsweise den Streik zu verbieten ist schon deshalb unmöglich, weil er zweifach begründet ist, nämlich

1.         in der menschlichen Freiheit an sich, d.h. der Mensch kann frei entscheiden, ob er seine „Ware" Arbeit anbietet, oder nicht, und

2.         in der Koalitionsfreiheit, d.h. jeder Mensch darf sich in Vereinen und Verbänden (also auch in Gewerkschaften) organisieren.

Es wäre gerade heute, da die Konkurrenzfähigkeit der bundesdeutschen Industrie gefährdet ist, wünschenswert, dass die Gewerkschaften ihre Haltung vor Ausrufung eines Streiks überprüfen und zuerst überlegen würden, ob das angestrebte Ziel einerseits einen Streik mit seinen enormen Kosten für die Volkswirtschaft rechtfertigt und andererseits, ob nicht auf dem Verhandlungsweg ebenso eine für beide Seiten annehmbare Lösung eines Tarifkonfliktes erreicht werden könnte. Wegen eines halben Prozentpunktes oder noch weniger - wie z.B. beim Streik im öffentlichen Dienst im Frühjahr 1993 - zu streiken, ist sowohl volkswirtschaftlich als auch moralisch verwerflich, denn der angerichtete Schaden steht in keinem Verhältnis zum erzielten Ergebnis. Mit einem Zitat von Norbert Glatzel soll diese Thematik vorläufig abgeschlossen werden. Er schreibt: „Das Streikrecht als Mittel zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen haben sich die Gewerkschaften in schwierigen Zeiten erkämpft. Als Teil unserer Grundrechtswirklichkeit lässt es sich zwar eingrenzen, aber nicht abschaffen; friedliche Mittel verdienen auf jeden Fall den Vorzug."

 

VI.    Familie und Gemeinwohl als wesentliche Bausteine der Gesellschaft

1.  Die Familie - Keimzelle der Gesellschaft:

1.1.      Zur Grundlegung der wichtigen Rolle der Familie in unserer Gesellschaft

„Die Grundform jeder Gemeinschaft, in der der Mensch die erste soziale Geborgenheit in seinem Leben erfährt, ist die Familie, welche aber „in unseren Tagen ... in die umfassenden, tief greifenden und raschen Wandlungen von Gesellschaft und Kultur hineingezogen" worden ist.  Und diese Wandlungen sind nicht immer positiv; dennoch oder gerade deshalb muss die Familie als eines der wichtigsten (wenn nicht sogar das wichtigste) Elemente im Staat betrachtet werden. Und bereits aus diesem oben genannten Grund ist die Familie auch absolut schutzwürdig, denn „wenn auch die Familie im industriellen Zeitalter viele Funktionen verloren hat, so dass sie die gesamte soziale Sicherheit nicht mehr zu gewährleisten vermag, bietet der Familienhaushalt doch auch heute noch in hohem Maße Geborgenheit."  Und weil die Familie „das Fundament der Gesellschaft" ist (GS 52), darf sie ebenso wenig wie der Einzelne im Staat auf- oder untergehen, denn „die Familie ... muss als die erste und natürliche Keimzelle der menschlichen Gesellschaft angesehen werden. Daraus folgt, dass für sie sowohl auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet als auch in kultureller und sittlicher Hinsicht möglichst gut gesorgt werden muss."  Es ist also - gerade in unserer Zeit, in der die Familie immer mehr unter Beschuss gerät - vermehrt darauf aufmerksam zu machen, dass die Familie oberste Priorität und absolute Schutzwürdigkeit genießt, denn die Familie ist ihrem Wesen nach im Naturrecht begründet und damit naturnotwendig, d.h. unabschaffbar.  Man kann Joseph Kardinal Höffner zustimmen, wenn er unter Berufung auf Pius XII. schreibt: Die Familie wird „mit Recht eine Zelle der Gesellschaft genannt“, denn „wenn die Familie nicht mehr ‘die Grundlage der Gesellschaft, der erste Raum jeder Erziehung und Kultur’ ist, werden Entpersönlichung und Vermassung  die Folge sein.“  Es muss nunmehr gefragt werden, warum die Familie - obwohl sie immer noch die größte Akzeptanz in der Bevölkerung genießt  - in unserer Zeit so unter Druck geraten ist und warum ihr ein immer größerer Sinnverlust widerfährt. Man könnte in diesem Zusammenhang zunächst einmal folgende Tatsache festhalten und zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen machen: Die Familienstrukturen änderten sich im Laufe der industriellen Revolution entscheidend. Als besonders wichtig sind dabei folgende - in ihren Auswirkungen noch heute spürbare - Wandlungen zu nennen:

Der Wandel von der Großfamilie zur Kleinfamilie, d.h. die jahrhundertelange Tradition, dass drei oder mehr Generationen (Urgroßeltern, Großeltern, Eltern, Kinder) in der so genannten Großfamilie unter einem Dach zusammenlebten, wurde abgelöst von der Kleinfamilie, d.h. dass nur noch zwei Generationen (Eltern und Kinder) unter einem Dach zusammen wohnen. Die großen Kinderzahlen früherer Tage waren z.T. dadurch bedingt, dass hohe Kindersterblichkeit und die Notwendigkeit, helfende Hände zu haben (besonders in der Landwirtschaft), im Vordergrund standen. Darüber hinaus waren die Nachkommen sozusagen die Altersversorgung der Eltern. Im Zuge der Industrialisierung und Technisierung aber wandelte sich diese Sicht entscheidend. Ein Beispiel aus der Landwirtschaft mag dies verdeutlichen: Wozu früher einige Dutzend Leute nötig waren, genügt heute nur ein Mann mit der nötigen maschinellen Ausstattung, um in der selben Zeit dasselbe zu bewirken. Mit W.F. Ogburn kann dieser Wandel dahingehend charakterisiert werden, dass „mit der Entstehung von Fabriken und Verkehrseinrichtungen, die durch Maschinenkraft betrieben werden, mit der starken Vervielfältigung der sehr großen Städte ... sich die ... Verringerung der ökonomischen und anderer zugehöriger Funktionen" der Familie vollzogen. 

Als weiteres zu beachten ist der Wandel von der Arbeit im Familienbetrieb zur „Versorgungs-" und „Freizeitfamilie", d.h. die Kinder können nicht mehr - wie es im bäuerlichen oder handwerklichen Betrieb möglich war und teilweise noch ist - dem Vater bei der Arbeit zusehen bzw. ihm zur Hand gehen und bei ihm lernen. Heute sieht es in den allermeisten Fällen so aus: Der Ernährer/die Ernährerin der Familie verlässt morgens das Haus, d.h. die Familiengemeinschaft, um seiner Erwerbsarbeit nachzugehen und kommt abends wieder „in den Schoß der Familie" zurück. „Die patriarchalische Großfamilie der Agrargesellschaft wurde abgelöst durch die partnerschaftliche Kleinfamilie in der Industriegesellschaft. Daraus ergaben sich Vor- und Nachteile für das Leben der betroffenen Menschen, Befreiungen und Einsamkeiten, Entlastungen und Belastungen."  Die Familie wird damit zur reinen „Versorgungsinstitution" degradiert, denn ihre Funktion wird darauf reduziert, dass sie dem Arbeitnehmer die Möglichkeit bietet, sich in der Familie von seiner Arbeit zu erholen, und einen Platz zum Schlafen und zum Essen zu haben. Norbert Glatzel stellt darüber hinaus fest, dass die moderne Familie heute „überwiegend oder ausschließlich die Funktionen auf sich <vereinigt> ..., die das intime Zusammenleben der Ehegatten betreffen. ... Alle übrigen Funktionen sind dagegen auf andere gesellschaftliche Teilbereiche ... übergegangen."  Mit anderen Worten: „Viele Familien kennen keine häusliche Geselligkeit mehr, da Eltern und Kinder ... die Familie nur noch als Schlafstelle betrachten." 

Und außerdem ist ein Substanz- und Kompetenzverlust der Familie, zu konstatieren, d.h. durch die ansteigende Technisierung des gesamten Lebens und die Anforderungen an den einzelnen wird die Familie als Sozialisierungs- und Bildungsinstanz mehr und mehr überfordert. Mit anderen Worten: Es wird der heutigen Kleinfamilie dieselbe Aufgabe zugeschrieben, wie sie die Großfamilie früherer Tage (gerade) noch leisten konnte, nämlich: „dem einzelnen einen Raum zu geben, in dem er berufliche und ... gesellschaftliche Zwänge kompensieren kann. .... Damit aber ist sie überfordert: berufliche Schwierigkeiten, Wohn- und Schulprobleme, alles dies soll durch die Familie aufgearbeitet werden."

 

Johannes Paul II. erhebt zu den oben kurz skizzierten Wandlungen im Familienverständnis in seiner Enzyklika Familiaris consortio darüber hinaus auch „Anzeichen einer besorgniserregenden Verkümmerung fundamentaler Werte: eine irrige theoretische und praktische Auffassung von der gegenseitigen Unabhängigkeit der Eheleute; ... die häufigen konkreten Schwierigkeiten der Familie in der Vermittlung der Werte; ... das Aufkommen einer regelrechten empfängnisfeindlichen Mentalität" (FC 6). Man könnte diese Aufzählung noch um einige weitere Punkte ergänzen. Der wichtigste Punkt, der hier anzufügen wäre, ist die wachsende Kinderfeindlichkeit unserer Gesellschaft: Familien mit mehreren Kindern werden in unserer Gesellschaft mehr und mehr ausgegrenzt und beinahe schon als „Asoziale" eingestuft; schon bei der Wohnungssuche stehen diese Familien schier unüberwindlichen Hindernissen gegenüber. Und diese beklagenswerte Mentalität hat auch ihre Auswirkungen auf junge Menschen, die eine Ehe eingehen:

          Der Entschluss eine Ehe einzugehen, d.h. eine Familie zu gründen wird immer später gefasst; in der Folge steigt auch das Alter der Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes: Lag das durchschnittliche Alter 1970 in Bayern noch bei 24,8 Jahren, so stieg es bis 1992 bereits auf 27,5 Jahre an. Und auch für die Bundesrepublik lässt sich für den Zeitraum von 1988 bis 1993 eine ähnliche, zweifache Tendenz erheben: Die Zahl der Eheschließungen nimmt ab; gleichzeitig steigt das Heiratsalter an:

Jahr                             Eheschließungen               Heiratsalter

                                                                       Mann               Frau    

1988                    543.000                                31                  27,9   

1989                    530.000                                31,2               28,2   

1990                    516.000                                31,4               28,4   

1991                    454.000                                31,8               28,9   

1992                    453.000                                32,1               29,3   

1993                    443.000                                32,5               29,7

          Die Zahl der kinderlosen Familien oder der „Ein-Kind-Ehen" wächst zusehends, denn „Kinder werden mehr und mehr als Hemmfaktoren auf dem Weg zur Berufskarriere und Wohlstandsentwicklung betrachtet." 

Hier gilt es vordringlich und ganz konkret einzuschreiten und zu einem Gesinnungswandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beizutragen. Was hier sehr hilfreich sein könnte, sind die Aussagen, die Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Familiaris consortio gemacht hat.  Es gilt deshalb zu fordern: „Die Familie muss wieder als das Heiligtum des Lebens angesehen werden. ... Sie ist der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in angemessener Weise angenommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen es ausgesetzt ist, geschützt wird und wo es sich entsprechend den Forderungen eines echten menschlichen Wachstums entfalten kann."  Und in diesem Zusammenhang muss leider festgestellt werden, dass die Entwertung und Abqualifizierung der Familie und althergebrachter und wichtiger Familienstrukturen auch in der theologischen und sozialethischen Beschäftigung mit diesem Thema immer mehr um sich greift. Als Beispiel mag der Ansatz von Anton Rauscher dienen: Rauscher stellt die Frage, ob im heutigen gesellschaftlichen Kontext von den immer mehr anwachsenden nichtehelichen Lebensgemeinschaften (1992 allein 4% der 9,4 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern) nicht auch als Familien gesprochen werden müsste und fragt: „Muss der Staat, der bisher Ehe und Familie besonders zu schützen verpflichtet war, künftig nicht allen Formen des Zusammenlebens der Menschen seinen Schutz angedeihen lassen?"  Ihm ist zwar auch im folgenden zuzustimmen, wenn er darauf abhebt, dass die besondere Schutzwürdigkeit von Ehe und Familie in der menschenwürdigen Weitergabe des Lebens liegt. „Im Kern erstreckt sich die menschenwürdige Weitergabe des Lebens auf die Zeugung und Erziehung des Kindes, auf seine soziale, berufliche, kulturelle, auch politische Bildung und auf seine Entfaltung zur Persönlichkeit. Dies ist primäre Aufgabe der Familie."  Diese menschenwürdige Weitergabe des Lebens ist aber - und hier kann Rauscher nur noch teilweise zugestimmt werden - seiner Meinung nach genauso gut auch in so genannten nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften möglich, nur dort ohne den expliziten Schutz des Staates. Und hier muss Anton Rauscher, wenn er für nichteheliche Lebensgemeinschaften denselben staatlichen Schutz fordert, wie für Familien mit Trauschein, entschieden widersprochen werden, denn nach Meinung des Verfassers übersieht er die Brisanz und die Gefährlichkeit seiner Folgerungen nicht vollständig: Die Gleichstellung von nichtehelichen Lebensgemeinschaften und Familien und die Zubilligung der besonderen Merkmale einer Familie auch an nichteheliche Lebensgemeinschaften würde den - oben beklagten - Zerfall der althergebrachten und absolut schutzwürdigen Familienstrukturen nur noch weiter beschleunigen. Und der nächste Schritt, der dann zwangsläufig folgen würde, wäre dann die Anerkennung von Lebensgemeinschaften gleichgeschlechtlicher Partner als „Familien".

 

1.2.      Wesentliche und unverzichtbare Aufgaben der Familie

Die Erziehung der Kinder ist eines der wesentlichen Ziele der Familie, denn Kinder sind zunächst ja völlig darauf angewiesen, dass ihre Eltern ihre Bedürfnisse befriedigen. Eltern müssen - bereits im Moment der Zeugung - die ganze Verantwortung für die Versorgung, für das Leben und Überleben des neuen Lebens übernehmen. Schon aus diesem Grunde kann und darf ihnen die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder zu einem späteren Zeitpunkt nicht ohne schwerwiegende Gründe entzogen werden. Johannes Paul II. schreibt in seiner Enzyklika Familiaris consortio dazu: „Als erziehende Gemeinschaft muss die Familie dem Menschen beim Erkennen der persönlichen Berufung und bei der Entscheidung zum notwendigen Einsatz für größere Gerechtigkeit behilflich sein."  Und aus dieser Zielsetzung der Familie ergibt sich einmal mehr ihr Anspruch auf absolute Schutzwürdigkeit. Ein Blick in die Vergangenheit genügt uns zum Beweis der Notwendigkeit des Schutzes der Familie, denn die Geschichte hat uns ja bereits hinlänglich gezeigt, dass Machthaber, welche die Familienstrukturen auflösen wollten, immer die Kindererziehung zum Ausgangspunkt für die Abwertung und Abqualifizierung der herkömmlichen Familienstrukturen nahmen - in Deutschland während der Zeit der nationalsozialistischen Tyrannei waren dies beispielsweise HJ, BDM und Jungvolk, in der ehemaligen UdSSR der KOMSOMOL, in der ehemaligen DDR die „Jungen Pioniere“.  Der Staat aber kann beispielsweise den Kindern, deren Erziehung er übernimmt, nie und nimmer die Liebe schenken, welche der heranwachsende Mensch braucht, um Mensch werden und Mensch sein zu können.

Die elterliche Liebe kann nämlich in drei wesentliche und unverzichtbare Komponenten aufgegliedert werden:

1.         Die elterliche Liebe vermittelt dem Heranwachsenden das Gefühl des unbedingten „Angenommen-Seins“ durch die Eltern, d.h. er spürt, dass er um seiner selbst willen, nur wegen seines „Da-Seins“ geliebt wird.

2.         Die elterliche Liebe ist eine Liebe, die fordert, die Orientierungspunkte setzt und Ziele festlegt, die es zu erreichen gilt, d.h. das Kind spürt, dass es geliebt wird, weil man ihm zutraut, bestimmte Aufgaben zu lösen und zu bewältigen.

3.         Die elterliche Liebe ist einer Liebe, die loslassen kann, die Freiheit lässt und Freiheit gibt. Erst durch diese Form der Liebe kann der junge Mensch nämlich wirklich „Mensch“ werden, weil er weiß, dass er trotz seiner Eigenständigkeit, trotz seiner Eigenverantwortung in der Verwirklichung seiner Lebensziele eine letzte und unzerstörbare Basis besitzt, die ihn auffängt: Die Liebe seiner Eltern.

Und schon deshalb, weil die elterliche Liebe - wie eben skizziert - zum Mensch-Sein und Mensch-Werden, zur Entfaltung der Person unabdingbar ist, schon deshalb kann und darf der Staat den Eltern ihr Sorgerecht nicht entziehen. Bereits in Rerum novarum heißt es dazu: „Die väterliche Gewalt ist von Natur aus so beschaffen, dass sie ... nicht vom Staate an sich gezogen werden kann."  Diese Forderung ist auch in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eingegangen. In Artikel 7 heißt es dazu: „Ehe und Familie stehen unter dem, besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. Pflege und Erziehung sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht." Und genau hier ist das Subsidiaritätsprinzip - wenn es auch nicht explizit genannt wird - angesprochen: Zuerst einmal nämlich haben die Eltern für die Erziehung der Kinder zu sorgen; erst wenn diese nicht mehr dazu in der Lage sind, hat der Staat helfend, d.h. subsidiär einzugreifen. Hier aber krankt es nicht nur im gesellschaftlichen, sondern auch im politischen Bereich. Es ist nämlich leider festzustellen, dass die Familienstrukturen heute einer Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen werden, welche sich darin äußert, dass die Familie heute - in Verkennung und Vernachlässigung ihrer wahren Sinngebung und ihres wahren Zieles und Zweckes - immer weniger nach ihren übernatürlichen und höheren Werten beurteilt, sondern mehr und mehr rein funktional-materialistisch gewertet wird, d.h. „der Familie wird Wert beigemessen ... in dem Maße, wie sie ganz bestimmte Funktionen für das Gesamtsystem erbringt."  Auf den Punkt gebracht bedeutet das, dass Leistungen, welche die Familie zum Wohle aller erbringt von staatlicher Seite zwar gerne angenommen werden. Werden aber diese Leistungen „nicht oder nicht in der gewünschten Weise erbracht, tritt der Staat mit Gesetzen oder Ersatzinstitutionen auf den Plan."  Die große Gefahr in diesem Zusammenhang liegt darin, dass dieses Vorgehen mit dazu beiträgt, „den Wert der Familie für die Gesellschaft als sehr gering anzusehen" , d.h. den für die Familie konstatierbaren Funktions- und Wertschätzungsverlust noch zu beschleunigen.

 Leo XIII. schrieb in seiner Enzyklika Rerum novarum: „Die väterliche Gewalt ist von Natur aus so beschaffen, dass sie ... nicht vom Staate an sich gezogen werden kann" (RN 11). Kehren wir mit dieser Aussage noch einmal zurück zu den Anfängen der katholischen Soziallehre: Mit diesen Worten wendet sich Leo XIII. gerade gegen jene Bestrebungen, die die Fürsorgepflicht für alle Kinder von der Familie auf den Staat übertragen wollten.  Mit den Worten Johannes Paul II. ausgedrückt heißt das, dass „das Recht und die Pflicht der Eltern zur Erziehung ... als wesentlich ..., als unabgeleitet und ursprünglich, ... als unersetzlich und unveräußerlich" zu bezeichnen sind (FC 36). Hier gilt es einmal mehr auf das Subsidiaritätsprinzip hinzuweisen. Die Gesellschaft und der Staat können und dürfen nicht „den Familien jene Aufgaben entziehen, welche diese als einzelne oder im freien Verband ebensogut erfüllen können, sondern ... <sie müssen> soweit wie irgend möglich die eigenverantwortliche Initiative der Familien fördern und anregen" (FC 45). Besonders wichtig aber wird gerade diese eben angesprochene erzieherische Aufgabe der Familie unter Verhältnissen, in denen die freie Religionsausübung von Seiten des Staates behindert oder unmöglich gemacht wird, denn „dort, wo eine antireligiöse Gesetzgebung ... Glaubenserziehung zu verhindern sucht ..., bleibt die so genannte Hauskirche der einzige Ort, an dem Kinder und Jugendliche eine echte Glaubensunterweisung erhalten können." 

Wie soll diese Erziehung der Kinder durch die Eltern - gerade auf religiösem Gebiet - aber dann aussehen? Religiöse Erziehung kann sozusagen in drei Phasen unterteilt werden, nämlich:

1.         Dem Kind durch liebevolle Zuneigung und durch liebevollem Umgang mit ihm zu zeigen, wie es sich auf seinem Weg zu seiner ganz persönlichen Verwirklichung an Jesus Christus und dem Evangelium orientieren kann.

2.         Der junge Mensch soll sich am Vorbild der Eltern und der Mitmenschen orientieren können, um zu erkennen, welche Grundhaltungen und Grundwerte unbedingt zu bewahren und zu beobachten wären.

3.         Den Jugendlichen ist die Möglichkeit zu geben, sich frei und ganz persönlich für den ihnen (besonders von ihren Eltern) vorgelebten Glauben zu entscheiden, d.h. der junge Mensch hat in die Eigenverantwortung für sich und seine Lebenskonzeption zu entlassen werden.

Was soll religiöse Erziehung bewirken? Der Mensch soll im Verhältnis zum Mitmenschen die Personalität seines Gegenübers achten und beachten, dass genau wie er sein Leben eigenverantwortlich gestalten kann, auch der andere das Recht besitzt, sich frei zu entfalten. Um obige Zielsetzung zu verwirklichen braucht es vor allem anderen, dass der junge Mensch ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt bekommt, welches in ihm das Vertrauen zu sich selbst, zum Mitmenschen und zu Gott stärkt. Ein Mensch, der sich in Liebe angenommen fühlt, wird viel leichter zu der Einsicht kommen, dass das Leben einen Sinn hat - und dieser Zielsetzung kommt heute eine besonders große Bedeutung zu, denn die Zukunftsangst und die so genannte „No-future"-Apathie nimmt gerade unter Jugendlichen immer mehr zu. Diese Grunderfahrung des Geliebt-Werdens und der liebenden Geborgenheit in der Familie kann ohne Einschränkung als die wichtigste Erfahrung eines jungen Menschen betrachtet werden, denn gerade durch diese Erfahrung wird ein junger Mensch auch aufnahmebereiter für den liebenden Anruf Gottes. Und dieses Gefühl der Geborgenheit kann wesentlich zur Stabilisierung der Familiengemeinschaft beitragen: Eine Familie, die aus dieser Grunderfahrung heraus lebt, wird Schicksalsschläge (Krankheit oder Tod) und Probleme (Arbeitslosigkeit, finanzielle Engpässe) leichter meistern, als eine als reines „Zweckbündnis" konzipierte  Familie.

Ein besonders wichtiger Punkt muss  hier noch angesprochen werden. Der bereits angesprochene Themenkreis des immer weiter um sich greifende Werteverlustes und der immer stärker werdenden so genannten „No-future"-Apathie besonders der jungen Generation muss bekämpft werden.  Sinnverlust und Zukunftsangst aber lassen sich am besten bekämpfen, wenn den Betroffenen bleibende und gültige Werte bereits in jungen Jahren vor Augen gestellt werden.

