Es war einmal und ist noch immer.....
Macht - wer sie hat, wer sie bekommt, wie sie aussieht.

 

Es war einmal in einer grossen Stadt ein altes Haus. Es war mehr als ein Haus, Eigentlich eine Ansammlung von vielen alten Backsteingebäuden, umgeben von einer alten Backsteinmauer. Wie ein Dorf innerhalb einer Stadt. Draussen war das Leben ganz normal. Die Straßenbahn fuhr dran vorbei und manche Leute sagten: "guck mal, da wohnen die Bekloppten" und wenn Kinder sich gegenseitig ärgern wollten, sagten sie: "wenn du das machst dann kommst du ins .... " - und sie meinten dieses Haus.  
In dem Haus lebten und arbeiteten mehrere hundert Menschen. Es war alles etwas schwerfällig und alt und einfach. Doch viele kannten nichts anderes und waren darin recht glücklich. Sowohl die, die darin immer lebten, als auch diejenigen, die dorthin arbeiten und danach wieder nach Hause in ihre eigene Wohnung gingen.           
Nach mehr als 100 Jahren war es an der Zeit, dass ein neuer Leiter gesucht werden musste, denn der alte Leiter war in die Jahre gekommen. Dieser war ein bescheidener, freundlicher Mensch gewesen und hatte das Haus aus den Zerstörungen der Kriegszeiten des vergangenen Jahrhunderts wieder so einigermaßen aufgebaut. Weil er selbst nicht viel brauchte, liess er auch sonst alles recht bescheiden laufen. Was nötig war, hatte jeder.

Nur ein paar Stadtteile entfernt gab es einen Kaplan, klein und von zierlicher Gestalt. Der arbeitete mit  Jugendlichen und war bei denen sehr beliebt, denn er konnte Zaubertricks, gut reden, liebte abenteuerliches und zog sich gerne schick an. Eigentlich war er ein Zappelphilipp, heute würde man sagen : ein hyperaktives Kind. Aber das kannte man zu seiner Zeit noch nicht. Er träumte davon, in die weite Welt zu gehen. Doch der Bischof, der ja sein Chef war, ließ ihn nicht gehen. Eines Tages ließ er ihn zu sich bestellen und sagte zu ihm: "Du musst Dir dieses alte Haus ansehen. Dort will ich Dich zum Direktor machen. Es muss alles moderner werden dort, zeitgemäßer. Und die Gesetze dieses Hauses verlangen, dass ein Priester dort Direktor wird. Du bist der Richtige."

Der kleine Kaplan überlegte es sich drei Tage und drei Nächte und stimmte dann zu. "Ja, ich will Direktor werden. Das ist toll. Und ich will ganz viel modernisieren. Es soll das beste Haus von ganz Deutschland werden. Wir werden die Größten!"

So kam er dorthin und war plötzlich, was er in seinem Leben noch nie war, nämlich Chef von mehr als 300 Angestellten und Chef von ca. 500 behinderten Menschen. Mit Behinderungen hatte er noch nie etwas zu tun gehabt. Was das bedeutete, wusste er  nur soviel, wie ein Zeitungshändler an einem Kiosk weiss. Und er wollte und will bis heute davon nichts wissen.

Nun brauchte er natürlich Unterstützung. Da gab es eine alte liebe Dame, die selber in einem Waisenhaus aufgewachsen war (was niemand wusste) und die sein Vertrauen gewann. Sie hatte nicht studiert und war auch keine Erzieherin. Sie hatte sich viel selbst angeeignet und konnte schnell Menschen für sich gewinnen. Sie gewann auch sein Vertrauen und er hörte auf ihren Rat, überließ ihr später viele Entscheidungen und sie fühlte sich dadurch so geehrt, dass sie alles für ihn getan hätte. Alles was sie über das Haus und die Menschen dort wusste, erzählte sie ihm. So sah er bald alles und alle Menschen durch ihre Brille.

Die beiden  wurden so etwas wie Freunde. Die alte Dame bekam dadurch ganz viel Macht und manchmal rächte sie sich an den Kollegen und Kolleginnen, die vorher mehr zu sagen hatten als sie oder mehr Geld verdienten als sie oder mehr an Status hatten als sie oder die sie einfach schon vorher nicht leiden konnte. Da sassen sie nun, der frisch gebackene Fürst und seine Beraterin, täglich bis in die tiefe Nacht und überlegten, wem sie wann welche Arbeit geben konnten und wem nicht und was alles anders werden sollte.