Unsere derzeitige gesellschaftliche Situation wird oft mit den Schlagworten „Ego-Gesellschaft“, „Moral-Vakuum“ oder „Wertekrise“ beschrieben; Manche Kritiker sprechen gar von einer Auflösung der Gesellschaft. Das Unbehagen vor unserer mehr und mehr dem reinen Egoismus huldigenden Gesellschaft wächst zusehends. Jeder sucht seinen eigenen Vorteil, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft lassen immer mehr nach. Die Folgen sind offensichtlich: Ehen zerbrechen, Familien bekriegen sich, Missachtung von Recht und Gesetz greift um sich. Die Schwarzarbeit, der Missbrauch von Sozialleistungen, Steuerhinterziehung, Vetternwirtschaft und Korruption nehmen lawinenartig zu. Und in einer solchen Gesellschaft wachsen unsere jungen Menschen auf; diese Gesellschaft mit ihren Wertvorstellungen prägt sie und „züchtet“ sich so ihre zukünftigen Staatsbürger, Steuerzahler und Erzieher heran. Was aber soll aus den nachfolgenden Generationen werden, wenn die sie Erziehenden kein Wertebewusstsein mehr haben, wenn die sie Erziehenden Egoismus und Rücksichtslosigkeit für erstrebenswert halten? Es ist dringend erforderlich, dass alle Menschen in unserem Gemeinwesen sich wieder mehr auf die traditionellen Werte, Moralvorstellungen und Tugenden besinnen. Gefragt sind heute nämlich nicht nur die so genannten christlichen Tugenden wie Glaube, Liebe und Hoffnung, sondern auch die so genannten Bürgertugenden, beispielsweise Mut, Höflichkeit, Fleiß, Anpassungsfähigkeit und Mäßigung. Erst diese Tugenden geben dem menschlichen Miteinander die Grenzen vor, damit das Zusammenleben der Menschen auch funktionieren kann. Und hier wäre eine Rückbesinnung auf das Christentum und seine Lehren sicher sehr nützlich: Studien von Soziologen allüberall auf der Welt zeigen nämlich, dass religiöse Menschen sozusagen die besseren, menschlicheren Menschen sind. Sie verhalten sich rücksichtsvoller und sind normalerweise hilfsbereiter als andere – verallgemeinern aber lässt sich diese Erkenntnis nicht! Was Immanuel Kant (1724 – 1804) in seinem kategorischen Imperativ formulierte, nämlich: „Handle immer so, wie du willst, dass die anderen handeln“, hat bereits Jesus in seiner „Goldenen Regel“ mit anderen Worten ausgedrückt: „Alles, was ihr von den anderen erwartet, das tut auch ihnen“ (Mt 7,12). Die konsequente Beachtung dieser Regel könnte uns durchaus in die Lage versetzen, zur Verbesserung der Situation in unserer Gesellschaft und der beklagenswerten Verhältnisse beizutragen – das alleine aber genügt nicht: Zusätzlich zur Vermittlung eines Bewusstseins für traditionelle Werte für unsere junge Generation muss auch die Vermittlung des Bewusstseins treten, dass es durchaus noch gut und schön sein kann, sich auf die Zukunft zu freuen – die „No-future-Apathie“ muss mit allen Mitteln bekämpft werden.

Der geeignetste Ort, in den jungen Menschen ein Bewusstsein für den Sinn und den Wert von traditionellen Wertorientierungen und Verhaltenswerten zu wecken und ihnen Zukunftsperspektiven aufzuzeigen aber ist die Familie. Es gilt deshalb besonders die bleibende und unersetzbare Rolle der Familie herauszustellen, denn die Familie ist - wie oben ausgeführt - die Keimzelle der Gesellschaft und damit auch nach dem Subsidiaritätsprinzip der erste und zunächst zuständige Funktionsträger im Kampf gegen diesen Wert- und Sinnverlust. „Die Familienstrukturen werden in einem solchen Kontext die zentrale Stelle zur Herausbildung von sozialen Strukturen, indem sie Solidaritäten schaffen und Rangordnungen zuteilen."  Im Anschluss an Joseph Kardinal Höffner lässt sich eine „dreifache bergende, schützende, sorgende und vorsorgende Funktion der Familie" erheben , nämlich: Das Heim, d.h. in der Familie findet sich der Mensch geborgen und geschützt.  Den gemeinsamen Tisch, d.h. hier erfährt der Mensch, wie selbstverständlich und notwendig Teilen und Teilen-Können für das menschliche Miteinander und für ein friedliches Zusammenleben ist, und dadurch lernt der Mensch auch das gemeinsame Haushalten, d.h. er erfährt, dass nicht alles in unendlicher Menge vorhanden ist, dass man sich auch einmal einschränken können muss, dass es manchmal auch nötig ist, sich zurückzuhalten und auf etwas zu verzichten. Dass alle diese oben angesprochenen Zielsetzungen von den Familien heute nicht mehr alleine erfüllt werden können liegt auf der Hand, deshalb sind hier staatliche Maßnahmen einerseits zwar zwingend erforderlich;  zu beachten ist dabei aber andererseits, dass hier unter allen Umständen dem Subsidiaritätsprinzip Genüge geleistet wird, d.h. dass der Staat hier Hilfe zur Selbsthilfe gibt und die Zuständigkeitsbereiche der ihm untergeordneten Ebenen respektiert. Es geht nicht an, dass der Staat die Familien durch ein Übermaß an Gesetzgebung „überbevormundet" (Lothar Schneider); es gilt das rechte Maß an staatlichem Eingreifen zu wahren.  Denn leider ist heute die Situation bereits in zu vielen Bereichen so, wie Joachim Reinelt sie beschreibt: „Die Eltern haben sich daran gewöhnt, dass ihnen der Staat Erziehungs- und Bildungsaufgaben weitgehend aus der Hand nahm. Selbst kirchlich engagierte Eltern delegieren allzu gern religiöse Bildung ihrer Kinder. ... In breitesten Schichten der Bevölkerung ist das Familienleben herabgesunken zum Versorgungsmechanismus für den Körper."  Obiges Zitat des Bischofs von Dresden-Meißen ist natürlich besonders auf die Situation im wiedervereinigten Deutschland bezogen. Aber dabei darf es nicht bleiben, denn nach Meinung des Verfassers hat diese Feststellung auch auf internationaler Ebene ihre Gültigkeit. Der Schutz der Familie ist auch und gerade im internationalen Bereich eines der wichtigsten und vordringlichsten Ziele der katholischen Soziallehre, denn es ist eine Tatsache, dass die Familie immer mehr damit aufhört, „die Funktion des einzigen Mittelpunkts gesellschaftlichen Lebens zu haben. An ihrer Stelle melden andere Faktoren ihren Anspruch an: die Parteien, die Schulen, die Berufsverbände, die Gruppen mit gleichförmigen kulturellen Voraussetzungen, die Modetrends."  Das Resultat einer derartigen multikulturellen und „dezentralisierten“ Erziehung ist oft, dass die Eltern sich im Gegensatz zu anderen Erziehungsfaktoren und –institutionen befinden; dieser Widerspruch aber von ihren Kindern nicht anerkannt wird. Dadurch aber verlieren die Eltern die ihnen vom Kind eingeräumte Kompetenz, die Richtlinien der Erziehung und des familiären Zusammenlebens zu bestimmen. Die Folge sind Konflikte, welche sich soweit auswirken können, dass die Kinder - weil die Eltern nachgeben, nur um ihre Ruhe zu haben - die Führungsrolle im familiären Zusammenleben übernehmen. Ulrich Beck bezeichnet diese Erscheinung als eine „Diktatur der Bedürftigkeit“ , d.h. das Kind zwingt seine Eltern durch Wohl- oder Fehlverhalten dazu, ihm zu gewähren, was es will.

Welche weiteren Aufgaben sind nun vom kirchlichen Lehramt einer wahrhaft christlichen Familie zugedacht? Johannes Paul II. weist der Familie in seiner Enzyklika Familiaris consortio vier Aufgaben zu, nämlich: Die Bildung einer Gemeinschaft von Personen. Die aktive Teilnahme der Familie an der Entwicklung der Gesellschaft. D.h. also, „die Familien müssen sich ... vielfältigen gesellschaftlichen Aufgaben widmen, vor allem im Dienst an den Armen und allgemein an den Personen und Lebenssituationen, welche die öffentliche Organisation der Vorsorge und Fürsorge nicht zu erreichen vermag" (FC 44), denn "weil die verbliebenen oder neu erlangten Funktionen für das soziale System unverzichtbar sind, ist und bleibt es auch die Familie."  Dann den Dienst am Leben. Hier geht es v.a. um die Zeugung von Nachkommenschaft und deren richtige, d.h. christliche Erziehung.  Darin aber erschöpft sich der Auftrag der Familie nicht, es ist darüber hinaus die Teilnahme an Leben und Sendung der Kirche zu fordern. Den Inhalt dieser Telnahme der Familie am Sendungs- und Verkündigungsauftrag der Kirche definiert Johannes Paul II. folgendermaßen: Die Familie wird in ihrem „dreifachen Bezug auf Jesus Christus, den Propheten, Priester und König" gesehen. „Damit soll die christliche Familie     

1) als glaubende und verkündigende Gemeinschaft,     

2) als Gemeinschaft im Dialog mit Gott sowie  

3) als Gemeinschaft im Dienst am Menschen dargestellt werden."

Um nun diese Aufgaben auch erfüllen zu können, stehen der Familie gewisse Rechte zu, die ihr weder vom Staat noch der Gesellschaft genommen werden können. Es sind dies:

1.         Das Grundrecht jedes Menschen eine Familie zu gründen und zu unterhalten (vgl. Familienlohn, Lohngerechtigkeit, Recht auf Arbeit),

2.         Das Recht auf Zeugung von Nachkommenschaft,

3.         Das Recht, in der Familie (aber nicht nur dort!) seinen Glauben zu leben und weiterzugeben (Religionsfreiheit),

4.         Das Recht auf Sicherung eines menschenwürdigen Lebens, vor allem auch in Krankheit und Arbeitslosigkeit,

5.         Das Recht auf Wohnung und Kleidung, und

6.         Das Recht, sich in Notlagen und mit berechtigten Interessen an geeignete Institutionen zu wenden (Koalitionsrecht) oder zur Verbesserung der Lebensverhältnisse den Wohnort zu verlassen (Freizügigkeit). 

Ein weiterer, wichtiger Aspekt, den wir schon behandelt haben, der aber zu den Ausführungen bezüglich der Sicht von einer christlichen Familie gehört, sei noch erwähnt: Es geht um das Recht, Vermögen zu bilden und Rücklagen zu schaffen. Dieser Punkt wurde bereits unter den Gesichtspunkten des Rechts auf Arbeit und der Lohngerechtigkeit bedacht. Rerum novarum z.B. führt dazu aus, dass der Ernährer einer Familie nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hat, seine Familie zu unterstützen, zu versorgen und zu schützen. Dies alles ist aber nur möglich, wenn Rücklagen gebildet werden können und der Ernährer seinen Kindern etwas hinterlassen kann .

 

2.  Das Gemeinwohlprinzip als Ermöglichung und Regelung menschlichen Zusammenlebens:

Der Staat, welcher seine Existenz ja ausschließlich auf den freien Willen der ihn wollenden und ihn gegründet habenden Einzelindividuen, zurückführt, ist einerseits seinen Untertanen verantwortlich, und d.h. andererseits, dass er vordringlich das Wohl aller im Blick zu haben hat. Mit anderen Worten: Der Staat, als die Gemeinschaft einer Gruppe von Individuen muss zu deren Wohle handeln, d.h. er hat das Gemeinwohl zu schützen. Das Gemeinwohl ist also der Grund, auf dem der Staat steht, ja stehen muss. Ein Staat, der sich in den Dienst der Allgemeinheit (des Gemeinwohls) stellt, hat deshalb auch das Recht, den Gehorsam seiner Bürger gegenüber seinen Maßnahmen einzufordern. Dabei hat er aber Rücksicht zu nehmen auf die Interessen und die vorrangigen Kompetenzen der ihm untergeordneten Gemeinschaften, d.h. er muss sich an das Subsidiaritätsprinzip halten. Zu beachten ist, dass der Staat in diesem Zusammenhang seine Pflicht und sein Recht, das Gemeinwohl zu gewährleisten, dadurch erhält, weil er über die besten Möglichkeiten dazu verfügt. „Dem Staat steht nach dem Gemeinwohlprinzip an letzter, aber doch entscheidender Stelle die autoritative Kompetenz zu, die verschiedenen Interessen und Aktivitäten so zu koordinieren, dass sie dem Wohle aller zugute kommen" , weil er den größeren Überblick hat und am besten abwägen kann, was nötig, was unnötig und was schädlich ist. Und deshalb kommt es dem Staat an erster und herausragender Stelle zu, einen gerechten Ausgleich zwischen den zuweilen sich widerstreitenden Interessen verschiedener Gruppen der Gesellschaft zugunsten des Gemeinwohls herbeizuführen. Zwei besonders treffende Beispiele dafür nennt Wolfgang Ockenfels: „Ungeborene Kinder können sich nicht zur Durchsetzung ihrer Lebensinteressen organisieren. Und wen kümmerte es, wenn Arbeitslose streikten? Der Staat ist im Dienste des Gemeinwohls vor allem für die Schwachen da, die über kein Leistungspotential und infolgedessen auch nicht über ein Leistungsverweigerungspotential verfügen."  Mit Johannes Paul II. kann man deshalb sagen: „Die Kirche hat stets gelehrt, dass es Pflicht ist, sich für das Gemeinwohl einzusetzen, und hat dadurch auch für den Staat gute Bürger erzogen. Sie hat ferner immer gelehrt, dass es grundlegende Verpflichtung der staatlichen Autorität ist, für das Gemeinwohl der Gesellschaft Sorge zu tragen; hiervon leiten sich ihre Grundrechte ab" (RH 17).

Was meint nun aber der Begriff des Gemeinwohls? Johannes Paul II. schreibt dazu: „Das Gemeinwohl der Gesellschaft ... besteht besonders in der Wahrung der Rechte und Pflichten der menschlichen Person“(DH 6). Dem Gemeinwohl zu dienen bedeutet nach Pius XII. „den unantastbaren Lebenskreis der Pflichten und Rechte der menschlichen Persönlichkeit zu schützen und seine Verwirklichung zu erleichtern."  Diese Zielsetzung kann natürlich nicht immer vom Einzelmenschen allein erfüllt werden, und das hat zur Folge, dass die von der Gemeinschaft dazu gegründete Institution, d.h. der Staat gewisse Maßnahmen zur Sicherung des Gemeinwohls und des Friedens innerhalb der betroffenen Gemeinschaft zu ergreifen hat. Dabei ist das Gemeinwohl aber nicht etwa als die Summe der Einzelwohle aller zu betrachten, sondern das Gemeinwohl übersteigt „die Dimension des einzelnen. Es wird zu einem Wert- und Sinngefüge, das die einzelnen Glieder der Gesellschaft eint und in dieser sozialen Wertverwirklichung personal-soziales Entfalten erst ermöglicht.“  Die formale Struktur des Gemeinwohlprinzips ergibt sich aus drei anthropologischen Grundvoraussetzungen, nämlich Sittlichkeit, Freiheit und Sozialität.  Sittlichkeit besagt, dass der Mensch als sittliches, vernunftbegabtes und mit Personalität und unverlierbaren Rechten ausgestattetes Wesen sich nur in Freiheit wirklich verwirklichen kann. Freiheit bedeutet, dass der Mensch sich entscheiden muss zwischen Gütern, Werten und Normen, d.h. er muss immer neu eine Güterabwägung durchführen. Sozialität besagt, dass der Mensch auf den Mitmenschen angewiesen ist.

Diese drei Grundvoraussetzungen aber besagen letztendlich, dass die Freiheit des einzelnen ihre Grenze immer in der Freiheit des anderen finden muss. Das Gemeinwohlprinzip kann darüber hinaus aber auch zur Begründung des Rechts, sich zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen verwandt werden, denn die Einheit einer Gemeinschaft (= Staat, Familie), d.h. die rechtliche Absicherung des Zusammenlebens ist die Bedingung für die freie und ungestörte Entfaltung ihrer Glieder (= Gemeinwohl). Der Staat ist also sozusagen das Regulativ und Korrektiv für die Ermöglichung der Selbstverwirklichung des Individuums. Zu beachten ist dabei, dass das Gemeinwohl nicht nur innerhalb des Staates, sondern auch auf internationaler Ebene Geltung hat, denn „aus der immer engeren ... Abhängigkeit ergibt sich als Folge, dass das Gemeinwohl ... heute mehr und mehr einen weltweiten Umfang annimmt und deshalb auch Rechte und Pflichten in sich begreift, die die ganze Menschheit betreffen" (GS 26). Das Gemeinwohlprinzip ist also als ein besonders wichtiges Prinzip aus der Reihe der vier Grundprinzipien der katholischen Soziallehre zu bezeichnen und besagt, dass unter bestimmten Voraussetzungen die Gemeinschaft Vorrang vor dem einzelnen hat, d.h. es kann in der Sicherung des Gemeinwohls durchaus vorkommen, dass die - eigentlich immer vorhandene - Spannung zwischen Person und Gemeinschaft so gelöst wird, dass die Rechte des einzelnen beschnitten werden. Und deshalb können dann auch Dinge gefordert werden, die unbequem und unpopulär sind.

Das Gemeinwohlprinzip, wird es im Sinne der katholischen Soziallehre verstanden, schränkt also - und dies im Gegensatz zum Kollektivismus - nur in bestimmten Fällen das Personalitätsprinzip ein, denn hier ist immer eine Güterabwägung nötig, d.h. es muss von Fall zu Fall neu entschieden werden. In sozialistischen oder kollektivistischen Gesellschaftssystemen beispielsweise treffen wir - wie bereits erwähnt - auf eine entsprechende Überbetonung des Gemeinwohlprinzips zu Lasten des Personalitätsprinzips - etwas, was wir ja bereits als unzulässig und gegen die Menschenwürde seiend dargelegt haben. In einem sozialistischen Gesellschaftssystem wäre die Situation ja dergestalt, dass das Personalitätsprinzip nur in ganz bestimmten - selten vorkommenden - Fällen das Gemeinwohlprinzip außer Kraft setzen würde.

Ein Beispiel für die gerechtfertigte Einschränkung des Personalitätsprinzips durch das Gemeinwohlprinzip wäre z.B. in der Gemeinbindung bzw. Sozialpflichtigkeit des Eigentums zu sehen - „Eigentum verpflichtet", wie es im Grundgesetz heißt. Wer gegen den Grundsatz der Sozialpflichtigkeit des Eigentums verstößt, kann unter Berufung auf diese - dem Recht auf Eigentum innewohnende - Verpflichtung zugunsten des Gemeinwohls eine Einschränkung seiner Personalität erfahren.

Die klassische Definition für das Gemeinwohlprinzip findet sich in der Enzyklika Dignitatis humanae. Dort heißt es: „Das Gemeinwohl der Gesellschaft, das in der Gesamtheit jener Bedingungen des sozialen Lebens besteht, auf Grund deren die Menschen ihre eigene Vervollkommnung in größerer Fülle und Freiheit erlangen können besteht besonders in der Wahrung der Rechte und Pflichten der menschlichen Person" (DH 6). Hier ist deutlich gesagt, dass oberstes Prinzip für gemeinwohlorientiertes Handeln die Grundrechte jedes Menschen sein müssen, dass aber auch gewisse Zwänge ausgeübt werden können, denn zur Gewährleistung der Vervollkommnung der Menschen kann staatliches Eingreifen nötig sein - und wenn es seine Grenzen, die ihm durch Subsidiaritäts- und Gemeinwohlprinzip gesetzt sind, achtet, ist dieses Handeln auch rechtens. Es gilt immer zu beachten, dass hier ein Spannungsverhältnis herrscht, welches unter allen Umständen zu beachten und auszuhalten ist. Mit anderen Worten: Es ist unter Berufung auf das Gemeinwohlprinzip zwar durchaus möglich, das Personalitätsprinzip einzuschränken, aber umgekehrt muss ebenso beachtet werden, dass die Person immer den Vorrang vor der Gesamtheit hat. Mit den Worten Joseph Kardinal Höffners: „Der Vorrang des Gemeinwohls vor dem Einzelwohl gilt nur, ... insoweit der Mensch ... einem bestimmten Sozialgebilde verpflichtet ist. ... Insoweit und solange ein Mensch als Belegschaftsmitglied in einem Betrieb arbeitet, muss er sich den objektiven Notwendigkeiten des Betriebes unterordnen. ... <Dem Gemeinwohl kommt> kein Vorrang zu, wenn ihm Güter der übernatürlichen Ordnung gegenüberstehen ..., denn die menschliche Gesellschaft ist für den Menschen da und nicht umgekehrt."

 

VII.   Das Eingreifen des Staates - geregelt durch das Subsidiaritätsprinzip

1.  Das Subsidiaritätsprinzip als Vorgabe für Hilfe zur Selbsthilfe

In unserem Schema zu Beginn hatten wir angesprochen, dass das staatliche Eingreifen (die so genannte Staatsintervention) zur Wahrung des Gemeinwohls sich immer an das Subsidiaritätsprinzip, welches in Abschnitt 79 der Enzyklika Quadragesimo anno definiert und als „gravissimum principium", d.h. als ein sehr wichtiges Prinzip bezeichnet wurde, zu halten hat. Begründet ist dieses „Zuständigkeitsprinzip" in Freiheit, Würde und Selbstbestimmungsrecht des Menschen, denn als „Hilfe von oben nach unten" schützt es das Eigensein und Eigenleben des Einzelnen.  Dabei ist die extrem wichtige Rolle des Subsidiaritätsprinzips gerade auch im staatlichen Leben zu beachten, denn es wirkt nach Wolfgang Ockenfels dem „Gesetz der steigenden Staatstätigkeit"  entgegen. Diese Zielsetzung bekommt eine besondere Bedeutung im Rahmen des immer engeren Zusammenschlusses der Europäischen Gemeinschaft. Die Tendenz zur Zentralisierung und zur Entmachtung und Reglementierung der unteren, d.h. „kleineren" Gemeinschaften (Staaten, Bundesländer) in der Europäischen Gemeinschaft widerspricht dem Subsidiaritätsprinzip in genau dem gleichen Ausmaß wie die Unterdrückung bzw. Beschneidung der Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit von untergeordneten Gemeinschaften (beispielsweise der Familien) durch Staat und Politik im nationalen Bereich. Und deshalb kann sich nach Ockenfels „der gegenwärtig immer lauter werdende Ruf nach Dezentralisierung und Basisnähe ... zu Recht auf dieses Prinzip berufen."  Mit Paul M. Zulehner kann man also deshalb sagen, „das Subsidiaritätsprinzip ... bringt die hohe Wertschätzung der Unantastbarkeit der einzelnen Person zum Ausdruck, seiner Freiheit und seiner Selbstbestimmung." 

Unter Subsidiarität versteht man also „das ergänzende, hilfsweise Eingreifen der größeren Sozialgebilde zugunsten der Einzelmenschen und der kleineren Lebenskreise. ... Subsidiarität setzt die Prinzipien der Solidarität und des Gemeinwohls voraus, ist aber nicht mit ihnen identisch."  Mit anderen Worten: „Eine übergeordnete Gesellschaft darf nicht in das innere Leben einer untergeordneten Gesellschaft dadurch eingreifen, dass sie diese ihrer Kompetenzen beraubt. Sie soll sie im Notfall unterstützen und ihr dazu helfen, ihr eigenes Handeln mit dem der anderen gesellschaftlichen Kräfte im Hinblick auf das Gemeinwohl abzustimmen."  Mit Franz Klüber kann man das Subsidiaritätsprinzip auch als „Zuständigkeitsprinzip" bezeichnen, d.h. es ist immer erst zu fragen, „Wer ist zuständig?", um zu gewährleisten, dass „der einzelne und die jeweilige Gemeinschaft ... die ihnen eigenen und möglichen Tätigkeiten (Leistungen, Funktionen) erfüllen können, nicht behindert, sondern unterstützt, gefördert und notfalls nur ersetzt durch die (höhere) Gemeinschaft."  Konkret meint Subsidiarität z.B., wenn eine Familie - aus welchen Gründen auch immer -  nicht mehr in der Lage ist, für die Erziehung ihrer Kinder zu sorgen, dann ist der Staat berechtigt, ja verpflichtet für die Erziehung der Kinder Sorge zu tragen und den Eltern dafür Hilfestellung zu geben. Zu beachten bleibt dabei nur, dass diese staatliche Hilfe dann wieder aussetzen muss, wenn die Familie wieder selbst ihre Aufgaben erfüllen kann. In dieser Situation, staatliche Hilfe zu bekommen, ist heute fast jede Familie - die subsidiären Hilfestellungen von Seiten des Staates und der Gesellschaft werden ja auch gerne angenommen. Beispiele für diese Hilfestellungen wären z.B. Kindergeld, Kindergärten, Schulen, BaFöG, u.ä. Subsidiarität meint also vorrangig Hilfe zur Selbsthilfe, d.h. wenn jemand sich nicht mehr zu helfen weiß, soll der Staat bzw. die „Solidargemeinschaft" Hilfestellung geben und wenn nötig, Aufgaben des Einzelnen „subsidiär" für ihn erledigen.  Diese subsidiär geleistete Hilfe des Staates bzw. der Gemeinschaft hat aber auch ihre eng gesetzten Grenzen, denn „nach dem Subsidiaritätsprinzip sollte die öffentliche Hand die Privatinitiative in der Weise fördern und unterstützen, dass sie die von ihr selbst in die Wege geleiteten Unternehmungen sobald als möglich privaten Händen zur Weiterführung überlässt" (MM 152). Mit anderen Worten: Wenn der Staat bemerkt, dass die untergeordnete Instanz (Gruppe, Gemeinschaft, Familie) allein nicht mehr zurechtkommt, dann (und erst dann!) hat er subsidiär, d.h. helfend einzugreifen. Diese staatliche Hilfe hat aber dann ein Ende zu haben, wenn die untergeordnete Gemeinschaft wieder selbst in der Lage ist, ihre Aufgaben zu erfüllen. In diesem Moment wären Staat und Gesellschaft verpflichtet, die im Rahmen der subsidiären Hilfe wahrgenommenen Rechte wieder an die ursprünglichen Besitzer dieser Rechte zurück zu übertragen - dies geschieht aber leider in den seltensten Fällen. Lothar Schneider erhebt innerhalb dieses Themenkomplexes - er nennt dies die P - G - Relation, wobei P die Person und G die Gemeinschaft meint - drei Relationen, nämlich: Die P-Prävalenz, d.h. „Was P kann, darf ihm von G nicht entzogen werden",  die subsidiäre G-Assistenz, d.h. „Was p nicht zu leisten in der Lage ist, soll G als Hilfe zur Selbsthilfe andienen" und die subsidiäre Reduktion, d.h. „Was P inzwischen selbst leisten kann, wird ihm von G zurück übertragen." Wichtig ist hier natürlich, dass die subsidiäre Reduktion gesichert wird, denn sonst wird jede - auch die gutgemeinte - Hilfestellung von oben ungerecht und zum Hinderungsgrund für Einzelinitiative.  Und gerade hier gilt es mit dem Blick auf die kommende europäische Einigung zu warnen. Hier ist nämlich von jedem einzelnen der Schritt hinüber in den politischen Bereich gefordert, d.h. gerade auch das Subsidiaritätsprinzip verlangt, dass jeder Bürger eines jeden Staates seine politische Verantwortung wahrnimmt. Mit Alfons Auer kann man sagen: „Wo der Mensch mündig geworden ist, kann man die politische Verantwortung nicht mehr einigen wenigen überlassen. Damit hielte man ihm ... eine Lebensentfaltung vor, auf die er seiner ganzen Anlage und Entwicklung nach angelegt ist."  Auer sieht aber gleichzeitig auch, dass die eben eingeforderte „subsidiäre Reduktion"  in den seltensten Fällen gelingt, wenn er schreibt: „Das Postulat des 'Staatsminimums' scheint allerdings ... nur schwer erfüllbar zu sein."  Und Walter Kerber beschreibt das selbe Phänomen, wenn er sagt:: „Jede 'gesellschaftliche', politische Regelung stellt für den einzelnen oder die kleinere Gemeinschaft eine Einschränkung der Freiheit dar, ... jede sachlich nicht gerechtfertigte Einschränkung der Freiheit ist ungerecht."  Man wäre nun versucht, die Sicherstellung des reibungslosen Funktionierens des Subsidiaritätsprinzips allein für demokratische Staatssysteme zu postulieren und Demokratie und Subsidiarität in eins zu setzen. Dem ist aber nicht so, denn festzuhalten bleibt, dass Subsidiarität und Demokratie nicht miteinander identisch sind. „Das Subsidiaritätsprinzip ist das grundlegendere: Es bestimmt, was ... auf welcher Ebene gesellschaftlich geregelt werden soll. Das Demokratieprinzip bestimmt, auf welche Weise eine solche Regelung erfolgen soll. ... Demokratie ist kein Ersatz für Subsidiarität".  Die erschreckende Bürokratie und die unbeschreibliche Langsamkeit, ja Unfähigkeit, schnell auf wirtschaftliche Erfordernisse zu reagieren, die einen derartig aufgeblähten Staatsapparat charakterisieren, hat uns die sozialistische Planwirtschaft im ehemaligen Ostblock mehr als deutlich vor Augen geführt. Und dennoch lässt sich feststellen: Trotz dieses abschreckenden Beispiels ist mehr und mehr zu beobachten, dass die Bürokratie in der Europäischen Gemeinschaft sich dieser Situation annähert. Eigentlich sollten sogar die EG-Bürokraten in Brüssel aus den Erfahrungen mit der sozialistischen Planwirtschaft gelernt haben! Dabei ist noch unberücksichtigt, dass der wachsende Zentralismus Brüssels dem Gedanken der Einheit in Vielfalt und einem friedlichen und zufriedenen Zusammenleben der Völker in einem geeinten Europa nicht gerade dienlich ist. Im Gegenteil, dass alles und jedes zuerst einmal in Brüssel entschieden wird und dadurch die Rechte der kleineren Einheiten der Europäischen Gemeinschaft, also der Mitgliedsländer, der Kommunen, der Familien durch diese zentralisierende Tendenz in Mitleidenschaft gezogen werden, begegnet immer größerem Unverständnis und darf darüber hinaus auch nicht sein, denn dies widerspricht dem Subsidiaritätsprinzip in eklatanter Weise. Mit Anton Rauscher ist deshalb zu warnen: „Um einer gefährlichen Entwicklung in Europa entgegenzuwirken, ist es erforderlich, das, was die Subsidiarität beinhaltet, in die Gesetzes- und Verordnungswege, in die Funktionsweisen der Europäischen Gemeinschaft und der Brüsseler Kommission einzubringen. ... Subsidiarität beinhaltet nicht Gleichschaltung und bloße Anpassung! ... Das Gegenstück dazu wäre ein verderblicher Zentralismus, der nicht nur die Vielfalt ersticken, sondern auch das Ganze gefährden würde."  Und hat Rauscher mit seiner Mahnung nicht recht? Die Bürokratie der Europäischen Gemeinschaft greift zusehends immer mehr und immer tiefer in den Alltag des Bürgers ein und wandelt sich zu einem europäischen „Superstaat", dessen Handlungsabläufe den meisten Menschen unverständlich bleiben. Es kann nicht widerspruchslos akzeptiert werden, dass sich die EG um Fremdenverkehr, Denkmalschutz, Gesundheits- oder Katastrophenschutz kümmert, während sie wichtige, nur europaweit zu lösende Fragen - z.B. in der Außen- und Sicherheitspolitik - mangels Kompetenz liegen lässt. Die Verantwortlichen in der Europäische Gemeinschaft sind deshalb aufzufordern und durch das Europäische Parlament zu kontrollieren, dass sie sich genauestens an das Subsidiaritätsprinzip halten und nur dann Aufgabenbereiche auf die nächsthöhere Ebene heben, die auf der eigentlich dafür zuständigen untergeordneten Ebene nicht mehr entscheidungsfähig sind. Wenn die Gerechtigkeit zu einer völligen Einebnung sämtlicher regionaler Unterschiede führt, übersteigen die dadurch entstehenden Nachteile die Vorteile bei weitem. Politik und Verwaltung auf europäischer Ebene müssen deshalb unmissverständlich sichtbar machen, welche Zuständigkeiten heute und zukünftig nach dem Subsidiaritätsprinzip auf welcher Ebene angesiedelt sind und wo darüber entschieden werden soll.

 

2.  Die Staatsintervention im Blick der katholischen Soziallehre

2.1.  Regeln und Begründungen für staatliches Eingreifen zum Wohle aller

Zunächst gilt es in diesem Zusammenhang zu fragen, was ist ein Staat überhaupt? Grob definiert versteht man unter „Staat" eine „Organisation, in der ein Volk den ihm gestellten Aufgaben der Lebensbewältigung gerecht zu werden sucht."  Aus oben genannter Definition lassen sich die drei folgenden grundlegenden Schlussfolgerungen ziehen: Zunächst einmal ist der Staat als Organisationsform einer Gruppe von Menschen, deren freien Willen er sich verdankt, diesen Menschen und deren Interessen untergeordnet, d.h. der Staat muss seinen Staatsbürgern dienstbar sein, und d.h. „der Staat hat instrumentalen Charakter, da der einzelne, die Familie und die Gesellschaft vor ihm bestehen und der Staat dazu da ist, die Rechte des einen und der anderen zu schützen, nicht aber zu unterdrücken."  Der Staat als gesellschaftliche Organisationsform hat zum Zweiten das Recht, die Pflicht und die besten Möglichkeiten dafür, den Menschen, die ihn gegründet haben, den Weg zur Lebensbewältigung aufzuzeigen. „Politische Autorität ... besagt ... einen sittlichen Anspruch auf Gehorsam, den der einzelne Bürger den sozialen Institutionen und ihren Verantwortungsträgern gegenüber zu leisten hat, um ein Zusammenleben in geordneter Freiheit zu ermöglichen.“  Und dies wiederum impliziert, dass der Staat - will er diesem Anspruch auf Autorität und Gehorsam gerecht werden - über das Gemeinwohl, also das Wohl aller, zu wachen hat und das Gemeinwohl zum obersten Prinzip seines Handelns machen muss, denn „aus eigener Kraft vermag der Mensch sich nicht 'zur ganzen Fülle und zum Reichtum dessen, was Gott an Anlagen in ihn hineingelegt hat' ('Quadragesimo anno', 118), zu entfalten."  Dem Staat kommt aber drittens in dem Moment kein Vorrang mehr zu, wenn Grund- oder Menschenrechte mit dem Gemeinwohl in Konflikt kommen, d.h. der Staat muss sich dem Subsidiaritätsprinzip unterwerfen und immer dann Zurückhaltung üben, wenn übernatürliche Werte tangiert werden.

Die vom Naturrecht geprägte Auffassung der katholischen Soziallehre legt das entscheidende Gewicht immer auf das Verantwortungsbewusstsein der Staatsbürger, d.h. „jeder einzelne ist mitverantwortlich für das Wohl und Wehe der Gemeinschaft; diese wiederum trägt Verantwortung für alle ihre Glieder (‘einer für alle, alle für einen’).“  Und deshalb geht die Argumentation der christlichen Gesellschaftslehre - obigen Erwägungen folgend - dahin, dass der Staat sich (auch und besonders im Sinne des Subsidiaritätsprinzips) weitestgehendst zurückhalten solle, denn - so die Argumentationsweise - da der Mensch bereits vor dem Staat existiert habe, habe der Mensch absoluten Vorrang vor dem Staat. „Im Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft besteht ein Vorrang der Person. ... Im Verhältnis der Gemeinschaften untereinander gilt der Vorrang der kleineren vor den größeren. ... Im Verhältnis ... zum Staat gilt: ... Der Staat soll ... frei bleiben für die Aufgaben, die kein anderer Träger wirksam zu leisten vermag."  D.h. also - noch einmal sei es erwähnt-, „der Staat hat instrumentalen Charakter, da der einzelne, die Familie und die Gesellschaft vor ihm bestehen und der Staat dazu da ist, die Rechte des einen und der anderen zu schützen, nicht aber zu unterdrücken" (CA 11.2). Johannes XXIII. meinte dazu, dass jedem menschlichen Zusammenleben das Prinzip zugrunde liegen müsse, „dass jeder Mensch seinem Wesen nach Person ist. Er hat eine Natur, die mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet ist, er hat daher aus sich Rechte und Pflichten, die unmittelbar und gleichzeitig aus seiner Person hervorgehen. Wie sie allgemein gültig und unverletzlich sind, können sie auch in keiner Weise geändert werden" (PT 9). Aus dieser Formulierung lassen sich zwei wesentlichen Erkenntnisse der christlichen Gesellschaftslehre bezüglich des Verhältnisses zwischen Staat und Einzelmensch, zwischen Gemeinschaft und Individuum ableiten, nämlich:

1.         Der absolute Vorrang gebührt dem mit Personalität ausgestattetem Menschen, d.h. Staat und Gemeinschaft sind subsidiär, denn Menschenwürde und Grundrechte sind oberster Bewertungsmaßstab für jedes staatliche Handeln, und d.h.

2.         eine staatliche Ordnung, die das Kollektiv gegenüber dem Einzelnen bevorzugt, ist unzulässig.

Aus obigem ergibt sich, dass die grundlegende Zweckbestimmung des Staates darin liegt, dass - plakativ ausgedrückt - Böses verhindert werden muss (Rechtsprechung), Schaden abgewandt (Militär und Polizei) und Gutes zu tun ermöglicht werden muss (Sozial-Karitativer Aspekt). Hier könnte auf die aus dem Mittelalter stammende Formulierung „Tu das Gute und meide das Böse" als Anweisung für das Handeln des Staats zurückgegriffen werden. Mit Enrique Dussel muss allerdings festgestellt werden, dass diese Formel ziemlich abstrakt und deshalb sehr dehnbar und in verschiedensten Richtungen interpretierbar ist.  Dem Staat kommen in diesem Zusammenhang im wesentlichen die Aufgaben der Friedens- und Existenzsicherung nach innen und außen, sowie die Verantwortung für Wirtschaftswachstum und sozialen Ausgleich zu.  Um dieser Zielsetzung aber gerecht werden zu können muss die staatliche Gewalt „einheitlich, umfassend, souverän und zwingend sein."  Oberstes Prinzip, dem alles staatliche Handeln unterzuordnen ist, muss dabei die Personalität und Eigenverantwortlichkeit des Einzelmenschen sein, d.h. der Staat darf die ihm angehörenden Individuen nicht mehr als unbedingt nötig in ihrer Personalität und ihrer (Mit-)Verantwortung einschränken oder behindern. Und das wiederum bedeutet, dass der Staat auch dazu verpflichtet ist, dem einzelnen den Freiraum zu garantieren, den dieser benötigt, um sich selbst zu verwirklichen und zum Wohle der Gemeinschaft handeln zu können. Mit anderen Worten: „Der Staat ... muss 'offen' sein für das Eigenleben der Einzelmenschen und der kleineren Lebenskreise ... und vor allem für jene Ordnung, die über allen Staaten steht, weil sie von Gott gegeben ist." 

Mit Johannes Meßner kann man das Gemeinwohl, welches Ziel jedes staatlichen Handelns sein muss, also so charakterisieren: „Das Gemeinwohl steht in der aus der gesellschaftlichen Verbundenheit den Gesellschaftsgliedern erwachsenen Bildung für die eigenverantwortliche Erfüllung der ihnen in ihrer Natur vorgezeichneten Lebensaufgabe."  Es geht also vorrangig um Qualität, nicht um Quantität, d.h. es kommt nicht darauf an, möglichst viele Komponenten in den Gemeinwohlbegriff hinein zu pressen, sondern darum, die unverzichtbaren Rechte und Pflichten des Menschen im gesellschaftlichen Zusammenleben zu sichern.  Johannes Meßner bezeichnet diese Werte deshalb als „instrumentale Werte", d.h. sie sind nur Instrumente, also dienende Hilfsmittel zur Errichtung des Gemeinwohls. So verstanden ist das Gemeinwohl also dadurch zu charakterisieren, dass es die Grundlage für richtiges menschliches Handeln darstellt. Das Gemeinwohl kann also gleichgesetzt werden mit der Bereitstellung der optimalsten gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Selbstverwirklichung des Einzelnen und der Gemeinschaft, indem Hindernisse beseitigt und Hilfen gegeben werden - das Gemeinwohl erfordert also zwingend das Subsidiaritätsprinzip. Und nicht ohne Grund haben sich EKD und Deutsche Bischofskonferenz erst wieder mit einem gemeinsamen Wort an die Öffentlichkeit gewandt : In der Bundesrepublik ist nämlich festzustellen, dass das Gemeinwohl immer mehr in Gefahr gerät. Angesichts steigender Arbeitslosenzahlen und wachsender Armut mahnen die beiden großen christlichen Kirchen die Verantwortlichen eindringlich, sich jenseits allen Parteidenkens und aller Gruppenzwänge gegen Egoismus und für das Gemeinwohl einzusetzen. Klaus Engelhardt, Vorsitzender des Rates der EKD, sagte dazu, die Kirchen hätten die Pflicht, sich zum Sprachrohr derer zu machen, die am Rande der Gesellschaft stünden. Und er fügte hinzu, dass in der dramatischen Umbruchssituation, in der wir uns im Moment befänden, die Kirchen die Interessen der Benachteiligten, Armen und Schwachen nachhaltig vertreten müssten.

Doch nun zum staatlichen Eingreifen und den dabei zu beachtenden Grundsätzen: Die so genannte Staatsintervention, d.h. das aktive Eingreifen des Staates in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben (beispielsweise durch eine Sozialgesetzgebung) wurde anfangs von der Kirche (und nicht nur von ihr!) mit Argwohn betrachtet. Von daher erklären sich auch die ursprünglich so zurückhaltenden Aussagen des Lehramts bezüglich der Staatsintervention. Diese Zurückhaltung hatte natürlich vor allem ihre Gründe in den konkreten damaligen Gegebenheiten. So mancher, der sich mit der sozialen Frage beschäftigte und dabei zu dem Schluss kam, dass ohne staatliche Hilfe eine Lösung der anstehenden Probleme unmöglich sei, schreckte anfangs dennoch unwillkürlich davor zurück, staatliches Eingreifen zu fordern. Der erste, der diese Thematik auf die Tagesordnung eines Gesetzgebungsorganes brachte, war Franz Joseph Ritter von Buß: Er hielt 1837 im badischen Landtag seine so genannte „Fabrikrede", in der er eine staatliche Sozialpolitik - flankiert von Selbsthilfeeinrichtungen der Arbeiter (Spar- und Krankenkassen) - forderte. Seine Rede hatte allerdings nur den einen Erfolg, dass er ausgelacht wurde - die Zeit war noch nicht reif für seine Gedanken. Der Beweggrund für die ansonsten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts von den Verantwortlichen geübte Zurückhaltung ist an und für sich verständlich und auch einsichtig: Man erlebte es noch bzw. hatte es gerade erlebt, wie rigoros und egoistisch der Staat in kirchliches und gesellschaftliches Leben einzugreifen pflegte (vgl. Kulturkampf in Deutschland, politische Polizei, u.ä.). Mit der Enzyklika Rerum novarum aber wurde endlich der „Sprung über den eigenen Schatten" gewagt. Bereits Leo XIII. und seine Ratgeber hatten nämlich erkannt, dass die Probleme der modernen Industriegesellschaft nur gelöst werden konnten (und können), wenn der Gesellschaft der Staat zur Seite steht und mittels einer sozial- und wirtschaftspolitischen Gesetzgebung den Bürgern Gerechtigkeit widerfahren lässt. Es mag uns heute selbstverständlich sein, dass dabei besonders wichtig ist, dass Staat und Gesellschaft dabei als gleichberechtigte Partner anzusehen sind. Zur Zeit Leo XIII. war es noch keine allgemein anerkannte Tatsache, dass Staat und Gesellschaft gleichberechtigt und gemeinsam an der Verbesserung der Verhältnisse arbeiten sollten. Die damals übliche Vorstellung war mehr diejenige, dass der Staat als übergeordnete Macht gesehen wurde, der sich alles und jedes unterzuordnen hatte. Doch nun zurück zum subsidiären Eingreifen des Staates: Die staatlichen Leistungen, welche hier in den Blick kommen, sind vielfältig - eine durchaus noch ausbaufähige und mit anderen Punkten ergänzbare Auflistung, welche sich hauptsächlich mit der Situation der Arbeiter beschäftigt, kann der Enzyklika Laborem exercens entnommen werden: „Neben dem Lohn kommen hier noch die verschiedenen Sozialleistungen in Betracht, deren Zweck es ist, das Leben und die Gesundheit der Arbeiter und ihrer Familie zu sichern. ... Ein anderer Bereich solcher Leistungen steht im Zusammenhang mit dem Recht auf Ruhe und Erholung; es handelt sich hier vor allem um die regelmäßige wöchentliche Ruhezeit, ... ferner um... den so genannten Urlaub. ... Schließlich geht es um das Recht auf Ruhestandsbezüge, auf Sicherung im Alter und für die Folgen von Arbeitsunfällen." 

Ein besonders drängendes Problem soll hier in aller gebotenen Kürze behandelt werden: Es geht um die Reform des Rentensystems. Als einer der Teile unseres auf Fürst Otto von Bismarck zurückgehenden Sozialversicherungssystems erbringt die gesetzliche Rentenversicherung seit 1891 in bestimmten Fällen Leistungen, die entweder über Beiträge finanziert werden oder durch den Bundeshaushalt gedeckt werden. Im Jahre 1996 betrug der Zuschuss durch die Bundesregierung 76,6 Milliarden DM, das sind etwa 17% der Gesamtausgaben für Leistungen aus der Rentenversicherung. Der Beitragssatz für die Rentenversicherung beträgt im Moment rund 20%, d.h. jeder Arbeitnehmer bezahlt 20% seines Bruttogehalts in die Rentenversicherung ein (und der gleiche Betrag wird noch vom Arbeitgeber dazugezahlt). Aber, und das ist das große Problem: Die demographische Entwicklung lässt uns befürchten, dass die Rentenbeiträge in womöglich ungeahnte und auch unbezahlbare Höhen steigen werden. Arbeiten heute 100 Arbeitnehmer dafür, die Renten von 46 aus dem Berufsleben ausgeschiedenen Mitbürgern zu finanzieren, so steht für etwa  2040 zu erwarten, dass dann 100 Arbeitnehmer die Renten von 102 Rentnern erwirtschaften müssten – ist das über Beiträge noch finanzierbar? 