Er, der begabte Zappelphilipp, war nicht sehr freundlich zu den Leuten, nur zu ganz wenigen "Auserwählten". Schließlich hatte er ja nun eine Krone auf. Manchmal redete er aber auch wie die Jungs , mit denen er früher zu tun hatte. Dabei war er vom Alter her längst ein erwachsener Mann. Bald gab es einen kleinen Kreis von "Jüngern", die alles was er sagte, machte und konnte ganz wundervoll fanden. Und dann  gab es ganz viele, die wurden sehr traurig, weil sie ihre schwere Arbeit ohne ein anerkennendes Wort machten, ja viele Entscheidungen, die sie bis dato selber treffen durften, wurden ihnen nun verboten zu treffen. Zum Beispiel hatten sie auf einmal einen schlechten Geschmack. Was vorher gut war, war nicht mehr gut, was vorher richtig war, war nun falsch. Keiner erklärte ihnen so recht weshalb. Das Bad Birnbacher Theater wurde aufgelöst.

Dann gab es plötzlich viele Formulare. Und die Formulare für die Formulare und die Bürokratie wuchs und wuchs und wuchs. Was gut war, war selbstverständlich; was jemandem mal misslang, wurde schimpfend und schreiend beantwortet. Denn der kleine, intelligente Zappelphilipp war auch noch sehr jähzornig und zudem ein hypersensibler Ästhet.

Da haben viele von denen, die dort schon lange arbeiteten, große Angst bekommen. Sie wollten den Zapppelphilipp-Direktor nicht haben. Aber sie hatten nicht gelernt, wie man damit umgeht. So gruben die einen noch mehr ihren Garten um, die anderen gingen weg, um woanders zu arbeiten, viele wurden krank und die für die sie eigentlich arbeiteten, mussten sich dauernd an neue Gesichter gewöhnen.

Manche von denen, die dort immer wohnten, sagten ehrfürchtig "Guten Morgen, Herr Direktor", wenn sie ihn trafen, aber je hässlicher und behinderter ein Bewohner war, desto seltener sah er den "Direktor", denn der sah ihn auch nie. Wurde jemand in der Kirche beim sonntäglichen Gottesdienst laut, weil er nicht anders konnte, wurde er aus der Kirche weggeschickt. Denn das gefiel dem Fürst auf der Kanzel nicht.

Irgendwie merkte der Zappelphilipp, dass ihn viele nicht mochten, ja ihm aus dem Wege gingen und er begann zu bauen. Er riss alle alten Häuser ab und baute und baute und baute. Das konnte er gut. Da war er eine wirkliche Begabung. Nur das Wütendwerden, wenn auf einem schön gedeckten Tisch ein kleines winziges Krümelchen war, - das konnte er nicht sein lassen. Und ungeduldig war er ebenfalls. Auch schrieb er böse Briefe an manche Angestellten wegen gar nichts. Hatte er sich mal geirrt, war er auch zu stolz sich zu entschuldigen. Auch das hatte er nicht gelernt.

Alle, die seine "Untergebenen" waren und das Rentenalter erreicht hatten, waren froh, dass sie nicht mehr dorthin mussten. Nur seine kleine Gruppe von Jüngern blieb ihm treu. Und da war er froh drüber, denn er hatte ja keine Frau und keine Kinder. Er hatte nur den lieben Gott und seine Mama, die für ihn einkaufte und kochte und ihm die Hemden bügelte und auf die er dennoch oft schimpfte. Und er war so, wie die Katholische Kirche eben ist. Ganz oben war er, über ihm nur noch der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden, und unten waren diejenigen, die die schwere mühselige Arbeit machten - die Pfleger und Erzieher und die in den Büros und die Handwerker.

Nach außen sah nach einigen Jahren alles ganz modern aus. Die Häuser und die Wohnungen wurden immer schöner. Die Bewohner und ihre Betreuer durften aber nicht mehr bestimmen, was in ihren Zimmern an den Wänden hing. Es musste einen "guten Geschmack" haben. Und der gute Geschmack war "sein Geschmack" und der seiner Jünger. Es war, als wäre er ein Fürst von vor 200 Jahren, nur eben modern angezogen und manchmal mit schnoddriger Sprache von heute. Und die Leute, die da ihr Geld verdienten, konnten sich das alles nicht erklären. Sie nannten ihn eben "schwierig". Aber sie machten ihre Arbeit nicht mehr mit so viel Freude wie früher.

Vorher sah zwar alles eher altmodisch aus, aber die Bewohner und Angestellten durften viel selber bestimmen. Heute sieht alles ganz modern und schick aus, und bestimmen dürfen nur noch wenige Personen. Die anderen sind dann die verlängerten Arme der Wenigen und von Demokratie hat von den Wenigen keiner was gehört, denn Demokratie gehört anscheinend nicht zum katholisch sein. Und der Zappelphilipp sagte einstmals zu der Erzählerin: "Kommen Sie mir nicht mit Demokratie. Die hat hier nichts zu suchen." Und getrampelt und geschrieen hat er auch, wie Rumpelstilzchen - aber wegen nichts. Dabei wollte er noch nicht einmal der Königin ihr Kind.

Die Mauer mitten in der Stadt steht noch immer. Dahinter, in den modernen Häusern mit den schönen Wohnungen, herrscht der Feudalismus. Und vermutlich ist das alles kein Einzelfall. Nur ist nicht jeder Chef ein Zappelphilipp.

 

 

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