In der Diskussion um die Reform des Rentensystems haben zwei Wissenschaftler des Instituts für Weltwirtschaft der Universität Kiel, Dr. Hans Glismann und Dr. Ernst-Jürgen Horn, eine ganz neue und zumindest bedenkenswerte Idee entwickelt:  Um die Renten sicherer zu machen, schlagen diese beiden Wissenschaftler vor, zunächst die an sich unterschiedlichen Leistungen der Alterssicherung einerseits und der Risikoversicherung (z.B. vorzeitige Erwerbsunfähigkeit) andererseits streng voneinander zu trennen und darüber hinaus – und das ist der Punkt, an dem die Meinungen weit auseinander gehen, bedeutet dieses Vorgehen doch das Verlassen alter Wege - die Alterssicherung langfristig auf ein so genanntes reines Kapitalstockverfahren umzustellen.  Dieses Verfahren hätte – so die beiden Wissenschaftler – den Vorteil, frei von politischen Eingriffen und unabhängig von der demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung zu sein, denn nach Meinung von Glismann und Horn weist „die bestehende staatliche deutsche Alterssicherung ... gravierende systematische und ordnungspolitisch bedenkliche Webfehler auf. Zu diesen ... gehören der Zwangscharakter des Systems, die ständige Einflussnahme der Politik ... sowie die Abhängigkeit des Systems von der Entwicklung exogener Faktoren, wie ... derjenigen der Bevölkerung und der Wirtschaft.“ 

Was ist nun mit diesem Kapitalstockverfahren gemeint? Das Kapitalstockverfahren unterscheidet sich darin vom bisherigen Versicherungssystem, dass hier der spätere Rentenbezieher so, wie es ihm richtig erscheint, einen Kapitalstock für das Alter anspart. Man könnte dieses Verfahren also zunächst mit einer Lebensversicherung oder einem Sparbuch, allerdings mit deutlich höherem, weil vom Kapitalmarkt abhängigem Zinsertrag, vergleichen. Dieser angesparte Kapitalstock „ist ein Vermögensteil wie jeder andere, über den frei verfügt werden kann und der nach Abzug etwaiger Erbschaftssteuern an die Erben fällt.“  Mit anderen Worten: Der betreffende Arbeitnehmer kann selbst entscheiden, ob er

       bis zum Lebensende arbeiten und diese angesparte Summe seinen Erben hinterlassen oder zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens in Rente gehen will und dann

       von den Zinsen dieser Summe allein, oder

       von den Zinsen und einem bestimmten monatlichen Anteil am Kapitalstock seinen Lebensabend bestreiten will.

Dieses Denkmodell ist nach Meinung des Verfassers durchaus der Beachtung wert, denn es beinhaltet zwei wichtige Aspekte, die auch von der katholischen Soziallehre gefordert werden: Zum Einen ist dieses Modell „sicher“ Dieses Verfahren kennt keine Finanzierungsengpässe. „Gleichgültig, wie der Altersaufbau der Bevölkerung ist, wie hoch die Arbeitslosigkeit oder wie die wirtschaftliche Entwicklung sein mag, die so definierte und gebildete ‚Rentenkasse‘ ist immer zahlungsfähig, und die Höhe der individuellen Renten ist vorhersehbar und jederzeit abfragbar.“  Und außerdem wird mit diesem Modell auch eine sehr wichtige Forderung der christlichen Gesellschaftslehre beachtet, d.h. die Forderung, dass jeder nach dem Subsidiaritätsprinzip angehalten ist, Eigenvorsorge für die Wechselfälle des Lebens und auch für das Alter zu treffen. Noch einmal sei es wiederholt: Dieses Modell, die Alterssicherung langfristig auf ein Kapitalstockverfahren umzustellen, ist durchaus bedenkenswert und auch mit den Prinzipien der katholischen Soziallehre vereinbar. Das Problem liegt hier v.a. in der Weigerung maßgeblicher Stellen, sich von althergebrachten (und z.T. überholten) Vorstellungen zu lösen. Das System der Rentenversicherung, wie es in seinen Grundzügen seit 1891 besteht, ist ausgereizt. Es wird auf längere Sicht kein Weg daran vorbei führen, sich mit alternativen Denkmodellen zu beschäftigen. Der große zweifache Vorteil des oben kurz geschilderten Modells ist seine Unabhängigkeit von staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einflüssen und Entwicklungen, und seine Entlastung der Wirtschaft, denn durch dieses Modell würden auch die Lohnnebenkosten sinken.  In einer Zeit, in der die wachsenden Arbeitslosenzahlen gerade auch den Rentenversicherungsträgern immer wieder Finanzierungslücken bescheren, sollte man sich zumindest einmal unvoreingenommen mit Alternativen beschäftigen. Ein starres Festhalten an althergebrachten Systemen und ein ständiges Kurieren nur am Symptom kann unsere Wirtschaft und unser Staatshaushalt nicht mehr lange ertragen. Es wäre an der Zeit, umzudenken und eine Entlastung der öffentlichen Haushalte auch mit radikalen Reformen im Netz der sozialen Sicherung zu bewirken. Ein wichtiger Punkt wäre allerdings zu beachten, wenn man wirklich eines Tages zu diesem Modell der Alterssicherung übergehen sollte: Der Staat muss dann auch Abstand davon nehmen, die in diese Altersversorgung eingezahlten Beiträge – analog zur geplanten Versteuerungspflicht für Erträge aus Lebensversicherungen - zu besteuern. Nur dann nämlich ist dieses System gerecht und auch durchführbar. Und auch das wäre durch die christliche Gesellschaftslehre abgedeckt: Der Staat hat sich weitestgehend zurückzuhalten und erst dann einzugreifen, wenn die unteren Einheiten nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu helfen. Und außerdem wäre eine zweifache Besteuerung (die Beiträge zu dieser Alterssicherung sind ja bereits versteuert) unrechtmäßig.

Doch nun zurück zum Eingreifen des Staates. In allen oben genannten Fällen, also Arbeitszeit, Urlaubsregelungen, Altersruhegeld und Gesundheitswesen wird ein Eingreifen und eine Mitwirkung des Staates von der christlichen Gesellschaftslehre befürwortet, ja gefordert. Nach den Prinzipien der christlichen Gesellschaftslehre muss hier aber immer ein Aspekt beachtet werden: Der Staat darf nach Auffassung der katholischen Soziallehre eigentlich nur in drei Fällen, welche allerdings sehr dehnbar interpretiert werden können, einschreiten, nämlich:

1.         Wenn jemand in so großer Not ist, dass er ohne staatliche Hilfe zugrunde gehen würde; hier greifen das  Subsidiaritäts- und das Solidaritätsprinzip.

2.         Wenn die natürliche Ordnung wiederhergestellt werden soll, z.B. bei Bürgerkrieg, Streik, Ausbeutung, Gefährdung von Religion, Gesundheit und Menschenwürde, denn „die Wirtschaft ... setzt die Sicherheit der individuellen Freiheit und des Eigentums ... voraus. Hauptaufgabe des Staates ist es darum, diese Sicherheit zu garantieren, so dass der, der arbeitet und produziert, die Früchte seiner Arbeit genießen kann und sich angespornt fühlt, seine Arbeit effizient und redlich zu vollbringen. ... Eine andere Aufgabe des Staates besteht darin, die Ausübung der Menschenrechte im wirtschaftlichen Bereich zu überwachen und zu leiten" (CA 48.1f).

3.         Wenn einem Teil des Staates oder der Allgemeinheit ein schwerer Schaden droht, also immer dann, wenn das Gemeinwohl gefährdet ist.

In unserer modernen und hochtechnisierten Wirtschaftswelt ist dieses oben angesprochene regulierende Eingreifen des Staates sogar mehr als nur wünschenswert, es ist einfach lebensnotwendig, um das gesellschaftliche und staatliche Zusammenleben zu gewährleisten. Ohne staatliche Regulierung und Steuerung sähe es in unserer Gesellschaft noch schlimmer aus, als es sowieso schon ist. Man denke nur an all jene Dienstleistungen, die der Staat (z.T. unter Mitwirkung anderer Institutionen) gewährt, weil die Gesellschaft sich darum nicht alleine kümmern kann (Beispiel: Kindergärten, Schulen). Besonders wichtig ist das staatliche Eingreifen und die staatliche „Hilfe zur Selbsthilfe“ in der heutigen Zeit, wenn es um Arbeitslosengeld und Sozialhilfe geht.  In allen den Fällen aber, in denen der Staat die Initiative ergreift, muss er - und dies heute noch mehr als zur Zeit Leo XIII. - beachten, dass er nur soweit eingreift, „soweit es zur Hebung des Übels und zur Entfernung der Gefahr nötig ist" (RN 29), denn „jede Staatsform steht ... unter dem Gesetz des Gemeinwohls."  Die Hilfe des Staates soll also gemäß der Maßgabe des Subsidiaritätsprinzips nur Hilfe zur Selbsthilfe sein, denn „wenn Individuum und Familie ... nur Schädigung fänden statt Nutzen, nur Verletzung des ureigensten Rechtes statt Schutz, so würde der Staatsverband eher als Gegenstand der Abneigung und des Hasses erscheinen müssen, denn als begehrenswertes Gut" (RN 10). Der Staat hat also - so haben wir bisher festgestellt - durch Gesetzgebung und Verwaltung das Gemeinwohl zu gewährleisten, d.h. er hat unter anderem Zucht und Ordnung aufrechtzuerhalten, Gerechtigkeit walten zu lassen, die Schwachen zu schützen und die freie Religionsausübung zu gewährleisten. Mit anderen Worten: „Der Staat ... dient dem Gemeinwohl, indem er organisatorische Vorkehrungen trifft und rechtliche Ordnungsbedingungen schafft, unter denen alle einzelnen und Gruppen ihre Werte friedlich verwirklichen können und zu ihrem Recht kommen."  Und so unumstößlich richtig diese Definition von Wolfgang Ockenfels ist, umso mehr muss heute immer wieder darauf hingewiesen werden, dass der Staat diese Aufgabe leider immer weniger erfüllt. Ein Beispiel dafür sind z.B. die Bestrebungen zur totalen Aufhebung des § 218, d.h. zur völligen Freigabe der Abtreibung. Gerade zu dieser Thematik ist es wichtig zu betonen, dass die Kirche als die einzige Institution in unserer Gesellschaft, der dies noch ein Anliegen ist, gefordert ist, sich gegen die Abtreibung zu wenden, denn „die Kirche kann gar nicht anders, als das Gebot Gottes: 'Du sollst nicht töten' unverkürzt zu verkünden. Dieses Gebot hat seine Parallele in der Verfassungsnorm von der Würde jedes Menschen und seinem unantastbaren Recht auf Leben. Dieses Recht ist die Grundlage der übrigen Menschenrechte und das Fundament des Zusammenlebens in Gesellschaft und Staat."

Wir hatten eingangs bei den Aufgaben des Staates bereits erwähnt, dass dieser u.a. auch die Religionsfreiheit zu gewährleisten habe, denn „Zu den Menschenrechten gehört auch das Recht, Gott der rechten Norm des Gewissens entsprechend zu verehren und seine Religion privat und öffentlich zu bekennen" (PT 14). Bereits Leo XIII. schrieb dazu: „Keine Gewalt darf den Menschen auf dem Weg christlicher Pflicht und Tugend zurückhalten."  Und auch in der Enzyklika Dignitatis humanae wird nochmals darauf zurückgegriffen: „Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf Religionsfreiheit hat. ... Dieses Recht der menschlichen Person auf Religionsfreiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird" (DH 2). Es war also auch gut 100 Jahre nach Rerum novarum immer noch nötig, die Religionsfreiheit einzufordern. Und der Verfasser ist der Meinung, dass dieses wiederholte Anmahnen des Grundrechts jedes Menschen auf freie Religionsausübung nicht nur auf atheistische und kommunistische oder sozialistische Gesellschaftssysteme bezogen war und bezogen ist. In der heutigen, säkularisierten und entkonfessionalisierten, ja a-religiösen oder sogar atheistischen Zeit ist hier eine Frage unbedingt zu stellen: Gibt es denn heute überhaupt noch einen Staat, der den Schutz der Religion(en) ernst nimmt? Die allgemeine Situation ist wohl mehr damit zu umschreiben, dass man sich mit Johannes Paul II. fragen muss, „ob die geltenden Gesetzesvorschriften und die Praxis der Industriegesellschaften die Ausübung dieses elementaren Rechtes ... gewährleisten" (CA 9.2). Hier wäre erneut ein Verweis auf die Ostblockstaaten, beispielsweise die ehemalige CSSR und die DDR bis zur Wende anzubringen: In beiden Staaten war es an der Tagesordnung, dass ein Christ, der seinen Glauben ernst nahm, der zu seinem Glauben stand und der sich zum Christentum bekannte, erhebliche persönliche Nachteile in Kauf nehmen musste. So wurde ihm das Hochschulstudium verwehrt und ihm im Betrieb so manches Hindernis in den Weg gelegt. Zu beachten ist dabei, dass z.B. in der Verfassung der ehemaligen DDR die Religionsfreiheit im Artikel 39 sogar ausdrücklich gewährt wurde! Aber - so muss man sich fragen - ist es seit der Wiedervereinigung in der ehemaligen DDR besser geworden? Wenn man sich die momentane Situation in Brandenburg ansieht, könnte man Zweifel anmelden: Ein Gesetzentwurf der Brandenburgischen Regierungskoalition der zunächst in einem Modellversuch getestet wurde, lässt Zweifel aufkommen, ob es den Regierenden in Brandenburg mit der Gewährleistung der Religionsfreiheit  gemäß Artikel 7 des Grundgesetzes ernst ist. An den Schulen wird dort ein „Lebensgestaltung, Ethik, Religion" (LER) genanntes Pflichtfach angeboten - gleichzeitig ist kein konfessioneller Religionsunterricht mehr erlaubt. Bei diesem Vorgehen ist ein dreifacher Verstoß gegen das Grundgesetz zu konstatieren: Nach Meinung des Grundgesetzes hat Religion nämlich ein ordentliches Lehrfach zu sein - ganz davon abgesehen, dass es ein Elternrecht ist -; darüber hinaus wird Religion bei diesem Modellversuch nicht nach den „Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ gelehrt, sondern nach dem Belieben der jeweiligen Lehrer und außerdem ist es nicht rechtens, Schüler zu dieser Religionslehre zwangsweise einzuteilen. Ein wesentlicher Punkt, der hier wohl auch mehr in das Blickfeld gerückt werden müsste, ist die Erscheinung der zunehmenden Privatisierung der Religion, d.h. „da Religion das öffentliche Lebensgeschäft nicht stören darf, wird sie abgedrängt in die privaten Lebensbereiche" (Zulehner). Die Religion hat so „immer mehr mit dem seelischen Innenleben zu tun, weniger aber mit den gesellschaftlichen Verhältnissen"  - vermutlich deshalb wird christliches Handeln in der heutigen Gesellschaft immer weniger praktiziert. Und vielleicht ist diese Tendenz mitverursachend dafür gewesen, dass das Bundesverfassungsgericht unter dem Datum des 10. August 1995 ein Urteil verkünden konnte, welches weithin auf Unverständnis gestoßen ist, an dem sich schwerste Konflikte entzündet haben und welches darüber hinaus die Glaubwürdigkeit und den Respekt vor diesem obersten deutschen Gericht schwer in Mitleidenschaft gezogen haben: Wenn man bedenkt, dass wir uns immer noch damit brüsten, dass wir im so genannten „christlichen Abendland“ leben, muss dieses Urteil, demzufolge Kreuze aus den Klassenzimmern bayerischer Schulen auf Verlangen der Eltern zu entfernen sind, doch sehr zu denken geben. Nicht einmal die braune Diktatur der Nationalsozialisten hatte geschafft, was nun mit einer Entscheidung des obersten Deutschen Gerichts gelungen ist!  Es steht zu befürchten, dass dies nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer völlig areligiösen, ja staatlich verordneten atheistischen Gesellschaft ist - dass dies mit der staatlichen Neutralitätspflicht in Fragen der Religionsbekenntnisse und -ausübung, wie sie die Väter des Grundgesetzes in der Verfassung verankerten, nicht gemeint war, dürfte eigentlich jedermann einsichtig sein. Sosehr der Grundsatz der Religionsfreiheit dem Schutz von Minderheiten dient, sosehr muss hier gefragt werden, ob etwa zukünftig mittels dieses Grundrechts die Diktatur von Minderheiten gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung begründet werden darf - diese Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts lässt diese Entwicklung immer mehr zur denkbaren Möglichkeit werden. Sind wir mittlerweile wirklich schon so weit gekommen in unserem Rechtsstaat, dass sogar die Hüter der Verfassung sich an der immer mehr um sich greifenden Kirchenfeindlichkeit beteiligen? Kann es wirklich angehen, dass unter Berufung auf das Gebot der Toleranz einige wenige, die sich vielleicht der Tragweite ihrer Beschlüsse gar nicht bewusst sind, die Mehrheit der Bevölkerung dadurch verärgern, dass sie ihnen das Ergebnis einer mehr als 1500jährigen Kultur und Tradition glauben wegnehmen zu müssen? Toleranz heißt doch nicht nur, dass die Mehrheit die Grundüberzeugungen und Grundrechte der Minderheit zu respektieren haben; Toleranz heißt doch auch, dass die Minderheit der Mehrheit gegenüber gewisse Rücksichten nimmt!  Gerade in der heutigen Zeit, in der so viele - gerade junge - Menschen nach Sinn suchen, in der so viele Menschen das Bewusstsein eines letzten Zieles und Zweckes des menschlichen Daseins brauchen, ihnen durch das Verbot der Symbole dieser letzten Wirklichkeit auch noch die letzte Hoffnung zu nehmen, ist menschenverachtend und falsch - wo bleibt denn der Artikel 1 des Grundgesetzes in dieser Entscheidung, wo bleibt die Menschenwürde?

Doch nun zurück zu den Grundforderungen der christlichen Gesellschaftslehre: Die christliche Gesellschaftslehre hält es auch für wichtig, dass Handel, Gewerbe und Landwirtschaft belebt und geschützt werden, denn es gehört auch zum Gemeinwohlprinzip, dass eine Mindestversorgung mit allen wirtschaftlichen Gütern ermöglicht und die Existenzgrundlage aller gesichert wird. Hierher gehört aber auch, dass der Staat Steuergerechtigkeit walten lässt, denn zwar ist das Recht des Staates, Steuern zu erheben im Gemeinwohl begründet , dennoch aber ist es nach Rerum novarum ein Verstoß „gegen Recht und Billigkeit, wenn der Staat vom Vermögen der Untertanen einen übergroßen Anteil als Steuer" (RN 35) einbehält. Und außerdem ist es doch eine Binsenweisheit, dass eine übermäßige Besteuerung Handel und Wirtschaft auf das Schwerste belasten.

Gerade in der heutigen Zeit, in der Vater Staat immer dann die Steuerschraube anzieht, wenn wieder irgendwo ein Haushaltsloch klafft, kann man berechtigte Zweifel hegen, ob die maßgebenden Politiker je von dieser Passage der Enzyklika Rerum Novarum gehört haben, denn „das Anziehen der Steuerschraube und die automatische Erhöhung der Sozialabgaben sind gefährlich, weil sie Leistungsverdrossenheit bewirken. ... Die Staatsquote hat eine kritische Grenze erreicht, so dass immer mehr Bürger darüber nachsinnen, wie sie Steuern vermeiden und Sozialleistungen sich sichern können." Es täte dringend Not, dass sich gerade auch die Verantwortlichen in der Politik an die folgende Aussage Johannes XXIII. erinnerten: „Was die Besteuerung angeht, so kommt es unter der Rücksicht von Gerechtigkeit und Billigkeit vor allem darauf an, die Lasten entsprechend der unterschiedlichen Steuerkraft der Bürger zu verteilen" (MM 132). Im Moment beträgt die Steuerquote in der Bundesrepublik Deutschland rund 60%, d.h. von jeder Mark, die in der Bundesrepublik Deutschland verdient wird, wandern 60 Pfennige in die Staatskasse. Und es steht zu erwarten, dass dieser Prozentsatz noch steigen wird. In Analogie zu dem von Joseph Kardinal Höffner Gesagten zu Sparfähigkeit und Sparwilligkeit, könnte man zu der Thematik der wachsenden Steuerlast von Steuerfähigkeit und Steuerwilligkeit des Bürgers sprechen: Wenn jemand für erbrachte Mehrleistungen nicht mehr damit rechnen kann, dass ihm nach Abzug der Steuern noch ein angemessenes Entgelt für seine Leistung übrig bleibt, wird er bald entweder steuerunwillig werden, d.h. er wird versuchen dieser Besteuerung zu entgehen - Steuerflucht, Schwarzarbeit u.ä. sind die Folge, oder er wird leistungsunwillig werden, d.h. er wird sich hüten ein Mehr an Leistung zu erbringen - wer arbeitet schon gerne für den Fiskus? Länder, in denen die Staatsquote deutlich unter 50% liegt, haben eine bemerkenswert hohe und gute Zahlungsmoral ihrer Bürger - wenn sich Steuerhinterziehung nicht mehr lohnt, wird auch weniger betrogen. Darum - und nicht nur aus diesem Grund - ist es dringend nötig, immer wieder einzufordern, dass der Staat langfristig die Staatsquote senkt - dass dies eine sehr schwere Aufgabe ist, welche nicht von einem Tag auf den anderen zu lösen ist, ist einsichtig; nichtsdestoweniger müssen die Politiker diese Aufgabe angehen. Pflicht der katholischen Soziallehre in diesem Bereich ist es, die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft immer wieder daran zu erinnern. Es wäre also - will man Folgerungen aus obigem für staatliches und gesellschaftliches Handeln ziehen -  einerseits dringend nötig, dass die Verantwortlichen im Staat erkennen, dass übergroße Besteuerung die Leistungswilligkeit und das Vertrauen der Bürger schädigt.  Andererseits sollten sich vielleicht auch die Bürger unseres Landes an die Äußerung John F. Kennedys erinnern, der einst sagte: „Fragt nicht, was dieses Land für euch tun kann, sondern fragt zuerst, was ihr für dieses Land tun könnt." Mit anderen Worten: Es gilt vermehrt darauf hinzuarbeiten, dass in der Bevölkerung das Bewusstsein dafür wächst, dass der Staat für die Erfüllung seiner unabdingbaren und lebensnotwendigen Aufgaben auf die Mitwirkung seiner Untertanen angewiesen ist und dass diese Mitwirkung nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht der Staatsbürger ist. Mit Oswald von Nell-Breuning ist deshalb zu fragen: „Sind wir bereit, ehrlich unsere Steuern zu zahlen, damit der Staat über ausreichende finanzielle Mittel verfügt?"  Es ist aber eigentlich sinnlos, von den „Kleinen" im Staat, von Otto Normalverbraucher zu fordern, er solle ja brav seine Steuern zahlen, wenn diesen Aufforderungen die „leuchtenden" Beispiele von millionenschweren Steuerflüchtlingen und unredlichen Politikern gegenüberstehen. Hier bedarf es zunächst der Erfüllung einer großen Vorbedingung: Die Politiker müssen mit gutem Beispiel vorangehen und den Bürgern, deren gewählte Vertreter sie ja sind -  zeigen, dass sie ihre Sparaufrufe und Sozialleistungskürzungen nicht nur auf dem Rücken der „Kleinen" austragen wollen. Hier gilt es also vordringlich im politischen Bereich darauf hinzuwirken, dass die Belastungen gerecht auf alle verteilt werden.

Politiker sollten also - so haben wir bereits mehrfach betont - aus ihrer christlichen Grundhaltung heraus agieren und in vorbildhafter Weise Solidarität und das Einstehen für die Schwachen zeigen. Ob dieses angesprochene Eintreten für die Schwachen nun das Eintreten für den Schutz des ungeborenen Lebens, die Sorge um die Pflegebedürftigen in unserer Gesellschaft oder die Bemühungen um die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen darstellt, ist vorerst gleichgültig; wichtig ist, dass überhaupt etwas geschieht und dass dies unter den Begriff der Solidarität gefasst und als Ausdruck einer tätigen christlichen Grundhaltung dargestellt wird. Und wenn diese Voraussetzungen erfüllt werden, dann wird man zunehmend auf Zustimmung stoßen - auch oder gerade wenn man dazusagt, welche Opfer dies von der Solidargemeinschaft verlangt. Die Einsicht in notwendige Maßnahmen wird gerade von Politikern den Bürgern oft abgesprochen, dabei ist feststellbar, dass diese Einsicht oft viel höher und weiter entwickelt ist, als allgemein angenommen wird. Selbst eine schmerzliche und Opfer verlangende Entscheidung wird akzeptiert, wenn deren Notwendigkeit schlüssig dargestellt wird - der Unmut der Bürger erklärt sich wohl weit eher aus einem Informationsdefizit und dem fehlenden Vorbild der politisch Verantwortlichen, als aus Mangel an Solidarität und Opferbereitschaft.  Voraussetzung für die Umsetzung dieser Thesen in die Praxis ist aber - noch einmal sei es wiederholt und betont - zunächst einmal, dass die Politiker mit gutem Beispiel vorangehen, sich einig sind und glaubwürdig handeln.

Der Staat hat dafür zu sorgen, dass jeder Mensch das hat, was er braucht, und dass das Eigentum des Einzelnen geschützt wird. Dazu bedarf es nicht nur der Lohn- und Steuergerechtigkeit, sondern auch einer Arbeiterschutz- und einer Sozialgesetzgebung - vereinfacht ausgedrückt: Es bedarf einer gerechten Gesetzgebung und Verwaltung. Der Staat ist einerseits nicht nur zur Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung (vgl. die liberalistische Staatsauffassung) da, d.h. er hat nicht nur Besitzstandsgerechtigkeit walten zu lassen, er ist andererseits auch nicht nur Ausdruck der Klassenkräfte (vgl. die sozialistische Staatsauffassung). Nein: Der Staat hat vordringlich eine ausgleichende Funktion, d.h. er muss die verschiedenen Interessen der gesellschaftlichen Gruppen miteinander in Einklang bringen können. Schon Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler stellte dem Staat die folgenden vier wesentlichen Aufgaben:

1.         Schutz der Arbeiter (v.a. der Kinder und Frauen),

2.         Arbeitszeitbeschränkung,

3.         Sonntagsruhe,

4.         Absicherung der Arbeiter gegen Krankheit, Invalidität und Arbeitslosigkeit. 

Ketteler sah also bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts, dass nur staatliche Gesetzgebungsmaßnahmen die Lösung der sozialen Frage ermöglichen würden. Der Mainzer Bischof selbst erlebte die Verwirklichung seiner Vorstellungen nicht mehr, denn „die Fundamente des heute so mächtigen Gebäudes der sozialen Sicherheit wurden erst nach Kettelers Tod - durch die Sozialversicherungsgesetze der achtziger Jahre - gelegt." 

Staatszweck ist also - wie bereits mehrfach erwähnt - die allgemeine öffentliche Wohlfahrt, das Gemeinwohl; d.h. der Staat soll, ja er muss ein Sozialstaat oder ein Wohlfahrtsstaat oder noch besser ein sozialer Wohlfahrtsstaat sein, damit er den Menschen, die in Not geraten sind und Anspruch auf staatliche Hilfe haben, helfen kann. Ein gutes Beispiel dafür wäre die Bundesrepublik Deutschland: Wir vertreten eine soziale Marktwirtschaft, d.h. zwar gelten die Regeln der Marktwirtschaft, doch werden sie an kritischen Punkten eingeschränkt und abgemildert, damit niemand durch die Maschen des „sozialen Netzes" fällt.  Mit anderen Worten: Die soziale Marktwirtschaft lebt aus dem Aufeinander-Angewiesen-Sein einer florierenden Wirtschaft und einer durchdachten Sozialgesetzgebung. Mit Franz-Josef Stegmann kann definieret werden: Soziale Marktwirtschaft ist „ein Wirtschaftssystem, welches das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit verbinden sollte. ... Ziel der sozialen Marktwirtschaft ... ist es also, die freie Initiative der einzelnen mit einer durch die marktwirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Entwicklung zu verbinden, um ein Höchstmaß an wirtschaftlichem Nutzen und sozialer Gerechtigkeit für alle zu erreichen."  Diese soziale Gerechtigkeit als Absicherung des einzelnen ist schon deshalb nötig, um zu verhindern, dass sich die Marktwirtschaft zum Nachteil der Schwächeren und zum Schaden des Gemeinwohls auswirkt. Paul VI. schrieb dazu in seiner Enzyklika Populorum progressio: „Ohne den freien Markt abzuschaffen, sollte man doch den Wettbewerb in den Grenzen halten, die ihn gerecht und sozial, also menschlich machen" (PP 61).

Die Konzeption der sozialen Marktwirtschaft verlangt also einen starken Staat, denn „der Rechtsstaat hat die Aufgabe, den Wettbewerb zu sichern, durch seine Sozialpolitik sozial negative Ergebnisse auszugleichen und wirtschaftliche Strukturveränderungen erträglich ablaufen zu lassen."  Es ist heute aber zweierlei festzustellen, nämlich, dass der Staat - nicht zuletzt wegen des immer weiter um sich greifenden Anspruchsdenkens seiner Bürger - mehr und mehr zum „Versorgungsstaat" wird, d.h. dass jeder alles vom Staat erwartet. Es besteht hier eine zweifache Gefahr, nämlich die Gefahr der Überversorgung nach dem „Gießkannenprinzip" auf der einen Seite, d.h. die absolute Versorgungssicherheit bewirkt das Einschlafen und Verkümmern der Einzelinitiative. Andererseits aber ist festzustellen, dass die Maschen des oben angesprochenen „Sozialen Netzes" anscheinend zerrissen sind, denn die Anzahl derer, die dennoch durch diese Sicherungen fallen, wächst immer mehr an. Mit anderen Worten: „Manches deutet ... darauf hin, dass sich ... eine geschichtliche Wende vollzieht. Der Wohlstandsstaat ... stößt an seine Grenzen.“  Hier sei nur an die wachsende Anzahl der Obdachlosen erinnert, die weil sie keine Arbeit haben, keine Wohnung bekommen und weil sie keine Wohnung haben, keine Arbeit bekommen. Zur Sicherung der Zahlungsfähigkeit des Staates, d.h. um die Kosten der Sozialversicherung tragen zu können, müssen die Sozialversicherten natürlich ihren Beitrag leisten. Die Frage ist nur, wie lange es noch dauern wird, bis diese Kosten auch beim besten Willen nicht mehr aufgebracht werden können, denn „nicht nur von Unternehmerseite, sondern auch für die Arbeiter und Angestellten erhebt sich die Frage, ob die Sozialabgaben immer weiter erhöht werden können. Vor allem diejenigen, deren Löhne und Gehälter unterhalb des Durchschnitts liegen, sind davon betroffen."   Die Situation ist also durchaus als kritisch zu bezeichnen: Wachsende Abgabenlasten sorgen für Unmut und Unwilligkeit bei der arbeitenden Bevölkerung,  wachsender Unmut und wachsende Unwilligkeit sorgen für sinkende Sozialabgaben und sinkende Sozialabgaben sorgen für wachsende Abgabenlasten. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden, denn sonst muss es unweigerlich zum Zusammenbruch des Sozialversicherungssystems kommen, d.h. das soziale Netz zerreißt und wir sind wieder an dem Punkt angelangt, von dem aus die christliche Gesellschaftslehre ihren Anfang nahm - bei Unmengen von verelendeten und verarmten Arbeitern. Vermutlich konnte sich Leo XIII. 1891 noch nicht vorstellen, in welch umfassenden Ausmaß in unserer Zeit der Staat durch seine Gesetzgebung zum Wohl des Einzelnen beiträgt. Die Gefahren dieser staatlichen Fürsorge sind aber mittlerweile auch schon deutlich sichtbar geworden: Es wird für den Staat immer schwerer, die benötigten Geldmittel für den Erhalt des „sozialen Netzes" aufzutreiben.

Hier wären nun einige Worte zum Prinzip der sozialen Marktwirtschaft und zu der besonders ehrenvollen Erwähnung des „Vaters der sozialen Marktwirtschaft“ Ludwig Erhard angebracht: Gerade um die Jahreswende 1996/97 wurde er aus Anlass seines 100. Geburtstages oft und gerne zitiert, ja man könnte sagen, er wurde sozusagen für kurze Zeit aus der Versenkung geholt. Noch nicht einmal 50 Jahre ist es her, da stellte der „Vater der sozialen Marktwirtschaft“ im Juni 1948 im Westteil eines zerstörten und unter den Kriegsfolgelasten schwer leidenden Deutschlands die Weichen in Richtung von Wirtschaftswachstum, sozialen Frieden und „Wohlstand für alle“. Ludwig Erhard setzte sich dabei durch gegen die Verfechter einer Zentralwirtschaft, gegen die Verfechter der Planwirtschaft, gegen die Alliierten - und selbst Konrad Adenauer und große Teile seiner eigenen Partei (der CDU) musste er erst mühsam überzeugen. Erhard sagte immer wieder, dass es nicht darum gehe, den Mangel gleichmäßig zu verteilen, sondern dass es nötig sei, ein Mehr an Gütern zu produzieren, um dem Mangel abzuhelfen. Und der Erfolg gab ihm schließlich recht: Das „Wirtschaftswunder“ schuf binnen kürzester Zeit aus Ruinen blühende Landschaften. Jetzt aber muss man – wenn man Ludwig Erhard gerecht werden will – zugeben, dass das, was er geschaffen hat, von seinen „Erben“ verspielt und verschleudert worden ist. Im Denken Erhards waren politische, wirtschaftliche und menschliche Freiheit untrennbar miteinander verbunden, heute aber ist daraus eine leere Worthülse geworden, denn die Grundpfeiler der sozialen Marktwirtschaft, nämlich Solidarität, Subsidiarität und Personalität haben ihre ursprüngliche Bedeutung weitgehend verloren. Unter Solidarität wird heute die verbissene Verteidigung des Status quo verstanden, die Subsidiarität glaubt man mit einem Hinweis auf die staatlichen Sozialleistungen genügend abgehandelt zu haben. Was niemand beachtet, ist die unbestreitbare Tatsache, dass es das Wirtschaftswunderland Ludwig Erhards mit seiner Vollbeschäftigung und seinem enormen Wirtschaftswachstum schon lange nicht mehr gibt. Die Ausgaben für die soziale Sicherung der Bundesbürger übersteigen die Einnahmen für diesen Zweck bei weiten und dennoch wird statt sich auf Ludwig Erhard zurückzubesinnen weiter nur am Symptom kuriert und der an sich bereits todkranke Patient unseres Sozialversicherungssystems künstlich weiter am Leben erhalten. Es scheint, als hätte sich Erhards Befürchtung bewahrheitet: Was er nie wollte, dennoch aber vorausschauend befürchtete, das war der mittlerweile erreichte Grad an Staatstätigkeit, der nach dem „Gießkannenprinzip“ Leistungen verteilt – das ist gegen die Intention des „Vaters der sozialen Marktwirtschaft“ und auch gegen die Prinzipien der christlichen Gesellschaftslehre. Denn – und dies wurde bereits ausgeführt – das Übermaß an staatlicher Regulierung und staatlicher Reglementierung, welches wir mittlerweile erreicht haben, hat mehr Nachteile als Vorteile: Die Eigeninitiative der untergeordneten Einheiten und des einzelnen werden dadurch in Mitleidenschaft gezogen, die Menschen werden umso unselbständiger, je mehr sie sich auf soziale Sicherungen verlassen können, die Anzahl derer, die sich ganz auf die staatliche Fürsorge verlassen nimmt immer mehr zu. Ludwig Erhard hat mehr als einmal eindringlich darauf hingewiesen, dass die beste Sozialpolitik eine gute Wirtschaftspolitik sei, denn – so sein durchaus richtiger Denkansatz – wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch den Menschen gut, dann ist „Wohlstand für alle“ möglich. Doch leider muss man heute feststellen, dass die Begriffe Wohlstand und Eigentum einen immer schlechteren Ruf bekommen, denn sie werden heute vielfach nur dazu benutzt, nötige Reformen am Sozialstaat zu bremsen oder zu verhindern – der „Status Quo“ ist die heilige Kuh der Bundesrepublik, die nicht geschlachtet, ja nicht einmal angetastet werden darf. Es ist für jeden, der sich die aktuelle Situation, in der sich die soziale Marktwirtschaft befindet, unvoreingenommen ansieht, klar, dass eine Kurskorrektur in unserer Sozialpolitik nötig ist. Es wäre an der Zeit, dass die Politiker aller Parteien Ludwig Erhard nicht nur zitieren, sondern auch lesen – und dann danach handeln.

 

2.2.      Politisches Engagement, politische Theologie, Mitverantwortung des Christen für politische Entscheidungen

Politisches Engagement der Christen - so stellten wir bisher fest  - ist also gefordert, und zwar weil die Kirche als pilgerndes Gottesvolk Teil der sie umgebenden und von ihr geprägten Welt ist und Christ-Sein als christliches Sein in, mit und für die Welt zu betrachten ist. Die Begründung dafür ist eigentlich leicht einzusehen, denn jeder Christ hat die Verpflichtung, sich - auch mittels Einflussnahme auf politische Entscheidungen und politisch Verantwortliche - für Gerechtigkeit, für Menschenwürde und menschenwürdige Lebensbedingungen einzusetzen.  An dieser Stelle sei nun die auf Johann Baptist Metz zurückgehende so genannte „politische Theologie" eingegangen, welche nach Bernd Wacker zwar unter den verschiedensten Bezeichnungen „auf breiter theologischer Basis aufgegriffen worden" ist, dabei aber „von einer allgemeinen Rezeption keineswegs die Rede sein kann."  Aus diesem Grund soll Metz' Ansatz kurz erläutert werden - zumal seinem Ansatz durchaus Anregungen für die christliche Gesellschaftslehre und das Leben des Christen in der Welt entnommen werden können. Metz behauptet in seiner „Politischen Theologie", dass Christus nicht vorrangig das Heil des einzelnen, sondern das Heil der Gemeinschaft, des Kollektivs in seiner Verkündigung thematisiert hätte. „Dieses Heil ist darum ... in einem gesellschaftlich-öffentlichen, gewissermaßen in einem politischen Sinne bleibend welthaft."  Mit anderen - ebenfalls von Johann Baptist Metz stammenden - Worten: „Das Heil, auf das sich die christliche Hoffnung bezieht, ist nicht und nur primär das Heil des einzelnen ..., sondern das Heil des Bundes, des Volkes, 'der Vielen', kurzum das Heil als 'Auferstehung des Fleisches', wobei 'Fleisch' ... die interpersonale und soziale Existenz, die Bundesexistenz des Menschen bezeichnet."  Deshalb hat nach Metz jede religiöse Verantwortung auch politisch konkretisiert zu werden und d.h., dass die Einsicht gefordert wird, „dass die Objektivationen und Institutionen religiösen Bewusstseins, in ihrer jeweiligen Welt und Gesellschaft existierend, immer schon politisch sind bzw. politisch wirken."  Folglich muss sich die eschatologische Akzentuierung der christlichen Lehre zwingend in schöpferischer und militanter Eschatologie realisieren. „Die von der Kirche erhoffte Zukunft der Welt ist aber etwas Entstehendes und Ausstehendes. Darum muss die Hoffnung, die die Kirche für sich und für die Welt einsetzt, wesentlich schöpferisch und kämpferisch sein, sie muss sich in einer schöpferisch-militanten Eschatologie realisieren. ... Die christliche Eschatologie ist darum keine rein präsentische Eschatologie, ... aber auch keine Eschatologie der rein passiven Erwartung. ... Die christliche Eschatologie muss sich vielmehr als eine produktive und kämpferische Eschatologie verstehen. ... Eschatologischer Glaube und irdischer Einsatz schließen einander nicht aus, sondern ein."  Mit anderen Worten: „Eschatologie darf in einer christlichen Theologie nicht nur rein regional, sie muss radikal verstanden werden."  Und diese von Metz geforderte „'schöpferische Eschatologie' ... impliziert ... eine Art 'politischer Theologie'"  Johann Baptist Metz, der mit dieser seiner - voranstehend grob erläuterten - „politischen Theologie" im Kontext der besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil laut gewordenen Forderungen nach der Wahrnehmung politischer Verantwortung durch die Kirche steht, strebt mit seiner „politischen Theologie", welche seinen eigenen Worten nach dem Erschrecken darüber „dass man der christlichen Theologie die himmelschreiende Leidensgeschichte der Menschen so wenig ansieht und anhört" , erwachsen ist, aber nicht etwa die (Re-)Politisierung der Kirche, d.h. die massive Einflussnahme der Kirche auf die Politik bzw. die religiös motivierte Ideologisierung und Sakralisierung der Politik an. Metz meint damit, dass jeder in der Kirche sich seiner Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit bewusst werden und auch nicht mit berechtigter Kritik an Missständen sparen soll.  So verstanden ist politische Theologie ein „kritisches Korrektiv gegenüber einer extremen Privatisierungstendenz gegenwärtiger Theologie" und der „Versuch, die eschatologische Botschaft unter den Bedingungen unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu formulieren." 

Metz sieht die Theologie in zweifacher Hinsicht von Verengungen und Vereinseitigungen bedroht, nämlich von einer „privatistischen Reduktion", d.h. der Konzentrierung auf die „Privatsache Religion ... und ... der Gefahr ..., die Kontinuität mit der messianischen Sache des Christentums zu verlieren", einerseits und  einer „rationalistischen Reduktion ..., d.h. ... einer wachsenden Entsinnlichung"  andererseits. Basis seines Ansatzes ist dabei der in der Offenbarung begründete Auftrag der Kirche, die Heilsbotschaft Jesu Christi zu verkünden. „In diesem Sinn ist das kirchliche Amt primär ein Hirtenamt. ... Das Lehramt besteht nur zur Abstützung des Hirtenamts ... und steht in seiner Ausübung im Dienst des Hirtenamts."  Eine so verstandene politische Theologie „wendet sich gegen den Heilsindividualismus, sieht christliches Heil, kirchliches Handeln ... als Heilsproklamation in der Gesellschaft. Sie kämpft für die Entprivatisierung des Glaubens und hebt seine gesellschaftliche Dimension hervor."  

Hier ist aber mit Hans Maier zu betonen, dass Metz zwar die Politisierung der Kirche ablehnt, mit seiner Auffassung von der „Entprivatisierung des Glaubens" durch die politische Theologie aber genau dies bewirkt bzw. zugrunde legt.  Zu fragen ist bei Metz' Ansatz nämlich, wie die Kirche als „Institution kritischer Freiheit gegenüber dem gesellschaftlichen Prozess mit seinen Verabsolutierungen und Verschließungen" einerseits ein kritisches Bewusstsein der Menschen ermöglichen und fördern will bzw. soll, sich dabei aber aus machtpolitischen Betätigungen heraushalten will. Ein wichtiger Punkt muss hier Beachtung finden: Aus keiner Stelle der Heiligen Schrift kann die Verpflichtung zu aktivem politischen Handeln abgeleitet werden, denn „die christliche Offenbarung enthält nicht ein konkretes politisches Programm.“ Was hier zu beachten ist, ist die Tatsache, dass das politische Engagement der Christen nur indirekt daraus abzuleiten ist: „Die Veränderung der bestehenden Ordnungen und Verhältnisse ergibt sich als Folge aus dem gelebten Geist des Evangeliums ... durch die Menschen und dem dadurch bewirkten Wandel ihrer Gesinnung und ihres Verhaltens."  Jeder einzelne Christ ist also - und das nicht nur nach der Auffassung J.B. Metz`- verpflichtet, sich schöpferisch und kritisch am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben zu beteiligen. So verstanden ist Metz' Ansatz und Anliegen durchaus mit der katholischen Soziallehre zu vereinbaren, denn ein Christ, der sich vom Geist des Evangeliums inspirieren lässt, wird erkennen, dass Missstände und ungerechte Verhältnisse in unserer komplizierten und vernetzten Welt sich oft nur durch politisches Engagement verändern lassen. „Wenn der Christ sich in die Grundvollzüge der Kirche hineinbegibt und somit das Wort des Herrn von den Dächern ruft (Verkündigung), seine rettende Liebe feiert (Liturgie) und seine Barmherzigkeit weitergibt (Diakonie), hat dieses Handeln neben der persönlichen Dimension eine politische Bedeutsamkeit. Der Christ handelt, auch wenn er sich persönlich als ‘unpolitisch’ versteht, immer in gesellschaftlichen und politischen Bezugssystemen, die er durch Handeln oder Lassen ... mitprägt.“  Und aus eben dieser Grundhaltung heraus wird der Christ gerade auch durch politisches Handeln versuchen, die Botschaft Jesu Christi in das konkrete Leben umzusetzen. Und hier „kann es in der Tat berechtigt und auch gefordert sein, dass die Kirche einzelne oder Gruppen von Menschen, die Mächtigen in Staat und Gesellschaft wegen ihres Verhaltens ermahnt oder zur Rede stellt."  Der Einsatz für Verbesserungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben ist so verstanden immer auch gleichbedeutend mit politischem Engagement. „Dort wo elementare Rechte des Menschen auf dem Spiel stehen, etwa das der körperlichen Unversehrtheit, dort muss die Kirche heute in der Tat der Politik, 'den Mächtigen' ins Gewissen reden und, wo möglich, in den Arm fallen. ... Das prophetische Amt der Kirche darf den Bezirk der Politik nicht aussparen."  Es gilt aber auch deutlich abzugrenzen: Die christliche Gesellschaftslehre hat mit der „politischen Theologie" nur diese eine Zielsetzung gemeinsam: Den Wunsch, allen Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Was die „politische Theologie" von der christlichen Gesellschaftslehre unterscheidet, ist die Tatsache, dass die „politische Theologie" letztendlich - auch wenn J.B. Metz dies so noch nicht explizit ausgedrückt hat - auch zur Gewaltanwendung bereit ist. Joseph Kardinal Höffner schreibt dazu: „Nicht wenige haben die Parole der 'Politischen Theologie' fast schwärmerisch aufgegriffen und von der Kirche massive Einsätze im politischen Bereich, zum Beispiel die Verwendung des Misereor- und Adveniatopfers der deutschen Katholiken für revolutionäre Befreiungskämpfe gefordert."  Dies aber ist nicht mit den Prinzipien der katholischen Soziallehre vereinbar, denn „die Kirche kann nicht die Gewalttätigkeit ... als Weg zur Befreiung akzeptieren, denn sie weiß, dass die Gewalttätigkeit immer Gewalt hervorruft."  Gewaltanwendung ist also, so stellten wir bereits fest, auch dann verwerflich, wenn dadurch ungerechte Verhältnisse beseitigt werden könnten, denn festzuhalten bleibt, dass jede Anwendung von Gewalt - und die Unterstützung revolutionärer Bewegungen durch die Kirche würde dies gerade begünstigen - neues Unrecht und neue Störungen des Gleichgewichts, neue Zerrüttung hervorruft.

Welche Beweggründe können aber nun die Triebkraft für politisches Handeln eines Christen sein? Der Christ, welcher sich für politisches Engagement entscheidet, wird wohl oft das Anliegen haben, die Gesellschaftsstrukturen zu verändern, weil er sieht, dass die vorherrschenden Verhältnisse mit dem Gemeinwohl nicht zur Deckung gebracht werden können. Ein weiterer Grund könnte im Wunsch zu sehen sein, spezifisch christliche Wertvorstellungen in Staat und Gesellschaft einzubringen und zu betonen. Gerade in der heutigen areligiösen und säkularisierten Welt kann ein Christ den inneren Drang verspüren, „Wort und Wille Jesu Christi als sinnstiftende und gesellschaftsprägende Kräfte öffentlich zu vertreten.“  Weiterhin kann sich ein Christ sozusagen für die Politik „berufen“ fühlen, d.h. er hat den Wunsch, seine Sachkenntnis, seine Erfahrung und seine Ansichten im gesellschaftlichen und politischen Leben konkret umzusetzen. Und darüber hinaus sollte man nicht verkennen, dass es eine große Anzahl von Menschen gibt, die aus ihrem Verantwortungsbewusstseins heraus die Mühe auf sich nehmen, „sich den Auseinandersetzungen um die je besseren Lösungen im Sinne des Gemeinwohls“ zu stellen.

Hier wären nun auch einige Worte darüber angebracht, wie sich die christliche Gesellschaftslehre den Beruf des Politikers vorstellt. Rita Süssmuth wirft dazu einige grundsätzliche Fragen auf, wenn sie schreibt: „Stehen Christ-Sein und Politik überhaupt noch in Beziehung zueinander? Wie steht es um den Stellenwert der Religion in einer Zeit, in der die Politik fast alle Bereiche des menschlichen Lebens direkt oder indirekt beeinflusst? Kommt dem Christentum in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft noch eine politische Bedeutung zu?"  Und Paul VI. schreibt in seiner Enzyklika Octogesima adveniens zur selben Thematik: „Deshalb liegt es an ihnen, ihre Aufgabe im Dienst des Gemeinwohls in der rechten Weise dadurch zu erfüllen, dass sie aufbauende Unternehmungen fördern und diejenigen ... stützen, die sich der Verteidigung der Grundrechte der menschlichen Person und der menschlichen Gemeinschaften annehmen" (OA 20). D.h. also, die Verantwortlichen im Staat sollten zumindest ein christliches Menschenbild haben, denn „politische Verantwortung wird zutiefst geprägt vom jeweiligen Menschenbild, das dem Handeln des einzelnen zu Grunde liegt“  Ob Voranstehendes bei allen heute in der Politik Tätigen noch der Fall ist, bleibt jedem selbst zu prüfen, denn heute scheint es einen geradezu unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Politik und Religion zu geben. Nichtsdestoweniger gilt es festzuhalten, dass die Politik „die öffentlichen Angelegenheiten und damit die Rahmenbedingungen für das Zusammenleben der Menschen untereinander" regelt und so eine staatliche Ordnung für die Menschen schafft. D.h. also, „Politik ist niemals Selbstzweck, sondern intendiert als geplantes oder spontanes Mittel zum Zweck ... die Verwirklichung bestimmter Ziele."  Und damit wäre die Verbindung zwischen Politik und Gemeinwohl geschaffen, denn „verantwortliches politisches Handeln ist ohne eine ... Zielorientierung über das Gemeinwohl nicht denkbar" , und d.h. eine politische Verantwortung im Zusammenhang mit den Grundsätzen der Religion strebt danach, „die christliche Gesellschaftslehre als Norm und als Suchbewegung auf die je größere soziale Gerechtigkeit hin“ umzusetzen.  Und hieraus ergibt sich bereits eine wesentliche Forderung, die an jeden Politiker zu stellen ist: Es geht um Menschlichkeit, d.h. um ein sich vorrangig am Mitmenschen orientierendes politisches Handeln, denn „wenn ... die christliche Botschaft den Umgang mit dem Menschen in ihren Mittelpunkt stellt, dann muss auch der Christ in der Politik diese Botschaft einbringen."  Es ist dabei sicher richtig, dass der Christ in der Politik vor der Notwendigkeit steht, "Sachgegebenheiten der Realpolitik in sein Handeln einzubeziehen. ... Bestimmte Normen und Grundwerte sind für den Christen unverzichtbar und dürfen nicht zur Disposition gestellt werden. ... Es darf ... keine Kompromisse geben in Fragen der Menschenrechte, des Schutzes menschlichen Lebens, der Individualität und Freiheit jedes einzelnen, der vorbehaltlosen Ablehnung von Ausbeutung und Unterdrückung."  Aber, so müssen wir uns weiterhin fragen, wenn wir von den Politikern reden, wie erklärt es sich, dass gerade heute Politikverdrossenheit und Unzufriedenheit mit den Regierenden so um sich greifen? Wie sieht es denn heute in der öffentlichen Meinung aus, wenn das Gespräch auf Parteien und Politiker kommt? „Das Ansehen von Politikern und Parteien ist auf einen Tiefpunkt gesunken. ... Die Leistungsfähigkeit der Politiker zur Lösung gesellschaftlicher Probleme ... wird als gering empfunden" , aber wie reagieren die betroffenen Politiker darauf? Jeder sucht die Fehler beim anderen und betont, dass  die Zuständigkeit dafür beim politischen Gegner liege. Man schiebt sich untereinander den „Schwarzen Peter" zu, keiner will damit den Anfang machen, mit einer Gewissenserforschung bei sich selbst zu beginnen und eigene Fehler einzugestehen. Ungeachtet der Tatsache, dass politische Institutionen und deren Verwaltungsapparate das individuelle Leben jedes einzelnen Bürgers maßgeblich beeinflussen, lehnen sich deshalb viele Bürger dagegen auf, von diesen politischen Institutionen vertreten zu werden - die Anzahl der Protestwähler und Nichtwähler nimmt ja immer mehr zu. Die politischen Parteien müssten doch eigentlich erkennen, dass hier etwas „faul" ist, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht und ein Prozess des Umdenkens notwendig geworden ist. Im Anschluss an Valentin Döring ist hier Sachlichkeit einzufordern, d.h. „dass die Allgemeinheit betreffende Fragestellungen nur mit Sachlichkeit und nicht mit subjektiver Emotionalität ... einer Bewältigung entgegengeführt werden können.“  Und hier ist jeder Politiker gefordert, sich den „Zeichen der Zeit“ zu stellen und sie aus dem Geiste des Evangeliums heraus zu lösen. Was hier ganz dringend einzufordern ist, ist der feste persönliche Wille „zum sittlich Guten sowie zum Wahren, selbst wenn dies mit Anstrengung, Auseinandersetzung und Anfeindung verbunden ist.“

Was also haben wir bis hierher erarbeitet? Die obersten Prinzipien, welche das Zusammenleben der Menschen ermöglichen, d.h. Freiheit und Menschenrechte müssen im Zusammenwirken aller erhalten und geschützt werden. Jeder einzelne Christ ist deshalb aufgerufen, sich auch im politischen Bereich zu engagieren und aktiv am politischen Leben und der politischen Willensbildung teilzunehmen. Drei Fragen sollten im Zusammenhang mit dieser Forderung aufgeworfen werden, nämlich:

1.         Liegt in der Schnelllebigkeit und im Egoismus der heutigen Welt der Grund, warum die Prinzipien der katholischen Soziallehre so oft unbeachtet bleiben, warum die Welt so unmenschlich ist?

2.         Ist die Welt so voller Ungerechtigkeit, weil die Christen sich nicht genug für eine bessere, gerechtere und menschenwürdigere Welt im Geiste des Evangeliums einsetzen? 

3.         Ist das nicht genügend gelebte Christentum der Grund für das Böse, die Ungerechtigkeit, die Ausbeutung und die Missachtung der Menschenwürde so vieler?

Angenommen, wir beantworten diese drei Fragen mit Ja, so gilt es als nächstes zu fragen: Was können die Christen tun, welchen Beitrag können sie für den Aufbau einer gerechten Weltordnung leisten? Mit Johannes Paul II. kann man sagen: „Die radikale Neuordnung der bisherigen Kollektivwirtschaften bringt Probleme und Opfer mit sich, die sich mit jenen vergleichen lassen, die die westlichen Länder des Kontinents für ihren Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg auf sich nahmen" (CA 28.1). Es ist aber unzweifelhaft, dass die Reduzierung dieser oben angesprochenen Problematik auf den rein materiellen Bereich nicht genügt. Es gilt vor allem auch, den spirituellen Aspekt dieser Thematik zu beachten. Mit dem Heiligen Augustinus ist das Defizit an wahrer Menschlichkeit - gerade auch in unserer Zeit - anzumahnen: „Die Menschen reisen in fremde Länder und staunen über die Höhe der Berge, die Gewalt der Meereswellen, die Länge der Flüsse, die Weite des Ozeans, das Wandern der Sterne, aber sie gehen ohne Staunen aneinander vorbei." Gerade auch die Theologie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sieht dabei deutlich, dass der Christ dazu berufen ist, seinen Glauben in der Welt konkret erfahrbar zu machen. Es geht hier an allererster Stelle um Menschlichkeit, d.h. jeder Mensch soll erkennen und spüren, dass sein Nebenmann, sein Nachbar, sein Mitmensch nicht nur auf dem Papier Christ ist, sondern auch wirklich aus diesem Glauben Kraft schöpft und diesen Glauben ins Leben umzusetzen versucht. „Die weltlichen Bereiche ... sowie das Handeln in ihnen, also in Arbeit, Beruf, Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur, Kunst, Technik, Wirtschaft - haben ein echtes Eigensein."  D.h. also, Gesellschaft und Staat, nicht der innerkirchliche Bereich, sind die Orte, an dem sich der Christ zu bewähren hat. Zwar ist die Kirche als Institution an sich unpolitisch strukturiert, dennoch aber hat jeder Christ seine Verpflichtung zur Verantwortung für diese Welt. Dieser Verantwortung kann man aber am besten in politischer Betätigung gerecht werden. Um an der gerechten Gestaltung unserer Welt mitzuarbeiten, hat jeder Mensch deshalb die Verpflichtung, seine politische Verantwortung wahrzunehmen und d.h. z.B. in letzter Konsequenz, dass der Christ, der sein Wahlrecht nicht ausübt, sich seiner Verantwortung entzieht. Politische Verantwortung wahrzunehmen, d.h. aber nicht nur alle vier oder fünf Jahre wählen zu gehen, die politische Verantwortung eines jeden Christen verlangt auch von ihm, dass er sich mit seinen Kenntnissen der Gemeinschaft zur Verfügung stellt und mithilft, eine menschenwürdigere und gerechtere Welt aufzubauen. Mit Alfons Auer gesprochen: „Die Frömmigkeit des Laien kann und darf sich ... nicht in unmittelbar religiösen Akten erschöpfen, vielmehr muss sie ihre spirituelle Realisierungskraft auch den irdischen Wirklichkeiten gegenüber bewähren. ... Frömmigkeit in der Welt ist zunächst Erkenntnis der Sinnwerte und der Ordnungen der irdischen Wirklichkeit."  Deshalb haben Christen und Kirchen die vordringliche Aufgabe, die politisch Verantwortlichen immer wieder daran zu erinnern, dass ihr Wirken dem Wohl der Allgemeinheit dienen soll. Und diese Aufgabe muss auch dann erfüllt werden, wenn man dadurch unbequem ist und sich unbeliebt macht, denn „Frömmigkeit in der Welt ist nicht nur Erkenntnis, sondern Anerkenntnis der Wirklichkeit, ihrer Sinnwerte und Ordnungsgesetze, ihres Seins und ihrer Entwicklung. Sie sind dem menschlichen Tun vorgegeben und darum zu respektieren."  Ein Christ in der Politik sollte also das Heil der Menschen im Blick haben, nicht seinen Geldbeutel oder seine eigenen Interessen - leider kann man das - so hat es immer mehr den Anschein - heute von kaum jemandem in Bonn behaupten! Will man Voranstehendes konkretisieren, d.h. in die Realität umsetzen, gilt es vor allem im Blick auf das wiedervereinigte Deutschland folgende - meines Erachtens wichtige Punkte - anzusprechen. Zu beachten gilt aber dabei, dass alle diese Aufgaben für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft beileibe nicht nur in den „neuen" Bundesländern zu verwirklichen sind, hervorzuheben ist, dass diese Zielvorstellungen auch in den „alten" Bundesländern, in Europa und der ganzen Welt zu verwirklichen sind. Folgende Aufgabenstellungen sind zu beachten:

1.         muss die Sensibilität für das Erkennen von Notlagen des Mitmenschen geweckt werden (Subsidiarität).

2.        muss sich ein neues Verantwortungsbewusstsein bilden, d.h. Verantwortung für das Leben und den Wert der Familie, für die Umwelt und für den Zusammenhalt (Solidarität) der Menschen muss (wieder neu) übernommen werden.

3.         muss den Menschen klar gemacht werden, dass Konsum und Luxus um jeden Preis mehr schadet, als es der kurze Genuss wert ist.

4.         gehört dazu auch, dass jedermann sich bewusst ist, dass Privateigentum zwar ein Grundrecht ist, das Eigentum aber dem Gemeinwohl dienen soll (Sozialpflichtigkeit bzw. Gemeinwohlbezogenheit des Eigentums).

5.         gilt es- hier sind besonders die Politiker angesprochen - Steuergerechtigkeit anzustreben und das Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu überdenken und den Erfordernissen des Subsidiaritäts- und Gemeinwohlprinzips anzupassen.

6.         muss der Ausgleich zwischen den Interessen des Einzelnen auf der einen Seite (Personalität) und dem Gemeinwohl, d.h. den Rechten der Gemeinschaft auf der anderen Seite gerechter und konsequenter vollzogen werden. „Es wird eine der großen Herausforderungen der Gegenwart sein, die Persönlichkeit des einzelnen Menschen zu stärken, ohne hierbei dem individualistischen Egoismus Vorschub zu leisten. Es gilt die Sozialfähigkeit gegenüber einer ‘Gemeinschaftsverdrossenheit’ zu stärken.“

7.         muss ein neues politisches Bewusstsein gebildet werden: Es muss sich ein (neues) demokratisches Grundbewusstsein bilden, in dem deutlich wird, dass jeder Mensch, ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß seine unverlierbare Würde und sein unverlierbares Personsein besitzt; ein Bewusstsein, in dem deutlich wird, dass die Menschenrechte die alleinige legitime Grundlage allen Handelns sind, dass die Staatsgewalt wirklich vom Volk ausgeht und dass der Staat auch an Gesetze gebunden ist und nur innerhalb dieser Grenzen handelt.

Die Menschen müssen Vertrauen in die Politik haben: Vertrauen in die Politik aber bedeutet, dass die Staatsbürger erkennen, dass die von ihnen gewählten Volksvertreter auch wirklich die Vertreter des Volkes  sind, d.h. dass man ihnen vertrauen kann, dass sie zum Wohl des Volkes und nicht nur zum Wohl ihres eigenen Geldbeutels und ihrer eigenen Interessen handeln. Ein Schritt auf diesem Weg wäre es z.B., dass die Politiker aller Parteien sich darauf besinnen, mit wohlfundierten Argumenten gegeneinander anzutreten und nicht mit haltlosen Beschuldigungen und Beleidigungen. Der Verfall der so genannten „politischen Kultur", d.h. die immer mehr unter die Gürtellinie gehende Umgangsweise der Politiker untereinander ist sicher als einer der Hauptgründe für die wachsende Politikverdrossenheit und die wachsende Abwendung der Menschen von den demokratischen Parteien hin zu den radikalen, extremistischen Parteien und Bewegungen zu betrachten. Muss man sich über die wachsende Gewaltbereitschaft und die wachsende Missachtung von Leben und Gesundheit der Mitmenschen vieler Menschen wundern, wenn man sieht, dass selbst Politiker sich nicht um die Würde des Menschen und die Achtung vor der Person des anderen kümmern? Erstrebens- und Wünschenswert wäre es aber auch, dass alle Politiker sich auf die Grundlage unserer Kultur, auf die Basis des so genannten christlichen Abendlandes besinnen. Und wenn ein Politiker schon glaubt, er könne oder dürfe sich nicht zu einer christlichen Konfession bekennen, so ist doch zumindest einzufordern, dass er allgemeingültige und generell anerkannte christliche Grundwerte auch im öffentlichen Leben anerkennt, oder Menschen die danach handeln respektiert und ihnen die Legitimität ihres Handelns zugesteht. Der politisch verantwortlich Handelnde soll also zumindest christliche Grundwerte und Grundhaltungen respektieren; Aufgabe aller Christen aber ist es, die Verantwortlichen in der Politik dahingehend zu beeinflussen, dass sie diesen christlichen Grundvorstellungen politische Wirksamkeit beimessen. Was hier dringend einzufordern wäre, ist Sachkenntnis und Sachverstand der Politiker.  Gerade hier aber krankt es offensichtlich sehr. In letzter Zeit mehren sich die Stimmen, welche den politisch Verantwortlichen die Kompetenz und die Qualifikation zur Lösung der anstehenden Probleme rundweg absprechen. Und gerade deshalb müsste wieder mehr und deutlicher darauf hingewiesen werden, dass „der sachgerechte Vollzug des politischen Handelns ... Grundbedingung und wichtiger Bestandteil der Frömmigkeit des Politikers“ ist  Dafür aber bedarf es eben als unabdingbarer Voraussetzung „einer umfassenden und durchdringenden Sachkenntnis."  Es gilt in diesem Zusammenhang aber vor allem auch einzufordern, dass z.B. Politiker und christlich engagierte Journalisten sich dafür einsetzen, dass die Berichterstattung in den Medien (Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen) gerecht, ausgewogen und frei von jeder antikirchlichen und antichristlichen Polemik gestaltet wird: Gerade mittels der modernen Massenmedien können Menschen auf geradezu erschreckende Weise manipuliert, gelenkt, missgeleitet, desinformiert und aufgehetzt werden.  Und diese eben angesprochene Gefahr ist heute besonders dann gegeben, wenn man sich vor Augen hält, dass es eine traurige Tatsache ist, dass sich heute viele Familien ihrer Erziehungsaufgabe dadurch entledigen, „indem sie in der leicht zugänglichen Ablenkung ... die Möglichkeit finden, ihre Kinder beschäftigt zu halten."  Hier haben die Eltern die Pflicht, dafür zu sorgen, „dass der Umgang mit den Medien in der Familie genau geregelt ist" (FC 76). Deshalb gilt es gerade für die Verantwortlichen in Presse, Funk und Fernsehen sich darauf zu besinnen, dass es auch ein „journalistisches Ethos" gibt. Mit den Worten Johannes Paul II. ausgedrückt, heißt das, die Familien müssen „auf den guten Willen, die Redlichkeit und das Verantwortungsbewusstsein derer zählen können ..., die beruflich in den Medien tätig sind. ... Darum ist es Pflicht, dass man diesen Medienschaffenden auch von Seiten der Kirche weiterhin jegliche Aufmerksamkeit schenkt" (FC 76). Hier gilt es besonders zu arbeiten, denn der Mensch, welcher als Geschöpf Gottes mit Gottebenbildlichkeit, Würde und Vernunft ausgestattet ist, steht den Massenmedien hilf- und wehrlos gegenüber: Wohlstands- und Konsumgesellschaft suggerieren ihm Bedürfnisse, zu deren Befriedigung er sich selbst entfremden muss.

Der moderne Wissenschafts- und Machbarkeitsglaube lässt keinen Platz mehr für Religion und Vertrauen auf Gott. Gott ist in unserer Zeit entbehrlich geworden, denn immer mehr Menschen leben und handeln heute nach der Devise, die man einst boshafterweise den niederbayerischen Bauern zuschreiben wollte: „Wozu brauche ich noch einen Herrgott; ich habe doch Kunstdünger!" Dass mit der „Abschaffung" Gottes dem Menschen aber auch ein wesentlicher Sinn seiner Arbeit, seines Lebens und das wichtigste Gegenüber überhaupt fehlt, kommt den Betroffenen noch zu wenig zu Bewusstsein. Hier gibt es erheblichen Handlungsbedarf nicht nur für die „Amtskirche", sondern für jeden Christen. Ebenso aber wie Wert zu legen ist auf eine sachliche, richtige und ausgewogene Berichterstattung, ist hier auch das Recht der freien Meinungsäußerung einzufordern, um der Lenkung und Leitung der Presse durch Staat und/oder Politik entgegenzutreten. Mit anderen Worten: Hier ist eine Güterabwägung gefordert: Es gilt abzuwägen zwischen dem Recht der Menschen auf freie Meinungsäußerung und dem Recht sachgemäß informiert zu werden einerseits, und dem Recht jedes Menschen auf seine Privatsphäre und seiner Menschenwürde andererseits. Billige Effekthascherei und sensationshungrige Berichterstattung zum Zwecke der Auflagensteigerung ist deshalb abzulehnen, denn  eine sinnentstellende und bewusst falsche Darstellung von Tatsachen zum Zwecke der Auflagensteigerung oder Effekthascherei widerspricht allem, was unter diesem oben angesprochenen „journalistischen Ethos" zu verstehen ist.

Die Politiker haben also - wie wir herausgearbeitet haben - die vordringliche Aufgabe, den Prinzipien der katholischen Soziallehre im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben Geltung zu verschaffen. Eine interessante Beobachtung ist hier in der Entwicklung der letzten Jahre bezüglich der Ausdehnung der bundesrepublikanischen Wirtschaft in die neuen Bundesländer und die Staaten des ehemaligen Ostblocks zu machen: Die Initiativen gehen zumeist nicht von der Wirtschaft direkt aus, sondern oftmals von der Politik. Eigentlich müsste doch die Politik auf die Anforderungen und Anfragen der Wirtschaft reagieren, nicht die Wirtschaft auf die Anregungen, die ihr die Politik gibt. Allerdings - und hier müsste nicht nur die Politik umdenken -, ist das Anspruchsdenken, d.h. die Forderung, der Staat solle etwas tun, um die schlechte Wirtschaftslage zu ändern, so tief in unserer Mentalität verwurzelt, dass ohne politische Aufmunterung und politische Garantien fast niemand mehr bereit ist, auch einmal risikofreudig zu investieren. Es muss festgestellt werden, dass nicht nur in der Politik die Bereitschaft zu Veränderungen immer mehr abnimmt. Der „Status quo" ist mittlerweile das Heiligtum nicht nur der Politiker, sondern auch der Verantwortlichen in der Wirtschaft geworden, welches nicht angetastet werden darf. Und wer es dennoch wagt, diese „Heilige Kuh“ anzutasten, wer versucht an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zuständen etwas zu ändern, der kann damit rechnen, dass er von allen Seiten gleichzeitig angegriffen wird. Nehmen wir als Beispiel das drängendste Problem unserer Zeit, die Arbeitslosigkeit: Der „Status quo" ist, dass eine Wochenarbeitszeit von 35-40 Stunden tariflich festgelegt ist. Der Abbau der Arbeitslosigkeit könnte dadurch geschehen, dass bei einer Wochenarbeitszeit von 30 Stunden jeder Arbeitnehmer auf 10 bis 20 Prozent seines Lohnes verzichtet und mit diesem „Solidarbeitrag" neue Arbeitsplätze finanziert werden. Wie reagieren aber Gewerkschaften und sonstige Interessenvertretungen darauf? Mit Ablehnung, denn das wäre ein Rückschritt, ein Eingriff in die Tarifautonomie - ein Antasten der „heiligen Kuh" des Status quo. Nicht nur in der Politik - aber gerade dort auch! - muss deshalb wieder mehr Wert darauf gelegt werden, dass Sachentscheidungen und Sachverstand wieder höher bewertet werden, als Parteidisziplin und Fraktionszwang.  Wie aber sieht beispielsweise im politischen Leben die Realität aus? Ein Politiker, der unpopuläre Maßnahmen vorschlägt, kann mit fast 100%iger Sicherheit damit rechnen, nicht mehr wieder gewählt zu werden, weil er für seinen Listenplatz oder sein Direktmandat nicht mehr nominiert wird, sobald er aus der Parteilinie ausschert. Es muss hier umgedacht werden, d.h. es muss - gerade von engagierten Christen und Kennern der christlichen Gesellschaftslehre - darauf hingearbeitet werden, dass wieder mehr Wert auf das Subjekt der Politik und der Wirtschaft- den Menschen - gelegt wird. Es muss wieder mehr und deutlich herausgestellt werden, dass der Mensch Ziel und Grund allen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Handelns ist. Um aber diesen Zielsetzungen gerecht werden zu können, müssen die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft zunächst einmal Vertrauen schaffen: Vertrauen in den Staat, Vertrauen in die Wirtschaft und Vertrauen in sich selbst.

 

3.  Kirche und Staat - Zusammenarbeit für eine menschenwürdige Welt

Es wäre nun zu fragen, wenn das Subsidiaritätsprinzip doch regelt, dass der Staat im Falle des Versagens oder der Überforderung des einzelnen hilfreich einspringen muss, was für eine Berechtigung hat die Kirche, hier ebenfalls einzugreifen? Ist das Engagement der Kirche nicht eine Einmischung in Angelegenheiten des Staates, d.h. macht die Kirche damit nicht Politik? Dieser Einwand kann aber abgewiesen werden, denn zwar sind Staat und Kirche „nach Ursprung, Ziel und Verfassung verschieden. ... Ziel des Staates ist die Verwirklichung des irdischen Gemeinwohls, Ziel der Kirche das übernatürliche Heil der Menschen" , dennoch aber sind „beide auf ihrem Gebiet selbständig. ... Daher ist ein Zusammenwirken von Staat und Kirche immer empfehlenswert.“  Mit Johannes Paul II. kann man nämlich sagen: "Die Verkündigung der Soziallehre der Kirche ... ist ... geeignet, den Weg zu weisen, um auf die großen Herausforderungen der Gegenwart nach der Krise der Ideologien Antwort zu geben“ (CA 5.5f). Und unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist es beispielsweise die ureigenste Aufgabe der Kirche, sich für die Armen, Kranken, Verlassenen und Ausgebeuteten zu engagieren, denn schon Bischof Ketteler erklärte 1848, dass die soziale Verantwortung des Christen in seinem christlichen Glauben begründet sei. D.h. also, der Kirche ist es zur Aufgabe gemacht, die Option Jesu für die Armen zu ergreifen und nach dem Wort Jesu „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken" (Lk 5,31) zu handeln. Es lässt sich also sagen, dass Staat und Kirche „trotz aller Verschiedenheit ... in vielfacher Weise aufeinander bezogen" sind.  Bereits Leo XIII. begründet in Rerum novarum, dass die Kirche nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht habe, sich mit Maßnahmen zur Bewältigung der sozialen Frage zu engagieren. Er schreibt: „Zur Beseitigung des Kampfes aber und selbst zur Ausrottung seiner Ursachen besitzt das Christentum wunderbare und vielgestaltige Kräfte. Die Kirche hat ... in den religiösen Wahrheiten und Gesetzen ein mächtiges Mittel die Reichen und die Armen zu versöhnen. ... Ihre Lehren und Gebote führen beide Klassen zu ihren Pflichten gegeneinander und ... zur Befolgung der Vorschriften der Gerechtigkeit."  Ähnlich sieht es auch Norbert Greinacher: Die christliche Gesellschaftslehre erfüllt ihre Aufgabe darin, dass sie den „Dienst der Christinnen und Christen, den Dienst der kirchlichen Gemeinden und der Kirche am Aufbau einer 'terre des hommes', einer menschlicheren Welt" ermöglicht. 

Bereits Leo XIII. stellte in seiner Enzyklika Rerum novarum deutlich heraus, dass Glaube, Leben aus dem Glauben und der Einsatz für Gerechtigkeit und menschenwürdige Lebensbedingungen untrennbar zusammengehören, denn wer die Botschaft vom Heil für alle Menschen verkündigen will, darf es nicht bei Worten belassen, er muss seine Worte - dem Beispiel Jesu folgend - durch Taten untermauern und bekräftigen.  Aus obiger Argumentation Leo XIII. folgt aber auch, was die Kirche zu tun gedenkt bzw. bereits tut: Sie will „die Menschheit nach Maßgabe ihrer Lehren und ihres Geistes umbilden und erziehen, ... in das Innerste der Menschen eindringen und ihren Willen lenken" (RN 22). Das bedeutet zunächst einmal, dass die Kirche den Menschen die christliche Gottes- und Nächstenliebe näher bringen und sie mit ihrem Schicksal aussöhnen will - das dürfte bei einem Reichen wohl sehr viel einfacher und leichter sein, als bei einem Armen. Zum anderen aber will die Kirche auch verschiedene sozial-caritative Einrichtungen einrichten, fördern und unterhalten, um die soziale Not zu lindern. „Auf diesem Gebiet ist die Kirche getreu dem Auftrag Christi, ihres Gründers, seit jeher mit ihren Werken präsent, um dem bedürftigen Menschen eine materielle Unterstützung anzubieten, die ihn nicht erniedrigt und nicht zu einem Fürsorgeobjekt herabsetzt, sondern ihm hilft, aus seiner prekären Lage herauszufinden, indem sie seine Würde als Person fördert" (CA 49.1).

Dieser eben angesprochene diakonische und karitative Dienst der Kirche am Menschen ist dabei zweigeteilt. Er zerfällt nämlich in die allgemeine Diakonie, d.h. das soziale Engagement jedes Christen, und die amtlich organisierte Diakonie, d.h. die karitative Tätigkeit kirchlicher Einrichtungen (Caritas, Diakonisches Werk).  Nach Joachim Reinelt ist „dieser Dienst der verschiedenen karitativen Vereinigungen und Verbände ... unverzichtbar, zumal er zum Wesen des Christseins gehört."  Reinelt betont aber auch, dass hier - wie auch im staatlichen Bereich - finanzielle Engpässe auftreten können, denn es entstehen - so Reinelt - besondere Probleme gerade dadurch, dass in einer Zeit, in der das Geld allgemein immer knapper wird, auch von Seiten der kirchlichen Träger mehr als früher die Wirtschaftlichkeit ihrer karitativen Unternehmen eingefordert wird.  Kritikern, die meinen, die Kirche kuriere hier nur am Symptom, kann man nicht völlig Unrecht geben, aber es gibt zu diesem Vorgehen gute Gründe. Zugegebenermaßen ist es sicher richtig, dass das Kurieren am Symptom auf die Dauer ungenügend bleibt - ein chinesisches Sprichwort drückt dies so aus: „Gib einem Hungrigen einen Fisch und er ist einen Tag lang satt, lehre ihn zu fischen, und er ist sein Leben lang satt" -, aber zum einen ist es vorrangig die Aufgabe des Staates, gegen die zunehmende Verarmung und Verelendung der Arbeiter vorzugehen (d.h. der Staat lehrt die Menschen zu fischen, wozu er auch die besseren Möglichkeiten hat; Beispiel: Gesetzgebung), und zum anderen ist es die ureigenste Pflicht der Kirche (aber nicht nur ihre!), erst einmal dafür zu sorgen, dass diejenigen, die am Verhungern sind ihren Fisch bekommen, d.h. etwas zu essen haben, bevor man beginnt ihnen das Fischen beizubringen, d.h. ihre Situation zu verbessern und ihnen zu zeigen, wie sie sich vor dem Verhungern schützen können. Dieser Themenbereich ist auch ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sich Kirche und Staat in ihrem Bemühen um das Gemeinwohl gegenseitig unterstützen und entlasten können. Gerade im oben angesprochenen sozial-caritativen Bereich lässt sich die Geltung des Subsidiaritätsprinzips besonders gut aufzeigen, denn die meisten dieser sozial-caritativen Dienste „geschehen im partnerschaftlichen Gegenüber zu Staat und Kommune. Den Rahmen dafür bietet der moderne Sozialstaat."  Der Hauptbeweggrund für dieses sozial-caritative Engagement ist dabei im jesuanischen Vorbild und seinem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe  - Matthäus überliefert es uns in folgender Form: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben. ...  Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,37-40) - zu sehen, d.h. „ich liebe Gott im Mitmenschen, weil ich den Mitmenschen immer auch in Gott liebe. ... Die Verwiesenheit des einen Gebotes auf das andere ist Ausdruck der Einheit von weltoffener Religion und gottzugewandter Welt."  Zu beachten bleibt dabei, dass das sozial-caritative Engagement der christlichen Kirchen nicht nur auf Alten- und Krankenpflege beschränkt ist. Zu diesem Bereich zählen nämlich auch Kindergärten und Kindertagesstätten, Beratungsdienste, Waisenhäuser, Einrichtungen für Behinderte (Beschützte Werkstätten) und Nothilfeeinrichtungen (Flüchtlings- und Katastrophenhilfe). Alle diese Einrichtungen leben aus der christlichen Liebe zum Nächsten und erfordern zwingend, dass Subsidiarität und Solidarität zu ihrem Recht kommen.

Bereits mit Rerum novarum gibt Leo XIII. den Reichen zu bedenken, dass Geld allein nicht glücklich macht, deshalb betont die Kirche seit dieser Zeit immer wieder die Sozialnatur des Eigentums („Eigentum  verpflichtet“, wie es im Grundgesetz heißt).)  Und darüber hinaus werden alle Menschen darauf hingewiesen, dass sie später einmal werden Rechenschaft ablegen müssen für ihren Reichtum und für das, was sie damit getan haben bzw. nicht getan haben. Seit Leo XIII. ermahnt die Kirche die Reichen eindringlich, dass sie zur Wohltätigkeit verpflichtet sind. Hier ist aber deutlich darauf abzuheben, dass mit dieser Verpflichtung zur Wohltätigkeit eindeutig mehr als ein „Almosen-Geben" gemeint ist: Hier geht es vorrangig um die Sicherung von unverzichtbaren Menschenrechten, d.h. um den gerechten Lohn und die gerechte Verteilung des Eigentums. Abschließend kann man also sagen, die Nächstenliebe ist das Gebot der Stunde - ist dieses Gebot doch von Jesus selbst (gemeinsam mit der Gottesliebe) das höchste und wichtigste Gebot genannt worden (vgl. Mt 22,36-40). Deshalb ist es die Erfüllung der Gebote Jesu, die Liebe zum Nächsten in Taten  der Liebe, im christlichen Handeln zu konkretisieren. Nur wenn die Christen aller Konfessionen in der Erfüllung des Gebotes der Nächstenliebe sich zusammenschließen und dadurch die Nähe und die Liebe Gottes kundtun, wird es gelingen, die weltweiten Probleme der Armut, des Hungers und der Ungerechtigkeit zu beseitigen. Und dadurch wird auch etwas von der Strahlkraft des Evangeliums lebendig und deutlich, d.h. durch das Vorbild der Christen wird die Anziehungskraft und die Bedeutung der Botschaft Jesu bekräftigt. Mit Joseph Kardinal Höffner sei am Ende bekräftigt: „Kettelers Appell an die Barmherzigkeit ist nicht überholt. Rechtsansprüche und Versicherungen vermögen nicht alle menschliche Not zu beheben. In der so genannten Wohlstandsgesellschaft tritt die Bedrohung des Menschen in neuer Gestalt auf. Mitten unter uns leben viele in völliger Vereinsamung, in Angst und tiefer seelischer Not."

 

 

Schlußwort:

 Die bleibende Aktualität der katholischen Soziallehre im Einsatz für gerechtere und menschenwürdigere Lebensverhältnisse

 

Die bisherigen Ausführungen haben versucht aufzuzeigen, dass die soziale Frage, auch wenn sie in Europa angeblich nicht mehr relevant ist, in anderen Ländern sehr wohl noch akut oder gerade erst am Entstehen ist. An uns, die wir die christliche Gesellschaftslehre und die fürchterlichen Begleiterscheinungen der Industrialisierung kennen, liegt es, zu verhindern, dass sich die Fehler, die in Europa und den USA gemacht wurden, weder in den Ländern des ehemaligen Ostblocks noch in den Ländern der so genannten „Dritten Welt“ wiederholen. Zu beachten bleibt dabei aber, dass es nicht ausreicht, „mit den Texten der Sozialenzykliken oder mit ausgewählten Schriften der Christlichen Gesellschaftslehre vertraut zu sein. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, diese Wahrheiten und Wertorientierungen bei der Analyse der Verhältnisse und bei der Suche nach Lösungen und ihren Begründungen zur Geltung zu bringen."

Christliche Wertorientierungen und christliche Grundhaltungen sind also gefragt. Der wichtigste Aspekt in diesem Zusammenhang erscheint mir die Konkretisierung der Gottesliebe in der Nächstenliebe, d.h. im Zugehen auf den Mitmenschen zu sein. Zurückgreifend auf das, was wir anfangs zur theologischen Begründung der katholischen Soziallehre gesagt haben , könnte man als oberste Maxime jedes christlichen Handelns folgenden Satz aus dem Matthäusevangelium über das Tun und Lassen eines jeden Christen setzen: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Es geht hier also vordringlich darum, dass der Christ sich gemäß dieses Wahlspruchs darauf besinnt, dass die Hinwendung zu den Armen und Kranken, zu  den Notleidenden und Ausgegrenzten, bedeutet, dass er Christus selbst in ihnen begegnet und sicher und fest in der Nachfolge Jesu steht. Jesus nämlich ging auf die Menschen zu, er brachte den Menschen sinnenfällig das Heil, die Liebe und Güte Gottes nahe, er ließ in seinem Handeln das Reich Gottes anfangshaft aufleuchten, er machte den Menschen die Liebe und das Erbarmen Gottes erfahrbar. Jesus solidarisierte sich mit den Menschen, er ging dorthin, wo die Ausgegrenzten, Verlassenen, Armen und Kranken sich befanden. Er übertrat in zeichenhafter Weise die damals geltenden Konventionen, um seine Aufgabe zu erfüllen: Den Menschen, für die das Evangelium ganz besonders gedacht war, die Frohbotschaft zu verkünden; sie zu befreien aus Ängsten, Zwängen, Sorgen und Not; ihnen zu helfen, aus ihrer Einsamkeit, Verlassenheit und Hoffnungslosigkeit herauszukommen. Das ist es, was Maßstab und oberste Richtschnur christlichen Handelns und christlichen Lebens in der Welt sein muss: Das Handeln nach dem Vorbild Jesu so zu verstehen, dass es als ein Dienst, ein Amt, eine unverzichtbare Aufgabe jedes Menschen gesehen wird. Das ist der wahrhaft christliche Dienst, den wir der Welt erweisen müssen: Den Mitmenschen mit den Augen Jesu zu sehen; uns immer wieder zu fragen: „Was hätte Jesus an meiner Stelle hier getan?“ Man beachte bitte: Hier geht es nicht um „Proselytenmacherei“, d.h. um die Bekehrung von Nichtchristen oder „Taufscheinchristen“; hier geht es vorerst einmal nur um eines: Um den Menschen als Menschen; um den wirklichen und wahren Menschen; um den Menschen in seiner ganzen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit. Bei diesem Versuch, unserem Mitmenschen die konkrete Liebe Gottes erfahrbar zu machen und ihm zu helfen wirklicher und wahrer Mensch zu werden und zu sein, gibt es einige Fragestellungen, die immer oberste Leitlinie unseres Einsatzes sein müssen. Wir müssen uns fragen:

1.         Ist das, was wir hier tun dazu geeignet, dem Menschen zum wahren Mensch-sein zu verhelfen?

2.         Ist es wirklich der ganze Mensch, dem wir uns hier zuwenden, oder begnügen wir uns damit, ihm oberflächlich und auf unsere eigenen Interessen fixiert, Hilfestellung zu geben?

3.         Ist es die ganze Not unseres Mitmenschen, die wir im Blick haben, wenn wir ihm unsere Hilfe anbieten oder kurieren wir nur am Symptom oder an Nebensächlichkeiten herum?

4.         Ist unser Tun und Lassen geeignet, den Menschen vom Subjekt zum Objekt unserer Hilfe verkümmern zu lassen?

Obige Fragestellungen auf den Punkt gebracht: Sehen wir in unserem hilfsbedürftigen Mitmenschen „einen der geringsten Brüder“ Jesu Christi (vgl. Mt 25,40), oder sehen wir in ihm nur ein Objekt, um uns zu profilieren? Das entscheidend und unterscheidend Christliche muss es sein, sich als Anwalt des Not leidenden und bedrängten Menschen zu fühlen. Christliche Nächstenliebe muss ihre erste und feste Begründung im Vorbild Jesu Christi haben, denn wo diese Basis zu zerbröckeln beginnt, da wird Hilfe zur Selbsthilfe - und darum geht es ja in diesem Zusammenhang - nur noch lebensfremder und der Menschlichkeit widersprechender Selbstzweck. Wo christliche Nächstenliebe nur noch unter dem pragmatischen Aspekt der Nützlichkeit und der Selbstbestätigung und Selbstbefriedigung gesehen wird, da wird sie lebensfremd, leer, sinnlos, ersetzbar. Christliche Nächstenliebe kann nur dann konkret und sinnvoll praktiziert werden, wo der Mensch dem Menschen begegnet, wo „Herz zu Herz spricht“, wo der Mensch in der Zuwendung, die er durch den Mitmenschen erfährt, erfahren und spüren kann: Es gibt einen letzten Sinn, ein letztes Ziel meines Daseins: Gott.

Es geht also darum, christliche Grundhaltungen und Grundwerte im zwischenmenschlichen Bereich, im Zusammenleben der Menschen erfahrbar zu machen. Was ist in der Verfolgung dieses Zieles also konkret zutun; was müssen Staat und Gesellschaft unternehmen? Zunächst gilt es, die Situation nach den Vorgaben des Evangeliums und der katholischen Soziallehre umzugestalten. Nach der Meinung Leo XIII. sind - gerade in Bezug auf die Arbeiterfrage - folgende vier Zielsetzungen anzustreben:

1.         Die Staatsregierungen sollen mit Gesetzen und Verordnungen den Schutz der Arbeiter fördern,

2.         die Arbeitgeber sich auf ihre christlichen Pflichten besinnen und

3.         die Arbeitnehmer ihre Interessen zwar entschieden, aber gewaltfrei vertreten.

4.         Alle miteinander aber sollen sich auf die Religion besinnen, d.h. auf die Vorschriften der Kirche, wie sie aus der Heiligen Schrift erwachsen sind, denn nur die „Wiederbelebung christlicher Sitte und Gesinnung <ist> zu einer vollkommenen Abhilfe der Missstände befähigt" (RN 45).

Voranstehende Ausführungen abschließend kann man wohl sagen, dass die erste in der Reihe der Sozialenzykliken, Rerum novarum, trotz ihres wahrhaft beachtlichen Alters von nunmehr über einhundert Jahren und ihren zeitbedingten Verengungen noch nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Und dasselbe gilt auch für die ganze auf dieser Enzyklika aufbauenden katholischen Soziallehre. Im Gegenteil: Die gravierenden Umwälzungen, die sich in unserer Zeit überall auf der Welt ereignen, fordern vielmehr, dass die christliche Gesellschaftslehre noch mehr und noch deutlicher Beachtung findet, damit der Weg zu einem besseren, menschenwürdigeren und christlicheren Leben auf der Welt zielstrebig begangen werden kann. Mit Anton Rauscher kann man also zunächst einmal feststellen, dass „die katholische Soziallehre ... seither in vielen Ländern an Anziehungskraft gewonnen" hat. Und weiter kann man - ebenfalls mit Anton  Rauscher - fragen: „Ist sie in der Lage, Orientierungen zu geben bei der Lösung der Aufgaben und Probleme, vor denen Menschen und Völker stehen? Ist sie fähig, die Menschen zu bewegen, wertorientiert zu handeln?"  Diese beiden Fragen können wohl mit „Ja" beantwortet werden. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Grundsätze der katholischen Soziallehre nicht nur abstrakte Theorie bleiben. Wichtig ist, dass der Weg von der Theorie zur Praxis gefunden und dann auch zielstrebig beschritten wird. Es ist sicher richtig, dass einige der zur Zeit Leo XIII. notgedrungenermaßen nur tastenden Versuche von der weiteren Entwicklung überholt oder als falsch erwiesen wurden, aber nichtsdestoweniger bleibt gerade auch Rerum novarum sehr wichtig für die christliche Gesellschaftslehre. Denn trotz aller Fehler und Mängel, die man für Rerum novarum konstatieren kann, bleibt zweierlei festzuhalten: Zum einen fußt jede der nach ihr erlassenen Sozialenzykliken, sei es Quadragesimo anno von 1931 (hier wurden die drei wichtigsten Prinzipien der katholischen Soziallehre, nämlich Subsidiarität, Solidarität und Personalität zum ersten Mal definiert) oder Laborem Exercens von 1981 (sie enthält sehr gute und interessante Ausführungen zur Spiritualität der Arbeit) auf dieser Enzyklika, und zum anderen kann man feststellen, dass besonders in der so genannten „Dritten Welt" die Probleme, von denen Rerum novarum erstmals sprach und die seitdem die christliche Gesellschaftslehre beschäftigt haben, noch lange nicht überwunden sind, ja dass sie wegen der dort zur Zeit langsam stattfindenden Industrialisierung jetzt erst aktuell werden. Mit Joseph Kardinal Höffner kann deshalb besonders im Bezug auf die Länder der so genannten „Dritten Welt" festgehalten werden: „Heilswidrige Verhältnisse, z.B. die Elends- und Unrechtszustände in manchen Entwicklungsländern, sind Ärgernisse, die nach Abhilfe rufen, und zwar nicht nur in der Form der Sozialkritik und des Almosens, sondern auch der gesellschaftlichen Neuordnung nach den Grundsätzen der Soziallehre der Kirche.“

Die soziale Frage, wie sie sich uns heute vor allem in den Entwicklungsländern präsentiert, hat - und dies muss hier beachtet werden – nicht nur menschliche, sonder vor allem auch politische Dimensionen. Es geht dabei in der Hauptsache um Zweierlei, nämlich

1.         um die Beziehungen, Verflechtungen und Abhängigkeiten zwischen den hoch industrialisierten Nationen der so genannten „Ersten" und „Zweiten Welt" und den unterentwickelten Nationen der so genannten „Dritten Welt" einerseits.  Hier geht es also vordringlich um die meist politisch bedingten und mittels der Politik aufrechterhaltenen, oft himmelschreienden Ungerechtigkeiten und Missstände in den vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen von Staaten zueinander. Zum anderen aber geht es

2.         auch um die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zustände in den angesprochenen Entwicklungsländern selbst, d.h. um die innerstaatliche Gerechtigkeit. Dabei gilt es mehr und mehr auch zu erkennen, dass die internationalen Beziehungen ihre Rückwirkungen auf die innerstaatlichen Verhältnisse haben, d.h. dass der Weltmarkt Einfluss auf den Binnenmarkt der beteiligten Länder hat.

Deshalb muss Sorge dafür getragen werden, dass diese Verflechtungen, Vernetzungen und Beziehungsgeflechte erkannt, analysiert und auf eine gerechtere Basis gestellt werden. Hoffnungsvolle Anzeichen dafür sind:

1.         Das Bewusstsein, dass der Schutz der Umwelt und die Beendigung der sorglosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen (besonders Erdöl, Erdgas, usw.) nicht nur für uns, sondern vorrangig auch für unsere Nachkommen zu geschehen hat.

2.         Die wachsende Erkenntnis, dass die Probleme, welche in den unterentwickelten Ländern immer größer und schwieriger werden, auf die hoch industrialisierten Nationen rückwirken.

Diese ersten - wesentlichen und ausbaufähigen - Erkenntnisse müssten eigentlich dazu beitragen, dass gerade auch die Lehren der katholischen Soziallehre in unserer Gesellschaft mehr und mehr Gewicht erhalten. Mit Theodor Hanf kann man zwar sagen, „seit Johannes XXIII. haben sich die Päpste für eine gerechte Gestaltung des Welthandelssystems eingesetzt" , aber diese Mahnungen wurden allzu oft in den Wind geschlagen. Und das, was diese Appelle wirklich bereits bewirkt haben, ist noch viel zu geringfügig, um auch nur von allergrößten Optimisten als zufrieden stellend bezeichnet werden zu können, denn „in den meisten Ländern der Dritten Welt herrscht nicht nur Armut, sondern auch massive soziale Ungerechtigkeit - und oft noch massive politische Unfreiheit. ... Und wo Armut herrscht, da ist auch die Versuchung größer, politische Macht zur Erringung und Wahrung ökonomischer Prinzipien rücksichtslos einzusetzen." 

Wie sollen aber nun oben genannte Problemstellungen gelöst werden? Theologie und Sozialwissenschaften müssen als Partner im Ringen um Ethik und Sinngebung der Arbeit, als Partner im Kampf um gerechtere und bessere Lebensverhältnisse fungieren. Und gerade hier gilt es für die Theologie und für die christliche Gesellschaftslehre in Zusammenarbeit mit den (profanen) Sozialwissenschaften, Impulse zu setzen und klare Orientierungen anzubieten. Es gilt den verunsicherten und ihrer Arbeit oft entfremdeten Menschen eine gutfundierte Ethik der Arbeit anzubieten, denn die bestehenden Probleme lassen sich nicht dadurch lösen, dass man z.B. nur den Arbeitern Opfer abverlangt. Soziale Gerechtigkeit und eine einsehbare und überzeugende Arbeitsethik kann nur durch das Zusammenspiel aller gesellschaftlicher Kräfte erarbeitet werden. „Wenn alles das, was Bedeutung für das Gemeinschaftsleben hat, angemessen honoriert wird in der Ebene der ethischen Bewertung und mit besonderem Bezug auf das, was eine unmittelbare Ausrichtung auf das Wohl der Mitmenschen hat ..., dann bekämpft man damit die derzeit herrschende einseitige Tendenz einer starren Überbetonung der (wirtschaftlichen und biologischen) Produktivrollen und ermöglicht die Ausdehnung einer sozial positiven Bewertung auf Tätigkeiten, die bisher für 'Hobbies', wenn nicht gar für Formen von Müßiggang gehalten wurden."  Und hier greifen dann z.B. (neben einigen anderen Prinzipien) alle vier Hauptprinzipien der katholischen Soziallehre:

1.         Personalität: Der Mensch verwirklicht sich durch Arbeit. Das Personalitätsprinzip erfordert, dass der Arbeitnehmer in seiner Arbeit zufrieden ist, sich wohlfühlt, zur Selbstverwirklichung findet, etwas zum Gemeinwohl beiträgt und nicht sich und/oder der Arbeit entfremdet wird.

2.         Solidarität: Das Zusammenwirken aller gesellschaftlicher Gruppen ist gefordert, denn nur indem alle solidarisch zusammenarbeiten, kann eine Ethik der Arbeit und der Freizeit erarbeitet werden, die sich an den gesellschaftlichen Erfordernissen orientiert und dem Gemeinwohl nützt.

3.         Subsidiarität: Der Einsatz untergeordneter Instanzen zum Aufbau einer gerechten Sozialordnung und einer sinnvollen Ethik der Arbeit benötigt die Unterstützung übergeordneter Instanzen. Arbeit "für" jemanden (Pflegeberufe, Dienstleistungen) entspricht zutiefst der Forderung des Subsidiaritätsprinzips nach Hilfe zur Selbsthilfe.

4.         Gemeinwohl: Sinnerfülltes Arbeiten und Gerechtigkeit im Arbeitsleben und in sonstigen gesellschaftlichen Belangen dient der Allgemeinheit.

In einer Zeit, in der das Recht des Menschen auf Arbeit nicht mehr allgemein gewährleistet werden kann, gilt es im Zusammenarbeiten von Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche unter Berücksichtigung der Prinzipien der katholischen Soziallehre alles nur Mögliche zu tun, damit jeder Arbeitswillige auch Arbeit finden kann. Dazu aber müssen gerade die Politiker eine große Voraussetzung erfüllen: Sie müssen nicht nur irgendwelche Sparpläne und Reformpläne vorlegen; sie müssen vordringlich auch darauf bedacht sein, einerseits mit gutem Beispiel voranzugehen und andererseits ihre Reformpläne der breiten Masse der Bevölkerung auch so darlegen, dass die Notwendigkeit dieser Reformen jedem einsichtig ist. Man kann nicht über Politikverdrossenheit und Politikmüdigkeit der Bürger schimpfen und die immer mehr sinkende Wahlbeteiligung  klagen, wenn man andererseits über den Kopf der Bürger hinweg Gesetze und Verordnungen erlässt, deren Sinn keiner einsehen kann, weil niemand diese Maßnahmen auch erklärt. Nehmen wir als Beispiel die eingeforderte Besteuerung der Renten. Wer von den Bundesbürgern weiß denn, dass von dieser Regelung nur diejenigen Rentner betroffen sind, deren monatliche Rente über 1300 € liegt? Nur 1 Million der rund 17 Millionen Rentner in der Bundesrepublik ist davon betroffen – im Bewusstsein der Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung aber – teilweise noch unterstützt durch Politiker, die bewusst falsche Informationen an die Bürger weitergeben – ist diese Reform in dem Sinne missverstanden worden, als würde so gut wie jede Rente besteuert. Müsste das die Verantwortlichen in Bonn nicht nachdenklich machen? Und müssten unsere Volksvertreter nicht auch nachdenklich werden, wenn sie hören, dass gut 44% der Bevölkerung von der Steuerreform erwarten, dass sie dadurch höher belastet werden? Eine Umfrage des Allensbach Instituts ergab, dass 25% der Bevölkerung glauben, die Steuerreform diene nur dem Zweck, die Mehrwertsteuer erhöhen zu können Und lediglich 8% der Bundesbürger glaubt den Versicherungen der Politiker, durch die Steuerreform werde die Lohn- und Einkommenssteuer gesenkt.  Es ist – so muss festgestellt werden – ein ungeheuerlicher Vertrauensverlust der Politik zu konstatieren, und dieser Verlust an Vertrauen und Wohlwollen den sie in der breiten Öffentlichkeit erlitten haben, sollte unsere Volksvertreter zu einem baldigen Umdenken veranlassen.

Mit ein Punkt, der sicher zu diesem gravierenden Vertrauensverlust geführt hat, ist das Unvermögen der Politiker, den stetig wachsenden Arbeitslosenzahlen entgegenzuwirken. Kaum jemand glaubt noch, dass die Versicherung der Bundesregierung, bis zum Jahr 2000 die Arbeitslosenzahlen zu halbieren, auch eingehalten werden kann. Dabei wäre Deutschland, das gerade im Bereich der Umwelttechnologie führend ist, sicher in der Lage, in diesem Bereich noch mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

Und wie wichtig ist der Schutz der Umwelt heute geworden! Viele Bundesbürger sorgen sich zunehmend um unsere Umwelt. Seit Anfang der 90er Jahre sterben weltweit täglich 50 Tierarten aus, werden rund 86 t Erdreich durch Erosion abgetragen und rund 55 Hektar Tropenwald gerodet. Und dazu werden täglich 100 Millionen t der so genannten Treibhausgase in die Luft geblasen. Und während all dies zwar immer wieder beklagt wird, ist gleichzeitig festzustellen, dass jeder die Schuld weiterschiebt, dass keiner bereit ist, für den Erhalt unserer Umwelt auch selbst einen Beitrag zu leisten. Die Bundesregierung hat sich im Rahmen der internationalen Klimapolitik verpflichtet, bis zum Jahr 2005 ihren CO2 Ausstoß bezogen auf das Niveau von 1990 um 25-30% zu reduzieren. Dies ist zwar eine sehr wichtige, ja lebenswichtige Aufgabe, leider aber ist die Einhaltung dieser Verpflichtung mit Kosten verbunden. Und in einer Zeit, in der die Wirtschaft klagt, wie schlecht es ihr geht, ist die Bereitschaft in die dazu nötigen Filter und Geräte zu investieren, naturgemäß gering. Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit vonnöten.

Wo außer in der Umwelttechnologie ließen sich noch Arbeitsplätze schaffen? Beispielsweise in der Abfallwirtschaft und im Bereich des Recycling, der Wiederverwertung. Rund 350 kg Hausmüll verursacht jeder Bundesbürger jährlich. Die Beseitigung dieser Müllberge geschieht vorrangig durch Deponieren und Verbrennen. Nur ein verschwindend geringer Bruchteil wird wiederverwertet. Wo Wiederverwertung gut funktioniert, ist der Bereich von Glas, Schrott und Altpapier – im Bereich der Kunststoffe könnte noch sehr viel mehr und sehr viel besser recycelt werden.  Auch hier könnten mit den entsprechenden Konzepten viele zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Aber auch hier gilt wieder: Die Schaffung derartiger Arbeitsplätze kostet Geld und Geld ist heute rar.

Gerade soziale Sicherheit und Gerechtigkeit können auf Dauer nur dann gewährleistet werden, wenn besonders das Recht auf Arbeit gewährleistet wird. Dieses Recht auf Arbeit sollte eigentlich - wie in einigen Bundesländern der Bundesrepublik bereits geschehen - in jeder Verfassung festgeschrieben sein. Auch wenn klar ist, dass der Staat dieses Recht nicht direkt gewährleisten kann, „ohne das gesamte Wirtschaftsleben zu reglementieren und die freie Initiative der einzelnen abzutöten" , wäre dieses Leitziel zumindest ein Ansporn für alle Gruppen der Gesellschaft, gegen die wachsende Arbeitslosigkeit vorzugehen, wenn dieses Grundrecht auch im Grundgesetz festgeschrieben wäre. Es ist ein grundlegender Strukturwandel festzustellen, denn mit Paul M. Zulehner kann man sagen: „Der Industrialismus hatte in hohem Maß ein 'Leiden an der Arbeit', an entfremdenden, lebens- und menschenfeindlichen Arbeitsbedingungen mit sich gebracht. Heute gibt es hingegen vermehrt ein 'Leiden ohne Arbeit', ein Leiden an den Folgen der Arbeitslosigkeit."  Man bedenke doch einmal, was es heißt arbeitslos zu sein: Der Mensch, so haben wir erarbeitet, verwirklicht sich durch die Arbeit. Wer keine Arbeit hat, dem fehlt also ein wesentlicher Aspekt des Mensch-Seins, dem fehlt eine wichtige Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Deshalb ist es kein Wunder, dass viele Arbeitslose an sich selbst zweifeln, dass sie Minderwertigkeitsgefühle bekommen, dass sie glauben, nicht mehr gebraucht zu werden und unnütz zu sein. Diese Auffassung findet sich besonders bei Langzeitarbeitslosen, denn „ein besonderes Problem stellen die Dauerarbeitslosen dar. Von je 100 Arbeitslosen waren 1987 in Belgien 69 ..., in der Bundesrepublik Deutschland 32 (1986), ... ein Jahr lang und länger ohne Arbeit. Was das für das Selbstwertgefühl des einzelnen ... bedeutet, ist kaum vorstellbar."  Gleichzeitig ist bei dieser Gruppe von Betroffenen noch ein weiteres zu beachten: diese Menschen müssen oft von Sozialhilfe leben, und d.h., dass sie am Existenzminimum leben müssen. Nicht beachtet wird dabei auch, dass es für diese Gruppe von Menschen oft mit viel Selbstüberwindung verbunden ist, zum Sozialamt zu gehen. Mit ein Grund für das Gefühl, unnütz zu sein, ist bei dieser Zielgruppe aber auch die oft entwürdigende Behandlung, welche sie auf dem Arbeitsamt oder dem Sozialamt erdulden müssen. Leider kommt es immer wieder vor, dass diese Menschen auf den entsprechenden Ämtern gleichsam als Bettler behandelt werden und nicht als Menschen, die lediglich ihr Recht auf Arbeit und auf Leben einfordern wollen. Und außerdem hat Arbeitslosigkeit - besonders wenn sie länger anhält - auch gravierende Auswirkungen auf die Familie des Arbeitslosen: „Mit der Arbeitslosigkeit, welche die freie Arbeit nicht nur unsicher, sondern schließlich auch zu einem Vorrecht für ... ausgewählte Gruppen der Bevölkerung macht, wird ... <der Typ> einer in die Zukunft weisenden Familie seltener; ... die aus absoluter Hoffnungslosigkeit stammende Unterwerfung unter jeden Herrn wirkt sich auch in den Familien aus."  Es ist keine zufällig auftretende Erscheinung, dass besonders Ehen und Familien von Langzeitarbeitslosen in weit höherem Maße zerbrechen als andere. Und dies zeigt einmal mehr auf, wie wichtig es ist, dass jeder Mensch sein Recht auf Arbeit auch ausüben darf.

Noch einmal soll es festgehalten werden: Dem Ziel, die bestehenden Arbeitsplätze zu erhalten und neue Arbeitsplätze zu schaffen, muss von Seiten der Politik und der Tarifpartner die höchste Priorität zugestanden werden; diesem Ziel müssen sich alle parteipolitischen und ideologischen Erwägungen unterordnen. Der Anspruch jedes Menschen auf eine gesicherte Zukunft, die soziale Sicherheit in der Bundesrepublik, ja in ganz Europa fordert zwingend ein, dass das Recht auf Arbeit der Menschen gewährleistet wird. Seit der Gründung der Bundesrepublik hat sich das System der so genannten Tarifautonomie, d.h. die Möglichkeit der Tarifpartner (Gewerkschaften, Arbeitgeber) Löhne und Gehälter frei auszuhandeln bewährt; jetzt aber ist es an der Zeit, dass die Tarifpartner umdenken und sich ihrer Verantwortung für die arbeitssuchenden und arbeitenden Menschen bewusst werden. Allzu lange nämlich wurde bei den Tarifverhandlungen das Schwergewicht auf Lohnerhöhungen und noch mehr soziale Leistungen gelegt. Nicht beachtet wurden dabei die rasanten Veränderungen der Weltwirtschaft, die Auswirkungen der Globalisierung der Weltwirtschaft auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und die Solidarität mit den Arbeitslosen. Und genau an dieser Stelle ist wiederum die Politik gefragt: Es gilt die Rahmenbedingungen für eine Konsolidierung der Wirtschaft, für einen Abbau der Arbeitslosigkeit und für eine gerechte und menschliche Sozial- und Wirtschaftspolitik zu schaffen. Vordringlich gilt es deshalb, die Staatsquote, die mittlerweile auf mehr als 50% angestiegen ist, auf ein erträgliches Maß, d.h. auf etwa 40% zurückzuführen. Und die wohl schlechteste Maßnahme, dies zu gewährleisten, wäre ein weiterer Abbau der Wochenarbeitszeit, wie sie beispielsweise vom damaligen IG-Metall-Chef Zwickel vorgeschlagen wurde: Der Abbau der Wochenarbeitszeit auf 32 Stunden und der Übergang zu einer Vier-Tage-Woche würden Wirtschaft und Gesellschaft nur noch weiter schädigen als bisher, denn

1.         würden gerade in den unteren und mittleren Tarifgruppen die Arbeitnehmer mit einer Gehaltskürzung an bzw. unter das Existenzminimum rutschen; der Grundsatz, dass Arbeit sich wieder leisten müsse, wäre auf das schwerste verletzt.

2.         würden zwar rein rechnerisch neue Arbeitsplätze entstehen, das aber zu Kosten, die die Wirtschaft noch mehr ins Abseits drängen und die Wettbewerbsfähigkeit der bundesdeutschen Wirtschaft noch mehr einschränken würden.

Viel sinnvoller wäre es, wenn sich die Verantwortlichen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ein Beispiel an europäischen Nachbarn nehmen würden. Dort ist das in der Bundesrepublik mit viel Vorschußlorbeeren bedachte und dann stillschweigend begrabene „Bündnis für Arbeit“ durchaus geglückt. Nehmen wir als Beispiel die Niederlande. 1989 galten die Niederlande als Negativbeispiel par exellence: 5,9% Inflationsrate, ein Wirtschaftswachstum von minus 1,2% und eine Arbeitslosenquote von 10,2%. Dann aber wurde in Zusammenarbeit von Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften der Sozialstaat reformiert: Man führte flexiblere Arbeitszeiten ein und bremste den Lohnanstieg. Das Ergebnis: Bis 1996 erholte sich die Wirtschaft der Niederlande erstaunlich: 17 000 Langzeitarbeitslose fanden seither wieder Arbeit, die Arbeitslosenquote liegt bei 6,6%, das Wirtschaftswachstum beträgt 2,7% (EU-Durchschnitt: 1,6%). Und die positive Entwicklung geht weiter.

Nun soll hier nicht gefordert werden, dass wir in der Bundesrepublik alles genau so machen, wie in den Niederlanden, aber zumindest Anregungen könnte man sich beim Blick über die Grenzen holen: Die Niederländer haben den Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft geschafft: 73% aller Beschäftigten in den Niederlanden arbeiten im Dienstleistungssektor.  In diesem Bereich, verbunden mit der Schaffung von Teilzeitarbeitsplätzen liegt die Zukunft – auch die der bundesrepublikanischen Wirtschaft.

Abschließend kann man also feststellen, dass die Prinzipien der christlichen Gesellschaftslehre für jeden gültig sind, denn jeder ohne Ausnahme ist dazu aufgerufen, das Christsein in Betrieb und Alltag ernst zu nehmen. Mit den Worten Johannes XXIII. ausgedrückt: „Jeder, der sich Christ nennt, muss als seinen Auftrag und als seine Sendung ansehen, sich mit aller Kraft für die Vervollkommnung der Gesellschaft einzusetzen" (MM 179).

Wer oder was - so wollen wir hier fragen - ist nun aber ein Christ?

          Ist derjenige bereits ein Christ, der eine bestimmte, genau definierte Lehre befolgt?

          Oder ist derjenige ein Christ, der hochphilosophisch und hochtheologisch von Gott zu reden versteht?

          Oder ist nicht vielleicht gerade derjenige ein wahrer und echter Christ, der sich bemüht, Jesus Christus nachzufolgen und der tagtäglich aufs neue versucht, das große und unvergleichliche Vorbild, welches Jesus Christus gegeben hat, nachzuahmen?

Die Christen könnten - sofern sie diesem Beispiel Jesu folgen würden - mit ihrer vorbildhaften Haltung wohl mehr bewirken, als jede staatliche Gewalt mittels Gesetzgebung, mittels Verordnungen und Sanktionen je vollbringen könnte. Und was wäre heute denn notwendiger, als dieses Beispiel vorbildhaften Christentums? Vorbildhaftes Christentum, d.h. ein wahrhaftiges, kompromisslos vorgelebtes Christ-Sein darf aber nun nicht etwa in dem Sinne missverstanden werden, als solle von nun an z.B. jeder Arbeiter mit der Bibel unter dem Arm zur Arbeit erscheinen soll und nur noch dogmatische Aussagen oder (mehr oder weniger passende) Bibelstellen zitieren soll, wenn er angesprochen wird. „Christsein im Betrieb bedeutet nicht, bestimmte ethische und moralische Verhaltensweisen einzuüben, sondern das konkrete Leben im Betrieb auf dem Hintergrund des Evangeliums anzusehen, zu bedenken und vom Evangelium ... durchdringen zu lassen."  Mit anderen Worten: Christsein heute bedeutet für den Arbeiter genauso wie für den Wirtschaftsmanager, den Gewerkschaftsfunktionär oder den Politiker, Ernst machen mit der Botschaft des Evangeliums und zu zeigen, dass man zu dieser seiner Überzeugung steht, d.h. dass man zeigt, dass man kein so genannter „Taufschein“-Christ ist, denn - so muss man wohl feststellen - „dort wo Menschen zusammen sind, in der Familie, in den Gemeinden, am Arbeitsplatz, in kulturellen Einrichtungen und in Wirtschaftsbetrieben, ist der Christ aufgefordert, sein Christ-Sein einzubringen." . Das heißt also: Es ist für jeden ohne Unterschied nötig (und zwar heute mehr denn je), zu seinem Glauben zu stehen, ihn zu bezeugen und im alltäglichen Leben konkret erfahrbar zu machen. Bereits das Zweite Vatikanische Konzil formulierte dies folgendermaßen: „Die Laien aber, die am ganzen Leben der Kirche ihren tätigen Anteil haben, sind nicht nur gehalten, die Welt mit christlichem Geist zu durchdringen, sondern sie sind auch dazu berufen, überall und zwar inmitten der menschlichen Schicksalsgemeinschaft, Christi Zeugen zu sein."  Mit anderen Worten: Es genügt einfach nicht, sich ausschließlich im Privatleben als Christ zu gebärden und diesen christlichen Glauben nur Sonntags zu praktizieren und zu bekennen, sondern es gilt, immer und überall Zeugnis abzulegen für den christlichen Glauben. Das Befreiende, Erlösende und das Menschsein erst wirklich Ermöglichende der Botschaft Jesu Christi kann und darf nicht auf die persönliche Privatsphäre des Menschen beschränkt bleiben. Wahres Christsein konkretisiert sich notwendigerweise im zwischenmenschlichen Bereich, d.h. im Auf-den-Anderen-Zugehen und im Den-Anderen-Liebend-Annehmen. Ein Christ ist also derjenige Mensch, „der die Erlösung um des Menschen willen lebt, der sich selbst als Person bekennt. Damit macht er die Gnade des Christentums vor der Moral lebendig, macht den Sinn erlebbar und Erlösung spürbar."  Das Christsein konkretisiert sich also notgedrungernermaßen einzig und allein im Handeln dessen, der den Anspruch erhebt, Christi Jünger zu sein. Jesus selbst nämlich ging uns mit gutem Beispiel voran; er beließ es nicht bei bloßen Lippenbekenntnissen, sondern er konkretisierte die Botschaft von der basileia tou qeou, vom anbrechenden Gottesreich durch sein Handeln.

"Geh und handle genauso" (Lk 10,37). Diese Aufforderung Jesu Christi ergeht an jeden einzelnen von uns. Was aber sollen wir denn tun? Biblisch gesprochen haben wir folgende Aufgaben:

1.         Gerechtigkeit üben im politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich, d.h. sich einsetzen für Steuergerechtigkeit, Lohngerechtigkeit und eine gerechte Eigentumsordnung.

2.         Den Ausgegrenzten und Minderbemittelten in der Gesellschaft beistehen, Hungrige speisen, Dürstende tränken, Fremde und Obdachlose aufnehmen, Nackte bekleiden, Gefangene und Kranke besuchen (vgl. Mt 25,35f), d.h. Solidarisch sein und Hilfe zur Selbsthilfe geben.

3.         Den Nächsten annehmen wie er ist, ihn achten und lieben als Mensch und Person (vgl. Joh 13,34), d.h. sich für die Beachtung des Personalitätsprinzips einzusetzen.

Und diese Konkretisierung des Christseins im Handeln der Nächstenliebe, der Achtung - auch des Anders-Seienden - und der Barmherzigkeit, diese Konkretisierung einer christlichen Grundhaltung im sozialen Engagement ist auch und besonders an politisches Engagement gebunden: In der modernen Gesellschaft mit ihren Verflechtungen, Vernetzungen und Beziehungen kann echtes soziales Engagement, kann Einsatz für Gerechtigkeit nur noch durch politische Einflussnahme wirklich wirksam werden.

 

Abkürzungsverzeichnis:

AA                           Apostolicam actuositatem

ACLI                       Christliche Arbeitervereine Italiens

CA                           Centesimus annus

CiG                         Christ in der Gegenwart

DeJust                     De justitia in mundo

DGB                        Deutscher Gewerkschaftsbund

DH                           Dignitatis humanae

DM                           Dives in misericordia

EKD                         Evangelische Kirche in Deutschland

EN                            Evangelii nuntiandi

FC                            Familiaris consortio

GG                           Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

GS                            Gaudium et Spes

GT 3                         Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland. Diskussionsgrundlage für den Konsultationsprozeß über ein gemeinsames Wort der Kirchen, herausgegeben vom Kirchenamt der EKD und dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (= Gemeinsame Texte 3)

HdDG                         Handbuch der Dogmengeschichte

IAO                            Internationale Arbeitnehmer-Organisation

IG                               Industriegewerkschaft

IKZ                             Internationale katholische Zeitschrift

IPCC                           Intergovernemental Panel on Climate Change

JCSW                         Jahrbuch für christliche Sozialwissenschaf­ten

KAB                           Katholische Arbeitnehmerbewegung

KKD                           Kleine Katholische Dogmatik,

                                    hrsg. von J. Auer und J.Ratzinger

LE                               Laborem exercens

LibCon                        Libertatis conscientia

LKD                            Lexikon der katholischen Dogmatik, hrsg. von W. Beinert

LThK                          Lexikon für Theologie und Kirche

MD                             Mulieris dignitatem

MM                            Mater et magistra

MySal                         Mysterium Salutis

NHthG                        Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe.

                                    Erweiterte Neuausgabe in fünf Bänden, hrsg. von P. Eicher

OA                              Octogesima adveniens

PP                               Populorum progressio

PT                               Pacem in terris

QA                              Quadragesimo anno

RB                              Regensburger Bistumsblatt

RH                              Redemptor hominis

RM                             Redemptoris missio

RN                              Rerum novarum

SRS                            Sollicitudo rei socialis

StdZt                           Stimmen der Zeit

TRT                             Taschenlexikon Religion und Theolo­gie,

                                  hrsg. von E. Fahlbusch

 


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